WM 2006 im Ausland Als Stargast in Paraguay

Blond, deutsch und Fußball-Fan: So zieht man in Paraguay schnell die Blicke auf sich. Besonders dann, wenn man beim 1:0 für die Heimat vor Glück einen ganzen Häuserblock zusammenbrüllt - und dem Gastgeber später bei einer WM im Armdrücken doch noch zum Sieg verhilft.

Nadja M.


Lesen Sie auch den ersten Teil der Geschichte. WM 2006 im Ausland: Anstoß am Ende der Welt


Der Schlagbaum zwischen Argentinien und Paraguay ist auch die Grenze zwischen erster und dritter Welt. Auf der einen Seite tolle Gebäude, teure Autos und schicke Wachsoldaten, auf der anderen Seite das genaue Gegenteil. Mit einem uralten Taxi fuhren wir 70 Kilometer bis nach Asuncion - für nur zehn Euro. Es ging vorbei an zerfallenen Hütten Richtung Hauptstadt. Der Fahrer setzte uns dann an einem gewöhnlichen Hotel im Zentrum ab, das ungewöhnlich teuer war.

Scheinbar zahlten wir für den nicht benutzbaren Pool im Hof mit. Egal, wir waren schlapp und müde. Und immerhin: nach zwei Stunden Mittagsschlaf sah ich ein grandioses 4:0 der Spanier gegen die Ukraine auf dem zimmereigenen Fernseher. Dass Tunesien und Saudi-Arabien auch in der Gruppe mitspielen durften (2:2), war dagegen mehr als fragwürdig.

Natürlich war trotzdem wieder ein großer Tag. Deutschland spielte sein zweites Gruppenspiel. Ich putzte mich heraus. Das heißt, ich zog mein Deutschland-Shirt an und wurde in der Innenstadt extrem nervös, als ich feststellte, dass es hier scheinbar keine einzige Fußballkneipe zu geben schien. Meiner Freundin Sylvie ging es ziemlich schlecht. Sie hatte extreme Magenkrämpfe und taperte gekrümmt hinter mir her. Letztendlich fanden wir doch noch ein Cafe, das mit mehreren Fernsehern und einer Großbildleinwand geeignet erschien.

Aufschrei der Erlösung

Es waren sehr wenige Leute im Café und wir fielen nicht sonderlich auf. Zunächst! Das änderte sich aber in der 91. Minute als Oliver Neuville endlich das heiß ersehnte 1:0 ins Tor der Polen donnerte. Glaubt mir: Nicht nur durch Dortmund oder sämtliche Fanmeilen in Deutschland schallte ein Aufschrei der Erlösung. Auch ganz Paraguay - na sagen wir vier, fünf Straßen von Asuncion - hörten meinen Jubel. Ich dachte nur: Nach dieser Aktion bin ich ein bisschen bekannter hier im Zentrum. Alle Gäste der Kneipe kamen jedenfalls nach dem Spiel zum Händeschütteln zu uns. "Mañana Paraguay aqui?", fragten sie mich ganz aufgeregt. Klar würde ich auch am nächsten Tag dort sein - versprochen.

Leider war Sylvie für den Rest des Tages komplett außer Gefecht, und so bummelte ich allein durch das historische Zentrum. Die Leute waren so freundlich, dass ich, entgegen meiner Art, sogar eine Kette für Sylvie und ein Paraguay-Shirt für mich für "mañana" am Straßenstand kaufte. In einem Einkaufszentrum besorgte ich außerdem noch Getränke und ein paar extrem fettige Empañadas. Bei Magenkrämpfen natürlich völlig idiotisch, aber ich fand nichts anderes. Beruhigt schlief ich dann am Abend ein: Deutschland war im Achtelfinale.

Am nächsten Tag lag Sylvie leider total ausgeknockt im Bett. So war ich, zumindest gefühlt, der einzige Tourist in der 1,2-Millionen-Stadt und dazu auch noch blond. Ich fiel wirklich auf. Als ich durch die weder hübsche noch hässliche Stadt schlenderte, grüßten mich die Leute an jeder Straßenecke und sprachen mich auf das Paraguay-Spiel an. Mein Spanisch ist nicht gerade gut, aber wenn ich allein bin, klappt es ganz okay, weil ich einfach drauflos plappere.

Paraguay gegen Schweden

Ich kaufte Essen und Trinken für Sylvie und schaute mir danach die zweite Halbzeit von England gegen Trinidad und Tobago (2-0) in meinen Stammcafé an. Bereits zuvor hatte Ecuador 3-0 gegen Costa Rica gewonnen. Somit war die erste Mannschaft aus Südamerika im Achtelfinale. Die gute Stimmung war zu spüren, denn hier wurde wirklich jedem südamerikanischen Land die Daumen gedrückt.

Ich ging nochmals in unser Hotel und schaute nach meiner Freundin, dann musste ich auch schon losrennen, um noch einen Platz zu bekommen. Mittlerweile waren die Straßen wie leergefegt.

Um 16 Uhr war die Kneipe gerappelt voll und die Stimmung am kochen. Man bot mir, dem blonden Stargast, einen super Platz an und begann recht schnell damit, mich mit Bier abzufüllen. Zur Halbzeit wussten 300 Leute, dass ich "El Aleman" aus Berlin war, wo das Spiel Paraguay gegen Schweden gerade stattfand. Und dass wir vielleicht im Achtelfinale aufeinander treffen würden - was dann natürlich nicht eintraf, da sich Paraguay in der 89. Minute das 0:1 vom Schweden Ljungberg fing. Wüste Beschimpfungen wurden laut. Die jungen Leute verkrafteten das Ausscheiden ihres Teams als erstes und luden mich in eine Karaoke-Bar ein.

Dort wollte wirklich jedes Mädchen - und die sind dort wirklich niedlich - ein Foto mit mir und alle Jungs wollten gegen mich Armdrücken. Da gab es dann doch noch ein 3:2 für Paraguay. Ich war nach eimerweise Bier so gut drauf, dass ich sogar vor 150 Leuten "Máh-Ná-Máh-Ná" ins Karaokemikrofon sang - und echt großen Applaus bekam. Glaube ich zumindest. Denn ich war mittlerweile wirklich sehr betrunken.

Zum Abschied versprachen mir alle, von jetzt an für Deutschland zu sein. Ich schwankte mit hohem Seegang ganz allein durch die leeren, möglicherweise gefährlichen Gassen zurück zum Hotel. Kurz nach 2 Uhr Nachts aß ich noch irgendwo einen Hotdog. Die heißen dort übrigens wirklich "Perro Caliente", also heißer Hund. Dieser Abend war der schönste meiner Fußball-WM. Aber nun mussten wir weiter nach Brasilien - Paraguay war ja ausgeschieden!



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Ernst Pelzing, 11.01.2010
1.
Hallo, Herr Schubert, selbst eine so fußballintensive Umgebung wie die von Ihnen geschilderte bedarf gelegentlich einer kulinarischen Stärkung. Sie sprechen in Ihrem Beitrag von "extrem fettiger Empañada". Was versteht man in Paraguay darunter? Ist der mit "ñ" geschriebene Begriff nicht ggfs. ein Hör- / Schreibfehler? Zumindest in Spanien gibt es nur "empanadas", etwa gekochte oder gebackene Fisch- oder Fleischpastete. Was gab es dort beispielsweise als Nationalgericht zu essen? Gruß Ernst Pelzing
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