WM 1990 Helden wie wir

WM 1990: Helden wie wir Fotos
Dominik Lorentzen/Familien-Urlaubsalbum

Auf dem Rasen siegte bei der Fußball-WM 1990 in Italien eine westdeutsche Elf, aber es war doch der erste Titelgewinn für das wiedervereinigte Deutschland. Den damals 13-jährigen Dominik Lorentzen hat das Turnier zutiefst verändert. Von

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Ein paar Minuten vor dem Abpfiff war es endlich soweit: Der Schiedsrichter zeigte auf den Punkt - Elfmeter für Deutschland. Der war hoch verdient. Sicher nicht die schönste Art ein Endspiel zu gewinnen, aber der Spielverlauf sprach klar für "uns".

Andreas Brehme führte aus. Kurz bevor er anlief und die Pille eiskalt in den Kasten haute, starrte er etwas gedankenverloren ins Leere. Es war, als könne man sehen, was in seinem Kopf vorging. Die ganze Bedeutung dieses Strafstoßes und die hohen Erwartungen und Hoffnungen, die eine ganze Nation in ihn setzte waren ihm in diesem Moment bewusst.

Zum dritten Mal in Folge stand Deutschland in einem WM-Finale - das alleine war und ist immer noch eine beeindruckende Leistung. Diesmal musste es einfach klappen, denn aller guten Dinge sind ja bekanntlich drei. Brehme schien das zu wissen und enttäuschte "uns" nicht.

"N'abend allerseits!"

Aber wer war ich eigentlich? Wieso konnte ich 13-jähriger Wicht es mir plötzlich erlauben, hochtrabend über Fußball zu philosophieren? Ich befand mich damals mit meinem Eltern und meinem Bruder im Sommerurlaub in der Schweiz. Seit einigen Jahren verbrachten wir diesen immer in einem kleinen Chalet im Wallis, das wir von Bekannten mieteten. Ich fuhr immer gerne dorthin: bestes Wetter, grandiose Aussicht und es gab so viel Interessantes zu unternehmen.

In diesem Jahr war mir das Drumherum allerdings völlig egal, denn nebenan in Italien trafen sich die besten Fußball-Mannschaften der Welt. Ich war damals durchschnittlich an Fußball interessiert, vermutlich weil ich selbst nie im Verein gespielt habe. Aber ich verfolgte die Bundesliga und nahm am samstäglichen Sportschau-Ritual teil, wenn mein Vater um 18 Uhr die Kiste anmachte und Heribert Fassbender die Zuschauer mit "N'abend allerseits" begrüßte.

Die Helden des lokalen Bundesligisten 1. FC Köln waren mir bekannt - vor allem Litti, Häßler und Illgner. Bedeutende Turniere hatte ich jedoch noch nicht wirklich mitverfolgt. Ich kann mich zwar erinnern, die Endspiele in Spanien und Mexiko gesehen zu haben, doch war mir die Bedeutung des Turniers Weltmeisterschaft an sich - trotz Panini-Albums - noch nicht bewusst. Nur das Finale zu sehen ist, als ob man nur den Schluss eines Buches liest: Man weiß überhaupt nicht worum es geht.

Am Fernseher geklebt

Doch diesmal war alles anders. Das kleine Ferienhaus hatte eine Satelliten-Schüssel und einen winzigen 15-Zoll-Fernseher - immer noch groß genug, um ein Abseits zu erkennen! Während Mutter sich draußen sonnte und Vater schnitzte, klebten mein Bruder und ich vor dem Fernseher und zogen uns jedes Spiel rein, das wir kriegen konnten.

Wir wussten beide: Deutschland war definitiv mit dem Anspruch Weltmeister zu werden nach Italien gefahren. Es war nicht wie in einigen späteren Turnieren, bei denen man eher den Eindruck gehabt hatte, die Mannschaft sei froh, überhaupt in der Endrunde dabei zu sein - so frei nach dem Motto "Schau'n mer mal".

Spätestens nach dem ersten Spiel der Deutschen gegen Jugoslawien, einem ernstzunehmenden Gegner, wurde ansatzweise klar, was hier in vier Wochen Turnier passieren konnte. Lothar Matthäus drückte dem Spiel seinen Stempel auf, und Jugoslawien wurde regelrecht überrollt. Wir sahen auch die Spiele der anderen Nationen - man musste ja schließlich über die Verfassung potentieller Gegner informiert sein.

Ein Spiel hat 90 Minuten - plus Nachspielzeit

Die deutsche Mannschaft präsentierte sich als eingespielte, kampfstarke Einheit, die aus zwei verlorenen WM-Endspielen 1982 (gegen Italien) und 1986 (gegen Argentinien) gestärkt hervorging. Die Vereinigten Arabischen Emirate stellten erwartungsgemäß den einfachsten Gegner dar, und das Achtelfinale wurde vorzeitig klargemacht.

Trotzdem wollte man auch das Spiel gegen Kolumbien noch gewinnen. Die Südamerikaner wehrten sich jedoch beachtlich über fast 90 Minuten, bis endlich ein Spieler "meines" Vereins, der quirlige Pierre Littbarski, das Runde ins Eckige schob. Mein Bruder und ich sprangen auf - alte Fußballer-Weisheiten schienen Wirklichkeit zu werden. Das Spiel hatte 90 Minuten. Allerdings ist ein Spiel auch erst dann vorbei wenn der Schiri pfeift, und so machten die Kolumbianer in der Nachspielzeit noch den Ausgleich. Das war ärgerlich, aber nicht so schlimm, da "wir" eh in der nächsten Runde waren und das Ergebnis dem Spielverlauf nach auch irgendwie gerecht war.

Rivalität sei '74

Wir freuten uns also auf das Achtelfinale und eine Partie, die noch weitreichende Folgen für das deutsche Fan-Bewusstsein haben sollte: Deutschland gegen Holland. Mir war nicht entgangen, dass "wir" zwei Jahre zuvor bei der Europameisterschaft im eigenen Land gegen die Niederländer verloren und die Oranjehemden den Titel mit nach Hause genommen hatten.

Damals war ich auf Klassenfahrt und hatte das Spiel nicht verfolgt. Überhaupt hatte ich Holland noch nie spielen gesehen. Die seit 1974 bestehende Rivalität war mir nicht bewusst. Das musste sie auch nicht, denn was ich nun in den nächsten 90 Minuten zu sehen bekam, war die ultimative Fan-Konditionierung.

Aus der Vorberichterstattung hatte ich schnell gelernt, was man wissen musste: Die Niederlande hatten herausragende und gefährliche Spieler - Van Basten, Gullit, Rijkaard, Koeman - und aus irgendeinem Grund mochten sie "uns" nicht. Das zeigten sie im Spiel auch auf unzweideutige Weise.

Antwort auf die Lama-Attacke

Rijkaards Lama-Attacke auf Rudi Völler, war so ziemlich das Unsportlichste, was ich im Fußball bisher gesehen habe. Hier wurde nicht aus Versehen zu hart in den Zweikampf gegangen - es geschah aus voller Absicht. Umso mehr konnte ich es nicht verstehen, dass damals beide Spieler dafür vom Platz gestellt wurden - neben Rijkaard auch das Opfer Völler.

Die Holländer rieben sich natürlich die Hände und schienen zu denken, dass Deutschland sich durch diese Provokation aus der Ruhe bringen lassen würde. Im Nachhinein konnten sie "uns" keinen größeren Gefallen tun, und ich durfte die Bedeutung des Wortes Teamgeist erleben. Die restlichen zehn Spieler, allen voran Jürgen Klinsmann, kämpften - sie kämpften für Rudi Völler. Es war als wären sie alle selbst angespuckt worden.

Aber anstatt auszurasten gaben sie die Antwort auf dem Platz und zogen in die nächste Runde ein. Heute habe ich viele Freunde in Holland, aber im Fußball schließe ich mich aufgrund dieses Ereignisses sofort allen deutschen Fangesängen mit Inbrunst an, wenn es mal wieder gegen die Nachbarn geht.

England kriegt die Muffe beim Elfmeterschießen

Es ging weiter, die Tschechoslowakei wurde knapp besiegt und man traf den nächsten großen Rivalen im Halbfinale: England wartete mit seinem Enfant Terrible Paul Gascoigne auf. Ähnlich wie gegen Holland wusste ich auch hier nur bedingt von der Rivalität beider Länder. Den Begriff "Wembley-Tor" hatte ich schon mal gehört, und dass die Engländer zum Glück den Krieg gewonnen hatten wusste ich auch.

Zwei für die Briten doch sehr positive Ereignisse - warum mochten "die" "uns" also nicht? Ich hatte keine Ahnung. Was ich aber schnell merkte war, dass hier im Vergleich zum Holland-Spiel etwas ganz Grundlegendes anders war: "Wir" hatten noch eine Rechnung mit England offen. Das zeigte sich für mich daran, dass nicht nur meine Eltern gebannt mit auf den Fernseher starrten und sogar unsere Mannschaft lautstark anfeuerten (was passierte plötzlich mit Mami und Papi?), sondern sich auch eine andere deutsche Familie, die nebenan ihre Ferien verbrachte, mit einfand um das Spiel zu sehen.

Und es lohnte sich! Ein spannendes Match, mit Chancen hüben wie drüben. Das Unentschieden nach der regulären Spielzeit war verdient. Doch ein Sieger musste her, und ich wohnte meinem ersten Elfmeter-Krimi bei. Es war einer, der in mir den Grundstein für eine Erkenntnis legte, die sich auf wunderbare Weise in der Zukunft immer wieder bestätigte: wenn es um Elfmeter-Schießen geht kriegt ganz England die Muffe.

Wiederum war ein Spieler "meines Vereins" der Held des Abends: Natiional-Torhüter Bodo Illgner. Er hielt den deutschen Sieg in seinen Handschuhen, wir waren im Finale - der Rest der Geschichte ist ja bekannt.

"Wir" sind Weltmeister!

Das Tolle am Gewinn dieser Weltmeisterschaft war, dass Deutschland zwar wie so oft nicht die ultimativ beste Mannschaft im Turnier war, aber doch verdient gewann. Sonst übliche Unken-Rufe anderer Nationen, Deutschland hätte eine leichte Auslosung gehabt, lasse ich hier nicht gelten. Es wurden nicht nur mehrere große Fußball-Nationen wie Jugoslawien, die Tschechoslowakei und Argentinien geschlagen, sondern auch die brandgefährlichen Erzrivalen aus Holland und England. Dieses Turnier verband mich unzertrennbar mit "meiner" Nationalmannschaft, und zwar für immer.

So ging es damals vielleicht auch den Menschen in Ostdeutschland, auch wenn "ihre" Spieler erst später zu zentralen Stützen des deutschen Spiels werden sollten. Knapp neun Monate vorher war die Mauer gefallen, in Deutschland vollzog sich Geschichte im Sauseschritt (wie es der Film "Goodbye Lenin" in wunderbarer Weise zeigt). Wie bei so vielem anderen wusste ich damals nur fragmentarisch was die DDR überhaupt war.

Aber spätestens beim Feuerwerk am 3. Oktober 1990 wusste ich wirklich: "Wir sind Weltmeister!" Ich hatte begriffen, dass kaum etwas so im Stande ist Menschen zu vereinen wie der Fußball. Dieser Titel kam genau zur rechten Zeit und half den Menschen in unserem Land, ähnlich wie der von 1954: er war identifikationsstiftend.

Tja, und heute? Heute bin ich überglücklich verlobt mit meiner Freundin aus Dresden, und ich weiß noch genau wie wir zusammen das WM-Viertelfinale 2006 gegen Argentinien in einer irischen Kneipe in Dublin sahen: Lehmann hält und ich schmeiße sie vor Freude in die Luft. Danach umarmen wir uns, schauen uns an und sind beide stolz wie Oskar auf "unsere" Mannschaft, die zwar den Titel verpasste, aber mal wieder durch Kampf und Herz überzeugt hat.

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