Stadionkatastrophe von Moskau 1982 "Alles lief falsch"

Das Endspielstadion der WM 2018 hat eine dunkle Vorgeschichte: Am 20. Oktober 1982 starben dort mindestens 66 Menschen bei einer Massenpanik - doch dies wurde erst Jahre später bekannt.

imago sportfotodienst

Von


Dass es am Ende wohl ein verlorener Damenschuh war, der die Katastrophe im Moskauer Luschniki-Stadion auslöste, ist nur eine Randnotiz. Aber ist es nicht absurd, dass ausgerechnet ein Schuh die Ursache dafür gewesen sein soll, dass mindestens 66 Menschen bei einem Fußballspiel starben? Dass mindestens 61 zum Teil schwer verletzt wurden und viele Hundert vermutlich den Rest ihres Lebens traumatisiert sein werden? Ein Schuh. 66 Tote.

Am 20. Oktober 1982 empfing in diesem gewaltigen Betonkessel - heute längst modernisiert, von der Fifa mit allen Lorbeeren versehen und am Sonntag Austragungsort des Endspiels der Weltmeisterschaft - Gastgeber Spartak Moskau die Niederländer vom HFC Haarlem zum Rückspiel der zweiten Runde im Uefa-Cup. In der ersten Runde hatte Spartak überraschend den FC Arsenal aus dem Wettbewerb geworfen und nach dem 5:1 im Hinspiel standen die Russen schon fast in der dritten Runde.

Es war, selbst für Moskauer Verhältnisse, bitterkalt an diesem Oktoberabend in der damals noch Zentrales Lenin-Stadion genannten Anlage. Als die Partie um 19 Uhr Ortszeit begann, wurden minus zehn Grad gemessen, auf den Rängen lag Schnee. Die Gastgeber sollen noch um eine Verlegung des Spiels gebeten haben, aber der strenge Terminplan der Uefa verhinderte eine kurzfristige Absage. Von 82.000 verfügbaren Tickets hatte Spartak nur 16.500 verkauft. Um die Fans besser unter Kontrolle zu haben, entschieden sich die Verantwortlichen, nur zwei Blöcke zu öffnen. Allein in der Ostkurve fanden sich 12.000 Fans ein.

Fotostrecke

20  Bilder
Fußballgeschichte: Die schlimmsten Stadionkatastrophen

In der 16. Minute gelang Mittelfeldspieler Edgar Gess das 1:0 für den Gastgeber. Auf den Rängen vertrieben sich die Zuschauer die Zeit mit Schneeballschlachten und Wodka trinken. Verschiedene Augenzeugen werden später von Handgemengen berichten, doch eine handfeste Massenkeilerei wurde vermutlich schon durch die Eiseskälte verhindert. In der Schlussviertelstunde verließen immer mehr Zuschauer das Stadion. Spartak würde sich den Einzug in die nächste Runde nicht mehr nehmen lassen. Ein ganz normales Europapokalspiel. Bis ein Schuh eine verhängnisvolle Kettenreaktion auslöste.

Angelockt von Geschrei

Augenzeugen berichteten später von einer jungen Frau, die den Schuh auf dem Weg aus dem Block verlor, stoppte und im dichten Gedränge danach suchte. Andere Fans halfen dabei. Menschen stießen auf Menschen und weil Ausweichmöglichkeiten fehlten, entstand Panik. Das zusammengepresste Menschenknäuel ließ metallene Absperrungen und Wellenbrecher umknicken wie Streichhölzer, das Durcheinander aus Körpern entfaltete eine zerstörerische Kraft.

Fast zeitgleich schoss Sergei Schwezow, ein bulliger Verteidiger, das 2:0 für Spartak. Zuschauer, die bereits das Stadion verlassen hatten, eilten angelockt vom Geschrei zurück und verschärften die katastrophale Lage. Menschen schrien um Hilfe, bis sie nicht mehr schreien konnten. Andere, wie der spätere Tennisprofi Andrej Tschesnokow, konnten sich mit Müh und Not retten. Viele Jahre später erinnerte sich Tschesnokow an diese Minuten:

"Als das 2:0 fiel, lief alles falsch. Auf den glatten Treppen gab es Stürze; jeder fiel über jeden. Es war ein Dominoeffekt. Man kam nicht weg, das Stahlgeländer bog sich unter dem Gewicht der Menschen. Sie wurden einfach zu Tode gequetscht. Ich war auch eingeklemmt, aber ich schaffte es wegzukommen, indem ich über das Geländer sprang. Ich gelang in Sicherheit mitten durch eine Reihe von Körpern. Die meisten waren tot, einige streckten mir ihre Hände entgegen, um gerettet zu werden, aber sie steckten unter einem Menschenhaufen fest. Ich schaffte es, einen Jungen rauszukriegen und ihn zu einem Krankenwagen zu bringen. Aber sie konnten nichts mehr für ihn tun, er war tot. Unten sah ich Reihen von Körpern. Ich alleine sah mehr als hundert in dieser Nacht."

Während die Spieler nichtsahnend in der Kabine saßen, schleppten oben auf der Tribüne Helfer die ersten Leichen aus dem Stadion. 66 sollten es am Ende sein, die man in Reihen nebeneinanderlegte. Dutzende Schwerverletzte wurden in dieser Nacht in den umliegenden Krankenhäusern behandelt. Eine schlimmere Katastrophe hatte der russische Fußball noch nicht erlebt.

Nur eine kurze Notiz in der Presse

Am nächsten Tag berichtete die Moskauer Tageszeitung "Wetschernjaja Moskwa" dies: "Am 20. Oktober 1982, nach dem Fußball im Zentralen Lenin-Stadion, hat es einen Unfall gegeben, als Zuschauer das Stadion verlassen wollten. Es gab Opfer. Eine Untersuchung der Umstände ist im Gange." Mehr nicht. Mitteleuropäische Medien berichteten auf Grundlage dieser kurzen Notiz, konnten sich aber nicht einigen, ob der Originalwortlaut bedeutete, dass es außer Verletzten auch Tote gab.

Die sowjetischen Machthaber entschieden sich dafür, keine weiterführenden Berichte über die Hintergründe der Katastrophe zu publizieren. Und nährten damit abenteuerliche Gerüchte und gefährliches Halbwissen. Die Opfer vom 20. Oktober 1982 wurden totgeschwiegen.

Bei einer Massenpanik im Sheffielder Hillsborough-Stadion starben am 15. April 1989 96 Menschen. Die sowjetische Zeitung "Sowetski Sport" veröffentlichte drei Tage später eine Liste der schlimmsten Unfälle bei Fußballspielen - und nannte auch die Vorfälle vom 20. Oktober. Drei Monate später erschien in derselben Zeitung ein längerer Artikel mit dem Titel "Das dunkle Geheimnis von Luschniki". Wie sich später herausstellte, enthielt der Text kleinere und größere Fehlinformationen. Dass sich aber überhaupt ein Medium wagte, das Unglück zu erwähnen, war eine Sensation.

Weltweit zitierten andere Medien aus dem Artikel. Fluch und Segen: Denn endlich bekam das Drama einen Namen, wurden die Toten und Verletzten international wahrgenommen, doch in Kombination mit der jahrelang staatlich angeordneten Verschlusssache und den inhaltlichen wie journalistischen Fehlern, entstand ein diffuses Bild von den tatsächlichen Vorgängen.

Zwei Wochen später gestand "Sowetski Sport" eine Vielzahl von Fehlern ein, doch die Gerüchte waren bereits in der Welt: Angeblich sollen es bis zu 350 Tote gewesen sein. Angeblich kümmerten sich Angehörige des Militärs nicht um die in Todesangst schreienden Fußballfans. Angeblich waren Auseinandersetzungen zwischen Hooligans die Ursache. Angeblich verscharrte man die meisten Leichen in einem anonymen Massengrab und zwang die Angehörigen dazu, die wahren Hintergründe für sich zu behalten.

Ein kaum beachtetes Interview

Eine so große Katastrophe braucht unschuldige Opfer, gewissenlose Täter und selbstlose Helden. Die Wahrheit ist meist zweitrangig, sie lässt sich bei einem solchen Vorfall vielleicht auch nicht minutiös aufarbeiten. Die Stadionkatastrophe von Moskau gilt bis heute nicht nur als Folge fataler Fehlentscheidungen bei einer Sportveranstaltung, sondern vor allem als Schurkenstück der sowjetischen Machthaber.

Und doch waren es wohl Fehler, wie sie auch in Hillsborough, Jahre später bei der Loveparade in Duisburg oder anderswo gemacht wurden: fehlende Fluchtwege, viel zu wenige Ein- und Ausgänge, fehlendes Notfallwissen der Sicherheits- und Rettungskräfte - viele kleine und große Versäumnisse, die in einer dicht gedrängten Menschenmasse Panik auslösten und ins Unglück führten.

Am 20. Juli 1989 veröffentlichte die sowjetische Zeitung "Iswestia" ein erstaunlich offenes Interview mit dem für das Stadion zuständigen Ermittler Alexander Speyer. Dieser berichtete von 150 befragten Zeugen, den offiziellen Opferzahlen (66 Tote, 61 Verletzte) und der Verurteilung des Stadionmanagers, des Stadiondirektors und des für die Ost-Kurve zuständigen Polizei-Chefs zu jeweils drei Jahren Lagerhaft. Allerdings habe, wie die Zeitung auch schrieb, keiner die volle Strafe abgesessen. Der Direktor erlitt einen Herzinfarkt, die Strafe des Managers wurde später halbiert und der Polizeichef freigesprochen, weil er sich bei Rettungsversuchen selbst schwer verletzt habe.

Unklar bleibt, ob die Aufarbeitung tatsächlich so stattgefunden hatte oder das Interview nur den Spekulationen nach dem "Sowetski Sport"-Artikel Wind aus den Segeln nehmen sollte. In den internationalen Medien fand es kaum Beachtung.

1992, am zehnten Jahrestag der Katastrophe, wurde neben dem Stadion ein Denkmal für die Toten enthüllt. 2007, 25 Jahre nach dem tragischen Ende des Europapokalspiels zwischen einer russischen und einer niederländischen Mannschaft, trafen sich die ehemaligen Spieler von Spartak Moskau und HFC Haarlem zu einem Benefizspiel. Organisiert hatte das der Niederländer Guus Hiddink, von 2006 bis 2010 russischer Nationaltrainer. Im Rahmen des WM-Endspiels von 2018 ist keine besondere Veranstaltung geplant.



insgesamt 6 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Jens Schumacher, 13.07.2018
1.
"Alles lief schief" - das ist offensichtlich die SPON-Botschaft für das Fussball-WM-Endspiel an den Leser. Wer braucht nur diese Negativ-Botschaft ?
Oliver Völckers, 13.07.2018
2. Wo sind die Fakten?
Mindestens 66 Menschen starben, heißt es in der Überschrift. Als Beleg dafür gibt es dann nur einen sowjetischen Zeitungsbericht aus der Umbruchzeit 1989, etwas mager. Dass die Sowjet-Pressezensur das Unglück im Jahre 1982 vertuschen wollte, dürfte klar sein, aber deshalb müssen dramatischere Opferzahlen nicht zwangsläufig stimmen. Was den Zustand heute angeht, dürften die Sicherheitsstandards in den meisten Ländern der Welt wesentlich besser geworden sein. Es gibt offensichtlich einen Mangel an schlechten Nachrichten über die heutige Fußball-Weltmeisterschaft.
Marcus Krug, 13.07.2018
3. Aber nicht doch!
Muss das sein? Was für eine Art von Journalismus ist das? Wer braucht so einen Artikel? Fragen über Fragen. Jetzt mal ehrlich lieber Spiegel, versuchen wir jetzt die Bild-Zeitung zu übertrumpfen? Das muss doch nun wirklich nicht sein. Spiel, Spaß und Spannung kann man auch anders erzeugen. Na, lief ja ganz gut bei der WM dieses Jahr, für die Russen. Sind ziemlich weit gekommen, keine Skandale. Da muss sich doch was finden lassen. Ach ja, klar doch! Ne Katastrophe von vor fast sechsunddreißig Jahren. Vertuschung, Kommunisten, Russen, alles drin. Das kommt bestimmt gut an. Da schreiben wir mal was zusammen. Gesagt, getan. Hätte aber nicht sein müssen. zumal die Beweislage recht dünn ist. Der einzige Bericht ist auch schon fast dreißig Jahre alt, und von russischen Kommunisten verfasst worden. Großartig! Ganz großes Kino!
Mituta Kopfweh, 13.07.2018
4.
Na, auf BILDniveau bewegen sich hier höchstens die Kommentare. Dünne Beweislage? Dramatischere Opferzahlen? Ich finde spontan mehrere Artikel (der älteste ist 18 Jahre alt), die sich auf dieses Ereignis beziehen. In Stichproben ist übereinstimmend von offiziell 66 Toten und inoffiziell sogar 340 Toten die Rede. Zudem wird mit Andrei Tschesnokow jeweils ein Augenzeuge zitiert. Mit der selben Argumentation könnten Sie auch die 96 Toten der Hillsborough Katastrophe anzweifeln, also warum so angefasst?
Egon Eiermann, 14.07.2018
5.
Böser Spiegel, schreibt mal wieder etwas, was unsere Putinfans nicht lesen wollen. Wäre das Endspiel in Heysel oder Sheffield würde genauso über die Geschichte des Stadions berichtet. Dieses ewige Wehklagen über die angeblich negative Berichte über Russland nervt gewaltig, aber dahinter ist ja eine klare rechte Politik zu erkennen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.