World Trade Center in den Siebzigern Im Bauch der Wundertürme

World Trade Center in den Siebzigern: Im Bauch der Wundertürme Fotos
Hans Rudolf Uthoff

Es sind Innenansichten aus einem amerikanischen Wahrzeichen, Jahrzehnte vor dem Terror: 1975 reiste Hans Rudolf Uthoff nach New York - und dokumentierte den Alltag in den Zwillingstürmen des WTC, vom Skydive-Restaurant bis hinab in die Keller. einestages zeigt eine Auswahl aus dem Fotoschatz. Von

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Ob der Terroranschlag auch das Leben der hübschen Bedienung aus der Skydive Bar ausgelöscht hat? Lachend mixte sie Hans Rudolf Uthoff damals einen Drink auf der Basis von Tomatensaft: "Schüttelmaid" hat der Fotograf die Bardame mit den großen Augen und den Schäfchenwolken auf dem blauen T-Shirt getauft. Nachdenklich schüttelt Uthoff den Kopf. „Merkwürdig“, sagt der weißhaarige Mann leise und fasst sich mit den Händen an den Kopf. Noch immer kann er kaum fassen, dass das World Trade Center zu Staub zerfallen ist - und die "Schüttelmaid" aus dem 44. Stockwerk möglicherweise dabei verbrannte.

Die junge Frau ist eine von Tausenden Angestellten, denen Uthoff bei seinem Streifzug durch das World Trade Center begegnet war. Vier Tage lang zog der Fotograf im Januar 1975 mit seiner Leica MP 85 durch den Gebäuderiesen in New York und vermaß das Gebäude "vom Keller bis zum Dach", wie er sagt. Es entstanden mehr als hundert Fotos, überwiegend Innenansichten.

Als die Zwillingstürme am 11. September 2001 einstürzten, brannten sich die Bilder von Staub, Feuer und Tod unauslöschlich ins kollektive Gedächtnis der Menschheit ein. Das World Trade Center steht heute als Synonym für einen unfassbaren Akt der Zerstörung - und es geriet fast völlig in Vergessenheit, dass knapp 30 Jahre lang das Leben in diesem Stahlgiganten pulsiert hatte. Welche Menschen arbeiteten hier? Wie sahen ihre Büros aus? Wo konferierten, aßen oder entspannten die Angestellten?

Hans Rudolf Uthoff hat mit seinen Aufnahmen aus dem Bauch der Twin Towers 1975 genau diesen ganz normalen Alltag im World Trade Center festgehalten und damit - wenn auch unbeabsichtigt - einen wahren Fotoschatz geschaffen.

Eiffelturm plus Cheops-Pyramide

Der 83-Jährige sitzt am Schreibtisch seiner Altbauwohnung in Hamburg-Eppendorf, vor ihm liegt eine rechteckige, silbrig schimmernde Aluminiumbox. Bedächtig löst er die Schnallen und hebt den Deckel an, ganz so, als würde er ein Geheimnis lüften. Langsam zieht er ein Foto nach dem anderen aus der Box. Zunächst die Außenaufnahmen: "Schauen Sie sich diesen Gigantismus an!", ruft er.

Die gewaltige Monumentalität - sie schien Uthoff bei seinem Besuch in New York damals schier zu erschlagen. 415 und 417 Meter ragten die jeweils 110 Stockwerke umfassenden, schlanken Türme in den Himmel Manhattans - "fast so hoch, als würde der Pariser Eiffelturm auf die Spitze der ägyptischen Cheops-Pyramide gestellt", wie der SPIEGEL ehrfürchtig schrieb. Ein Ort der Superlative: würdig, in einem Bildband über "Die neuen Wunder dieser Welt. Schöpferkraft verändert das Gesicht der Erde" Eingang zu finden.

So lautete der Titel des Buchs, für das Hans Rudolf Uthoff Mitte der siebziger Jahre einmal rund um den Globus reiste. Seine Mission war es, die weltweit außergewöhnlichsten Bauten abzulichten: vom Fernsehturm in Moskau über die Amundsen-Scott-Forschungsstation am Südpol und das Opernhaus von Sydney bis hin zum Disney-World-Vergnügungspark in Florida. Kaum eines der Gebäude indes ist ihm in so lebendiger Erinnerung geblieben wie das Word Trade Center. "Wohl deshalb, weil es in sich zusammengefallen, einfach nicht mehr da ist", sagt Uthoff, der derzeit nach einem Verlag sucht, um seine WTC-Fotos zu veröffentlichen.

Bäuchlings auf dem Dach der Welt

Das höchste Gebäude, in dem sich der Fotograf bis dato aufgehalten hatte, war der Dom zu Köln gewesen. 1927 in Hannover geboren, hatte Uthoff nach dem Krieg den Beruf des Glasmalers an der dortigen Dombauhütte gelernt. "Hilf Dir selbst, dann hilft Dir auch unser Herrgott", lautet der Spruch auf dem selbstgemalten Glasbildchen, das am Fenster seines Büros hängt: ein Zeugnis aus jener Kölner Zeit. Die Scheiben, die Uthoff damals als junger Mann gestaltet hatte, konnte er niemals selbst aufhängen - seine Höhenangst vereitelte jeden Versuch.

Und nun sollte ausgerechnet er das World Trade Center ablichten, das bei seiner Eröffnung 1973 höchste Bauwerk der Welt. "Es kam einem Akt der Selbstüberwindung gleich", sagt der Fotograf und schmunzelt. Schon bei der Fahrt im Schnellaufzug nach oben zog sich ihm die Magengrube zusammen. Uthoff ignorierte die Übelkeit, nahm all seinen Mut zusammen und kletterte sogar aufs Dach des Nordturms.

Gerade einmal kniehoch sei die Umrandung des noch nicht komplett fertiggestellten Turms gewesen. Vorsichtig tippelte Uthoff bis an den äußersten Rand des Dachs und legte sich auf den Bauch. Hier ließ er sich am Hosenbund festhalten und drückte mit zittrigen Fingern auf den Auslöser. Auf das - trotz allem gestochen scharfe - Panorama-Foto ist der 83-Jährige besonders stolz. Dabei sind die Ansichten aus dem Innern des uramerikanischen Wahrzeichens mindestens ebenso beeindruckend.

"Gewusel, Geschnatter, Geklingel"

Etwa die zentrale Klimaanlage, im fünften Untergeschoss zwischen Nord- und Südturm gelegen, mit ihren sieben gewaltigen Kühlaggregaten, jedes 7000 Tonnen schwer. Oder die für damalige Zeiten topmoderne Computer-Datenbank im Foyer, die auf Knopfdruck alle wichtigen Informationen über die im Welthandelszentrum ansässigen Firmen und Institutionen ausspuckte. Am meisten jedoch berühren die Fotos der hier arbeitenden Menschen.

50.000 Angestellte gingen im Bürogiganten tagtäglich ein und aus - das entspricht in etwa der Bevölkerung des hessischen Wetzlar. Neben Fotograf Uthoff auf dem Tisch liegt das "Tenant Directory", ein blaues Büchlein, in dem alle Unternehmen verzeichnet waren, die im Januar 1975 im World Trade Center ihren Sitz hatten: 634 Firmen von ABC International bis Zuest & Bachmeier. Banken, Versicherungen und Import-Export-Firmen aus aller Welt, aber auch die Verwaltung von New York und die Hafenbehörde, die den gigantischen Bau 1962 bei Stararchitekt Minoru Yamasaki in Auftrag gab.

Ein Foto zeigt das monströse Großraumbüro des Hamburger Logistikdienstleisters Kühne + Nagel, in der Suite 2451 des Nordturms gelegen. Eine verschämt lächelnde Sekretärin, hinter ihr bis zur Fensterfront Trauben von Schreibtischen, jeweils mit Schreibmaschine und Wählscheibentelefon ausgestattet. "Ein beängstigendes Gewusel, Geschnatter und Geklingel" sei das damals gewesen, erinnert sich Uthoff. Eine andere Aufnahme zeigt die Angestellten einer Bank beim Lunch im Skydive Restaurant, einer der Männer prostet Uthoff strahlend mit seinem Bierglas zu.

Disneyland-Märchen-Blockbuster

Die Menschen wähnten sich sicher damals, auch wenn die Türme bei Sturm schwankten wie Schilfrohre und so mancher der Angestellten unter Seekrankheit litt. Man war stolz darauf, hier zu arbeiten, in diesem architektonischen Wunderwerk, das mit seiner luftigen Höhe das Empire State Building entthront hatte und die Welt in Liebhaber und Hasser spaltete. Während die einen von einer neuen Ära der Wolkenkratzer schwärmten, gingen besonders die Experten hart mit dem Gebäuderiesen ins Gericht.

Als "Beispiel für planlosen Gigantismus und technologischen Exhibitionismus" geißelte etwa Wissenschaftler Lewis Mumford in seinem Werk "The Pentagon of Power" das Gebäude. In der "New York Times" schmähte Architekturkritikerin Ada-Louise Huxtable das WTC am Tag nach dessen Eröffnung gar als "Disneyland-Märchen-Blockbuster" in "General-Motors-Gotik".

Die Masse der Touristen und New Yorker indes gewann die Riesentürme lieb, gemeinsam mit der Freiheitsstatue avancierten die Twin Towers zum stählernen Symbol der Macht und Größe der Vereinigten Staaten. Die Türme schienen unantastbar - bis sich im Februar 1975 erstmals die Verletzlichkeit des Gebäuderiesen zeigte.

Todesfalle Hochhaus

Nur zwei Wochen, nachdem Uthoff das World Trade Center fotografiert hatte, brach im elften Stock des Nordturms ein Feuer aus, das jedoch nach wenigen Stunden gelöscht werden konnte. Menschen kamen damals nicht ums Leben - anders als bei dem Bombenanschlag von 1993. Am 26. Februar, um 0.17 Uhr, detonierte in der Tiefgarage des Nordturms ein mit 680 Kilogramm Sprengstoff beladener Kleinlaster.

Die von islamistischen Terroristen gezündete Bombe riss einen 60 mal 40 Meter großen Krater ins Fundament und tötete sechs Menschen. "Wann werden Hochhäuser zu Todesfallen?", fragte damals der SPIEGEL - am 11. September 2001 war es so weit. Als sich die gekaperten Flugzeuge an jenem Spätsommermorgen in die Zwillingstürme bohrten und eine neue Ära der Angst einleiteten, saß Hans Rudolf Uthoff in seinem Hamburger Büro, genau da, wo er jetzt sitzt, und konnte es nicht glauben.

Nun, zehn Jahre danach, haben amerikanische Soldaten dem Hauptdrahtzieher der Anschläge von 9/11 eine Kugel in den Kopf gejagt. Klar habe er sich gefreut, sagt Uthoff. Das World Trade Center und seine Angestellten lasse auch dieser Racheakt nicht wieder auferstehen. Weder die fröhlichen Banker beim Bier noch die lachende Bardame aus dem 44. Stockwerk.

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1.
rene meisel 23.05.2011
"Das World Trade Center soll eine lebendige Verkörperung des Glaubens an die Menschlichkeit sein. An das Bedürfnis, die Würde des Einzelnen zu wahren und an die Fähigkeit zur Größe durch Zusammenarbeit und Vertrauen", erklärte WTC-Architekt Minoru Yamasaki." Das kann wohl nur als schlechter Witz gemeint sein...all die Zocker-u. Brokerhäuser ,die drin ihre Büros hatten...
2.
Götz-Tobias Heger 23.05.2011
Ich finde dazu passt auch dieses: http://www.youtube.com/watch?v=X0Hez25fFrg
3.
Ralf Wiethoff 23.05.2011
Ein paar der Fotos erinnern mich kolossal an den Film "Trafic" von Jacques Tati (Monsieur Hulot), in dem er anschaulich die (sprichwörtliche) Seelenlosigkeit der Moderne zeigt ...
4.
Christian Ramb 24.05.2011
Also ich finde diese 70er-Jahre Moderne mit den orange, gelb, rot und brauntönen, den Holzvertäfelungen eigentlich sehr gemütlich und heimelich. Besser als das heutige "lichtgrau" und Alu.
5.
Siegfried Wittenburg 24.05.2011
"...all die Zocker-u. Brokerhäuser ,die drin ihre Büros hatten...", "Seelenlosigkeit der Moderne..." 50.000 Menschen - das ist kein Dorf mehr, sondern schon eine größere Stadt. Es ist völlig normal, dass es unter so vielen unterschiedlichen Menschen sowohl Zocker und Broker als auch eine nette "Schüttelmaid" gibt. Von 1625 bis 1647 war die Marienkirche in Stralsund, ein christliches Gotteshaus, mit 151 m Höhe das höchste Gebäude der Welt - und galt damals als modern. In den Turm hatte der Blitz eingeschlagen. Viele andere Gebäude waren ähnlich hoch. Erst 1889 erreichte der Eiffelturm eine neue Dimension im Höhenwettbewerb und hielt den Rekord von 300 m bis 1930. Überhaupt ist es der Lauf der Geschichte, dass alle höchsten Gebäude der Welt eines Tages ihr Lebensende erreicht haben. Das Gleiche gilt auch für die kleinen Gebäude. Und alle waren sie bei der Fertigstellung modern. Nun, und die Träume der Architekten: "...lebendige Verkörperung des Glaubens an die Menschlichkeit..." Das ist schlicht und einfach Marketing, um Entwürfe dieser Größenordnungen verkaufen zu können. Trotzdem ist es faszinierend, zu welchen "kollektiven" Leistungen die Menschen in jeder Kulturepoche fähig sind.
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