Erster Anschlag auf die Zwillingstürme Das vergessene 9/11

Erster Anschlag auf die Zwillingstürme: Das vergessene 9/11 Fotos
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Ein 40 Meter breiter Krater mitten in Manhattan: Am 26. Februar 1993 wurde das World Trade Center erstmals Ziel eines Bombenanschlags, nur knapp entging es dem Einsturz. Es war der Auftakt einer islamistischen Terrorwelle, die bis heute andauert - doch die USA vermuteten zunächst ganz andere Täter. Von Johanna Lutteroth

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Keiner achtete auf den gelben Lieferwagen, der am 26. Februar 1993 gegen 12 Uhr in die Tiefgarage unter dem World Trade Center fuhr. Er war nur eines von Tausenden Fahrzeugen, die täglich die Schranke passierten. Und keiner bemerkte die Männer, die den Wagen im Stockwerk B2 abstellten und, anstatt einen Fahrstuhl nach oben zu nehmen, eilig den Gebäudekomplex verließen. Wenige Minuten vergingen - dann riss eine gewaltige Explosion den Lieferwagen in Stücke. Die Erde bebte sekundenlang, während der ohrenbetäubende Knall durch das ganze Gebäude hallte. Wo gerade noch die Tiefgarage gewesen war, blieb nur ein flammendes Inferno.

Auf einen Schlag war der Strom im ganzen Gebäude ausgefallen. "Ich war nur noch von schwarzer Dunkelheit umgeben. Ich dachte, ich sei tot", erinnerte sich ein Mechaniker. Inzwischen wälzten sich die Rauchschwaden Stufe um Stufe durch das Treppenhaus über neunzig Stockwerke nach oben. Verzweifelt tasteten sich 80.000 Menschen durch die Finsternis Richtung Treppenhaus, um der qualmenden Hölle zu entkommen. Es dauerte Stunden, bis sich die letzten nach Atem ringend mit Tüchern und Schals vor dem Mund auf die Straße gerettet hatten.

Bereits am Abend zeichnete sich das gigantische Ausmaß der Katastrophe ab: Die Bombe hatte einen 40 Meter breiten Krater in den Boden gerissen und alle vier Stockwerke des Parkhauses zum Einsturz gebracht. Sechs Menschen waren ums Leben gekommen, etwas über 1000 verletzt. Es mutete wie ein Wunder an, dass die Zwillingstürme noch standen. Der Schock saß tief. "Es ist der schwerste Anschlag auf US-amerikanischem Boden in der modernen Geschichte", sagte noch am selben Tag der Terrorismusexperte Brian Jenkins der "New York Times".

Was weder Jenkins noch sonst jemand zu diesem Zeitpunkt ahnte: Es war zugleich der erste Anschlag islamistischer Fundamentalisten auf amerikanischem Boden und der Auftakt einer Serie von grausamen Terrorattacken im Namen Allahs, die die ganze Welt bis ins 21. Jahrhundert in Angst und Schrecken versetzen sollte.

Die Nadel im Heuhaufen

Die Drahtzieher wurden anfangs in einem ganz anderen Milieu vermutet: Die amerikanischen Medien mutmaßten, dass Terroristen aus dem ehemaligen Jugoslawien hinter dem Anschlag steckten. In dem Land tobte damals noch ein blutiger Bürgerkrieg, in den die USA eingegriffen und sich dabei naturgemäß nicht nur Freunde gemacht hatten. Genährt wurde dieser Verdacht von Serbenführer Karadzic, der sich zeitgleich in New York aufhielt und in einem offenen Brief an das amerikanische Volk vor den Gefahren einer ausländischen Einmischung warnte. Die Schlussfolgerung klang logisch. Doch mit der Realität hatte sie wenig zu tun.

Das wurde bald auch den Ermittlern klar: Am späten Nachmittag des 28. Februar durchsuchte ein zehnköpfiges Team aus FBI-Agenten und Bombenexperten der New Yorker Polizei die Tiefgarage nach zerfetzten PKW-Teilen, weil sie vermuteten, dass eine Autobombe die Explosion verursacht hatte. Sie wühlten sich durch Stapel vollkommen zerquetschter Fahrzeuge, krabbelten unter heruntergerissenen Rohren und Balken durch und fanden schließlich die Nadel im Heuhaufen: ein vollkommen zerfetztes Stück des Chassis eines Lieferwagens, das noch einen Teil der Seriennummer enthielt.

Innerhalb weniger Tage hatten die Ermittler das Auto identifiziert. Es handelte sich um jenen gelben Lieferwagen der Marke Ford, der vollkommen unbemerkt am 26. Februar 1993 in die Tiefgarage gefahren war - beladen mit 700 Kilogramm Harnstoffnitrat und einigen Druckgasbehältern, die die Wucht der Bombe verstärken sollten. Wenige Tage zuvor hatte ein Mann namens Mohammed Salameh den Wagen in New Jersey angemietet und kurz vor dem Anschlag als gestohlen gemeldet. Die Polizei nahm Salameh am 4. März fest, als er die 400 Dollar Kaution, die er bei der Autovermietung hinterlegt hatte, wieder abholen wollte.

Haarscharf der Vernichtung entgangen

In Salamehs Wohnung fanden die Ermittler Werkzeuge, Handbücher und Chemikalien, die für die Herstellung einer Bombe benötigt werden. Gleichzeitig kristallisierte sich heraus, dass Salameh mit islamischen Fundamentalisten in engem Kontakt stand. Einer davon war der islamische geistliche Scheich Umar Abd al-Rahman, der regelmäßig antiwestliche Hetzreden schwang und der in die Ermordung des ägyptischen Präsidenten Sadat 1981 verwickelt gewesen sein soll. Spätestens jetzt wurde klar: Hinter dem Anschlag steckten islamische Fundamentalisten, ein Feind, den man bisher nicht im Blick gehabt hatte.

Ein Hinweis führte zum nächsten und bald machten die Ermittler einen Komplizen Salamehs nach dem anderen dingfest: Den Verfahrenstechniker Nidal Ijad, der die Materialien besorgte und als Berater fungierte, Mahmud Abu Halima, der die Bombe gemeinsam mit Salameh gebaut haben soll und Ahmed Mohammed Adschadsch, einen weiteren Handlanger. Alle vier Angeklagten wurden am 7. März 1994 zu je 240 Jahren Gefängnis verurteilt. Der eigentliche Drahtzieher des Attentats, Ramsi Ahmed Jussuf, war den Beamten allerdings nicht ins Netz gegangen. Er hatte die USA noch am Tag des Anschlags verlassen - und zählte seitdem in Amerika zu den meistgesuchten Terroristen. Auf seinen Kopf wurden zwei Millionen Dollar Belohnung ausgesetzt.

Als Jussuf zwei Jahre später, im Februar 1995, in Pakistan festgenommen wurde, plante er bereits die nächsten Terroranschläge. Eigentlich habe er mit der Bombe die Zwillingstürme des World-Trade-Centers zum Einsturz bringen wollen, so Jussuf kurz nach seiner Verhaftung. Der Nordturm, unter dem die Bombe platziert war, hätte in den Südturm stürzen und ihn mit in die Tiefe reißen sollen. Erneut wurde klar, wie glimpflich der Anschlag abgelaufen war. Hätte der Lieferwagen nur etwas näher an den tragenden Pfeilern des World Trade Center gestanden, so rekonstruierten Experten, hätte der Plan durchaus aufgehen können.

Trügerische Sicherheit

Offen war allerdings immer noch die Frage, warum die USA ins Visier der Islamisten geraten waren. Jussuf offenbarte das Motiv schließlich im März 1995: Er beschuldigte die israelische Regierung, Palästinenser "systematisch zu ermorden, zu foltern, zu inhaftieren und zu deportieren". Israel könne diese Verbrechen nur begehen, weil die USA jedes Jahr militärische und finanzielle Hilfe gewährten, hielt er in einer Erklärung fest. "Und es ist diese Hilfe, die den Palästinensern und Libanesen das Recht gibt, US-amerikanische Ziele anzugreifen." Dass Jussufs Wahl auf das World Trade Center fiel, das Symbol der Wall Street, ist vor diesem Hintergrund wenig verwunderlich. Im November 1997 wurde auch Jussuf zu 240 Jahren Haft verurteilt.

Bereits im Juni 1994 zeichnete sich ab, dass der Anschlag auf die Zwillingstürme kein Einzelfall bleiben würde. Damals vereitelte das FBI Anschläge islamistischer Fundamentalisten auf das Uno-Gebäude, den Holland- und den Lincoln-Tunnel sowie das New Yorker FBI-Büro. Seit etwa Mitte der neunziger Jahre agierten die islamistischen Terroristen im Namen al-Qaidas. Ihr damaliger Anführer Osama Bin Laden rief im Februar 1998 offiziell den Heiligen Krieg gegen die USA aus: "Der Befehl, die Amerikaner und ihre Verbündeten zu töten, ist eine individuelle Verpflichtung für jeden Muslim." Wenige Monate später folgten die Anschläge auf die US-Botschaften in Kenia und Tansania, bei denen insgesamt 224 Menschen starben. Al-Qaida hatte sich damit endgültig ins Bewusstsein der Weltöffentlichkeit gebombt.

Alle jene, die den Anschlag 1993 mit- und überlebt hatten, glaubten sich an ihrem Arbeitsplatz künftig sicher. Der Brandschutz im Gebäude war verbessert, die Sicherheitsvorkehrungen verschärft worden. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Terroristen zweimal dasselbe Ziel wählen könnten, grenzte nach Einschätzung der meisten an Null. Wie sehr sie sich täuschen sollten, zeigte sich achteinhalb Jahre später. Am 11. September 2001 sollten Mohammed Atta und seine Komplizen vollenden, was Ramsi Jussuf begonnen hatte - und die symbolträchtigen Zwillingstürme zu Fall bringen, die jahrzehntelang über Manhattan gethront hatten.

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1.
Olaf Nee-Stauss 27.02.2013
"Es war der Auftakt einer islamistischen Terrorwelle, die bis heute andauert -" Welcher Welle? Habe ich da etwas in den letzten 12 Jahren versäumt? Ich habe nur eine gewaltige Hysterie bei den Sicherheitsorganen feststellen können,die wahrscheinlich mehr Menschen das Leben gekostet hat, als der 11.9.2001. Es sollen ja ca. 3000 Menschen im Jahr von den USA allein per Drohnen ermordet werden.
2.
Andreas Schiller 27.02.2013
Die Überschrift scheint mir unglücklich gewählt, da der erste oder vergessene 09/11 der 11. September 1973 ist. Der vom CIA unterstützte Putsch in Chile, die Ermordung des demokratisch gewählten Präsidenten Salvador Allende, und der Beginn einer brutalen Militärdiktatur unter Pinochet. Etwas, was man eben nicht vergessen sollte.
3.
Mathias Schröter 27.02.2013
Das eigentliche Probem und das Schlimmste überhaupt war den Trugschluss der Versager und Schläfer in der CIA, dass dieser Anschlag einmalig war. Es braucht wenig Verstand und Kenntnis des Islamismus, um zu folgern, dass noch mehr folgen würde, gerade dann, wenn der erste Anschlag gescheitert ist !
4.
Paul R. Woods 27.02.2013
"Das vergessener 9/11" ist eine gute Überschrift. Vergessen ist offensichtlich der 11. September 1973 an dem der CIA einen Militärputsch in Chile gegen einen demokratisch gewählten Präsidenten inszenierte. Infolgedessen wurden mehr Menschen ermordet als am 9/11 2001. Die USA sollten aufhören sich unnötigerweise Feinde zu machen.
5.
Schmitz Siegfried 27.02.2013
Es wird doch immer behauptet, die ganzen Verschwörungstheorien von 9/11 wären hanebüchen, weil eine kontrollierte Sprengung des Gebäudes viel zu viel Aufwand bedeutet hätte. Und nun kann man lesen, dass alleine EIN richtig platzierter Kleintransporter, gefüllt mit Sprengstoff ausgereicht hätte, um die Twin-Towers im Jahr 1993 zum Einsturz zu bringen. Seltsam..
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