Letzte WM in Südamerika Argentiniens skandalöser Triumph

Fünf Tore in 50 Minuten: Vieles deutet darauf hin, dass sich bei der WM 1978 Argentinien den Titel ergaunerte. Das Skandal-Turnier war überschattet von Fehlentscheidungen, der Folter-Diktatur des Gastgebers - und der Ignoranz der Deutschen.

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Es sah nicht gut aus für die Männer in Blau-Weiß. Seit einer Viertelstunde rannte die argentinische Nationalelf im heimischen Stadion "Gigante de Arroyito" von Rosario gegen ihre Gegner aus Peru an. Vergeblich: Das Überraschungsteam der Weltmeisterschaft bot an diesem 21. Juni 1978 den Gastgebern tapfer Paroli. Dabei benötigten die Argentinier in den verbleibenden 75 Minuten dieses Spiels mindestens vier eigene Tore bei null Gegentreffern, um noch in das Finale einzuziehen - eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit. Eigentlich.

Wenig später stand es 6:0 für Argentinien.

Denn die Peruaner schalteten in diesem letzten Spiel der damals noch existierenden Zwischenrunde plötzlich drei Gänge runter: keine Grätschen und Sprints mehr, statt Druckspiel nur noch lustlose Pässe. So traf der argentinische Stürmer Mario Kempes in der 21. Minute mühelos zum 1:0, und rund 50 Spielminuten später hatten die Peruaner schon fünf weitere Tore kassiert. Argentinien stand im Finale der Fußball-Weltmeisterschaft. Doch dass sie das allein spielerischer Überlegenheit zu verdanken hatten, schien mehr als zweifelhaft.

Das Turnier von 1978 ist als mysteriöse Skandal-WM in die Fußball-Geschichte eingegangen. Während außerhalb der Stadien in der argentinischen Militärdiktatur Zehntausende Menschen gefoltert und ermordet wurden, erkaufte sich der Gastgeber allem Anschein nach den Weg bis ins Finalspiel. So gilt das Turnier für den argentinischen Journalisten Ezequiel Fernández Moores als "die offensichtlichste politische Manipulation im Sport seit den Olympischen Spielen 1936".

Der Verdacht, der Wettbewerb könnte manipuliert sein, kam schon während des Turniers auf. Im Spiel zwischen Brasilien und Schweden pfiff Schiedsrichter Clive Thomas etwa ab, während der Ball nach einem Eckstoß noch durch die Luft und Sekunden später ins Tornetz rauschte. Im Finale gegen die Niederlande schließlich erreichte der argentinische Mannschaftskapitän Daniel Passarella direkt vor dem Anpfiff, dass der gegnerische Stürmer René van de Kerkhof seinen eingegipsten Arm mit weichem Stoff umwickeln musste - obwohl er schon fünf WM-Spiele mit unverpacktem Gips bestritten hatte. "Er hat bewusst versucht, uns aus unserer Konzentration zu bringen", sagte der Niederländer später über Passarella. Und das argentinische Team von Trainer-Legende César Luis Menotti wurde an diesem Abend mit einem 3:1-Sieg Weltmeister.

Auffällig war aber vor allem das Duell zwischen Argentinien und Peru, und zwar schon in der Ausgangslage: Die entscheidenden Partien ließ Turnierorganisator Argentinien ausgerechnet in der eigenen Gruppe nicht - wie sonst üblich - gleichzeitig austragen, sondern nacheinander. So wusste der Gastgeber nach dem 3:1-Sieg des Erzrivalen Brasilien gegen Polen, dass gegen Peru ein Sieg mit vier Toren Differenz nötig war. Während der größte Erfolg der Argentinier bis dahin ein unspektakuläres 2:0 gegen Polen gewesen war, hatten die Underdogs aus Peru souverän ihre Vorrundengruppe gewonnen und den niederländischen Vizeweltmeistern ein torloses Unentschieden abgetrotzt.

Wie also konnte diese Peruaner gegen Argentinien mit 0:6 untergehen?

Für die Theorie vom erkauften Sieg sprechen mehrere Indizien: So war Perus Torwart Ramón Quiroga, der sechsmal den Ball passieren ließ, gebürtiger Argentinier - was angesichts seiner Leistung zumindest merkwürdig erscheint. Außerdem sollen die argentinischen Spieler während der Partie gedopt gewesen sein, wie unter anderem die Autoren Jimmy Burns und David Yallop behaupten. Der peruanische Ex-Nationalspieler Jaime Duarte erklärte 1998: "Man musste ihnen nur in die Augen sehen. Große, weit aufgerissene Augen."

Zudem berichtete der SPIEGEL kurz nach dem peruanischen 0:6-Debakel über Schiedsrichter Robert Wurtz: "Was irgendwie nach argentinischem Eckball aussah, das pfiff er auch. Bei Zweikämpfen entschied er fast immer für die Einheimischen. Beim vierten Tor übersah er, dass der Torschütze im Abseits stand." Schon in der Vorrunde hatten zwei Rote Karten den Argentiniern beim mühevollen 2:1-Sieg gegen Ungarn geholfen, beim knappen 2:1 gegen Frankreich war es ein fragwürdiger Elfmeter.

Diktatoren-Besuch in der Kabine

Am schwersten aber wiegt der Vorwurf, die argentinische Militärjunta von Diktator Jorge Rafael Videla habe das "Wunder von Rosario" schlichtweg erkauft: mit 50 Millionen Dollar und 35.000 Tonnen Getreide. Abgewickelt habe diesen Deal WM-Organisationschef Jorge Lacoste, schrieb 2001 der britische Investigativautor David Yallop in seinem Buch "How they stole the game". Demnach erhielten drei peruanische Spieler je 20.000 Dollar, um den argentinischen Tor-Reigen zu garantieren. Selbst Perus Torwart Ramón Quiroga erklärte Jahrzehnte später, er sei sicher, "dass mancher etwas genommen hat". Unter Verdacht geriet laut "Süddeutscher Zeitung" vor allem Verteidiger Rodolfo Manzo, der nach dem Turnier nach Argentinien wechselte und den Spitznamen "El Vendido" bekam: der Verkaufte.

Doch das war offenbar noch nicht alles: In der Dokumentation "Wir waren Weltmeister" von Ricardo Gotta berichteten peruanische Spieler von Anrufen ihrer Staatschefs sowie einem Besuch von Diktator Videla und US-Außenminister Henry Kissinger in der Kabine. "Da wurde Druck ausgeübt", sagte Verteidiger José Velazquez später. Vor zwei Jahren erst bestätigte auch der peruanische Ex-Senator Genaro Ledesma illegale Absprachen zwischen Diktator Videla und seinem peruanischen Amtskollegen Francisco Morales Bermúdez: "Videla musste die Weltmeisterschaft gewinnen, um Argentiniens schlechten Ruf in der Welt aufzupolieren", sagte Ledesma.

Tatsächlich nutzte die argentinische Militärjunta ihre Rolle als Turnierorganisator gezielt. Während eine PR-Agentur aus den USA für 1,1 Millionen Dollar das Image des Regimes aufpolierte, fiel kurz vor Turnierbeginn WM-Cheforganisator Omar Actis einem Anschlag zum Opfer - vermutlich, weil er öffentlich über die rapide steigenden Kosten des Turniers in dem wirtschaftlich am Boden liegenden Land gesprochen hatte. Es sollte nicht der einzige Mord während der Spiele bleiben.

Ein Nazi-Offizier im DFB-Trainingslager

Schon seit 1976 folterte Argentiniens Staatschef Videla, der sich nach jahrelangen Kämpfen an die Macht geputscht hatte, das Land: Seine Schergen erschossen, ertränkten und folterten in 340 Konzentrationslagern 30.000 Verdächtige und Andersdenkende zu Tode - die Verantwortlichen beim Fußballweltverband Fifa störte das nicht. Als Videla am 1. Juli 1978 mit erhabener Stimme die WM für eröffnet erklärte, schwenkten Tausende Argentinier Fähnchen, auf denen der Schriftzug "Somos derechos y humanos" zu lesen war: Wir sind rechtschaffen und menschlich.

So spielten die Morde keine Rolle, als Weltmeister Deutschland im Auftaktspiel gegen Polen ein mageres 0:0 ablieferte und wenig später nach der "Schmach von Córdoba" mit einer peinlichen 2:3-Niederlage gegen Österreich ausschied. Auch moralisch zeigten die Deutschen eine dürftige Leistung: Kaum hatte das Team im zentralargentinischen Asochinga Quartier bezogen, empfing DFB-Präsident Hermann Neuberger dort den ins argentinische Exil geflohenen Weltkriegsveteran und Hitler-Verehrer Hans-Ulrich Rudel. "Warum soll ich ihn nicht begrüßen?", erwiderte Bundestrainer Helmut Schön auf kritische Journalistenfragen, "er hat im Krieg Hervorragendes geleistet."

Ähnlich desaströs stand es um das Unrechtsbewusstsein der deutschen Delegation bezüglich ihres Gastgeberlandes. "Belasten tut mich das nicht, dass dort gefoltert wird. Ich habe andere Probleme", sagte etwa Nationalspieler Manfred Kaltz, und sein Teamkapitän Berti Vogts schwärmte über das "Land, in dem Ordnung herrscht. Ich habe keinen einzigen politischen Gefangenen gesehen". DFB-Pressechef Wilfried Gerhardt schließlich erklärte: "Wir fühlen uns nicht dafür zuständig, als Sportverband politische Systeme zu begutachten."

Doch dass Sport und Politik nicht immer so leicht voneinander getrennt werden können, sahen nach der Skandal-WM schließlich sogar die Gastgeber ein: "Mit meinem Wissen von heute kann ich nicht sagen, dass ich stolz auf unseren Sieg wäre", sagte der damalige Stürmer Leopoldo Luque viele Jahre nach dem Turnier. "Im Nachhinein betrachtet hätten wir diese Weltmeisterschaft niemals austragen dürfen."

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insgesamt 57 Beiträge
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Juan Allanos, 28.05.2014
1. Und die Deutschen?
Das 6 - 0 war in der Vorrunde, nicht im Halbfinale wie der Artikel anzudeuten versucht und deutschland hat auch schon ein misteriöses 1 -1 gegen Oesterreich gespielt wo beide wieterkamen und jeder sah dass dieses Spiel geregelt war
Daniel Kau, 28.05.2014
2. Ja sowas
Zum Glück kommt so etwas nur in Militärdiktaturen vor, und auch nur vor 30 oder mehr Jahren. Dass Blatter, Platini, Niersbaum und ihre Sponsoren bei der Telekom und VW hier und jetzt darüber entscheiden, wer Meister wird und die Champions League gewinnt, ist zum Glück nur eine absurde Verschwörungstheorie
Frank Meier, 28.05.2014
3. WM-Sieg unter Folter
Netter Artikel! Wer sich 15 Minuten Zeit nimmt, kann in der WDR-Mediathek den sehr beeindruckenden sport-inside-Film "WM-Sieg unter Folter", zum gleichen Themenkomplex, sehen. Besonders in Erinnerung ist mir dort das Statement von Klaus Fischer geblieben. http://www1.wdr.de/mediathek/video/sendungen/sport_inside/videowmsiegunterfolter100_size-L.html?autostart=true#banner
Jürgen Schmidtmann, 28.05.2014
4. #1 Artikel nicht gelesen?
"... in diesem letzten Spiel der damals noch existierenden Zwischenrunde ..."
Gustav Schröder, 28.05.2014
5. Zwischenrunde
Das alte Spielsystem aus Erster Runde, Zwischenrunde und Finalrunde scheint vielen nicht mehr geläufig zu sein... Auch wenn es kein Halbfinale war, hat dieses letzte Zwischenrundenspiel über den Finaleinzug entschieden!
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