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Wolfskinder "Ich dachte, Deutschland gibt's nicht mehr"

Wolfskinder: "Ich dachte, Deutschland gibt's nicht mehr" Fotos
Thomas Kretschel

Keine Eltern, kein Zuhause, keine Identität: Kurz nach Kriegsende wurde Marianne Beutel als Zehnjährige von ihrer Mutter getrennt und musste alleine überleben - eines von bis zu 25.000 "Wolfskindern", die durch das zerstörte Osteuropa irrten. Über ihr Schicksal sprechen können sie erst heute. Von

Königsberg im August 1945. Die neunjährige Marianne Beutler steht zusammen mit ihrer Mutter und ihren jüngeren Brüdern Dieter und Manfred im Garten direkt hinter dem zerstörten Haus der Familie, vor ihnen klafft ein etwa ein Meter tiefes Loch. In den Händen hält die Mutter einen kleinen weißen Pappkarton. Darin liegt Siegfried, der jüngste der vier Geschwister. Gerade einmal drei Monate ist er alt geworden. Verhungert in der völlig zerstörten, im April von der Roten Armee eroberten Stadt. Schweigend steht die Mutter mit ihren drei Kindern an der Grube. Einen letzten Blick, ein kurzes Gebet, dann wird der kleine Siegfried begraben. Zeit zum Trauern ist nicht.

65 Jahre später sitzt Marianne Beutler in ihrem kleinen Wohnzimmer in Berlin. An den Wänden hängen Bilder von Königsberg und von der Kurischen Nehrung. Auf dem Tisch vor ihr liegen Landkarten, Bücher und Fotoalben. Erinnerungen an eine behütete Kindheit. "Uns ging es bis dahin sehr gut", erzählt die heute 72-Jährige und lächelt. Sie holt ein Bild hervor, auf dem das Haus zu sehen ist, in dem die Familie wohnte. Marianne hatte dort ein eigenes Zimmer, in dem ein großes Klavier stand. "Das hatten mir die Eltern zu Weihnachten geschenkt." Vormittags besuchte das Mädchen die Königsberger Volksschule, nachmittags ging sie zum Klavierunterricht oder traf sich mit Freundinnen.

Ein jähes Ende findet die Familienidylle am 9. April 1945 - dem Tag, an dem die Stadt vor der Roten Armee kapituliert. Der Vergeltungswille der Besatzer entlädt sich in Gewaltorgien. Es kommt zu regelrechten Metzeleien an der Zivilbevölkerung. Augenzeugen berichten von Erschießungen, Massenvergewaltigungen und geschändeten Kindern. "Was damals geschah, war unbeschreiblich schlimm", sagt Marianne Beutler.

Eine Kartoffel als Weihnachtsgeschenk

Mitten in diesen Wirren entbindet Mariannes Mutter ihr viertes Kind, Siegfried. Er wird nur drei Monate alt. Der Hunger der Nachkriegsmonate ist grausam. Zudem breiten sich Krankheiten aus - Krätze, Typhus, Ruhr. "Der Tod war überall", erinnert sich Marianne Beutler. An das Weihnachtsfest 1945 erinnert sich Marianne Beutler noch ganz genau: "Mama versuchte uns zu trösten und sagte: 'Der Weihnachtsmann kann uns wegen des vielen Schnees nicht finden.' Dann gab sie uns unser Geschenk -jedem eine Kartoffel."

Nur wenige Wochen darauf stirbt auch ihr Bruder Dieter - verhungert mit vier Jahren. "Ich saß neben ihm, damit er nicht so friert", erinnert sich Marianne. "Doch er war zu geschwächt. Plötzlich hat er einfach nicht mehr geatmet." Zusammen mit ihrer Mutter und Bruder Manfred bringt Marianne Dieter zum Friedhof. Wegen des strengen Frosts ist es unmöglich ein Loch zu graben. "So haben wir ihn einfach mit etwas Schnee zugedeckt." Wieder keine Zeit zum Trauern.

Immer wieder verfrachten die Sowjets deutsche Zivilisten als Arbeitskräfte an andere Orte. Bei einem dieser Zugtransporte verliert Marianne 1946 ihre Mutter und ihren Bruder Manfred aus den Augen. Von einem Moment auf den anderen ist sie allein - an einem ihr völlig unbekannten Ort. "Ich stand weinend auf diesem Bahnhof", sagt sie. "Ich konnte die Schrift nicht lesen und verstand niemanden." In einem Laden, in dem das Mädchen um etwas zu essen bittet, sagt ihr die Verkäuferin in gebrochenem Deutsch: "Gehe nach Dorf, viel essen". An diese Worte erinnert sich Marianne Beutler noch genau.

Nach dem Winter fortgeschickt

Sie war in Kaunas gelandet, der zweitgrößten Stadt Litauens. Und sie war nicht allein: Tausende versprengte Kinder und Jugendliche streunten auf der Suche nach Essen und einer warmen Bleibe durch das Land. "Vokietukai", die kleinen Deutschen, nannten die Litauer die elternlosen und heimatlosen Kinder. "Faschistenkinder" aufzunehmen oder zu versorgen, hatten die Sowjets streng verboten - doch das Mitleid mit den Unglücklichen war oft stärker. "In einigen Häusern wurde täglich ein Eimer Suppe für die Vorüberkommenden gekocht", sagt Ruth Leiserowitz, die Vorsitzende des "Wolfskinder-Geschichtsvereins", der sich um die Aufarbeitung dieses Kapitels deutscher Geschichte bemüht, "auf anderen Höfen ließ der Bauer den Hund von der Kette".

Ruth Leiserowitz hat seit den neunziger Jahren zahlreiche ehemalige Wolfskinder ausfindig gemacht und sie in ausführlichen Gesprächen zu ihren Erlebnissen und Erfahrungen befragt. "Fest steht: Bei kleinen Kindern siegte das Mitleid rasch, für die Älteren war die Suche nach einem Dach über dem Kopf deutlich schwieriger." Wer nirgendwo unterkam, lebte oft wochenlang in den Wäldern, musste stehlen oder ernährte sich von Pflanzen und toten Tieren.

Auch Marianne Beutler war jetzt ein Wolfskind. Wochenlang streift die gerade Zehnjährige durch Dörfer und Wälder, bevor sie von einer litauischen Bauernfamilie über den Winter als Kindermädchen aufgenommen wird. In den sechs Monaten dort lernte sie Litauisch, denn Deutsch darf sie nicht mehr sprechen - zu gefährlich, für sie wie für die Familie. Im Frühling 1947 wird sie wieder fortgeschickt. Aber Marianne hat Glück: Eine andere Familie nimmt sie auf, schickt sie sogar zur Schule und lässt sie konfirmieren. Obwohl Marianne mittlerweile perfekt litauisch spricht, wird sie von Mitschülern gerne als "Faschistenkind" beschimpft. So folgt sie dem Rat einer litauischen Freundin. "Marianne, du brauchst einen anderen Namen", lautete der, "deiner klingt zu deutsch." So nennt sich das blonde Mädchen aus Königsberg nun Nijole.

Verschwundene Eltern, verlorene Identität

So wie Marianne Beutler verloren unzählige deutsche Kindern in den Nachkriegswirren nicht nur ihre Eltern und ihr Zuhause, sondern ihre komplette Identität. "In vielen Fällen vernichteten die Gastfamilien aus Angst vor den Russen alles, was an die deutsche Herkunft der aufgenommenen Kinder erinnerte", erklärt Ruth Leiserowitz. So gingen Adressen, Briefe und Fotos verloren. Und je jünger die Kinder waren, desto eher vergaßen sie einfach ihren Namen, ihre Herkunft und ihre Muttersprache.

Den ostpreußischen Wolfskindern in Litauen ging es dabei noch vergleichsweise gut. Streunende Waisen, die zu schwach waren, um dorthin zu gelangen, kamen in Heime der Sowjetischen Militäradministration, die ab 1946/47 im Gebiet von Königsberg, das nun Kaliningrad hieß, eingerichtet wurden. "Im Herbst 1947 befanden sich mehr als 4700 deutsche Kinder in solchen Heimen", weiß Ruth Leiserowitz. Im selben Jahr wurden erstmals Ausreisen in die sowjetische Besatzungszone - die spätere DDR - gestattet.

Die Transportbedingungen waren katastrophal. "2386 Kinder im Alter von 2 bis 16 Jahren kamen in Güterwagen ohne Stroh in sehr erschöpftem Zustand an", heißt es über einen Kindertransport: "Die Fahrdauer betrug vier Tage und vier Nächte. Abortanlagen waren nicht vorhanden." Die Kinder des Transports waren so unterernährt, dass Impfungen nicht möglich waren, da sie nur noch aus Haut und Knochen bestanden. Für nicht wenige war es eine Reise in den Tod.

Verhinderte Suche

Die Überlebenden kamen zunächst in Quarantänelager, ab 1948 dann in Kinderheime. Als Vorzeigeprojekt galt das eigens für Wolfskinder gegründete Kinder- und Jugenddorf im brandenburgischen Kyritz. "Bis zu 260 Waisenkinder aus den ostpreußischen Transporten kamen hier zusammen", erzählt Ruth Leiserowitz. Auch in anderen Orten der DDR - etwa Wolfen oder Wittenberg - entstanden derartige Heime für die Waisenkinder aus den Ostgebieten. Um Geld zu sparen und die Kinder ihre Herkunft vergessen zu lassen, wurden viele von ihnen zur Adoption freigegeben. "Als Eltern kamen allerdings nur linientreue Familien infrage", weiß Wolfskinder-Expertin Leiserowitz. "Eltern, die aus dem Westen kamen, um ihr Kind zu suchen, wurden systematisch abgewehrt." Mit dem letzten Transport aus Ostpreußen kamen 1951 noch einmal 3000 Wolfskinder in die DDR.

All jene Kinder jedoch, die fernab großer Städte eine Bleibe in litauischen Dörfern gefunden hatten, erfuhren nichts von den Transporten nach Deutschland - auch Marianne Beutler nicht. "Ich dachte ja, Deutschland gibt's gar nicht mehr", sagt sie rückblickend. "Königsberg war kaputt, wir durften nicht mehr deutsch sprechen - was sollte es da noch geben?" Ohnehin war sie überzeugt, alle ihre Angehörigen seien tot. "Lange hat mich die Frage gequält: Warum sucht mich eigentlich keiner? Irgendwann habe ich mich damit abgefunden." Also richtete sie sich in Litauen ein, machte in Pogegen bei Tilsit eine Ausbildung zur Lebensmittelhändlerin, zog dann nach Memel, das inzwischen Klaipeda hieß.

Von ihrer Herkunft und Vergangenheit erzählte sie niemandem. Nur ihr Mann, ein litauischer Kapitän, wusste Bescheid. Ende der fünfziger Jahre stellte Marianne alias Nijole heimlich eine Suchanfrage nach ihrer Familie beim Deutschen Roten Kreuz in Hamburg - und erfuhr so, dass ihre Mutter 1949, nachdem sie drei ihrer vier Kinder verloren hatte, mit nur 36 Jahren gestorben war. Ihr Vater allerdings lebte. Er hatte nach der Rückkehr aus der Gefangenschaft wieder geheiratet. Seine neue Frau aber wünschte keinen Kontakt zu Marianne. Darüber reden konnte Marianne mit ihren litauischen Freunden nicht: "Schließlich durfte niemand etwas über meine deutschen Wurzeln erfahren."

Endlich Zeit zum Trauern

Selbst ihre Söhne erfuhren erst 1991 von den deutschen Wurzeln ihrer Mutter. Damals, nach der Unabhängigkeit Litauens von der Sowjetunion, gründeten Betroffene den Verein "Edelweiß-Wolfskinder". "Wir schalteten Anzeigen, in denen wir bekanntgaben, wann wir uns das erste Mal treffen wollen", erzählt sie. Sie sei sprachlos gewesen, als zu der ersten Veranstaltung im September 1991 sage und schreibe 65 Wolfskinder kamen. "Sie alle hatten jahrzehntelang in Litauen gelebt, ohne sich als Deutsche zu erkennen zu geben."

Seit 2001 lebt Marianne Beutler zusammen mit ihrem Mann in Berlin. Die Sommermonate verbringen die beiden aber nach wie vor gern im ehemaligen Ostpreußen. In diesem Jahr möchte Marianne gern auch nach Königsberg - an den Ort der unbeschwerten Kindheit und an den Ort, wo sie an jenem Tag im August vor 65 Jahren ihren jüngsten Bruder Siegfried begrub.

Jetzt endlich hat sie Zeit zum Trauern.

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