Spirituelle Bauten Oh Graus, ein Gotteshaus

Spirituelle Bauten: Oh Graus, ein Gotteshaus Fotos
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Es gibt für sie weder Baupläne noch einen Architekten, die Auftraggeber sind immer unsichtbar: Zahlreiche Gebäude auf der Welt wurden nur errichtet, weil ihre Erbauer angeblich den Auftrag einer höheren Macht erhielten. einestages zeigt die verrückten Bauwerke - diktiert von Gott, Geistern oder Aliens. Von Fabienne Hurst

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Was für ein Monstrum von Haus: Treppen die unter der Zimmerdecke enden. Gänge, durch die kaum ein Mensch passt. Türen, hinter denen sich kein Zimmer, sondern nur eine Steinmauer verbirgt. Was zum Teufel hatte sich die Bauherrin Sarah Winchester dabei nur gedacht? Vermutlich nichts, denn sie baute in blanker Panik an der viktorianischen Villa im kalifornischen San José. Für sie ging es um das nackte Überleben.

Die Industriellentochter musste ein schweres Erbe schultern. Ihr Schwiegervater, der Waffenfabrikant Winchester, hatte ihr nicht nur einen Haufen Geld hinterlassen. Sondern auch die moralische Verantwortung für die Menschen, die durch die von ihm produzierten, gleichnamigen Gewehre getötet worden waren, darunter auch Tausende amerikanischer Ureinwohner.

Und das schien sich zu rächen. Erst verlor sie ihre Tochter nur Wochen nach der Geburt. Wenige Jahre später starb auch ihr Mann. Der Legende nach verfiel die Witwe anschließend der Vorstellung, verflucht zu sein. Hilflos ausgeliefert der Rache der Winchester-Opfer. Schon immer abergläubisch veranlagt, soll sie einen Spiritisten um Rat gebeten haben. Dessen Empfehlung: Solange sie an einem Haus bauen würde, bliebe sie vom Tod verschont. Doch sobald sie die Bauarbeiten einstellen würde, sollte sie ihrer Tochter und ihrem Mann ins Grab folgen.

Prunkschloss und Labyrinth

Sie kaufte das Anwesen im Silicon Valley und heuerte zwei Dutzend Handwerker an. Werktags wie Feiertags, 24 Stunden am Tag, über 38 Jahre hinweg, bauten sie Zimmer an Zimmer, Türmchen über Türmchen, sinnlose Lichtschächte und unbegehbare Veranden. Immer nachts, so der Mythos, traf Winchester sich in einem besonders gut versteckten Raum mit den guten Geistern, die ihr ihre architektonischen Wünsche diktierten.

Winchesters Plan: Einerseits wollte sie den Geistern schmeicheln und sie durch eine luxuriöse Einrichtung anlocken. Andererseits sollten die bösen Geister in die Irre geführt werden, damit sie ihr nichts zuleide tun konnten. So wurde aus dem Haus ein Prunkschloss und ein Labyrinth zugleich.

Gärtner pflanzten eine haushohe Hecke vor das Anwesen, um die Bauarbeiten vor fremden Blicken zu schützen. Die kleine Villa wuchs über die Jahre zu einem 160-Zimmer-Komplex mit 2000 Türen, 10.000 Fenstern, 47 Treppen und 40 Schlafzimmern. Das nur von Sarah bewohnte Haus wurde immer größer, bis 1906 ein Erdbeben die zahlreichen, bis zu siebenstöckigen Anbauten zerstörte. Fortan baute sie nur noch in die Breite.

Als am 5. September 1922 die Nachricht von Sarah Winchesters Tod die Runde machte, ließen die Handwerker sofort die Arbeit liegen. Noch heute erinnern halb eingeschlagene Nägel an den abrupten Baustopp. Niemand hatte in der Fortführung der Bauarbeiten irgendeinen Sinn gesehen. Heute ist aus dem "Winchester Mystery House" eine Touristenattraktion geworden.

Umsetzung überirdischer Pläne

Das "Winchester Mystery House" ist nicht das Einzige seiner Art, es gibt eine ganze Reihe von Gebäuden, die angeblich im Auftrag übersinnlicher Wesen gebaut wurden. Und so unterschiedlich die beschaffen sein mögen, ihre Erschaffer eint eines: Egal ob die Eingebung von einem starken Aberglauben herrührt, einer tiefen religiösen Überzeugung oder dem festen Glauben an eine höhere Macht - immer opfern die Bauherren einen Großteil ihres Lebens für die Umsetzung der überirdischen Pläne.

Im spanischen Mejorada hatte Mönch Justo Gallego Martinez in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts die Tuberkulose überlebt und daraufhin von Gott eine Aufgabe erhalten. Per Vision teilte der Allmächtige angeblich ihm mit, er solle ihm eine Kathedrale bauen - und zwar mit seinen eigenen Händen. Ohne jede Erfahrung in Sachen Statik und Bauwesen machte Gallego sich an die Arbeit. Heute, mittlerweile 52 Jahre später, ist das Gotteshaus fünfzig Meter lang, 25 Meter breit und 35 Meter hoch. Und mit seinen Fassaden, Säulen und Bögen erinnert es tatsächlich an eine Kirche.

Einen übersinnlichen Auftrag bekam auch Jean Claude Ladrat aus dem französischen Dörfchen Germignac. Ende der Siebziger war der Franzose nach eigenen Angaben Seemann gewesen. Beim Umschiffen des Bermuda-Dreiecks hatte er dann eine Begegnung der dritten Art: Für einen kurzen Moment sei das Tor zu einer außerirdischen Parallelwelt sichtbar geworden, aber sofort wieder verschwunden. Sofort sei ihm klar geworden, dass er nur per Ufo zu diesem Ort zurückkehren könne.

Zu Hause in der französischen Provinz machte er sich daran, im Garten seiner Mutter seine erste fliegende Untertasse zu bauen. Jahrzehntelang stattete er das igluähnliche Bauwerk mit selbstgebastelten Motoren, Magneten und allerlei Kabeln aus. Jeden Tag verbrachte er mehrere Stunden damit, es mit Alufolie auskleiden, Kupferdrähte zu installieren und Magneten anzukleben, bis seine Mutter starb und er Germignac verließ. Als die Dorfverwaltung das Ufo vergangenes Jahr vom Grundstück räumen lassen wollte, zerbrach Ladrats Lebenswerk.

Wie sicher, wetterfest und sinnvoll ihre Bauwerke am Ende waren, kümmerte die Erbauer wenig. Es ging ihnen um die Erfüllung eines Auftrags von höheren Wesen: Ging ein Teil kaputt, wurde es repariert oder ersetzt. Der Bauprozess war das Ziel. Wie bei Sarah Winchester, deren Haus niemals fertig war und eigentlich nur dazu diente, sie am Leben zu halten.

Türme, Archen, Untertassen: Diese Bauten wurden von höheren Wesen in Auftrag gegeben und von treuen Untertanen ausgeführt. einestages zeigt die sieben skurrilsten Gebäude der dritten Art.

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1.
C Buhr 04.09.2013
Ich habe den Artikel gerne gelesen und vor allem die Bilder zu den Bauten sind sehr spannend. Zur Arche habe ich noch einen Nachtrag: Die Maße des Schiffes sind beeindruckend, allerdings ist der Nachbau im Maßstab 1:2 erfolgt und daher ist die Länge ca. 70 m. Der Künstler Aad Peters hat dem Erbauer das Schiff abgekauft und selbst investiert und eine Art Bibel-Erlebnis-Park umgesetzt. Diese erweiterte Arche ist seitdem in mehreren Städten zu Besuch gewesen (z.B. Köln, Hamburg, Cuxhaven). Auf der Internetseite diearchenoah.com kann man weitere Informationen erhalten. Und der Besuch ist vor allem mit Kindern eine Reise wert.
2.
Michael Perrot 04.09.2013
Endlich! Vielen Dank für diesen wunderbaren Bericht - endlich habe ich den Sinn des Müllturms im Garten meines Nachbarn verstanden. Der Gute - Ex-Pädagoge und studierter Theologe - hat in den vergangenen Wochen einen gut 5m hohen Turm aus Müll errichtet. Wohl um dem Herrn näher zu sein. Nun sitzt er also stundenweise in seinem Turm und beobachtet von einem dort montierten Schaukelstuhl die Nachbarschaft oder spielt er über eine eigens dort angebrachte Musikanlage wahlweise Orgelmusik oder Vogelstimmen.
3.
Matthias Gutbier 04.09.2013
In diesem Zusammenhang sollte man aber Väterchen Timofei (http://de.wikipedia.org/wiki/Timofei_Wassiljewitsch_Prochorow)mit seiner beeindruckenden Ost-West-Friedenskirche in München nicht unerwähnt lassen (Bild z.B. http://fc-foto.de/21601713).
4.
Alexander Engel 04.09.2013
Vergessen wurde hier auch der ehemalige Postbote und Träumer Cheval mit seinem Palais Idéal [fr.wikipedia.org/wiki/Palais_idéal]
5.
Hubert Pflaiger 05.09.2013
Der Titel ist ja mal völlig unpassend. Das sind teilweise wunderschöne Bauwerke.
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