Fernsehlegende Wolfgang Völz "Der Scheck heiligt die Mittel!"

Mit dem Raumschiff Orion raste Wolfgang Völz zu den Sternen, auf der Erde lügt er als Käpt'n Blaubär das Blaue vom Himmel herunter. Zu seinem 85. Geburtstag verrät der Schauspieler seine Lieblingsbeschäftigung.

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Ein Interview von


einestages: Herr Völz, Sie haben Hunderte Rollen im Laufe Ihrer Karriere gespielt. Welche am liebsten?

Wolfgang Völz: Den Geldholer.

einestages: Wie bitte?

Wolfgang Völz: Geld holen. Gage holen. Das habe ich am liebsten gemacht.

einestages: Wo bleibt die Leidenschaft fürs Schauspiel?

Wolfgang Völz: Für mich war der Beruf immer Handwerk, nicht Kunst. Ich war eine Art Mundwerker. Das Künstlerische habe ich immer gehasst. Ständig haben irgendwelche Regisseure gesagt, dass sie jetzt eine tolle Rolle für mich finden wollten. Ich wollte aber gar keine tollen Rollen haben. Da muss man so viel Text lernen. Das Hochkünstlerische habe ich nur ab und zu mal gemacht. Wenn es unbedingt sein musste.

einestages: Trotzdem waren Sie über Jahrzehnte einer der meistbeschäftigten deutschen Schauspieler.

Wolfgang Völz: Man darf keine Hemmungen haben, auch kleinste Sachen zu machen. Wenn irgendwo noch ein "Zweiter Oberkellner" zu besetzen war, habe ich den auch gleich mitgespielt. Ich war jahrelang "Erster Polizist", "Vierter Polizist", "Erster Straßenarbeiter" und so weiter.

einestages: Sie müssen aber doch ein Erfolgsrezept haben?

Wolfgang Völz: Ein Produzent sagte mal zu mir: "Wolfgang, ich habe dich wahnsinnig gerne. Du bist pünktlich, kannst deinen Text und bist nicht so irrsinnig teuer." Ich war eben der große Verwendbare.

einestages: Hand aufs Herz: Die Schauspielerei hat Ihnen doch auch Spaß gemacht?

Wolfgang Völz: Wahnsinnig! Das Geldverdienen vor allem. Ehrlich! Ich war aber auch ein Glückspilz. Man hat mir mein ganzes Leben lang die Hand vor den Arsch gehalten.

einestages: Gibt es Produktionen, die Sie bereuen?

Wolfgang Völz: Der Scheck heiligt die Mittel! Die Hälfte meiner Sachen kannst du wegschmeißen, sage ich immer.

einestages: Sie pflegten stets das Image eines Genießers.

Wolfgang Völz: Deftig musste es sein. Dicke Bohnen mag ich so gerne, Enten und Gänse. Das andere war mir immer zu wenig.

einestages: Wie steht es mit Bier und Wein?

Wolfgang Völz: Oh, ja. Ich war wohl Alkoholiker. Aber eben ein kontrollierter. Ich habe immer gern und viel getrunken. Aber ich musste deshalb nie Arbeit ausfallen lassen. Nicht wie Harald.

einestages: Sie meinen Harald Juhnke?

Wolfgang Völz: Der war trotz des Alkohols einer der Besten, die es gab! Dem gabst du eine Seite Text, den hatte er in einer Stunde drauf. Da brauche ich einen Tag für. Unbeschreiblich! Dabei war er ein völlig selbstbezogener Mensch. Ich kann mich nicht erinnern, mal ein ernsthaftes Gespräch mit ihm geführt zu haben.

einestages: Gab es andere Schauspieler, die Sie beeindruckt haben?

Wolfgang Völz: Harald hat mich beeindruckt. Eddi Arent hat mich beeindruckt. Ich bin sehr glücklich, dass ich so viel mit ihnen gemacht habe. Dietmar Schönherr war von unglaublich gutem Charakter. Er war mein bester Freund. Ich bin heute noch nicht über seinen Tod hinweg.

einestages: Dietmar Schönherr war Ihr Kollege bei der "Raumpatrouille" mit ihrer spektakulären Kulisse.

Wolfgang Völz: Bei der Produktion habe ich den Szenenbildner Rolf Zehetbauer mal gefragt, was er da oben verbaut hat. Filtertüten, meinte er. Das Team war so fantasievoll: Bügeleisen, Nähgarnrollen, vieles habe ich gar nicht erkannt.

Die Filmszene von 1965 aus dem Science-Fiction-Klassiker "Raumpatrouille Orion" zeigt (v.l.n.r.) Leutnant Mario de Monti (Wolfgang Völz), Major Cliff Allister McLane (Dietmar Schönherr), Leutnant Tamara Jagellovsk (Eva Pflug) und Leutnant Hasso Sigbjoernson (Claus Holm) in ihrem Raumschiff.
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Die Filmszene von 1965 aus dem Science-Fiction-Klassiker "Raumpatrouille Orion" zeigt (v.l.n.r.) Leutnant Mario de Monti (Wolfgang Völz), Major Cliff Allister McLane (Dietmar Schönherr), Leutnant Tamara Jagellovsk (Eva Pflug) und Leutnant Hasso Sigbjoernson (Claus Holm) in ihrem Raumschiff.

einestages: Allerdings war die Serie Ihr einziger Ausflug in die Science-Fiction.

Wolfgang Völz: Das war überhaupt nicht mein Metier. Die haben mir auch von vornherein die Rolle eines Dödels gegeben.

einestages: Sie meinen Ihre Figur des Armierungsoffiziers Mario de Monti.

Wolfgang Völz: Der hat ja nicht viel mehr gemacht, als Dinge abzuschießen.

einestages: Trotzdem wird die Figur von den Zuschauern geliebt.

Wolfgang Völz: Wir waren uns einig, dass Mario der Lustige an Bord ist, der Pfiffikus. Und ich habe drauf bestanden, dass sie mir alles Ernsthafte aus der Rolle streichen. Wenn da irgendwas mit Koordinaten stand oder so habe ich gesagt: "Lasst das weg!" Dann gab es stattdessen einen Gag dafür.

einestages: Die Raumpatrouille war eher ein Spaß für die Älteren. Bei den Kindern sind Sie bis heute dagegen als die Stimme von Käpt'n Blaubär bekannt.

Wolfgang Völz: Ich guckte einmal auf der Hamburger Mönckebergstraße in irgendein Schaufenster, neben mir eine Mutter mit ihrem Kind. Da meinte die Frau: "Guck mal, das ist Käpt'n Blaubär." Der Junge sagte: "Das ist nicht Käpt'n Blaubär. Das ist ein alter Mann!"

Dem zwanghaften Lügner Käpt'n Blaubär leiht Wolfgang Völz seine Stimme.
imago/United Archives

Dem zwanghaften Lügner Käpt'n Blaubär leiht Wolfgang Völz seine Stimme.

einestages: Wie kamen Sie zu dieser Sprechrolle? Immerhin sind Sie Berliner und kein Nordlicht.

Wolfgang Völz: Der Autor Walter Moers hat gesagt, dass ich das machen soll. Ich hatte auch so meine Zweifel, weil ich kein Hamburger bin. Die Blaubärsprache habe ich dann selbst erfunden. Ich habe es Moers vorgemacht, und er fand es in Ordnung.

einestages: Den Blaubär haben Sie aber doch nicht nur aus finanziellen Gründen gesprochen?

Wolfgang Völz: Der hat reichlich Geld gebracht. Für Kinder habe ich aber immer viel umsonst gemacht. Ich liebe Kinder, und die Kinder lieben mich. Es ist herrlich, dass die Kleinen so eine Fantasie haben.

einestages: Haben Sie viel Zeit mir Ihren eigenen Kindern verbracht?

Wolfgang Völz: In manchen Jahren war ich nur ungefähr sechzig Tage zu Hause. Sehr zur Trauer meiner Frau und meiner Kinder. Vor drei oder vier Jahren habe ich dann überhaupt das erste Mal gemerkt, dass ich ein Herz habe. Indem ich kurzatmig wurde. Aber ich bin eigentlich, dreimal aufs Holz, ziemlich gesund.

einestages: Wie ist Ihr Verhältnis zu Ihrer Familie?

Wolfgang Völz: Die haben mich immer als ein weiteres Kind betrachtet. Sie nehmen mich auch heute nicht richtig ernst. Aber ernsthaft: Ich hatte ein wunderbares Berufsleben und großes Glück mit meiner Frau. Wer hält es schon so lange aus mit einem Mann wie mir?

einestages: Noch viel länger stehen Sie bereits auf der Bühne. Wann begann Ihre Schauspielkarriere?

Wolfgang Völz: Mein Vater ist drei Monate vor meiner Geburt gestorben. In einer Stadt, in der 25 Autos zugelassen waren, ist er von einem Wagen überfahren worden. Das war in Danzig. Ich wuchs dann bei meiner Mutter auf, die einen Milchladen führte. Unter ihren Kunden war ein Regisseur vom Stadttheater. Der sagte, der Junge ist so aufgeweckt, lassen wir den doch Theater spielen.

einestages: Wie alt waren Sie da?

Wolfgang Völz: Vier. Ich habe in der Kindervorstellung gespielt. Meistens Heinzelmänner.

einestages: Später haben Sie aber ein richtiges Handwerk ausgeübt.

Wolfgang Völz: Ich war so ein Bäckerbursche, ein Handlanger. Das habe ich auch gern gemacht. Immer warm und immer was zu essen.

einestages: Und schließlich landeten Sie beim Fernsehen. Haben Sie überhaupt noch einen Überblick, wo Sie überall mitgespielt haben?

Wolfgang Völz: Manchmal schaue ich einen Film im Fernsehen, dann stelle ich plötzlich fest, dass ich da mit drin bin.

einestages: Welche Sendungen sehen Sie heute?

Wolfgang Völz: Ich gucke mir fast nur alte Wiederholungen an. Ich verstehe diese neuen Schauspieler auch so schlecht. Die sprechen so undeutlich. Man kann es kaum verstehen. Am allerwenigsten verstehe ich Til Schweiger. Der nuschelt furchtbar.

einestages: Welche Pläne haben Sie für die Zukunft?

Wolfgang Völz: Alt werden und sterben. Ohne Schmerzen.

Zur Person

Wolfgang Völz ist gelernter Bäcker. Seit er 1948 für den Film entdeckt wurde, spielte er in hunderten Produktionen wie der legendären "Raumpatrouille Orion" mit. Als Sprecher leiht Völz "Käpt'n Blaubär" seine Stimme. Am 16. August 2015 feiert er seinen 85. Geburtstag.



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insgesamt 40 Beiträge
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Seite 1
Daniel Woehler, 14.08.2015
1. Nicht vergessen....
Unvergesslich ist seine Synchronstimme von Mel Brooks. Einfach göttlich wie er es schaffte den "jüdischen Witz" ins Deutsche zu synchronisieren. Auch heute noch ein Ohrenschmaus.....
Frank Bennesch, 14.08.2015
2. So schön
direkt, schnörkellos ... herrlich!
Michael Stephan, 14.08.2015
3.
"Ich liebe Kinder, und die Kinder lieben mich." So ist es. Und selbst wenn die Kinder inzwischen groß geworden sind, sich aber ein bißchen Kindheit erhalten haben, hat sich daran überhaupt Nichts verändert!
Christoph Hein, 14.08.2015
4. Happy Birthday
kann man da nur sagen. Sehr schönes Interview und sehr ehrlich der Mann. Solche Originale gibts leider immer weniger.
Katrin Hollberg, 14.08.2015
5. Das Sahnehäubchen...
das selbst bei einer mittelmäßigen Produktion gleich das Gesamtniveau hebt; ansonsten einer meiner absoluten Lieblingsschauspieler unter der verbliebenen alten Garde an Schauspielern, die noch leben bzw. noch mitmischen, genial gut und gleichzeitig völlig uneitel und ein alter "Charmebolzen". Die Stimme von Wolfgang Völz ist unschlagbar gut, unverwechselbar prägnant und zeichnet sich eben noch durch lupenreine Artikulation aus. (er selbst spricht es an). Als "Käpt'n Blaubär" kongenial, obgleich das ja nur ein Miniausschnitt seiner langen Karriere ist. Ich gratuliere hier vorab schon einmal ganz herzlich, klopfe gleichfalls auf Holz für seine Gesundheit und wünsche mir, noch viel von ihm zu sehen/hören. Vielen Dank für die tolle Unterhaltung!!!
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