Witwen in Indien "In Jutesäcke gepackt und in den Fluss geworfen"

Früher wurden sie verbrannt, heute werden sie diskriminiert: Witwen in Indien leben in erbärmlichen Verhältnissen. Jetzt bekommen sie Hilfe. Der Fotograf Xavier Zimbardo dokumentiert eine bunte Revolution.

Xavier Zimbardo/Edition Lammerhuber

Von Laura Engels


Allein ihr Anblick soll Pech bringen - nur hinter weißen Schleiern verborgen wagen sich Witwen in Indien auf die Straße und betteln. Aus ihren Häusern vertrieben, von ihren Familien verstoßen und von der Gesellschaft ausgeschlossen, leben sie unter erbärmlichen Bedingungen. Ihr Verbrechen: Sie leben, obwohl ihre Ehemänner gestorben sind.

Isolation und Armut sind für viele der rund 45 Millionen Witwen auf dem Subkontinent Alltag. In früheren Zeiten wurden sie sogar verbrannt. Erst die britischen Kolonialherren untersagten 1829 den verbreiteten Brauch der Witwenverbrennung, der indische Begriff dafür lautet Sati. Heute werden hinduistische Witwen stattdessen für den Rest ihres Lebens diskriminiert.

Nach dem Tod ihrer Männer wird ihnen der Kopf geschoren, sie müssen weiße Kleidung tragen und dürfen nur einfache, vegetarische Kost essen. Sie dürfen nicht an religiösen Festen oder Familienfeiern teilnehmen, nicht tanzen und keinen Schmuck tragen. Eine Wiederheirat ist so gut wie unmöglich.

Allen Verboten zum Trotz

Meist führt ihr Weg in ein Ashram, ein klosterähnliches Zentrum, wo die Frauen "Buße" tun für die Sünden, die zum Tod ihres Mannes geführt haben sollen. Einige kommen freiwillig. Die meisten gezwungenermaßen, weil sie arm sind und ihre Familien sie nicht unterstützen. Es fehlt an medizinischer Versorgung und hygienischen Einrichtungen.

Um auf diese ausweglose Situation aufmerksam zu machen, entschied sich der indische Soziologe Bindeshwar Pathak für ein Sakrileg: Den Traditionen und Verboten zum Trotz, feierte er Ende März 2013 mit Hunderten Witwen in der indischen Stadt Vrindavan das Holi-Fest - das Fest des Frühlings und der Farben, bei dem sich die Menschen in Indien mit Farbpulver und Blütenblättern bestreuen. Für eine gesellschaftliche Veränderung sind die Unterstützung des Volkes und das Wohlwollen der Medien nötig, ist sich Pathak sicher. Deshalb entschied er sich für den symbolischen Akt, der bis heute jedes Jahr wiederholt wird.

Fotograf Xavier Zimbardo
Edition Lammerhuber

Fotograf Xavier Zimbardo

Der erstmalige Verstoß hatte 2013 Schlagzeilen in vielen indischen und einigen ausländischen Zeitungen gemacht. Der französische Fotograf Xavier Zimbardo erzählt die Geschichte nun in dem Bildband "Angels of Ghost Street". Drei Jahre lang hat er die Witwen, die in der heiligen Stadt Vrindavan des Hindu-Gottes Krishna Zuflucht suchen, begleitet und hält ihren Weg von der Verzweiflung zur Hoffnung in faszinierenden und farbintensiven Bildern fest.

"Am Anfang sahen die Frauen so verloren aus, depressiv. Sie waren allein und hatten keine Freude in ihrem Leben", sagt Zimbardo. Die Bilder zeigen Frauen, die aus Schüsseln auf dem nackten Boden essen, auf einen Stock gestützt barfuß und bettelnd durch die Straßen laufen und auf Holzbänken schlafen - ihre Augen: verunsichert, traurig, hoffnungslos. Hilfsorganisationen beschreiben das Leben der Frauen als eine Art "lebendes" Sati.

Verbrannte Göttinnen

Früher wurde von einer Witwe in Indien oft erwartet, ihrem Mann als "ideale Gattin" in den Tod zu folgen. Sie wurde bei lebendigem Leib mit seiner Leiche zusammen auf dem Scheiterhaufen verbrannt. "Man geht davon aus, dass Witwenverbrennungen in Indien seit mehr als zweitausend Jahren vorgekommen sind. Zuverlässig schriftlich überliefert sind sie erst seit dem Alexanderzug im 4. Jahrhundert vor Christus", sagt der Schweizer Historiker Jörg Fisch von der Universität Zürich.

Umstritten ist, ob die Frauen es immer freiwillig taten. "Es besteht kein Zweifel, dass beides vorgekommen ist - Akte eines ungeheuren Heroismus, auch wenn dieser fehlgeleitet gewesen sein mag, und vielfältiger Zwang und Brutalität", ist sich der Geschichtsprofessor sicher. Witwenverbrennungen würden nach indischem Gesetz zwar heute offiziell verurteilt und strafrechtlich verfolgt, in Wirklichkeit aber nicht nur weitgehend geduldet, sondern von breiten Schichten als heroische Tradition begrüßt, erklärt Fisch. "Es handelt sich um tiefverwurzelte Traditionen, die nicht einfach mit dem Hinweis auf Menschenrechte aus der Welt geschafft werden können", sagt Fisch. "Noch heute wird eine Witwe, die sich verbrennt, in breiten Schichten als Göttin verehrt."

Doch die indische, hinduistische Gesellschaft befindet sich zumindest teilweise im Umbruch. "Angels of Ghost Street" erzählt, wie der Soziologe Pathak das Leben der Witwen wieder lebenswert macht. In der sogenannten Ghost Street in Vrindavan eröffnete er ein Haus, wo die Frauen Lesen, Schreiben und einen Beruf lernen. Lehrer bringen den Frauen Nähen und die Herstellung von Räucherstäbchen bei.

Herzen voller Hoffnung

Außerdem hat er mit seiner Organisation Sulabh International, zu der 50.000 Freiwillige gehören, erreicht, dass die Witwen nach ihrem Tod nach Hindu-Ritual eingeäschert werden. Nicht wie früher. "Ihre Leichen wurden einfach in Stücke gehackt, in Jutesäcke gepackt und in den Fluss Yamuna geworfen, weil die Mittel für eine ordnungsgemäße Verbrennung fehlten", erzählt Pathak.

Als die Zeitung "The Hindu" 2011 einige Artikel über das Leiden der Witwen veröffentlichte, wurde Indiens Oberster Gerichtshof auf die Situation aufmerksam. Er verpflichtete die Regierung in einer Direktive ausdrücklich, sich um die Witwen zu kümmern. Es sind aber vor allem Nichtregierungsorganisationen, die versuchen den Verstoßenen zu helfen.

In Zimbardos Bildband manifestiert sich die schleichende Veränderung im Ansatz eines Lächelns, Augen, denen wieder Leben eingehaucht wurde, und Frauen, die stolz ihre beschriebenen Kreidetafeln in die Kamera halten. Die pinken, grünen und gelben Ränder ihrer Tafeln scheinen wie Vorboten der bunten, friedlichen Revolution. Dass die Witwen Holi feiern, ist kein endgültiger Sieg, aber ein Anfang. Aus den Schattengeistern der Ghost Street werden ganz langsam wieder Menschen mit funkelnden Augen und Herzen voller Hoffnung.

  • Laura Engels (Jahrgang 1983) hat nach ihrem Studium volontiert und als Redakteurin gearbeitet. Jetzt schreibt sie als freie Journalistin aus dem Ruhrgebiet vor allem über Themen aus Kultur und Gesellschaft.
  • Ihre Website: engels-presse.de
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insgesamt 18 Beiträge
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Seite 1
Manfred Kern, 17.04.2016
1. Ich bin geschockt !
Sicherlich hat man früher schon "so leise durch den Äther raunen hören", daß es in Indien früher üblich war, Witwen zu verbrennen. Aber so richtig realisiert habe ich deren grausiges Schicksal erst durch Ihren Artikel und die Bilder. Als Frau geboren zu werden scheint in vielen Kulturen eine Strafe zu sein..
lore heitmann, 17.04.2016
2.
Wieder einmal ein Beitrag der Abscheu und Wut vor den Abstrusitäten religiöser Riten aufkommen lässt. Religion ist für denkende Menschen eine geistige Umnachtung die fassungslos zurücklässt. Es bleibt zu bezweifeln ob solch gut gemeinte Gesten überhaupt religiöse Verkrustungen aufbrechen können.
kamach, 17.04.2016
3. tendenziöser Quatsch
Zitat:"Isolation und Armut sind für die rund 45 Millionen Witwen auf dem Subkontinent Alltag." , Willl uns Frau Engels allen Ernstes erzählen das in Indien in allen Familien die verwittwete Mutter kahlgeschoren und aus dem Haus geworfen wird? Naja, unterschwelliger Rassismus ist ja wieder in Mode..
Hartmut Heidenreich, 17.04.2016
4. Religiöser Wahnsinn
Mal wieder ein Beispiel des religiösen Wahnsinns, mit dem Männer Frauen unterdrücken. In Europa waren es hauptsächlich Frauen, die als Hexen verbrannt wurden. Ist unglaublich, daß auch noch im Jahr 2016 Millionen von Menschen an das Kastensystem glauben. Wenn diese Volksverdummung aufhört, werden sich Millionen von Indern ihren Platz in der Gesellschaft mit Gewalt an sich reißen, da kommt ein Riesenproblem auf Indien zu.
karl teinhard titzck, 17.04.2016
5. Trauriges Indien
Vergwaltigung, Witwenverbrennung, Smog und Dreck....da müsste ein anderer Modus her.
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