WM 2006 im Ausland Abpfiff am Ende der Welt

Die Heiligenfigur wirkte in der 117. Minute: Als Deutschland das Halbfinale gegen Italien verlor, war Marko Schubert der einzige Deutschland-Fan in einem brasilianischen Strandort. An seiner Seite, ein heißblütiger Italiener - mit magischen Kräften.

Marko Schubert/Nadja M.


Lesen Sie auch die ersten drei Teile der Geschichte. Anstoß am Ende der Welt,

Als Stargast in Paraguay und Gott ist Brasilianer


Der kleine Ort Trindade in Brasilien ist der Traum aller Weltreisenden. Warum? Für schmales Geld findet man dort Spitzen-Appartements mit Hängematte direkt am tosenden, türkisfarbenen Meer mit seinen unglaublich schönen Stränden. Umrahmt wird die Kulisse von riesigen Wolken verhangenen Bergen mit satt-grünen tropischen Wäldern.

Wenn schon so fernab der Heimat, ist dies wohl ein perfektes Plätzchen, um sämtliche Viertelfinalspiele der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 zu sehen, dachten wir. Bereits nach einem Tag waren wir in der 300-Seelengemeinde, bekannt wie bunte Hunde und wurden von jedem, mit Handschlag begrüßt. Wir waren die einzigen europäischen Touristen, damit natürlich auch die einzigen Deutschen und ich - wie schon so häufig zuvor -, der Mann mit dem größten Fußball-Sachverstand im Umkreis von 450 Kilometern.

Die Gespräche mit den Einheimischen verliefen im holprigen Englisch-Portugiesisch-Mix in etwa so: "Wo kommt Ihr her? Was macht ihr denn dann hier, wo doch gerade die WM in Deutschland ist? Ach so, die Spiele in Brasilien schauen. Klar, ist ja hier auch viel schöner. Wollt Ihr ein Bier?" Auf Deutsch konnten sie auch etwas sagen: "Poldi, Klosi, Ballacki". Die brasilianischen Fußballreporter hatten an alle deutschen Spielernamen ein "i" dran gehängt. Wahrscheinlich dachten Sie, dass das nicht nur bei Poldi und Schweini so gemacht wird - schon sehr süß.

Der Jubel kannte keine Grenzen

Das grandiose Ausscheiden Englands gegen Portugal sahen wir im Plaza, das war die Kneipe am Busbahnhof (ein einziger Bus fuhr hier einmal täglich in die weite Welt). Natürlich hatten die Leute vor Ort danach einen Grund zum Feiern - der portugiesische Trainer Scolari ist Brasilianer!

Am zweiten Tag war es dann soweit. Deutschland gegen Argentinien. Bereits seit den frühen Morgenstunden war ich fix und fertig - so sehr fieberte ich dem Spiel entgegen. Wir schauten in der einzigen offenen Strand-Bar. Bereits nach wenigen Minuten waren meine Freundin Sylvie und ich von fast der gesamten Dorfgemeinschaft umringt. Es war Mittag. Alle bestaunten meine Badehose und Sylvies Bikini - wir trugen Schwarz-Rot-Gold. Da wir, um unsere Nerven zu beruhigen, schon relativ früh mit der "Ein-Bier-Pro-Tor-Regel" brechen mussten, waren wir um 14 Uhr Ortszeit auch ordentlich in Fußballstimmung. Wir brüllten bei jeder Mini-Chance und der Jubel nach Kloses Tor kannte keine Grenzen.

Erst später erfuhren wir, dass wir die ganze Zeit von einem Chilenen und seiner Freundin heimlich beim Jubeln, Fluchen und Mitbibbern fotografiert worden waren. Das Elfmeterschießen im Berliner Olympiastadion war natürlich gigantisch und jeder Deutsche weiß sicherlich noch, wo er in diesem Augenblick gewesen ist. Ich, gebürtiger Berliner, war in den brasilianischen Ozean gesprungen und brüllte vor Freude gegen die gigantisch tosenden Wellen an. "Gooool de Alemanha!"

Zu Gast bei Chiles Harald Schmidt

Jeder einzelne Gast gratulierte uns persönlich und wir spendierten jedem Anwesenden ein großes kühles Bier. Vielleicht auch deshalb bekamen wir unverzüglich eine Einladung zur Geburtstagsparty der Chilenen, die am Abend in der gleichen Bar stattfinden sollte. Dabei stellte sich dann auch heraus, dass er wohl der chilenische Harald Schmidt, mit einer Primetime Talkrunde und sie, eine im chilenischen Film und Fernsehen bekannte Schauspielerin war. Fotografiert hatten sie uns vor allem deshalb, weil er darüber im chilenischen Fernsehen berichten wollte. Berühmter hätten wir in Deutschland zur WM sicherlich auch nicht werden können. Toll!

Wir haben es uns dann natürlich nicht nehmen lassen, auch das brasilianische Viertelfinale gegen Frankreich am folgenden Tag in Trindade zu gucken, das heißt wir wurden zum großen Grillen und der Siegesparty danach eingeladen. Es war natürlich, wie man sich denken kann, der bisher traurigste Abend in Brasilien, wobei viele bei klarem Verstand später zugaben, dass die "Selesao" - zu deutsch: Auswahl - auch wirklich schlecht gespielt hatte. Wir versuchten, so gut wie es eben ging, zu trösten. Aber was half es, komplett Südamerika war rausgeflogen. Die Menschen lagen sich weinend in den Armen.

Es gab keinen Grund mehr, noch mal in Rio Halt zu machen. Eigentlich hatten wir geplant, die Halbfinalpartys dort zu feiern. Doch ohne Brasilien, das war uns klar, würde unter dem Zuckerhut gar nichts mehr gehen. So ging es in einem 30-Stunden-Ritt in Richtung Norden weiter.

"Du bist eine Scheiße-Italiener"

Im kleinen Örtchen Itaunas (bekannt für die höchsten Sanddünen Brasiliens) fanden wir sofort eine tolle Unterkunft mit großem Pool. Wir wunderten uns nur warum am Eingang auch eine italienische Fahne gehisst war. Beim spannungsvoll erwarteten Halbfinale Deutschland gegen Italien sahen wir warum. Das Hotel gehörte Mauro, einem gebürtigen Sizilianer, der sich zusammen mit seinen Dorfkumpels und nun auch mit uns, das Spiel anschaute. Wir hatten nichts von dem italienischen Fernsehsender gehört, der mit seinen Anschuldigungen den Ausschluss von Thorsten Frings verursacht hatte. Wir wussten nicht, dass gehässige Internetforen in Deutschland zum "Pizza bestellen" während des Halbfinales ausgerufen hatten. Wir vernahmen nicht, dass Italien angeblich vollkommen unberechtigt so weit gekommen war.

Hier in der brasilianischen Bar von Cassio gab es einfach nur ein herzliches Beisammensein. Zunächst allerdings noch strikt getrennt in zwei Fronten: wir im Deutschland-Shirt gegen den Rest. Die Frage, die noch heute ein ganzes Land bewegt: Warum hat Deutschland verloren? Ich kenne die Antwort: Mauro, dessen einziger deutscher Satz "Du bist eine Scheiße-Italiener" war, hatte extra zur Verlängerung noch eine weitere Heiligenfigur vor dem Fernseher aufgebaut. Diese hatte dann in der 117. Minute gewirkt. Das muss sie. Denn Fabio Grosso war der Torschütze. Der spielte bei Palermo - Mauros Lieblingsverein. Unser Hotelier drehte wirklich vollkommen durch. Die ganz große Freude - zumindest für italienische Fans.

Unser Ärger war aber bereits wenige Minuten nach dem Spiel verflogen. Denn der herzerwärmend liebe Mauro sagte uns sofort, dass wir jetzt bis zum Finale bleiben müssten - in der Suite. Ohne Aufpreis, versteht sich. In den nächsten Tagen bekamen wir dann fast stündlich kostenloses Bier, Caipis an den Pool geliefert und fantastisches Essen. "Marko, Sylvie - essen!" rief Mauro ständig und kochen kann das Völkchen vom Stiefel ja bekanntlich. Letztendlich haben wir in diesen Tagen eine neue Freundschaft geschlossen, die halten wird.

Mit Heiligenfiguren zum Titel

Im Spiel um Platz drei gegen Portugal war dann auch das komplette Dorf für "uns". So niedlich: Die Bewohner hatten als Überraschung sogar deutsche Musik aus dem Internet heruntergeladen: Rammstein und Marlene Dietrich - wir lachten uns scheckig. Cassio, der runde extrem offenherzige Barbesitzer, schoss nach den Schweini-Toren sogar riesige Böller für Deutschland in die Luft, die er eigentlich für das Finale von Brasilien aufgespart hatte.

Apropos Knaller: Das war natürlich das Finale Italien gegen Frankreich, das wir nunmehr mit Mauro, einem richtig heißblütigen Sizilianer sahen. Ganz großer Fußball war es ja nicht. Aber genug Aufreger (denken wir nur an die "kopflastige" 110. Minute) gab es allemal. Den WM-Titel hat Italien auch ein bisschen mir zu verdanken, da ich Mauro geraten hatte, einen Extra-Heiligen für den Elfmeterschützen Alessandro Del Piero zu platzieren. Nach dem Sieg stand die Kneipe natürlich Kopf: Freibier, Tanz, Geschrei und Cassio schoss die ganzen restlichen Brasilien-Böller ab.

Als ich richtig einen sitzen hatte, musste ich mir die Schuhe binden, um beim eigenen Fußballspiel Italien gegen Brasilien mitzumachen. Sogar ein Italien-Trikot musste ich dafür tragen. Die Partie auf einem wirklich ansehnlichen Kleinfeld gegen die ballverliebten Kids aus der Umgebung ging ganz gerecht 6:6 aus. Und ich, Klosi (wie sie mich hier alle nannten), war danach fix und fertig aber richtig glücklich. Mit Mauro sprangen wir dann jubelnd in den Pool. Natürlich war dies ein würdiger Abschluss einer schönen, aufregenden, entspannten und lustigen Weltmeisterschaft im Ausland.

Dies ist das Ende meiner Geschichte. Und ich wünsche wirklich jedem, dass er seine eigenen unvergessenen Augenblicke während der WM 2006 hatte. Bei der Stimmung, die in Argentinien, Paraguay und Brasilien per Übertragung zu uns herüber kam, spricht vieles dafür.



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Ernst Pelzing, 12.01.2010
1.
Hallo, Herr Schubert, ich bin Ihren fußballerischen Spuren in Brasilien gefolgt. Dazu einige Fragen/Klärungen mit der Bitte, mich bei meinen Kommentaren nicht für einen Kleinigkeitskrämer zu halten. Der von Ihnen erwähnte Ort Trindade liegt, wenn ich nicht ganz falsch liege, im brasilianischen Bundesstaat Rio de Janeiro; Itaúnas im Bundesstaat Espírito Santo. Sie haben ein gutes Ohr bewiesen bei Ihrem Kommentar zur bras.-port. Aussprache deutscher Namen auf auslautendes "i". Diese Aussprache ist im dortigen Portugiesisch regional der Regelfall. Daher ihre Anwendung auf andere Namen. Es sollte "seleção" für "Auswahl" heißen. Ich gehe davon aus, dass Sie irgendwann trotz Ihres Fan-Einsatzes auf dem Trip auch mal gegessen haben. Haben Sie mal das brasilianische Nationalgericht "feijoada" probiert? Ein Eintopf, meistens aus "feijões", schwarzen Bohnen, bestehend. Ihr mexikanisches Pendant sind die "frijoles". Da Sie Ihre Reisen auch dorthin geführt haben, werden Sie sich daran sicherlich erinnern. Essen hält Leib und Seele zusammen! Ernst Pelzing
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