WM-Held Gerd Müller "... und dann war der Ball drin"

Das Finale spielen bei dieser WM andere, und das ist auch ganz okay. Was einem niemand nehmen kann, sind seine Tore: Gerd Müller, der beste deutsche Stürmer seiner Generation. 20 Anekdoten über den Bomber.

imago/ Horstmüller

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1.

Stürmer werden meist in Zahlen gemessen. Das Problem beim "Gerdchen", wie Gerd Müllers Trainer Dettmar Cramer ihn einst nannte: Der Mann hat so viele Tore gemacht, dass er damit die Statistiker verwirrte. Worin sich alle einig sind: Müller schoss 365 Tore in 427 Bundesligaspielen. In 62 Länderspielen schaffte er 68 Treffer und unglaubliche 14 bei nur zwei WM-Teilnahmen. Für seinen FC Bayern soll "der Quadratische", so sein anfänglicher Spitzname beim FC Bayern, 398 Tore geschossen haben - davon 33 im Jahr 1964, als der FC Bayern noch in der Regionalliga spielte. Sämtliche Wettbewerbe und Spiele seiner langen Karriere zusammen genommen schwankt die Zahl der Müller-Tore aber zwischen 1289 und 1335.

2.

Als seinen wichtigsten Treffer benannte Müller stets das 2:1 im WM-Finale 1974 gegen die Niederlande. Wie es zum Tor kurz vor der Pause kam, erklärte er der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" 2002 im Detail:

"Ich gehe zwei Meter nach vorne, und da sehe ich schon, wie die drei Holländer in der Abwehr mit mir mitgehen. Der Ball springt mir zuerst an den linken Fuß und von dort auf den rechten. Das war mein Glück. Und ich habe dann halt schneller reagiert als die anderen. Dann habe ich mich ganz schnell gedreht, einfach draufgehalten, und dann war der Ball drin. Ich habe den Ball gar nicht richtig getroffen, zum Glück. Denn wenn ich ihn voll mit dem Spann erwischt hätte, dann wäre er nicht so weit ins lange Eck gegangen, dann wäre er mehr in die Mitte des Tores gegangen, vielleicht direkt auf den Torwart."

3.

Müller gelang in diesem Endspiel sogar noch ein Treffer, doch Schiedsrichter Jack Taylor aus England entschied in der 59. Minute auf Abseits. Eine Fehlentscheidung, wie der britische WM-Film "Heading for Glory" kurz nach der WM bewies: Noch hinter Müller befand sich zum Zeitpunkt des Torschusses Gegenspieler Wim Rijsbergen. Schiri Taylor urteilte nach dem Film: "Ich habe mich geirrt."

4.

Viele haben versucht, das Phänomen Müller zu erklären - besonders anschaulich tat das einst Franz Beckenbauer: "Wie oft habe ich im Training zu 'Katsche' Schwarzenbeck gesagt: 'So, jetzt hau'n wir ihn um. Und was war? Eine Drehung, noch eine, und Katsche und ich haben auf dem Arsch gesessen. Und der Gerd war weg.'"

5.

Zu seinem Torinstinkt befragt, gab Müller selbst zu Protokoll: "Wenn's denkst ist eh zu spät." Wie reaktionsschnell er war, erzählte Zimmernachbar Beckenbauer in seinem Buch "Einer wie ich" (1981). Müller saß demnach an seinem ersten Tag bei den Bayern neben Beckenbauer beim Essen: "Ich versuchte, über meiner Suppe eine besonders hartnäckige Fliege zu verscheuchen. Es half nichts. Neben mir saß Gerd Müller. Er sagte nach einer Weile: 'Lass mal.' Dann sah er der Fliege aufmerksam zu. Als sie wieder über meinem Teller tanzte, schoss seine Hand blitzartig nach vorn. Dann öffnet er sie und griente: Darin lag die tote Fliege."

6.

Nach jener Fliegenfängerszene machte Müller erstmals Erfahrung mit seinem neuen Trainer, dem Jugoslawen Zlatko "Tschik" Cajkovski, der ihm seinen vielleicht bekanntesten Beinamen verpasste. Wiederum Beckenbauer in "Einer wie ich": "Als Gerd sich noch einen zweiten Teller Suppe holen wollte, zog Tschik ihm den Teller weg: 'Sie nix essen, Sie nicht Beckenbauer, Sie dickes, kleines Müller, das nicht sehen kann Ball, wenn liegt unter Bauch!'" Nach dreiwöchiger Spezialdiät wog Müller zwölf Kilo weniger.

7.

Dass Müller 1964 zu den Bayern wechselte, hat der Verein der Legende nach dem Friseurmeister Alex Kotter zu verdanken. Der berichtete Bayern-Präsident Wilhelm Neudecker von einem 17-Jährigen mit dicken Oberschenkeln, der gerade dabei war, seinen TSV Nördlingen mit 45 Toren in die 4. Liga zu schießen. Auch der FC Augsburg nahm losen Kontakt auf, meldete sich dann aber nicht mehr. Müllers Lieblingsverein, der 1. FC Nürnberg, gab dem Jüngling mit der Begründung einen Korb, man hätte bereits zwei Spieler mit seinem Nachnamen im Kader. Am 10. August 1964 meldete sich ein Vertreter vom TSV 1860 an. Noch etwas früher tauchte jedoch Bayern-Geschäftsführer Walter Fembeck auf, ließ Mama Müller einen Vertrag über 4400 Mark Ablöse und 5000 Mark Handgeld unterschreiben. Dann verschwand er durch die Hintertür und wartete in einem gegenüberliegenden Café, bis Familie Müller den 1860-Vertreter enttäuscht nach Hause geschickt hatte.

8.

Gleich nach der Vertragsunterzeichnung ließ sich der Weber-Lehrling Müller von einem Kollegen zu einem zeitgleich stattfindenden Firmenpokalfinale bringen, wurde beim Stand von 1:1 zur zweiten Halbzeit eingewechselt und schoss noch drei Tore zum 4:1-Endergebnis.

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Wunderstürmer: "Kleines dickes Müller"

9.

In nur fünf Jahren schoss Müller den FC Bayern in die Bundesliga (1965), gewann den DFB-Pokal (1966), wurde zweimal Torschützenkönig und "Fußballer des Jahres" (1967 und 1969), holte den Europapokal der Pokalsieger (1967) und das Double aus Meisterschaft und Pokalsieg (1969). Etwas weniger glorreich verlief Müllers Karriere als Schlagersänger. Eine erste Single mit dem Titel "Raba-Da-Da" und "Nur jetzt nicht weinen" floppte. 1969 überredete ein Musikproduzent Müller zu einem neuen Anlauf und der verkündete tapfer: "Ich will es nochmal versuchen und Lieder singen, die mehr meinem Ruf als Torjäger gerecht werden." Was gelang. "Dann macht es Bumm" (Auf der B-Seite: "Wenn das runde Leder rollt") wurde zwar auch kein Welthit, blieb aber unvergessen.

10.

So ging es weiter, wie Müllers selbsterklärende Diskografie zeigt:

"Das gibt ein Schützenfest / Bleib am Ball" (1969)

"Tooore!! - Harry Valérien im Gespräch mit Gerd Müller" (1970)

"Das gibt ein Schützenfest" (1974)

11.

Gleich in seiner ersten Bundesligasaison hatte Müller eindrucksvoll seine Fähigkeiten als Torhüter bewiesen. Gegen den HSV schoss er zunächst das 1:0, ging nach einer Verletzung von Torwart Sepp Maier zwischen die Pfosten, blieb fehlerfrei - und übergab später wieder an Maier. Endstand: 4:0.

12.

Höchste Abwehrkunst in jenen Jahren: Gerd Müller am Tore-Schießen zu hindern. Dem Österreicher Norbert Hof gelang das im WM-Qualifikationsspiel 1969 ganze 88 Minuten lang - ehe Müller doch noch das entscheidende 1:0 schoss. Der Hamburger SV lud Hof daraufhin zum Probetraining ein und verpflichtete ihn für eine Saison.

13.

Seine zehn Tore in sechs Spielen der WM 1970 katapultierten den heimischen Kartoffelsalat-Liebhaber in den Superstar-Himmel. Eine Illustrierte bot Müllers Gattin Uschi schon während des Turniers für 15.000 Mark einen Freiflug nach Mexiko an - inklusive eines Rendezvous mit ihrem "Bumser der Nation" (Stern). Doch der Stürmer legte laut SPIEGEL sein Veto ein: "Bleib zu Hause und fahr unseren Porsche ein."

14.

Nach einem erfolglosen Versuch von Feyenoord Rotterdam versuchte im Juli 1973 der FC Barcelona, Müller aus München abzuwerben. Die Spanier boten drei Millionen Mark Ablöse und die gleiche Summe als Gehalt. Der Wechsel scheiterte, weil der DFB Müller eine Sperre für die WM 1974 androhte. Müller gehorchte, schrieb aber in einem offenen Brief: "Ich respektiere die Entscheidung des DFB. Meine persönliche Meinung dazu ist, dass ich entsprechend des deutschen Grundgesetzes den Standpunkt vertrete, dass jeder Mensch in der Bundesrepublik das Recht der freien Berufswahl hat."

15.

Nach der historischen 0:1-Niederlage gegen die DDR bei der WM 1974 soll Kapitän Beckenbauer nachts beim zerknirschten Bundestrainer Helmut Schön vorstellig geworden sein, um ihn von taktischen Veränderungen zu überzeugen. Alles Schmarrn, verkündete der "Kaiser" 1992 und erzählte der "Bild"-Zeitung die vermeintlich wahre Geschichte. Demnach habe Müller bei einer ins Zimmer geschmuggelten Flasche Rotwein den zaudernden Beckenbauer überredet, das Gespräch mit Schön zu suchen.

Müller: "So werden wir nie Weltmeister! Du siehst doch, dass einige nicht mitziehen. Der Hoeneß rennt nur nach vorn und tut nix für die Abwehr. Der Bonhof rennt sich im Training seit Tagen die Lunge aus dem Leib, darf aber nicht spielen, dafür dieser Cullmann. Sag's dem Langen." Das habe Beckenbauer dann getan. Trainer Schön ließ beim nächsten Spiel gegen Jugoslawien tatsächlich Hoeneß und Cullmann draußen und brachte für sie Bonhof und Wimmer. Deutschland gewann 2:0.

16.

Eine weitere Legende besagt, Müller habe sein Karriereende in der Nationalelf während der Titelfeierlichkeiten verkündet, weil die DFB-Offiziellen den Spielerfrauen den Zutritt zum Bankett verweigerten. Auch falsch. Die Bankett-Peinlichkeiten motivierten Müller lediglich, seine Entscheidung bereits in jener Nacht öffentlich zu machen. Gefallen war diese bereits ein Vierteljahr vor der WM, drei Tage vor dem Endspiel hatte Müller seinen Trainer davon unterrichtet. In einem Interview viele Jahre später erklärte er: "Ich wollte einfach nicht mehr. Mit Bayern habe ich jedes Jahr mehr als hundert Spiele gemacht. Ich war nie daheim. Wenn ich heimkam, fragte meine kleine Tochter: 'Ist der Onkel heute wieder da?'"

17.

Beim FC Bayern verpasste Müller aber den richtigen Zeitpunkt zum Absprung. Bereits der Weggang von Beckenbauer 1977 bedeutete einen erheblichen Umbruch. Müller genoss unter Bayern-Trainer Gyula Lóránt zwar noch den Status des alternden Weltstars, doch unter dessen Nachfolger Pál Csernai änderte sich das. Im Spiel gegen Eintracht Frankfurt am 3. Februar 1979 wurde Müller kurz vor Schluss ausgewechselt. Für den sensiblen Star eine Majestätsbeleidigung: "Dieser Nichtskönner, dieses kleine Licht. Für mich ist Csernai gestorben." Tief gekränkt reichte Müller seine Kündigung ein und erklärte seinen Rücktritt und nahm kurz danach ein Angebot aus den USA an.

18.

Bei den Fort Lauderdale Strikers ("Welcome, Mr. Bomber!") verdiente Müller 200.000 Dollar pro Jahr und spielte an der Seite anderer ausgedienter Helden wie George Best oder Teófilo Cubillas, dem "Pelé von Peru". Während Best nicht selten angetrunken oder in weiblicher Begleitung zum Training erschien und sich ständig über Müllers kurze Beine lustig machte, lebte der sich langsam ein. Er gewöhnte sich gar an Cheerleader und zeigte bald einstudierte Jubeltänzchen mit Sturmkollege Cubillas. Doch als 1981 der deutsche Trainer Eckhard Krautzun übernahm, hatte Müller ("Der ist ein gnadenloser Schleifer!") keine Lust mehr. Gemeinsam mit seiner Frau und einem befreundeten Ehepaar eröffnete er das "Ambry-Restaurant". Gattin Uschi schwärmte über die deutsche Köchin Hanni Huber: "Den Sauerbraten von ihr gibt's nirgendwo in München". Ihr Ehemann spielte den Grußonkel für Touristen. 1984 verließen die Müllers Amerika. Das "Ambry" gibt es bis heute. Spezialitäten: Schweinebraten (18,95 Dollar) und natürlich Sauerbraten (18,95).

19.

In München wurde Müller schnell langweilig, aus sehr frühen Feierabendbieren entwickelte sich eine Alkoholkrankheit. Anfang der Neunziger tauchte er regelmäßig betrunken auf dem Münchener Trainingsgelände auf. Auf Anraten von Uli Hoeneß und Beckenbauer ging Müller, dessen Ehe zu scheitern drohte, in den Entzug - mit Erfolg. Seinen Sieg über die Alkoholsucht bezeichnete er später als "den größten Erfolg meiner Karriere".

20.

Nach seiner Rückkehr feierte Müller eine neue Karriere beim FC Bayern - als erfolgreicher Co-Trainer der zweiten Mannschaft unter Hermann Gerland. Der erzählte dem Bayerischen Rundfunk für eine Doku anlässlich Müllers 70. Geburtstag die schöne Anekdote, wie er Müller einst durch Bochum führte und nirgendwo die Zeche blechen musste. "Er dachte wirklich, dass wir nicht zahlen mussten, weil ich aus Bochum komme", berichtete Gerland. "Da sagte ich ihm: 'Bomber, ich muss hier immer zahlen. Die wollen kein Geld, weil du hier bist.'"



insgesamt 5 Beiträge
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Chris H Breitzler, 12.07.2018
1.
Sehr schöne Analyse als Ergänzung zu den sehr schönen Anekdoten hier: https://spielverlagerung.de/2013/12/23/turchen-23-gerd-muller/
günter scmidt, 12.07.2018
2. The Greatest !!
Für mich als damals 7-jähriger Steppke bei der WM in Mexico und danach 1972 bei dem EM-Endspiel in Brüssel gg.die UDSSR war es nur logisch und ganz normal das Gerd Müller Tore wie am Fließband machte,dann die Krönung 1974 Weltmeister im eigenen Land. Erst später wurde mir klar das es nicht selbstverständlich ist,was G.Müller da geleistet hat. Für mich der größte deutsche Fußballer aller Zeiten.
Richard Jas, 12.07.2018
3. einfach der beste
Tormacher aller Zeiten.Ich war nie Bayernfan,aber immer Müllerfan.Ich bin alt genug um ihn erlebt zu haben und konnte nie die lächerlichen Sprüche in den 70ern vonwegen Abstauber hören.Reine Neidhammel waren diese Schwätzer.Seine Art die Tore zu machen war absolut einmalig,man konnte es oft kaum sehen bzw. seine Annahme des Balls war schon irgendwie gleichzeitig das Tor.Schneller gings nicht.
Horst Jungsbluth, 13.07.2018
4. Ein unerklärliches Phänomen
Trotz seiner schier unglaublichen Erfolge und trotz der Tatsache, dass Gerd Müller bei den weltbesten Abwehrspielern und Torhütern Panik auslöste, wurde er hier im eigenen Land nicht selten als "Antifußballer" diffamiert. Ich glaube, viele wären froh, wenn der DFB bei der laufenden WM in Russland einen solchen "Antifußballer" zur Verfügung hätte.
Bernie59, 17.07.2018
5. Einfach
Ganz einfach, da war der Ball drin. Komisch, und das ohne selbst mitgebrachten Friseur. Bei mir spielt Gerd Müller immer noch im Herzen Fussball. Was für eine schöne Zeit. Auf solche Leute konnte man sich, was das Qualitätsniveau betraf, zu 100% verlassen.
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