Wundersame Rettungen Allein unter Toten

Wundersame Rettungen: Allein unter Toten Fotos

Ein Schiffbrüchiger treibt wochenlang auf einem Floß über den Ozean, ein Mädchen überlebt als einziger Passagier einen Flugzeugabsturz: Menschen, die ganz allein extreme Gefahren überstehen, sind fürs Leben gezeichnet. einestages schildert Schicksale von Geretteten. Von

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Draußen tobte an diesem 9. Februar 1910 ein wilder Sturm, aber der Kapitän des französischen Postschiffs "Général Chanzy" machte sich keine Sorgen. "Ich habe Schlimmeres gesehen", sagte er zu dem besorgten Passagier Marcel Badez und winkte ab. "Morgen um fünf sind wir in Algier." Doch Badez blieb misstrauisch. Sein Kabinennachbar versuchte ihn zu beruhigen. Der Seegang sei normal, er könne ruhig schlafen gehen.

Seine Unruhe riss Badez um 4 Uhr morgens aus dem Schlaf - und ihr sollte er sein Leben verdanken. Der heftige Sturm warf die "Général Chanzy" kurz danach gegen ein Felsenriff der Baleareninsel Menorca. Als das Wasser eindrang, brachte es die Kessel des Dampfers zur Explosion. "Was mich rettete, war die Geistesgegenwart, mir eine Rettungsweste zu nehmen und entschlossen ins Meer zu springen", sagte der Franzose später.

An ein Wrackteil geklammert, wurde er an die Steilküste gespült und musste einen ganzen Tag in einer kleinen Felsenhöhle ausharren. Erst als der Seegang ruhiger wurde, konnte er aus seinem Gefängnis entkommen, die Steilklippe hochklettern und sich in den nächsten Ort retten. Erst jetzt erfuhr er, dass er als Einziger von 157 Passagieren überlebt hatte.

Singen gegen den Tod

Badez' abenteuerliche Selbstrettung vor 100 Jahren klingt unglaublich, ist aber kein Einzelfall. Mit unbändigem Überlebenswillen oder purem Glück gelang es immer wieder Menschen, scheinbar aussichtslose Situationen zu überstehen - während all ihre Begleiter starben. Sie stürzten kilometertief vom Himmel, retteten sich aus brennenden Trümmern, irrten wochenlang durch das ewige Eis oder verbrachten Monate auf einem brüchigen Floß im Atlantik.

Wer entgegen aller Wahrscheinlichkeit solche Dramen überlebt hat, verliert nicht selten die Bodenhaftung oder ändert sein Leben radikal: Diese ungewöhnlichen Menschen ziehen sich zurück, werden religiös, fühlen sich auserwählt - oder gar schuldig. Andere dagegen fordern ihr Schicksal immer wieder heraus.

Wie der ehrgeizige französische Höhlenforscher André Mairey. Vor 60 Jahren war er mit sechs anderen Wissenschaftlern in die französische Grotte von La Creuse in der Region Franche-Comté gestiegen, als plötzlich ein unterirdischer Wasserstrom anschwoll und dem Team den Rückweg abschnitt. Gefangen in der Höhle, kämpften die Männer gegen den unerbittlich steigenden Wasserpegel an. Einer nach dem anderen ertrank - nur Mairey schaffte es, sich an der glitschigen Felswand festzuklammern und den Kopf gerade eben über Wasser zu halten. Um wach zu bleiben, sang der Franzose lauthals drauflos. Nach 24 Stunden ging das Wasser zurück, Mairey war gerettet.

In einer Zeit, in der psychologische Betreuung nach solchen Extremsituationen noch lange nicht Gang und Gäbe war, war es offenbar seine beste Therapie, weiterhin gefährliche Expeditionen zu unternehmen. Nur zwei Jahre später erkundete er die Pyrenäen-Grotte St. Pierre Martin, ein Begleiter stürzte ab und starb. Kurz danach stieg der Forscher erneut in dieselbe Höhle, wurde diesmal von Geröllmassen eingeschlossen, erstickte beinahe - und kam ein weiteres Mal mit dem Leben davon.

Deutsche U-Boot-Tragödie

Andere sind weniger hartleibig, werden jahrelang von denselben Bildern oder Geräuschen verfolgt. Bei Peter Silbernagel waren es die Möwen. Über Jahre hasste er ihr Kreischen, mit dem er nur den Tod verband. Unbarmherzig erinnerten ihn die Vögel immer wieder an diesen 14. September 1966. Jener Tag, an dem das deutsche U-Boot "Hai" bei einem Manöver in der Nordsee unterging. Es war das schwerste U-Boot-Unglück in der Geschichte der Bundesmarine.

"Ich habe gedacht, das ist das sicherste Schiff, das es gibt", erzählt Silbernagel, damals Obermaat. "Wenn es zu stürmisch ist, tauchen wir einfach ab." Die Nordsee war ungewöhnlich unruhig, als die U-Boote "Hai" und ihr Schwesternschiff "Hecht" zu einem mehrwöchigen Übungsmanöver Richtung England aufbrachen. Hohe Wellen drückten Wasser in den U-Boot-Turm, einmal geriet die "Hai" gefährlich ins Schlingern. Um in Ruhe essen zu können, befahl ihr Kommandeur den Tauchgang. "Als wir wieder auftauchten, begann die Katastrophe", erinnert sich der damals 23-Jährige.

Auf einmal stand Wasser im Boot, der Maschinenraum war überflutet. Ursache waren, so stellte sich später heraus, ein fehlerhafter Diesel-Zulaufmast und eine kaputte Ansaugpumpe, die das Wasser nicht mehr aus dem Boot leiten konnte. Die "Hai" sank wie ein Stein. Einige Männer schafften es nicht mal mehr aus dem Boot. Silbernagel rettete sich mit einem Sprung in die 13 Grad kalten Fluten, kämpfte gegen Gischt und baumhohe Wellen. Stundenlang. "Als die Nacht einbrach, wusste ich, dass uns heute niemand mehr finden würde."

133 Tage auf einem Floß

Plötzlich war er allein. Seine fünf Kameraden neben ihm reagierten nicht mehr, trieben in ihren Rettungswesten reglos im eisigen Wasser. "Das Schlimmste war, dass ich nicht helfen konnte", sagt Silbernagel. "Ich wollte nur noch weg." Wie ein Besessener schwamm er los. Höllischer Durst quälte ihn, das Salzwasser verätzte die Hornhaut seiner Augen. Am nächsten Morgen kreisten Raubmöwen über ihm. Einigen seiner toten Kameraden, so erfuhr er später, hatten die Vögel Augen und Lippen herausgerissen. Doch der Möwenschwarm machte auch einen britischen Trawler auf Silbernagel aufmerksam. Der zog den Deutschen 13 Stunden nach der Katastrophe aus dem Wasser, 36 Seemeilen vom Unglücksort. 19 Seeleute waren tot, nur Silbernagel hatte überlebt.

Noch länger musste der Chinese Poon Lim auf seine Rettung warten - und schaffte es damit ungewollt ins Guinessbuch der Rekorde: Niemand blieb länger alleine auf einem Floß. 1942 hatte Lim als Schiffsteward an Bord des britischen Frachters "Benlomond" angeheuert. Am 23. November wurde das Schiff mitten im Südatlantik von der deutschen "U-172" mit zwei Torpedos angegriffen. Es sank binnen Minuten. Stundenlang trieb Lim hilflos durch die See. Dann entdeckte er ein Rettungsfloß der versenkten "Benlomond".

Zu seinem Glück befanden sich auf dem Floß Konserven, Wasser und getrocknetes Fleisch für etwa 50 Tage. Nur: Außer einem deutschen U-Boot, das schnell wieder abdrehte, entdeckte wochenlang niemand den Chinesen. Langsam wurde die Verpflegung knapp. Lim begann, mit einer selbstgebastelten Angel Fische zu fangen. Nach hundert Tagen sichtete ihn endlich ein Flugzeug. Aber er hatte zu früh gejubelt: Der Pilot informierte zwar die Behörden in Brasilien, doch ein Rettungsflugzeug konnte das Floß später nicht finden. Erst nach 133 Tagen entdeckte ein Fischerboot zufällig den Schiffbrüchigen - nackt, mit sonnenverbrannter Haut und verfilzten Haaren. Erst jetzt erfuhr er, dass all seine 53 Kameraden bei der U-Boot-Attacke gestorben waren.

"An diesem Tag starb der Sonnyboy in mir"

Während der Chinese später mit Tapferkeitsorden überhäuft wurde und jahrelang weiter wacker zur See fuhr, verkraften andere Menschen solche Ereignisse nicht. "Manche Betroffene beginnen, nach eigenen Schuldanteilen zu suchen, besonders, wenn sie unverletzt durch eine Katastrophe gekommen sind", weiß Trauma-Experte und Notfallpsychologe Marc Lukas. Der Grund sei ein "komplexer psychischer Abwehrmechanismus".

Normalerweise, so Lukas, seien Menschen handlungsfähig, weil sie wenig über Gefahren des Alltags nachdenken. Nach einer Katastrophe könne sich diese Sichtweise komplett umkehren - und die Betroffenen vor Angst lähmen. "Um wieder handlungsfähig zu werden, reden sie sich ein, dass sie auch während des Unglücks etwas hätten tun können - selbst wenn es nicht so war". Die Folge: irrationale Selbstbeschuldigungen. Ein Trick der Psyche, damit sich die Menschen ihre eigene Machtlosigkeit nicht eingestehen müssen.

"An diesem Tag ist der Sonnyboy in mir gestorben", gab auch Uli Hoeneß offen zu. Der ehemalige Manager des FC Bayern München überlebte 1982 als einziger von vier Insassen den Absturz eines Sportfliegers, der ihn zu einem deutschen Fußball-Länderspiel bringen sollte. Beim Landeanflug auf Hannover-Langenhagen streifte die Maschine Baumwipfel und stürzte ab, Hoeneß konnte sich als einziger aus dem Wrack retten.

Gerettet und vergessen

"Er sah fürchterlich aus und redete völlig unzusammenhängende Worte", erinnerte sich der Förster, der den Ex-Nationalspieler zufällig im Moor fand, 15 Kilometer vom Flughafen Hannover entfernt. Wie durch ein Wunder hatte sich Hoeneß nur Frakturen und eine Gehirnerschütterung zugezogen. Schon am nächsten Tag erkundigte er sich nach dem Ausgang des Länderspiels.

Nicht selten waren es auch überambitionierte Forscher, die mit einem großen Team loszogen - und alleine zurückkamen. Einer von ihnen wurde sogar im vergangenen Jahrhundert auf der australischen Hundert-Dollar-Note verewigt: Douglas Mawson. 1911 startete er als erster Australier eine eigene Expedition, die in einer Tragödie endete: Ein Forscher und etliche Schlittenhunde mit Proviant stürzten in eine Gletscherspalte, ein zweiter Wissenschaftler starb an den Strapazen. Mawson überlebte nur, weil er die verbliebenen Schlittenhunde nacheinander tötete und ihr Fleisch aß.

Bekannt ist Mawson außerhalb Australiens dennoch nicht geworden: Vielleicht weil er, anders als seine berühmten Zeitgenossen Roald Amundsen und Robert Falcon Scott, eben nicht im ewigen Eis starb.

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insgesamt 2 Beiträge
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1.
Claus Hofmann 03.02.2010
Mawson zog nicht mit einem großen Team los - er war mit Mertz und Ninnis nur zu dritt. Mertz starb vermutlich nicht an Erschöpfung, sondern an Vitamin-A-Vergiftung (Mawson hatte ihm - wohlmeinend - die größeren Anteile an den Lebern der Schlittenhunde überlassen und ihn damit unwissentlich vergiftet.) Wenn er gestorben wäre, wäre er wahrscheinlich auch nicht bekannter geworden. Erstens hätte dann niemand von der Dramatik erfahren und zweitens kam seine Expedition gerade zu der Zeit zurück, als die Welt eben vom Tode Scotts erfahren hatte. Ach ja, übrigens war Amundsen als Bezwinger der Nordwestpassage und des Südpols schon lange vor seinem Tod eine Legende. Nur Scott und Franklin verdanken ihren Ruhm dem spektakulärem Scheitern.
2.
bugme not 04.02.2010
Juliane Köpcke ist nicht durch den Urwald "geirrt" bis Indios sie "fanden". Sie hat sich sehr gut orientiert, ist dem Rat ihres Vaters, eines Biologen, gefolgt, fand einen Fluß, folgte ihm Stromabwärts und stieß schließlich auf ein Holzfällercamp.
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