Wohnungsnot nach dem Zweiten Weltkrieg Der Traum vom Haus aus Stein

Ein eigenes Zimmer, fließend Wasser, Müllabfuhr - davon konnten viele in den ersten Jahren nach dem Krieg nur träumen. Karl Wilhelm Meier erinnert sich an das provisorische Zuhause in einer Baubude. Doch das handwerkliche Geschick seines Vaters machte viele Mängel wett.


Die ersten Jahre nach dem Krieg konnte mein Vater seiner kleinen Familie noch kein wirkliches Zuhause bieten. Wir wohnten in einer Baubude meines Großvaters - ohne Ofen, denn das wäre zu teuer gewesen, man hätte ja einen Schornstein gebraucht. Zwei Zimmer, einschließlich Küche und Bad. In dem einen Zimmer lebten wir, in dem anderen schliefen wir.

Die spärlichen Möbel, die Betten und ein Kleiderschrank, waren alle selbst getischlert von meinem Vater. Schließlich war er vom Fach. In unserem Wohnraum stand eine Sitzecke vor dem Fenster. Rechts war das Reich meiner Mutter. Da wurde gekocht, die Kleider wurden gewaschen und es gab jeden Samstag das Bad in der Zinkwanne.

Fließendes Wasser hatten wir natürlich nicht. Das holten wir vom Brunnen, immer zwei Eimer. Einmal die Woche musste bezahlt werden: zwei Mark, wenn ich mich richtig erinnere.

Eine Toilette, wie man sie heute kennt, hatten wir auch nicht. Wenn man musste, ging man hinter das Haus. Toilettenpapier kannte ich als Kind überhaupt nicht, man behalf sich mit Zeitungspapier.

Selbstversorger mit Hühnern und Kaninchen

Die Straße, in der wir lebten, war weder gepflastert noch geteert, und das ist sie bis heute nicht. Einfach ein unversiegelter Weg mit Graben an der Seite. Im Winter war das praktisch, um die Asche aus dem Ofen zu entsorgen. Denn eine Müllabfuhr gab es nicht.

Meine Eltern hielten Hühner und Kaninchen, hinter dem Haus war ein großer Garten mit Obstbäumen. So konnten wir uns zum Teil selbst versorgen. Am Ende der Straße war ein Milchgeschäft, außerdem gab es eine Kneipe und eine Schlachterei. Zum Milchgeschäft musste man selten. Der Milchmann kam morgen für morgen mit einem Pferdewagen bei uns vorbei. Die Preiserhöhungen, Pfennigbeträge nur, sorgten in dieser kleinen, geschlossenen Welt für die größte Aufregung.

Eigentlich wollte mein Vater auf diesem Grundstück ein richtiges Steinhaus bauen. Die Baugrube war schon ausgehoben, auf dem Aushub spielten wir im Winter: ein eigener Berg im Garten. Aber wir bekamen keine Baugenehmigung. Es hieß, über unser Grundstück sollte eine Straße verlaufen, auch sollten Mietshäusern gebaut werden. Wir mussten uns also etwas Neues suchen.

Endlich: ein Steinhaus!

Ohne Geld und ohne Beziehungen war es damals schwer, eine eigene Bleibe zu bekommen. Aber mein Opa hatte Beziehungen, wir fanden ein Haus. Mein Vater baute die Fenster und Türen selbst im elterlichen Betrieb, schlug die Fußleisten an. Durch die handwerklichen Fähigkeiten meines Vaters ließ sich viel Geld sparen.

Meine Eltern bekamen allerdings zuerst nur eine Anwartschaft auf dieses Haus. Sie sollten sich erst bewähren - von so viel Macht träumen heute sicherlich viele Hausverkäufer. Der Umzug erfolgte aus Geldmangel ziemlich eigenwillig: Die großen Sachen holte mein Onkel mit dem Firmenwagen. Alles andere mussten wir mit einem Handwagen in das neue Haus bringen. Das war schon etwas weiter weg. Aber es ging nicht anders.

Da saßen wir nun mit unseren wenigen Möbeln auf unseren Gartenstühlen im eigenen Haus, waren erschöpft vom Umzug. Es roch nach Beton und Farbe und in meinem Zimmer stand zunächst nur ein Bett. Trotzdem freute ich mich: Endlich hatte ich ein eigenes Zimmer in einem Steinhaus!



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