WM-Skandale Spucken, pöbeln, prügeln

WM-Skandale: Spucken, pöbeln, prügeln Fotos
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Spieler beschimpfen den Trainer als "Suppenkasper" oder "Weichei", auf dem Platz agieren sie als Lamas: Jedes große Fußballturnier hat seine Skandale. Das rüde Verbalfoul des Franzosen Nicolas Anelka gegen seinen Coach ist da nur der neueste Eklat. einestages erinnert an die spektakulärsten Fälle. Von

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Keine Sauftour, keine Sexaffäre, kein Ausraster: Früher reichte schon eine einfache Zitrusfrucht für einen handfesten Eklat. Bei der Fußball-WM in Italien 1934 genehmigte sich Stürmer Sigmund Haringer nach dem 5:2-Kantersieg der Deutschen gegen Belgien eine Apfelsine. Damit war für den deutschen Nationalspieler die Weltmeisterschaft abrupt beendet. Denn sein Chef, "Reichstrainer" Otto Nerz, war nicht nur ein linientreuer Nazi mit militärischen Trainingsmethoden, sondern gleichzeitig ein ausgebildeter Arzt mit recht bizarren Ansichten.

Zu viele Apfelsinen, so glaubte Nerz, seien Teufelszeug für Sportler, weil sie die Leistung minderten. Um die Mannschaft optimal auf die italienische Gluthitze einzustellen, gestattete der Trainer seinen Spielern daher täglich nur ein Glas Orangensaft - und vertraute ansonsten lieber auf warme Milch als Fitmacher. Sigmund Haringer hatte seiner Meinung nach also eine Disziplinlosigkeit begannen. Es kam zum Streit. Haringer reiste heim - ob er ausschließlich wegen der Apfelsine gefeuert wurde oder auch abreiste, weil er sich krank fühlte, ist bis heute umstritten.

Gegen die rauen Sitten die heute mitunter auf dem Spielfeld herrschen, ist die Episode von der WM 1934 schon beinahe niedlich. "Va te faire enculer, sale fils de pute!" ("Fick dich in den Arsch, dreckiger Hurensohn") hatte der französische Stürmerstar Nicolas Anelka vor wenigen Tagen seinem Teamchef Raymond Domenech wütend entgegengeschleudert, als der seine Leistung im Spiel gegen Mexiko kritisiert hatte. Anelka ahnte wohl nicht, dass er mit dieser obszönen Verbalattacke eine veritable Staatskrise auslösen würde.

"Moralisches Desaster"

Denn nach seinem Rausschmiss solidarisierte sich die Mannschaft mit dem Enfant terrible des französischen Fußballs, der schon früher durch Entgleisungen aufgefallen war. Die Spieler probten die Revolution, blieben dem Training fern und kassierten auch beim letzten Vorrundenspiel gegen Südafrika eine peinliche 1:2-Schlappe. Schon vor dem blamablen WM-Aus als Tabellenletzter in der Gruppe A hatten französische Spitzenpolitiker die Posse um Anelka und den Boykott als "erbärmliches Schauspiel" und "moralisches Desaster" kritisiert. Nicht wenige sahen in dem Egoismus der Spieler, der Zerrissenheit der Mannschaft und der Arroganz des Trainers gar ein Spiegelbild der französischen Gesellschaft.

Mit dieser politischen Dimension ist der Eklat um die einst so glorreiche Equipe Tricolore sicherlich ein Novum bei einer WM. Aber auch in der Vergangenheit gab es immer wieder Skandale oder völlig überraschende Rauswürfe weltbekannter Fußballer, die tagelang die Medien elektrisierten und den eigentlichen Wettkampf auf dem Fußballfeld aus den Schlagzeilen verdrängten. Und, vielleicht ein wenig überraschend: Die als bieder geltenden Deutschen standen nicht selten im Mittelpunkt dieser kuriosen WM-Anekdoten und Skandälchen - als Spieler und als Trainer.

So ist nach dem Jubel über den deutschen WM-Sieg 1974 heute nahezu in Vergessenheit geraten, dass damals hinter der scheinbar harmonischen Kulisse der später so erfolgreichen Mannschaft ein knallharter Kampf ums Geld tobte. Franz Beckenbauer, Günter Netzer und Paul Breitner drohten damit, die WM im eigenen Land zu boykottieren, weil der Deutsche Fußball-Bund nur eine Prämie von 30.000 Mark für jeden Spieler zahlen wollte, sollte Deutschland den Titel holen. Bundestrainer Helmut Schön stand deswegen kurz vor seinem Rücktritt. Erst nach zähen Verhandlungen einigte man sich auf 70.000 Mark – Deutschland wurde Weltmeister und der DFB um einige hunderttausend Mark ärmer.

Verbale Fouls und Massenprügeleien

Es blieb nicht der einzige spektakuläre Prämienstreit: Otto Pfister, bei der WM 2006 Trainer Togos, verzweifelte schon vor Beginn des Turniers. Zwar hatte er die Togoer erstmals zu einer WM-Endrunde geführt, doch dann trat er kurz vor dem ersten Spiel zurück, weil die Spieler ihre noch ungeklärten Prämienzahlung für das Erreichen der Weltmeisterschaft per Boykott durchsetzen wollten. Drei Tagen verweigerten sie das Training, ein Teil des Teams erwog gar einen kompletten WM-Boykott. Nach Vermittlung durch die Fifa trat Pfister von seinem Rücktritt zurück, verlor dreimal - und trat kurz danach erneut zurück.

Andere Deutsche machten dagegen weniger als gewiefte Prämien-Füchse Schlagzeilen, sondern wurden eher als ungezähmte Instinktfußballer auf einen Schlag weltberühmt. Stefan Effenberg beispielsweise fiel bei der WM 1994 in den USA überwiegend wegen eines recht unbedeutenden Körperteils auf, das normalerweise kaum im Fokus der Sportreporter steht. Wütend hatte der Mittelfeldstratege den deutschen Fans, die ihn beim Spiel gegen Südkorea gnadenlos auspfiffen, gleich zweimal den Mittelfinger gezeigt - und sich damit selbst aus dem Turnier katapultiert.

"Es tut mir Leid", sagte Effenberg später schlicht. "Aber es herrschten 50 Grad, ich hatte den Adler auf der Brust, wir spielten um das Achtelfinale." Bundestrainer Berti Vogts blieb unversöhnlich, zu sehr erregte die "Stinkefinger-Affäre" bereits die deutschen Feuilletons und Kommentarspalten, und schickte den egozentrischen Fußball-Proll nach Hause. Der vermarktete später seinen Ausraster geschickt, reckte nachträglich für Fotografen noch einmal stolz seinen Lieblingsfinger und taufte seine Memoiren betont doppeldeutig: "Ich hab's allen gezeigt!"

Effenberg und Nationaltorhüter Uli Stein (der Trainer Beckenbauer bei der WM 1986 als "Suppenkasper" verhöhnte) wirken dagegen fast noch wie Waisenknaben im Vergleich zu manchem Ausrutscher ihrer Spielerkollegen aus dem Ausland.

Es wurde gedopt, geprügelt und gespuckt - lesen Sie in der einestages-Bildergalerie mehr über die ärgsten Entgleisungen.

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1.
C Kupke 24.06.2010
Nur ein kleiner Kommentar zum spuckenden Ruud Gullit: Das war der Ausloeser der roten Karten, so weit ich mich richtig erinnere. Ihr Bildkommentar suggeriert, dass es erst die Platzverweise gegeben haette...
2.
C Kupke 24.06.2010
In meinem vorhergehend Hinweis muss Ruud Gullit natuerlich durch Frank Rijkaard ersetzt werden... ;-)
3.
C Kupke 24.06.2010
Und hier mein letzter Beitrag zum Thema: Meine Erinnerung hat mich getaeuscht. Habe das ganze jetzt nochmal auf youtube ueberprueft....Sorry.
4.
C Kupke 24.06.2010
Und hier mein wirklich allerletzter Kommentar zum Thema: Rijkaard hat zweimal gespuckt! Einmal vorher und einmal nachher.
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