Wohnzimmer der Siebziger Plüsch ist mein Pläsier

Mit Flokati und Fototapete zog das Grauen in die guten Stuben: Während sich die Designer-Avantgarde auf knallbunten Weltraum-Wohnlandschaften räkelte, zimmerten sich Do-it-yourself-Hippies ihre individuelle Billy-Hölle. einestages zeigt die schönsten Geschmacksverirrungen der Siebziger.

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Ob Jane Fonda wohl bewusst war, dass sie als "Barbarella" tonnenweise Staub und Milben in die deutschen Wohnzimmer katapultieren würde? Immerhin turnte das lüsterne Weltraumluder aus dem Kinohit von 1968 so aufreizend auf dem Flokati herum, dass sich bald die halbe Republik einen dieser langflorigen Flusenfänger vor den Kamin legte. Und betete, dass der Hirtenteppich daheim eine ähnlich erotische Wirkung entfalten möge wie jener unter der galaktischen Barbarella.

Mit ihrem orgiastisch-interstellaren B-Movie hatte Fonda ein Einrichtungsaccessoire populär gemacht, das wie kaum ein anderes das neue Wohngefühl der siebziger Jahre verkörperte. Entdeckten die einen den Flausch-Flokati als Spielwiese für sexuelle Experimente, fläzten sich die anderen auf Knie hohen Schaumstofflandschaften herum. Oder hielten es mit dem Oberkommunarden Rainer Langhans und warfen gleich alle Möbel nebst Klotüren aus dem Fenster, um fortan auf Matratzen oder Sitzsäcken zu hausen.

Alles war möglich - nur nicht mehr Eiche rustikal. Mit den politischen Ansichten, Lebensentwürfen und Werten ihrer Eltern trugen die Blumenkinder auch deren Gelsenkirchener Barock zum Sperrmüll, um es sich fortan auf ihre Art gemütlich zu machen. "Mehr Demokratie wagen!" hatte Kanzler Willy Brandt 1969 bei seiner Antrittsrede ausgerufen - mit den siebziger Jahren eroberte die Demokratie zumindest die deutschen Wohnzimmer. Sie sorgte für eine Explosion der Formen und Farben, die heute nur noch mit Sonnenbrille zu ertragen ist.

"Schock in Schaum"

Ob braune Kugelsessel vor violett-apfelgrüner Wabentapete oder curryfarbene Breitcordsofas vor gelber Schleiflack-Schrankwand: Hässlich gab's nicht, erlaubt war alles, was gefiel - Hauptsache, es war alternativ und hob sich irgendwie vom Establishment ab. Je kugeliger, plüschiger und vor allem bunter - desto besser. 1967 wurde in Berlin das Farbfernsehen angeknipst und offenbarte den Deutschen, so Innenarchitekt Rudolf Schricker, "wie bunt und kraftvoll die Welt eigentlich war". Warum also sollte nicht auch die Wand hinter dem TV-Gerät in leuchtenden Farben erstrahlen?

Unbestrittene Königin in der Farbpalette war das Orange - wohl deshalb, "weil diese Farbe so völlig neu und noch nicht besetzt war", sagt Professor Schricker. Orange passte perfekt zu dem Aufbruchswillen, dem Fortschrittsoptimismus und der Zukunftsgläubigkeit der im Jahr 1969 auf dem Mond angekommenen Menschheit. Kein Wunder also, dass der dänische Designer Verner Panton seine vom Chemiekonzern Bayer gesponserten Wohnlandschaften so gern in dieser Farbe kreierte.

Mit uterusartigen Wohlfühl-Höhlen und kniehohen Kunststoff-Liegewiesen verzückte der dänische Designer 1970 die Besucher der Kölner Möbelmesse und huldigte zugleich einem Material, das wie geschaffen war, die bunt gewellten Wohnträume der Zukunft zu verkörpern: Die Plastik-Ära brach herein. "Schock in Schaum", titelte der SPIEGEL und zitierte einen Hoechst-Mitarbeiter, nach dessen Prognosen im Jahr 1972 bereits 95 Prozent aller Möbel ganz aus Kunststoff bestehen würden.

"Mehr Geschmack als Geld"

"Wer 1980 einen Schrank oder Tisch aus Holz kaufen will, wird als Snob gelten und so viel Geld auf den Tisch legen müssen wie heute für manches kostbare antike Stück", schrieb das "Hamburger Abendblatt" 1971; zum letzten Schrei mutierten Möbel, die man kurz vor der Party aus der Tube pressen konnte. Kurz darauf war's jedoch schon wieder vorbei mit der Plastik- und Fortschrittseuphorie.

Der 1972 vom Club of Rome veröffentlichte Bericht "Die Grenzen des Wachstums" sowie die Ölkrise im Jahr darauf führten den Deutschen vor Augen, dass es mit dem Überfluss zu Ende gehen kann und sie gut daran tun, ein klein wenig nachhaltiger zu denken. Ein neues Umweltbewusstsein griff um sich, das auch vor dem Wohnzimmer nicht Halt machte. Plötzlich war Holz wieder gefragt, doch eigneten sich auch von der Decke baumelnde Rattansessel, naturfarbene Makramee-Eulen, Japan-Leuchten aus Reispapier oder eine Herbstwald-Fototapete wunderbar zur Demonstration des Öko-Egos.

Der Möbelneuling Ikea profitierte von dieser Grundhaltung. Seit 1974 auf dem deutschen Markt, versorgte die schwedische Billigkette die Deutschen mit Fichtenholzkreationen zu Dumpingpreisen. "Wer jung ist, hat mehr Geschmack als Geld" warb Ikea - und die Jugend lud sich das Auto mit Spanplatten voll und schraubte sich daheim per Inbusschlüssel ein Wohnglück jenseits der elterlichen Eichenbuffets zusammen.

"Jahrzehnt der Baumärkte"

Andere Anbieter zogen nach und bald verstopften tagtäglich neue Möbelprospekte die deutschen Briefkästen. "Möbel wurden so billig, dass man sie alle zwei Jahre austauschen konnte", sagt Designhistoriker Rolf Sachsse, der die siebziger Jahre auch als "Jahrzehnt der Baumärkte" definiert. Die traditionellen Tonangeber in Sachen guter Geschmack, etwa der "Deutsche Werkbund" oder der "Rat für Formgebung" wurden, so Professor Sachsse, "völlig irrelevant, stattdessen bestimmten Billiglieferanten vom Schlage Ikea das Alltagsdesign.

Ein allgemeiner Do-it-yourself-Wahn griff in der neuen Freizeitgesellschaft der siebziger Jahre um sich, eine schier unersättliche Lust am Werkeln mit Obstkisten, Sperrmüll oder eben Möbelbausätzen, die Hand in Hand ging mit dem allgemeinen Strick-, Häkel- und Batikfieber der siebziger Jahre. Dazu gesellte sich eine bis dato ungekannte Deko-Manie im Wohnbereich.

Setzkästchen, Pinnwände und Che-Guevara-Poster ersetzten das gute alte Hirschgemälde an der Wand - all das Versuche, die eigene Weltanschauung anders als per Palituch, Atomkraft-Nein-Danke-Button oder Langhaarmähne zu demonstrieren. Irgendwann jedoch erschöpfte sich die Lust am Neuen.

"Grassierende Passion fürs Passé"

Plötzlich sehnten sich die in die Jahre gekommenen Revoluzzer zurück zur guten alten Zeit. "Retro" lautete das neue Zauberwort, auf Trödelmärkten deckte sich die desillusionierte Jugend mit Putten, Lüstern, Kaminuhren und anderem Omakitsch ein. Diese "allüberall grassierende Passion fürs Passé" konstatierte der SPIEGEL bereits 1973, spätestens mit dem RAF-Terror im Deutschen Herbst ging der deutschen Jugend definitiv jene Aufbruchsstimmung und Experimentierfreude vom Beginn des Jahrzehnts verloren.

Die Wohngemeinschaften von einst hatten sich verkracht, die plüschigen Liegewiesen ausgedient. Mit dem Revival von Ex-Kanzler Konrad Adenauers Devise "Keine Experimente", mit der Wiederbelebung von Tanzstunde, Schlips und Heimatfilm feierte auch die Drei-Meter-Eichenschrankwand eine kleine Renaissance.

"Das deutsche Wohnzimmer" hieß der 1980 veröffentlichter Fotoband, mit dem die Fotografin Herlinde Koelbl bekannt wurde. Die orange Revolution nebst ihrer Flokati-Kuscheligkeit und den welligen Science-Fiction-Wohnlandschaften sucht man auf diesen Schwarzweißporträts meist vergeblich. Stattdessen dominierten dunkle Holzmonstren, Gummibäume und geblümte Dreisitzer-Sofas die deutsche Behaglichkeit.

Die psychedelisch blubbernden Lavalampen, Space-Age-Kugelleuchten und quietschgelben Klappzahlenwecker hingegen landeten in der Mottenkiste - um seither von jeder Generation erneut zu Kultobjekten verklärt und wieder rausgekramt zu werden.



insgesamt 3 Beiträge
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Andreas Ludwig, 27.05.2010
1.
"Mit Flokati und Fototapete zog das Grauen in die guten Stuben" Is ja garnich wahr! Ich hatte und habe weder selbst solche Ausgeburten schlechten Geschmacks zu Hause, noch zog ich als Vertreter durch die Wohnzimmer, um den Leuten sowas anzudrehen! Was soll denn dieser Rufmord??? :D
Marcus Dewanger, 27.05.2010
2.
Täusch ich mich? Ist die Lavalampe nicht ein Artikel der 90er Jahre? Kann man doch zuhauf in Headshops kaufen, z.B. Wer hat das denn recherchiert?
Astrid Ehedy, 28.05.2010
3.
Nein, die Lavalampe kam nur in den 90ern massiv wieder, original stammt sie schon aus den 70ern (oder noch eher).
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