Comic-Klassiker "Little Nemo" Eine Riesengeschichte

Drachen, Eisriesen, Marsianer: 1905 revolutionierte ein kleiner Junge die Comicwelt. In seinen Träumen erlebt "Little Nemo" von Winsor McCay die bizarrsten Abenteuer. Ein Bildband versammelt nun alle Folgen des Comic-Klassikers.

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Im Traum sollte man besser nicht auf fremde Stimmen hören. Schon gar nicht, wenn man ein kleiner Junge und allein in seinem Bett ist. "Nemo!!! Nemo!!! Du wirst gebraucht", ruft die Stimme aus dem Nichts. "Wer ist das? Wo bist du? Was willst du?", fragt der kleine Nemo neugierig. Und stellt fest, dass sein Schlafzimmer mittlerweile voller Wasser läuft. Höher und höher steigt die Flut, langsam beginnt das Bett zu schwimmen. "Komm mit mir ins schöne Schlummerland", fordert der unheimliche Besucher Nemo auf, dem keine Wahl mehr bleibt. Sein Zimmer ist plötzlich verschwunden und er treibt mit seinem Bettchen auf dem offenen Meer. Hier offenbart sich auch der Eigentümer der Stimme: eine Meeresschlange mit schier endlosem Hals.

Bald taucht Nemo auf der Flucht vor einem gewaltigen Sturm auf dem Rücken eines Wals in die Tiefe des Meeres. Hungrige Fische und ein riesiger Krebs machen Jagd auf ihn. Dann schlägt ein Wassermonster zu. In seiner Pranke will das Monster den kleinen Jungen zu seinem Herrn bringen. "Mama! Oh, Mama!", ruft Nemo in seiner Not um Hilfe. "Ich wusste es!", schallt plötzlich eine Stimme durch den Raum. "Du hättest den Heidelbeerkuchen nicht zur Schlafenszeit essen sollen!", sagt die Mutter zu Nemo, der schlagartig erwacht. Er hat alles nur geträumt.

"Ich stehe auf, Mama!"

Nemos Reise ins Reich der Träume hatte allerdings nichts mit Heidelbeerkuchen zu tun. Eine Woche später versucht eine Fee aufs Neue, den Kleinen ins Schlummerland zu locken. Kein Mittel lässt König Morpheus, der Herrscher Schlummerlands, unversucht, um Nemo in sein Reich zu bringen. Der Grund: Seine Tochter, die Prinzessin, braucht einen Kameraden. Am 15. Oktober 1905 begann die langjährige Odyssee des kleinen Jungen durch das Reich der Träume. An diesem Tag präsentierte sein Schöpfer Winsor McCay das erste Comicabenteuer von "Little Nemo in Slumberland" in der Sonntagsausgabe des "New York Herald".

Woche für Woche nahm Nemo seitdem seine Leser mit auf ein neues Abenteuer im Land des Surrealen: Nemo reitet auf einem Löwen, wird im Maul eines Drachen spazieren getragen oder von Riesen verfolgt. Nichts scheint unmöglich im Schlummerland. In einem Palast aus Eis läuft Nemo Schlittschuh, wird von grimmigen Piraten verschleppt oder besucht den Mars. Der kleine Held muss seine Herausforderungen allerdings nicht allein bestehen. Flip, ein grüngesichtiger Clown, der stets eine Zigarre pafft, die Prinzessin, und der politisch völlig inkorrekte Impie, eine Art afrikanischer "Wilder" im Baströckchen, den Nemo auf den Süßigkeiteninseln kennenlernt, begleiten den Jungen beispielsweise.

Die wöchentlichen Ausflüge nach Schlummerland nehmen für Nemo und seine Leser allerdings stets im letzten Zeichenbild ein abruptes Ende. Oft fällt Nemo vor Schreck aus dem Bett - oder seine Eltern wecken den kleinen Träumer: "Ich stehe auf, Mama! Ich stehe auf!"

"Ich konnte nicht aufhören zu zeichnen"

Nemos "Vater" Winsor McCay war ein Zeichner aus Leidenschaft. "Ich konnte nicht aufhören zu zeichnen, ich zeichnete überall und jederzeit", bekannte McCay 1926 in einem Zeichenhandbuch über seine Jugend. "Ich zeichnete auf Zäune, Schultafeln, alte Zettel, Schiefertafeln oder auf Scheunenwände."

Der wahrscheinlich 1869 geborene McCay verdiente sein Geld bei einem "Dime Museum" in Cincinnati. In dieser Mischung aus Museum, Varieté und "Freakshow" malte McCay Werbeplakate. Zum Beispiel zeichnete er den "Wilden Mann aus Afghanistan", der zähnefletschend vor Zuschauern rohes Fleisch verspeiste. Um 1898 erkannte der Herausgeber des "Cincinnati Commercial Tribune", Charles J. Christie, McCays Potenzial: "Ich mache einen Zeitungsmann aus dir. Den besten gottverdammten Zeitungsillustrator des Landes." McCay zeichnete so erfolgreich, dass ihn schließlich 1903 der "New York Herald" engagierte.

Mit "Little Nemo" startete McCay dort 1905 seine erfolgreichste Comicserie. Zugleich revolutionierte er das Genre. Er zeichnete nicht nur Welten voller Fantasie, in denen Häuser und Betten zum Leben erwachen und auf Wanderschaft gehen und eine großartige Architektur die Betrachter faszinierte. Zugleich spannte er die Leser mit der fortlaufenden Handlung und brutalen Cliffhangern Woche für Woche auf die Folter. McCay experimentierte mit Formen und Farben, Perspektiven und Erzählebenen, wie auch der Größe und Verteilung der einzelnen Bilder eines Comicstrips: Wenn bei Nemo ein Elefant auftrat, dann vervielfachte McCay einfach das betreffende Bild, um die wahre Proportion des Tieres im Verhältnis zu den anderen Figuren deutlich zu machen.

McCay spielte zugleich mit der Grenze zwischen Fiktion und Realität: Außer sich vor Hunger kehren Nemo, Flip und Impie in der Ausgabe vom 24. November 1907 von einem ihrer Ausflüge in König Morpheus' Reich zurück. Doch alle Läden haben geschlossen. Kurzentschlossen reißt Flip die untere Begrenzungslinie des Zeichenbildes ab. "Oh! Nicht!", warnt ihn Nemo, "Der Zeichner wird zornig!" "Das interessiert mich nicht!", entgegnet Flip und angelt mit der Zeichenleiste das "L" und "E" vom oberen Schriftzug "Little Nemo in Slumberland" herunter. Hungrig machen sich die drei über die Buchstaben her. Bald haben sie den ganzen Schriftzug verputzt - und sind kugelrund.

Die Bretter, die die Welt bedeuten

549 aufregende Abenteuer erlebte Nemo mit seinen Freunden auf den Seiten der Sonntagsausgaben großer amerikanischer Zeitungen. All diese Geschichten präsentiert der Kölner Taschen Verlag nun in einer Gesamtausgabe im Riesenformat. In einem reich bebilderten Begleitband im originellen Zeitungsstil erzählt der Comicexperte Alexander Braun alles Wissenswerte über Winsor McCay, sein zeichnerisches Werk und natürlich über "Little Nemo".

Der kleine Träumer begeisterte die Menschen nicht nur auf den Seiten der Zeitung. Auch die Unterhaltungsindustrie wurde schnell auf die beliebte Comicfigur aufmerksam. Das New Amsterdam Theater produzierte "Little Nemo" 1908 für den Broadway. Der Aufwand war riesig, um die gezeichnete Traumwelt auf die Bühne zu bringen. 22 Schauspieler verkörperten die Sprech-und Gesangsrollen, 150 Statisten ergänzten die Besetzung. "Eine großartige Produktion", lobten die Zeitungen. In 17 Eisenbahnwaggons ging das Stück später auf Tournee.

McCay hatte noch andere Pläne für seinen Helden. Als sein Sohn Robert, der für Little Nemos Aussehen Pate gestanden hatte, ein Daumenkino mit nach Hause brachte, kam ihm eine Idee. Warum sollte sich "Little Nemo" nicht animieren lassen?

1911 präsentierte McCay einen der ersten Zeichentrickfilme der Welt mit einer Länge von rund 10 Minuten. Im Film wettet McCay mit seinen Kollegen, dass er die 4000 für den Film notwendigen Zeichnungen in vier Wochen zeichnen kann. Wenig später füllen Berge von Papier McCays Schreibtisch und Büro, daneben steht fässerweise Tinte und Nemo, Flip und Impie erwachen zum Leben, sie drehen sich im Kreis, schlagen Purzelbäume, wachsen in die Höhe und schrumpfen wieder auf Normalgröße - natürlich gewinnt McCay seine Wette am Ende.

Eine letzte Chance

Seine Zeit beim "New York Herald" endete allerdings im gleichen Jahr. Der Zeichner wechselte zum "New York American" des Zeitungsmoguls William Randolph Hearst. "Little Nemo" erschien nun unter dem Titel "In the Land of Wonderful Dreams". Hearst hatte allerdings weniger Interesse an McCays Qualitäten als Comiczeichner. Vielmehr benötigte er ihn als Illustrator für die Leitartikel seiner Blätter. So erschien im Juli 1914 der vorerst letzte Comic von "Little Nemo".

1924 erhielt der kleine Träumer eine allerletzte Chance. McCay kehrte zu seiner alten Zeitung, die nun "New York Herald Tribune" hieß, zurück. Seine Zeichenkunst war noch die alte, aber die Ideen sprudelten nicht mehr so flüssig.

"Little Nemo" verlor seinen Platz auf der ersten Seite der Comicbeilage. Am 9. Januar 1924 platzte Nemos Traumwelt endgültig wie eine Seifenblase. Der letzte Strip erschien. "Ich habe geträumt", sagt Little Nemo, als er aus seinem letzten Abenteuer erwacht. Und was für Träume!



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insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
Michael Bähre, 04.12.2014
1. Von wegen:
Der Mann war wirklich groß. Unglaublich was der auf einer Seite erzählen konnte und mit welcher meisterhaften Eleganz er zeichnete. Jede Seite ein Kunstwerk. Wie überhaupt die Zeitungscomics jener Zeit sehr bemerkenswert waren. Z.B. auch "The Kinder-Kids" von Lyonel Feininger. Schade, dass es sowas heute nicht mehr gibt - diese aufwändigen Zeitungsbeilagen, meine ich. Ich habe mir seinerzeit die komplette sechsbändige Ausgabe der Little-Nemo-Comics vom Carlsen Verlag zugelegt. Auch heute lese ich sie hin und wieder gern oder sehe sie mir einfach nur an. Traumhaft!
Claudia Bollenbacher, 04.12.2014
2. Little Nemo als Musical
Zu Little Nemo hat Hans Posagga, der Komponist der "Sendung mit der Maus"-Titelmelodie und vieler weiterer wunderbarer Musik,ein Musical komponiert. Leider bisher noch nicht aufgeführt, sehr schade!
Marcus Hansmann, 04.12.2014
3. Wo der Traum ein Erwachen ist
Little Nemo war der Held, Bruder und Gefährte meiner Kindheit. Und auch heute noch ist er mir so nah wie einst. Daß seine Träume und Abenteuer, daß sein großartiger Zeichner und Vater Winsor McCay nun eine Würdigung erfahren, freut mich ungemein. Little Nemo ist ein Weltschatz, der darauf wartet von einer neuen Kindergeneration wieder entdeckt und gehoben zu werden.
Axel Schön, 04.12.2014
4. Nachdruck!
Ich weiß nicht, ob ich´s einfach übersehen habe, aber: gibt es die Comics als Nachdruck? Kann man die kaufen? Wenn ja wo?
Mark Rose, 04.12.2014
5. Nachdruck
Ja, können Sie kaufen. Zum Beispiel im Carlsen Verlag oder jetzt die große Sammelausgabe im Taschenverlag. Es lohnt sich!!!
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