Wunderhahn Mike Kopf ab, weitermachen!

Wunderhahn Mike: Kopf ab, weitermachen! Fotos
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Vom Schlachttisch auf die Showbühne: 1945 wollte Lloyd Olsen eigentlich nur eines seiner Hühner für ein Festmahl schlachten. Doch der geköpfte Hahn lebte einfach weiter. Mike wurde in den USA zum Superstar - und populärer als ein US-Präsident. Von Danny Kringiel Von Danny Kringiel

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Auf den ersten Blick sieht man dem Städtchen Fruita seine blutige Vergangenheit gar nicht an. Wer sich in das verschlafene 11.000-Seelen-Nest mitten in der Wüste Colorados verirrt, wird am Ortseingang von einer bonbonbunten Plakatwand begrüßt, die alle Attraktionen der Gemeinde abbildet: Mountainbike-Touren, Rodeos, Dinosaurierausstellung, Rafting-Ausflüge. Das heißt: fast alle. Denn ausgerechnet die Hauptattraktion, die Fruita weit über Amerika hinaus bekanntgemacht hat und jedes Jahr am dritten Maiwochenende Tausende Besucher zu einem rauschenden Fest in den entlegenen Ort führt, fehlt: ein Hahn namens Mike.

Zweifellos ist Mike der berühmteste Sohn der Stadt. Denn obwohl seine Karriere nur von 1945 bis 1947 währte, schaffte er es, Fruita in die Nachrichten zu bringen, ins "Time"- und das "Life"-Magazin, ins Radio und Fernsehen. Mike machte den Ort international bekannt. Dass Fruita dennoch darauf verzichtet, sein Schild am Ortseingang mit dem berühmten Hahn zu schmücken, könnte daran liegen, dass die Stadt nicht sonderlich liebevoll mit ihrem größten Star umgegangen ist. Denn Mikes Karriere begann damit, dass sein Kopf abgehackt wurde. Und die Köpfe zahlreicher anderer Hühner sollten folgen.

Blutopfer für die Schwiegermutter

Schuld an dem Gemetzel war die Schwiegermutter des Farmers Lloyd Olsen. Am 10. September 1945 wurde sie von Lloyd und seiner Frau Clara zum Abendessen erwartet. Als guter Schwiegersohn ging Lloyd am Tage schon auf den Hof, um ein paar seiner Hühner frisch zu schlachten. Er schnappte sich einen Hahn, legte ihn auf den Block und nahm Maß. Da er wusste, dass seine Schwiegermutter besonders gerne den Hals aß, setzte er die Klinge so an, dass ein großzügiges Halsstück überbleiben würde. Er ließ die Klinge niedersausen und warf den kopflosen Körper auf den Boden. Doch der stand einfach wieder auf und flatterte fort.

Lloyd hatte das schon öfter bei der Hühnerschlachtung erlebt, und so schlachtete er zunächst die anderen Hühner. Doch der kopflose Hahn dachte nicht daran, es seinem Kopf gleichzutun und zu sterben. Stattdessen mischte er sich unauffällig unter die anderen Hühner auf dem Hof und versuchte, ungeachtet seines fehlenden Kopfes nach Körnern zu picken. Als sich der abendliche Besuch der Schwiegermutter näherte, wurde Olsen der verstörende Anblick des geköpften Hahns, der noch immer quicklebendig auf dem Hof herumhüpfte, zu viel: Er stopfte ihn in eine Apfelkiste, wo er über Nacht den letzten Atem aushauchen sollte.

Doch am nächsten Morgen fand Olsen seinen Delinquenten noch immer lebendig in der Kiste vor: Er schlief, seinen - nicht mehr existenten - Kopf ins eigene Gefieder gekuschelt. Olsen beschloss, das Tier zu füttern, und zu sehen, wie lange es überleben würde. Mit einer Pipette tröpfelte der Farmer seinem Hahn, den er "Mike" taufte, Wasser in die Speiseröhre, dazu gab er ihm Maiskörner und kleine Steinchen, damit Mikes Magen die Körner zermahlen könnte. Mike schien es von Tag zu Tag besser zu gehen, und er verhielt sich, als wäre sein Kopf nie verschwunden: Er lief mit den anderen Hühnern über den Hof, flatterte auf Mauern und balancierte darauf herum und versuchte sogar zu krähen - auch, wenn aufgrund des fehlenden Kopfes nur ein trauriges Gurgeln herauskam.

Als Mike nach einer Woche noch immer lebte, beschloss Farmer Olsen, dem Geschehen auf den Grund zu gehen: Er fuhr 400 Kilometer zur Universität von Utah in Salt Lake City, um das Tier untersuchen zu lassen. Die Mediziner stellten erstaunt fest, dass der Hahn - abgesehen vom fehlenden Kopf - völlig gesund sei: Durch den hoch angesetzten Schnitt waren ein Ohr und der größte Teil des Stammhirns - verantwortlich für den Bewegungsapparat - an Mikes Hals verblieben. Ein Blutgerinnsel hatte zudem verhindert, dass er direkt nach der Schlachtung verblutete.

Ausgestellt mit falschem Kopf

Bald begann Olsens kopfloser Hahn, Aufmerksamkeit zu erregen: Zunächst kamen Nachbarn aus Fruita vorbei und spendierten Lloyd Olsen Bier, wenn er ihnen sein Wundertier zeigen würde. Ein Lokalblatt brachte einen Bericht über Mike. Sechs Wochen nach seiner Köpfung war das Tier bereits im "Time"-Magazin, wenig später auch - mitsamt Bilderstrecke - im "Life"-Magazin. Kurz darauf kontaktierte ein Promoter aus Salt Lake City namens Hope Wade die Olsens und erklärte, sie könnten mit dem Tier ein Vermögen machen. Er wollte Mike auf Jahrmärkten ausstellen und Eintritt nehmen. Im Interview mit dem US-Fernsehsender KTNW erzählt Troy Waters, Enkel der Olsens: "Lloyd und Clara hatten den Traum, dass sie mit dem Hahn Geld machen, die Farm abbezahlen und aus den Schulden rauskommen könnten."

Tatsächlich wurde Mike bald zu einer Art Star: Zunächst stellten die Olsens ihren Hahn, den sie nun "Miracle Mike" nannten, in Salt Lake City aus und verlangten 25 Cent Eintritt. Viele Neugierige kamen und begafften den Gockel und den in einem Einmachglas aufbewahrten Hühnerkopf - obwohl der in Wirklichkeit von einem anderen Tier stammte: Denn Mikes eigener Kopf war von einer hungrigen Katze geklaut worden. Bald zogen die Shows so viele Zuschauer an, dass die Olsens beschlossen, mit Mike durch die USA zu touren: Und so trat er in Los Angeles, San Diego, Atlantic City, New York und etlichen anderen Städten auf. Auf der Höhe seiner Karriere verdienten die Olsens ansehnliche 4500 Dollar pro Monat - umgerechnet auf heutige Verhältnisse fast 10.000 Euro - mit ihm.

Natürlich war nicht jeder glücklich darüber, wie skrupellos das Farmerpaar Geld aus einem verstümmelten Tier schlug. Troy Waters erinnert sich: "Sie bekamen eine Menge Hassbriefe. Viele Leute fanden es grausam, Mike am Leben zu halten. Sie sagten, meine Großeltern hätten den Job einfach zu Ende bringen und ihn in den Kochtopf stecken sollen." Auch viele Farmer aus Fruita fanden es nicht richtig, Mike ohne Kopf leben zu lassen. Und unter die Wut mischte sich zunehmend auch Neid: Beschuldigungen wurden laut, Lloyd und Clara wären mit Tierquälerei "stinkreich" geworden.

Das große Köpfen beginnt

Getrieben von diesem Neid begannen die ersten anderen Farmer, den Olsens nachzueifern. Sie wollten auch ein "Wunderhuhn" haben. Und so versuchten sie, ihre Hähne auch durch so hoch angesetzte Axthiebe zu töten, dass diese überleben würden. Viele gefiederte Köpfe rollten in Fruita, ohne dass ein einziges anderes Tier die Zähigkeit von Mike aufwies: Manche Hähne überlebten ein, zwei Tage lang. Erfolgreichster Nebenbuhler wurde ein Gockel namens "Lucky", der elf Tage lang ohne Kopf überlebt haben soll - bevor er, unfähig, das Hindernis zu sehen, gegen ein Ofenrohr rannte und verstarb.

Bald platzten jedoch die Träume von Lloyd und Clara Olsen, als das unglückselige Leben ihres Wunderhuhns ein jähes Ende fand. Manchmal bekam Mike durch seinen eigenen Halsschleim keine Luft mehr und fing an, jämmerlich zu gurgeln und sich zu verschlucken. Für solche Notfälle hielt Lloyd stets eine Spritze griffbereit, um den Schleim abzusaugen. Doch als der Hahn eines Nachts im März 1947 - die Olsens befanden sich gerade in einem Motel in Phoenix auf der Rückreise von einer Tournee - wieder begann, laut zu würgen, stellten sie fest, dass sie die Spritze am Abend zuvor bei der Show liegengelassen hatten. Bevor Ersatz gefunden war, war Mike erstickt.

Lloyd und Clara, so Troy Waters, waren über den Tod ihres Stars "völlig niedergeschmettert". Nicht aus Tierliebe - ihre Träume von Ruhm und Reichtum waren geplatzt: Sie hatten mit Mike gerade genug verdient, um einen neuen Traktor zu kaufen und einen kleinen Teil ihrer Schulden abzubezahlen. Lloyd war Mikes Tod so peinlich, dass er überall erzählte, er habe den Vogel verkauft. Und so kursierten weiter Gerüchte, Mike toure noch immer durch das Land. Im Interview mit Associated Press erklärte Waters 2010: "Ich glaube, Lloyd wollte nicht zugeben, dass er die Gans, die goldene Eier für ihn legte, hatte sterben lassen." Die Olsens wandten sich wieder ihrer Farmarbeit zu - und redeten kaum noch über ihr einstiges Wunderhuhn.

Ein Denkmal für den Geköpften

In Fruita verblasste die Erinnerung an den kopflosen Hahn bald, und die Bewohner interessierten sich wieder mehr für Rodeos, Wildwasserfahrten und die Fossilienausgrabungen nahe der Stadt als für "Miracle Mike". Bis im Frühjahr 1999 die örtliche Handelskammer nach einer Möglichkeit suchte, das unscheinbare Fruita während der lokalpatriotischen "Colorado Heritage Week" Touristen schmackhaft zu machen. Sie stießen auf ein altes Sammelalbum von Clara Walters, in dem sie Mikes Geschichte mit Fotos, Zeitungsberichten und Postkarten dokumentiert hatte. Und so wurde wenig später am 17. Mai 1999 in Fruita das erste "Mike the headless chicken"-Festival gefeiert.

Die Resonanz war überwältigend: Selbst Ture Nycum, Leiter der Park- und Freizeitbehörde von Fruita, gibt zu, er sei "erstaunt über die Aufmerksamkeit, die der Fall weltweit auf sich gezogen hat". Tausende Fans aus Ländern wie Puerto Rico, England, Venezuela oder Wales reisen mittlerweile nach Fruita, um den Überlebenswillen des Hahns zu feiern. Und amüsieren sich pietätlos bei Chicken Wing-Wettessen, "Finde Mikes Kopf"-Schatzsuchen, einem "Lauf wie ein kopfloses Huhn"-Langstreckenrennen und beim "Chicken-Bingo", bei dem die Gewinnerzahlen durch Hühner ermittelt werden, die ihr Geschäft auf einem Zahlenraster verrichten.

Postum gelangte Mike zu neuer Berühmtheit: Inzwischen ist er im Guinness-Buch eingetragen als das am längsten kopflos überlebende Huhn. Der Country-Songwriter Timothy P. Irvin und die Punkband "Radioactive Chicken Heads" widmeten ihm Songs, und der Schriftsteller Garrison Keillor verarbeitete Mikes Schicksal in der Kurzgeschichte "Chicken". Schließlich errichtete Fruita Mike sogar ein Denkmal - ein 150 Kilo schweres Metallhuhn mit Gedenktafel. Das Web-Magazin salon.com berichtete im Mai 1999, Mike sei inzwischen beliebter als der damals amtierende US-Präsident Bill Clinton. Am Ende hat "Miracle Mike" sich also doch als unsterblich erwiesen.

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1.
Simon Eichenauer 20.05.2011
4500 Dollar im Jahr 1945 entsprechen circa 54000 Dollar heute (Kaufkraft), also wesentlich mehr als die beschriebenen 10000 Euro.
2.
Kamera Ano 21.05.2011
Respekt, aber kopflose Menschen gibt es genug, die leben zum Teil schon über 60 Jahre ;)
3.
Bodo Kälberer 20.05.2011
Eine wahrlich bizzare Geschichte. Erinnert mich an das Klische vom apathisch vor dem Fernseher sitzenden Arbeitslosen. Würde übermittelt, ob Mike Fernseh geschaut hat?
4.
Adalbert Sünder 21.05.2011
Erinnert mich an meine Kindheit. Unser Nachbar, Onkel Fritz, machte sich einen Spaß daraus, die geköpften Hühner in Richtung der wartenden Kinder zu werfen. Sie kamen dann kopflos angeflattert. Da er aber den Kopf ordentlich abgeschlagen hatte, war das schaurige Vergnügen nur kurz.
5.
Elena Schwarz 21.05.2011
Etwas geschmackloseres habe ich echt selten gelesen. Wie profitgeil und sesationsgeil die Menschheit doch ist, das sich aus mit dem Leid anderer Lebewesen noch Kapital herausschlagen lässt...vor allen Dingen noch so offensichtlich. Wie emotionslos und armseelig!
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