Sport-Visionärin Swetlana Gurjewa Die Frau, die Olympia nach Sotschi holte

Putin prahlt, er habe die Winterspiele in die Subtropen gebracht, doch tatsächlich stammte die Idee von einer sowjetischen Skilehrerin. Fast ein halbes Jahrhundert kämpfte die heute Achtzigjährige für ihren Traum - auch gegen den Widerstand russischer Zensoren.

photoxpress.ru

Von


Man sieht Swetlana Gurjewa die Jahre nicht an. Nicht ihr Alter von inzwischen 80 Jahren, aber auch nicht die 45 Jahre, die vergangen sind, seit ihr die sowjetischen Zensoren dieses verrückte Vorhaben austreiben wollten: ihre Idee, olympische Winterspiele in den Subtropen zwischen Palmen am Schwarzen Meer abzuhalten. In Sotschi.

Gurjewa war in den sechziger Jahren Direktorin einer Skischule, ihr Mann Ski-Trainer. Sie wurden versetzt, aus einem gut erschlossenen Skigebiet am Berg Elbrus ging es in ein kleines Nest, das wegen Erdrutschen und Lawinen oft nur per Hubschrauber zu erreichen war. Der Name des Dorfes steht heute in den Sportteilen aller Zeitungen, war damals aber nur Kennern der Region ein Begriff: Krasnaja Poljana.

Die Einheimischen sagten ihr, nur ein Verrückter würde auf die Idee kommen, hier Ski zu fahren. Der Schnee sei zu klebrig. Gurjewa versuchte es trotzdem - und fand "das achte Weltwunder", wie sie den Pulverschnee an den Hängen des Aibga-Massivs nennt. Dort liegt heute der Nobel-Ski-Ort Rosa Chutor, dort starten jetzt täglich Olympia-Teilnehmer. Vor einem halben Jahrhundert aber erschien allein der Gedanke daran zu verwegen, als das man ihn hätte drucken können.

"Wenn die Sowjetunion jemals das Recht erhält, Olympische Winterspiele auszurichten, dann kann es nur Krasnaja Poljana und die Stadt Sotschi sein", hat Gurjewa einmal geschrieben. Es war der Kernsatz eines Aufsatzes, den sie 1969 verfasste, ein Jahr nach ihrer Rückkehr von den Winterspielen im französischen Grenoble - ohne dass ihr bewusst gewesen sein konnte, wie lange es dauern würde, bis er sich bewahrheitete.

Langes Warten auf die Chance

Gurjewas Olympia-Enthusiasmus war den Zensoren in Moskau suspekt. Sie ließen den Artikel zwar drucken - in der April-Ausgabe von "Technik der Jugend", dem Sowjet-Pendant von "National Geographic" -, tilgten aber jeden Hinweis auf die Idee mit Olympia. Der Text erschien mit der staubtrockenen Überschrift: "Sotschi: Meer, Berge, Schnee, Sport".

Als Moskau 1974 den Zuschlag für die Sommerspiele 1980 bekam, sah es ganz danach aus, als würde Gurjewas Vision niemals Realität werden. Zu unwahrscheinlich schien es, dass die Sowjetunion in naher Zukunft auch noch als Austragungsort der Winterspiele ausgewählt werden würde.

1976 musste Gurjewa schließlich Krasnaja Poljana verlassen, sie wurde versetzt in eine Sportschule vor den Toren Moskaus. Es sei eine interessante Zeit gewesen, erinnert sich Gurjewa, "aber es war lediglich ein Job. Geträumt habe ich immer von Olympia in Sotschi". Dass dieser Traum noch wahr werden würde, schien jedoch unwahrscheinlich.

Erst 1989 interessierte sich die Sowjet-Regierung unter Michail Gorbatschow wieder für die Ausrichtung der Winterspiele in Sotschi, das geht aus Geheimdokumenten hervor, die der SPIEGEL einsehen konnte. Die Stadt am Schwarzen Meer erfülle "alle Voraussetzungen, um 20.000 bis 30.000 Ausländer und 50.000 bis 70.000 sowjetische Touristen zu beherbergen".

Sotschi bewarb sich um die Ausrichtung der Spiele 1998 - zog die Kandidatur dann

aber wieder zurück. Die Sowjetunion hatte damals schlicht drängendere Probleme: Ein halbes Jahr, nachdem das Internationale Olympische Komitee am 15. Juni 1991 die Spiele an die japanische Stadt Nagano vergab, zerfiel das rote Riesenreich.

Ein unerwarteter Anruf

Jahrzehnte fruchtlosen Hoffens können Menschen mürbe machen. Swetlana Gurjewa aber machten sie zäh. Sie ist Mitglied einer Gruppe von Extremsport-begeisterten Frauen. Sie nannten sich "Schneesturm", bereisten die Inselgruppe Franz-Josef-Land im Nordpolarmeer oder brachen mit Skiern auf zum Südpol. "Die Antarktis zu durchqueren, das war mein zweitgrößter Wunsch", sagt Gurjewa.

Ihr größter Wunsch, der Traum von den Spielen am Schwarzen Meer, schien unterdessen in unerreichbare Ferne gerückt zu sein. Mitte der neunziger Jahre bewarb sich Sotschi zwar erneut, hatte aber wegen des Kriegs im nahen Tschetschenien keine Aussicht auf Erfolg. Gurjewa war damals bereits Ende sechzig und damit in einem Alter, in dem die meisten Frauen in Russland in Rente gehen und viele Männer schon nicht mehr unter den Lebenden weilen. Gurjewa aber fuhr weiter jeden Tag zur Arbeit bei Russlands Olympischem Komitee. Sie wartete unermüdlich auf ihre Chance.

Im Jahr 2000 sollte sie sie bekommen: Wladimir Putin übernahm damals gerade das Zepter von Präsident Boris Jelzin - von dem er sich in einem Punkt unterschied, der für Gurjewa entscheidend war: Während Jelzin passionierter Tennisspieler war, fährt Putin gern Ski. Und so klingelte im Dezember 2000 Gurjewas Telefon. Leonid Tjagatschjow war am anderen Ende der Leitung - eine sowjetische Ski-Legende, außerdem Putins Skilehrer und wenig später Chef von Russlands Olympischem Komitee. Gurjewa solle ihm schnell ein paar Pläne für Krasnaja Poljana schicken: Der Kreml hatte Interesse.

Endlich am Ziel

Putin sagt heute, er habe Krasnaja Poljana persönlich ausgewählt. Winterspiele in Sotschi, das sei seine Idee gewesen. So erzählte er es jedenfalls in einem Dokumentarfilm, den Russlands Staatsfernsehen im Anschluss an die Eröffnungsfeier ausgestrahlt hat. Der Oligarch Wladimir Potanin, 14,3 Milliarden Dollar schwer, beteuert hingegen gern, in Wahrheit sei er es gewesen, der Putin erst habe überreden müssen, beim Skifahren 2001.

Swetlana Gurjewa ist viel zu höflich, als dass sie den mächtigen Männern ihre Verdienste streitig machen wollte. Die ist auch so zufrieden: Das Olympische Komitee hat sie als Leiterin einer Arbeitsgruppe nach Sotschi abkommandiert. Ihr größter Traum ist endlich in Erfüllung gegangen. Und jetzt genießt sie die Spiele: Den Eiskunstlauf hat sie sich angesehen, und die Ski-Abfahrt, ihren Lieblingssport.

Ob man beschreiben könne, was sie gefühlt habe bei der Eröffnungsfeier im Stadion Fischt, nach 45 Jahren des Wartens? "Kann man nicht", sagt sie mit einem Lächeln. Swetlana Gurjewa ist am 7. Januar 80 Jahre alt geworden. Aber ihre Stimme ist noch immer voller Tatendrang.



zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.