WM 2006 im Ausland Anstoß am Ende der Welt

WM 2006 im Ausland: Anstoß am Ende der Welt Fotos
Marko Schubert/Nadja. M.

Jubel in München, Autocorsos durch Berlin und Fahnenmeere in Hamburg: Bei der WM 2006 war ganz Deutschland im Fußball-Fieber. Ganz Deutschland? Marko Schubert sah den Auftakt zur Weltmeisterschaft auf einem Mini-Fernseher im bolivianischen Hochgebirge - als einziger Fußballfan vor Ort.

  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 1 Kommentar
    3.4 (806 Bewertungen)

Kein Mitleid! Ich hatte meine WM im eigenen Land bereits. Leider auf der falschen Seite der Mauer und im Alter von drei Jahren. Die Anekdote vom Endspiel 1974 geht etwa so: Mein Vater und mein Onkel haben sich im "Schubert-Eck", Mollstraße, Ecke Hans-Beimler-Straße beim Frühschoppen so dermaßen einen eingeholfen, dass sie beim Finale BRD geben Holland schnarchend bei uns auf dem Wohnzimmerteppich lagen und ich mit Mutter das Spiel allein anschaute. So wurde ich zum Fußballfan.

Ich ging zu Oberligaspielen meines Team, sammelte Fußballwimpel (ich hatte sogar einen von Wismut Aue) und gehe auch heute noch mindestens zwei Mal im Jahr zu verschiedenen Berliner Mannschaften oder zu Länderspielen.

Natürlich kicke ich auch selbst - ein bisschen und mit wechselndem Erfolg. Das Schlimmste allerdings ist, dass ich völlig unnützes Fußball-Fachwissen besitze, das einem im Leben kein bisschen weiterhilft.

Dinos statt Fußball

Zur WM 2006 in Deutschland hätte ich mit meinem Fußballwissen wohl anerkennendes Nicken oder ungläubiges Kopfschütteln hervorgerufen - aber ich war gar nicht zu Hause. Ich saß schlauerweise in einem arschkalten Anden-Staat, in dem ausgebuddelte Dinosaurier eine größere Bedeutung haben, als runde Leder, die ins Eckige müssen.

In dem bolivianischen Hochgebirgskaff, wo wir das Eröffnungsspiel sahen, hätte ich die vier bolivianischen Kids, die den WM-Auftakt mit uns anschauten am liebsten mit dem Kopf auf den Tisch schlagen. Die saßen vor dem Fernseher in der einzigen Kneipe, in der Fußball lief und sahen aus als würden sie "Sandmännchen" gucken. Ich meine: Für Millionen Deutsche, Europäer aber auch Südamerikaner war es das Spiel der Spiele, einfach nur deshalb, weil das monate-, nein jahrelange Warten vom Endspiel der letzten WM bis zum Wiederanpfiff endlich vorbei war.

Der Jubel der Massen im Münchner Stadion, die unter die Haut gehende Stimmung bei den Nationalhymnen, das wunderbare Tor von Phillip Lahm - all das war für die hiesigen bolivianischen Zuschauer scheinbar ausgesprochen langweilig und am liebsten hätten sie zu dem japanischen Actionfilm auf Kanal 2 zurückgeschaltet. Dabei bestätigten mir nur Tage später sogar einige Engländer, dass das 4:2 gegen Costa Rica fantastisches Entertainment war. Aber den vier Bolivianern bedeutete das alles gar nichts. So war meine absolut Fußball uninteressierte Freundin Sylvie diejenige, die an meiner Seite am zweitlautesten jubelte.

Flucht nach Argentinien

Bereits wenige Minuten nach dem fantastischen Spiel auf dem Miniaturfernseher mit dem verrauschten Bild, bereute ich, dass ich nicht vor einer riesigen Großbildleinwand auf irgendeiner ohrenbetäubend lauten Fanmeile in Deutschland war. Aber ich gebe nicht gleich auf. Wir mussten sofort ins stimmungsgeladene Argentinien fahren. Bereits eine halbe Stunde später saßen wir im Bus an die Grenze. Ich musste zwar fast in meine Wasserflasche pinkeln, so sehr drückte das Siegerbier, aber schon kurz hinter dem Schlagbaum beglückwünschte mich ein argentinischer Grenzer - ich trug ja immer noch mein Deutschland-Trikot - zu unserem Sieg und erzählte mir, dass es die Polen gegen die Ecuadorianer 0-2 vergeigt hätten. Ganz Südamerika jubelte. Und wir nun auch wieder.

Wir hatten es geschafft! Wir sahen die Fußball-WM in Argentinien. Das war schon immer ein Traum von mir - wenn nicht gerade dieses Turnier bei uns zu Hause stattgefunden hätte. Ich tröstete mich damit, dass mir bisher noch keiner meiner Kumpels geschrieben hatte, dass er eine Karte für ein Spiel hätte und war ein bisschen neidisch, dass das Eröffnungsspiel wohl echt der Knaller in Deutschland war.

Aber wir hatten es ja wenigstens pünktlich zum ersten Argentinien-Spiel nach Jujuy geschafft. In einer unglaublichen Art und Weise sind die Argentinier in ihrer Vorfreude schon ziemlich durchgedreht. In den gesamten drei Wochen, die wir uns zuvor schon in Argentinien aufgehalten hatten, gab es praktisch kein anderes Thema, außer "futbol". Jede und ich meine wirklich jede Werbung im Fernsehen dreht sich um Fußball. Wirklich überall hingen Fahnen, alle liefen in weiß/hellblau herum und so ziemlich jedes Lebensmittel gab es auch in Fußball-Form.

Die Stadt hielt die Luft an

Sogar die circa 60-Jährige, offensichtlich halbblinde Friseuse, bei der sich meine Freundin die Haare schneiden ließ, war so ein riesengroßer Fußballfan, dass sie Sylvie zum Abschied ganz begeistert umarmte und abgeknutschte, nur weil sie ihr erzählt hatte, dass sie aus Deutschland komme.

Zum Frühstück sah ich mir am Busbahnhof, das Spiel der Engländer gegen Paraguay an. Kaum zu glauben, dass England durch einen verunglückten Freistoß von Beckham mit 1:0 gewinnen konnte. Umso mehr freute ich mich auf mein erstes "Heimspiel". Das Spiel Argentinien - Elfenbeinküste am Nachmittag.

Natürlich hatte ich mir in angespannter Vorfreude und beim großen Langweiler, dem 0:0 der Schweden gegen Trinidad und Tobago, schon ein Bier getrunken. So bemerkte ich gar nicht, dass schon eine Stunde vor Spielbeginn der Argentinier gegen die Elfenbeinküste um 15 Uhr die Strassen der 200.000 Einwohnerstadt Jujuy menschenleer waren. Die Stadt hielt die Luft an, kein einziges Auto fuhr und es herrschte eine gespenstische Stille. Nur wir rannten wie die Bekloppten durch die Innenstadt, um in die empfohlene Kneipe zu gelangen.

Ein Bier und feines weißes Pulver

Naja, eine kleine Enttäuschung war der Pub schon. Es gab zwar eine Großbildleinwand, aber wir waren hier umgeben von circa zwanzig Familien, die mehr auf ihre schreienden Gören achteten, als auf das eigentlich aufregende Spiel. Zur richtigen Zeit am falschen Ort. Schon zum zweiten Mal brüllen Sylvie und ich am lautesten herum - von dem Reporter im Fernsehen einmal abgesehen. Sein "Gooool de Argentina!" dehnte er auf gefühlte fünf Minuten. Wahnsinn!

Die Einheimischen schüttelten über das irre deutsche Pärchen nur die Köpfe. Und nach dem knappen 2:1 für die Argies (gegen die wirklich guten Elfen) gingen alle brav nach Hause. Keine Straßenparty, kein Autokorso, gar nichts in Downtown Jujuy. Nur zwei besoffene Deutsche, die durch die engen Straßen taumelten und "Olé, olé" brüllten. Na gut: ein angeheiterter Deutscher.

Zum Glück fanden wir danach dann doch noch einen ganz coolen Pub, wo uns lustige Argies siegestrunken eine Runde Bier spendierten. Wenig fuhren sie dann noch eine nationale Spezialität auf: Sie brachten uns einen riesigen Teller mit grünen Coca-Blättern und einen kleinen, mit feinem weißem Pulver. Der Kellner schaute uns ermunternd an und da wollten wir ja auch nicht unhöflich sein. Also in den Mund damit und abwarten was passiert.

Natürlich war das weiße Zeug nur ein bitter schmeckender Geschmacksverstärker, der vom etwas unangenehmen Aroma der Coca-Blätter ablenken sollte. Als Witz nahm ich trotzdem eine Nase davon mit einem 100 Peso Schein - die Argentinier fanden das lustig. Und im Rückblick auf die bisherigen Spiele dachte ich in falschem Spanisch: "Una linea para Argentina". Und auf deutsch: "Das kann ja noch heiter werden."

Artikel bewerten
3.4 (806 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Ernst Pelzing 11.01.2010
Hallo, Herr Schubert, handelt es sich auf dem Foto um die "Salzwüste von Uyuni" zwischen Bolivien und Chile? Ernst Pelzing
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH