WM 2006 im Ausland Gott ist Brasilianer

Grillen und plaudern statt fiebern und jubeln: Die Fußballfans in Brasilien verfolgten das Achtelfinale ihrer Mannschaft bei der WM 2006 eher gelassen. Erst bei Spielende begann für sie der wichtige Teil: die Party danach. Marko Schubert sang, tanzte und trommelte mit - und fühlte sich wie im Paradies.

Marko Schubert/Nadja M.


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Es gibt eben doch kein Paradies auf Erden. Das hatten wir während unserer Reise durch Südamerika schon einige Male gedacht. Wir haben zwar viele traumhafte Orte gesehen, die diesem abgedroschenen Begriff ziemlich nahe kamen, aber irgendetwas hatte den Eindruck dann immer wieder getrübt - Ratten im Zimmer, leichte bis mittelschwere Naturkatastrophen oder tödlich giftige Viecher im Meer.

Und jetzt ging es nach Brasilien. Nach all den schlimmen Storys von Raubüberfällen und Morden an Touristen, die man immer wieder hört, dachten wir, dass man sich dort bestimmt die ganze Zeit über unwohl oder sogar bedroht fühlen würde. Deswegen hatten wir Brasilien ursprünglich überhaupt nicht auf unserem Reiseplan. Aber es war Fußball-WM 2006. Und wir mussten einfach ins Land von Pelé und Ronaldo! Mit eigenen Augen wollte ich die gigantischen, feiernden Massen, die mir aus vergangenen Weltmeisterschaften in Erinnerung geblieben sind sehen.

Klar, ein bisschen Schiss hatten wir schon. Es ging nach Rio de Janeiro, zwar angeblich die schönste Stadt der Welt, aber eben auch eine der gefährlichsten. Unsere Beunruhigung stieg nochmals ein wenig, als wir im Internet-Café sahen, dass sich keines der zuvor angeschriebenen Hotels zurückgemeldet hatte. Wir hatten also keine Unterkunft, als wir uns in die Millionen-Metropole aufmachten. Mit einem Taxi fuhren wir zum Flughafen von Foz de Iguazu in Argentinien. Von dort ging unser Flieger nach Brasilien. Unser Flug hatte ganz schön Verspätung. Das bedeutete, dass wir sogar mitten in der Nacht ohne Bettenbuchung in Brasilien ankommen würden. Am Terminal sahen wir noch das erste Tor im Spiel Brasilien gegen Japan. Das schossen allerdings die kleinen Jungs aus Asien. Au weia!

Im siebten Fußballhimmel

Aber die Stimmung stieg von Minute zu Minute. Endlich im Flugzeug, begrüßten uns äußerst hübsche Stewardessen. Während der Fußball-WM trugen sie stolz das Brasilientrikot - wirklich herzerwärmend. Der Pilot gab dann alle paar Minuten Informationen durch. Allerdings nicht über das Wetter oder die Flughöhe, sondern irgendetwas auf Portugiesisch, das die Maschine jedes Mal gehörig zum schwanken brachte, so sehr jubelten die Passagiere. Beim zweiten Mal haben wir es dann auch kapiert. Insgesamt viermal feierten die Brasilienfans in der Boing 737, Brasilien siegte also 4:1 über Japan. Auch Fußballgenie Ronaldo traf zweimal.

Auf dem Terminal in Rio waren die Menschen dann völlig außer Rand und Band. Es war das letzte Vorrundenspiel, Brasilien hatte sich längst für das Achtelfinale qualifiziert, aber bereits jetzt drehten die Leute durch, als wäre der Cup wieder in der Heimat. Sie drückten uns Dosenbier in die Hand und forderten uns auf, sofort mitzumachen. Der erste, richtige Caipirinha unseres Lebens unter dem Zuckerhut schmeckte dann auch wie das Land - paradiesisch!

Wir hatten uns vorher über Rio im Internet informiert. Von einer Sache wurde von offizieller Seite dringend gewarnt: Am Flughafen sollte man sich auf gar keinen Fall von unbekannten Leuten anquatschen lassen, die sich mit einem das Taxi teilen wollen - auch nicht von anderen Touristen. Man werde dann möglicherweise ausgeraubt oder gar ermordet.

"Final? Alemanha - Brasil"

Am Terminal sprach uns ein sehr netter Kanadier an, ob wir mit ihm die Taxifahrt teilen wollen. Er sah wirklich sehr sympathisch aus - natürlich stiegen wir mit ihm ins Auto. Um es kurz zu machen. Es geschah natürlich überhaupt nichts Schlimmes. Im Gegenteil: wir bekamen das wahrscheinlich beste und preiswerteste Hotel direkt an der Copacabana!

Gleich am zweiten Tag im wirklich traumhaft entspannten Rio spielte Deutschland sein Achtelfinale gegen Schweden. Die Brasilianer interessierten sich übrigens scheinbar überhaupt nicht für die Spiele der anderen Mannschaften - nicht einmal beim Gastgeber schauten sie zu. Bei eigenen Spielen war sofort die Hölle los, ansonsten waren die Kneipen fast leer. Außerdem gab es keinerlei Vor- oder Nachberichterstattung. Es begann gleich nach dem Abpfiff der Spiele (und mit "gleich" meine ich wirklich unmittelbar danach) eine bekannte Telenovela. Immer, nach jedem Spiel. Kein brasilianischer Netzer oder Kerner.

Um 12 Uhr saßen Sylvie und ich deshalb ganz allein am sieben Kilometer langen weißen Sandstrand der Copacabana in einer Strandbar vor einem gigantischen Flachbildschirm. Die beiden Tore von Poldi wurden auch hier in Rio de Janeiro frenetisch gefeiert - von einem einzigen Deutschen im Trikot unserer Fußball Nationalmannschaft: von mir! Ein bisschen hatte ich mir schon das Jubeln von den Brasilianern abgeschaut und übertrieb es sicherlich ein wenig. Das störte hier jedoch niemanden. Viele kamen in Badeshorts und Schlappen herüber und klopften mir auf die Schulter. Einige sprachen uns sofort auf Portugiesisch an und mit dem uns einzig geläufigen Spruch "Final? Alemanha - Brasil!" konnten wir ganz schnell die Herzen der Menschen erobern.

Nach dem Abpfiff: singen, tanzen, trommeln!

In Paraty, 300 Kilometer südlich von Rio, sahen wir das Achtelfinale Brasiliens. Der kleine Fischerort sah aus, als fände die WM hier statt und nicht in München, Frankfurt und Berlin. Alle Straßen waren gelb und grün geschmückt, einige Anwohner hatten sogar ihre Häuser mit kunstvollen Fußballbildern bemalt!

In einer Gasse wurden dann auch gerade die Fernseher aus der Nachbarschaft heraus geschleppt. Sie wurden auf einem kleinen Vorhof aufgestellt, direkt neben dem Grill und dem ziemlich beeindruckenden Tiefkühler, in den gerade kistenweise Bier geladen wurde. Da wir schnell als Touristen zu erkennen waren, auch wenn ich passend zum Ereignis in ein brasilianisches Shirt trug, wurden wir sofort dazu genötigt, das Spiel mit ihnen zusammen zu schauen. Ein Bier nach dem anderen wurde uns in die Hand gedrückt. So haben wir dann zusammen mit der kompletten Nachbarschaft, gut versorgt mit eisigem Gerstengebräu, Gegrilltem und Beilagen, zugesehen, wie Brasilien locker 3:0 gegen Ghana gewann.

Auch hier lernte ich wieder etwas dazu: Sobald der Grill angeschmissen war, interessierte das Fußballspiel eigentlich niemanden mehr so richtig. Fußball war auch hier eher ein soziales Ereignis, als ein sportliches. Alle standen um den Grill oder das Futter herum, redeten miteinander und nur wenn die Stimme des Kommentators doch mal hektisch nach oben ging, wurde ein bisschen herumgeschrien, die Gegenmannschaft verflucht und sich im nächsten Moment wieder seinem Teller gewidmet.

Und noch etwas Lehrreiches: Wenn die Partie abgepfiffen und gewonnen ist - die Brasilianer gewinnen ja nach eigener Einschätzung sowieso jedes Spiel -, kommt das eigentlich Wichtige: Die Party danach! Und feiern konnten die Brasilianer wirklich! Im Endeffekt beendeten wir den Fußballtag damit, dass wir noch drei Stunden nach Abpfiff mit lauter trommelnden, singenden, tanzenden Einheimischen in einem riesigen Umzug durch Paraty liefen. Hey, man wurde hier viel offener für peinliche Auftritte. Ein unvergessliches Fußballerlebnis! Mein Mädel war von da an Fußballfan - Gott ist Brasilianer!

Wirklich alle Brasilianer, die wir nach dem Achtelfinale trafen, sagten zu uns: "Final? Alemanha - Brasil!" - und konnten damit ganz schnell unsere deutschen Herzen erobern.



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Ernst Pelzing, 12.01.2010
1.
Hallo, Herr Schubert, auch hier einige kleine Hinweise zur Namensschreibweise. Der Ausnahmefußballer Pelé schreibt sich wg. des Tons auf dem letzten "e" mit Akzent. Iguazú / Iguaçu für die spanische und portugiesische Schreibweise. Für Paraty ist auch die Schreibweise Parati zulässig. Sie haben hoffentlich nicht die Iguazú- / Iguaçu-Wasserfälle und den dortigen Nationalpark verpasst! Ernst Pelzing
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