Wissenschaftsbetrug Der falsche Spiegel

Der begabte Jungphysiker Emil Rupp hoffte Anfang der Zwanziger in Berlin auf eine steile wissenschaftliche Karriere. Seine experimentellen Erfolge waren spektakulär - bis sie, genauso spektakulär, als Fälschungen enttarnt wurden.

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Albert Einstein war angetan. Erst im Frühjahr 1926 hatte er in einem Artikel neue Überlegungen zur Natur der Lichtstrahlen veröffentlicht. Sind sie wellen- oder teilchenartig? Einstein hatte dazu zwei neue, komplizierte Experimente erdacht und beschrieben. Als theoretischer Physiker wollte er deren Durchführung - auch wegen der damit verbundenen technischen Herausforderungen - jedoch seinen praktisch arbeitenden Kollegen überlassen. Und tatsächlich: Schon drei Monate später veröffentlichte ein bis dahin eher unbekannter junger Forscher namens Emil Rupp seine Habilitationsschrift, in der er die Durchführung der Experimente schilderte - und Einsteins These vom Wellencharakter des Lichts bestätigte. In einem Bericht vor der Preußischen Akademie der Wissenschaften am 21. Oktober 1926 berief sich Nobelpreisträger Einstein gar auf die "Beweise" von Emil Rupp.

Diese Anerkennung durch den Jahrhundertphysiker Einstein gab Emil Rupps Ergebnissen zusätzliches Gewicht. Dabei wurde schon damals, im Herbst 1926, von Rupps gelegentlich unseriösem Verhalten geraunt. Und mancher Zeitgenosse fragte sich, wie ein zwar promovierter, aber eben doch nicht an einer Universität untergekommener Physiker die Herausforderungen des Lichtwellen-Experiments bewältigt haben wollte. Schließlich war Rupp im Berliner AEG-Forschungslabor angestellt und konnte seine bahnbrechende Grundlagenforschung nur neben seiner Alltagsarbeit im Reinickendorfer Labor durchführen.

Seriöser Forscher oder Aufschneider?

Der 1898 geborene Emil Rupp - das ergaben die schnell angestellten Nachforschungen - hatte sein Studium in Göttingen und Heidelberg absolviert und bei Philipp Lenard, auch er ein Nobelpreisträger, mit "summa cum laude" promoviert. So erschien es zwar ein wenig unwahrscheinlich, aber eben doch nicht unmöglich, dass der Einstein'sche Versuch ausgerechnet von diesem ehrgeizigen Jungphysiker realisiert worden war.

"Manche Kollegen hatten allerdings den Eindruck, dass er seinen großen Worten selten die entsprechenden Taten folgen ließ", sagt der Kaiserlauterner Biologie-Professor Heinrich Zankl, Autor des Buchs "Fälscher, Schwindler, Scharlatane - Betrug in Forschung und Wissenschaft". Auch der Wissenschaftshistoriker Albrecht Fölsing zitiert Kollegen, die Emil Rupp "großsprecherisches Reden und bombastische Titel über belanglose Arbeiten" nachsagen. Emil Rupp also ein Aufschneider, Angeber und unseriös arbeitender Ehrgeizling?

Das wollten etliche Physiker genauer wissen. So beauftragte der Münchener Professor Wilhelm Wien, ebenfalls ein Physik-Nobelpreisträger, seine Mitarbeiter Walter Gerlach und Eduard Rüchardt damit, das Rupp-Experiment "nachzukochen", wie Forscher das Wiederholen wichtiger Versuche nennen. Vier Jahre lang probierten die Physiker herum, bewältigten immer neue Schwierigkeiten, setzen auf allerneueste Versuchstechnik - und gaben schließlich frustriert auf. "Undurchführbar" sei Einsteins Versuchsanordnung, lautete ihr vernichtendes Fazit. Rupps Ergebnisse seien damit "wertlos", weil nicht wiederholbar. Auch Rupps Doktorvater Lenard zweifelte bereits 1927 in einem Brief an Wilhelm Wien, dass das Experiment überhaupt stattgefunden habe.

Fünf Jahre lang Debatten

Neben fachlichen Argumenten könnte dabei allerdings auch Lenards Antisemitismus eine Rolle gespielt haben: Obwohl er zu den Vätern der Atom- und Festkörperphysik gehörte, wandte sich der bekennende Monarchist unter dem Eindruck des Versailler Vertrags von der modernen Physik ab und wurde später, in den dreißiger Jahren, einer der Wortführer der "deutschen" oder "arischen Physik". Rupps Habilitation, so berichteten Zeitzeugen, sei hinter Lenards Rücken entstanden, weil der die "abstrakte" Wissenschaft des Juden Einstein - die von Rupp ja scheinbar bestätigt wurde - schon zuvor immer wieder öffentlich angegriffen hatte.

Die Fälschungs-Vorwürfe gegen Rupp jedenfalls waren Aufsehen erregend. Der AEG-Physiker konterte kurz darauf mit der Veröffentlichung von Fotos, die den Versuchsaufbau zeigten und die das Auftreten von Interferenz-Phänomenen in seinen Versuchen belegten. Anlass für die Münchner Rupp-Gegenspieler, noch einmal ins Labor zu gehen und den Aufbau nachzustellen. "Dabei machten sie eine sehr überraschende Entdeckung", so Heinrich Zankl: "Sie konnten feststellen, dass Einstein bei der Darstellung der Versuchsanordnung ein kleiner Fehler unterlaufen war." Allerdings ein folgenschwerer: Der berühmte Physiker hatte versehentlich einen Spiegel falsch herum angeordnet - und Rupp hatte sich genau an diesen falschen Aufbau gehalten und trotzdem die erwarteten Ergebnisse erzielt.

Kurioses Finale einer Forscherkarriere

Die Debatte der Physiker zog sich zwar noch einmal jahrelang hin, doch schließlich war für Gerlach und Rüchardt alles klar. In einem Artikel für die Annalen der Physik stellten sie 1935 fest, dass der Industrieforscher Emil Rupp die Einstein'schen Versuche niemals durchgeführt und alle Ergebnisse und angeblichen Beweise erfunden habe. Und noch bevor sich Rupp erneut wehren konnte, wurden auch Fälschungs-Indizien zu anderen seiner früheren Forschungsarbeiten bekannt.

Das Ende der Forscherkarriere von Emil Rupp war da. Erwartbar waren noch Artikel wie die seines Chefs im AEG-Forschungslabor, des Physikers Carl Ramsauer: Der veröffentlichte sofort eine "Ungültigkeitserklärung der Arbeit von E. Rupps Versuchen mit künstlich erzeugten Positronen". Doch den wirklich spektakulären Schlusspunkt setzte Emil Rupp selber: In einem Brief an die Zeitschrift für Physik gestand er nicht nur den Wissenschaftsbetrug und zog auf einen Schlag fünf wissenschaftliche Artikel zurück, sondern legte für sein Verhalten auch eine höchst originelle Erklärung vor. Ein Gutachten des Berliner Psychiaters Victor Emil Freiherr von Gebsattel bescheinigte Rupp nämlich einen "mit psychogenen Dämmerzuständen verbundenen seelischen Schwächezustand". Und der habe kuriose Folgen gehabt, so der Mediziner: "Während dieser Erkrankung und durch sie bestimmt, hat er, ohne sich dessen bewußt zu sein, Mitteilungen über physikalische Phänomene (Positronen, Atomzertrümmerung) veröffentlicht, die den Charakter von 'Fiktionen' an sich tragen. Es handelt sich um den Einbruch von traumartigen Zuständen in das Gebiet seiner Forschertätigkeit."

Über Emil Rupps weiteres Leben ist nichts bekannt. Immerhin: Als Ideengeber eines Romans lebt er fort. Der englische Literatat und Physik-Professor Charles Percy Snow schrieb 25 Jahre später das Buch "Die Affäre" über einen fiktiven Wissenschaftsbetrüger an der Universität Cambridge. Snow orientierte sich dabei teilweise bis ins Detail am Berliner Betrugsfall - die Vorlage war einfach zu gut gewesen.



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