Elektropop-Pioniere Yello "In den Achtzigern war Koks wie eine Nachspeise"

Mit Hits wie "The Race" und "Oh Yeah" entflammten Dieter Meier und Boris Blank die Welt für Elektropop - und wurden zum Inbegriff von Schweizer Coolness. Ein Gespräch über Drogen, Golf und gut geputzte Schuhe.

Universal Music/ Yello

Ein Interview von


einestages: Herr Meier - wo waren Sie eigentlich am 23. März 1994?

Meier: In Kassel, vor dem Bahnhof. 22 Jahre zuvor hatte ich während der documenta auf dem Bahnhofsplatz eine gusseiserne Platte in den Boden eingelassen mit der Inschrift: "Dieter Meier wird am 23. März 1994 von 15 bis 16 Uhr auf dieser Platte stehen!" Für viele Passanten, die jahrelang daran vorbeigingen, war das wie ein Memento mori - viele fragten sich: "Werde ich dann noch leben? Was wird dann sein? Und wer ist eigentlich dieser Dieter Meier?" Als ich am 23. März 1994 wie versprochen dort stand, sind Hunderte Leute gekommen. Kurz nach 16 Uhr wurde die Platte entfernt und in einem Schubkarren abtransportiert, sie hatte ihre Funktion erfüllt. Es wäre interessant zu wissen, wo sie heute ist.

einestages: Mitunter sorgten Ihre Happenings für ziemlichen Wirbel - etwa "This man will not shoot!" Anfang der Siebzigerjahre in New York.

Meier: Eine lustige Geschichte, wie ich fand. Das Konzept war, dass ich mich mit einem gezückten Revolver in die Eingangshalle des Cultural Center in Manhattan stelle, vor mir das Schild: "THIS MAN WILL NOT SHOOT! " Der Museumsdirektor fand das gar nicht witzig. Alle hatten Angst. Keiner traute dem Schild. Die dachten, ich sei irgendein Kunsthasser, der es auf Leute abgesehen hat, die sich Kunst ansehen wollen. Die Situation war bisweilen dramatisch. Dabei wollte ich nur das Absurde zeigen. Und habe natürlich nicht geschossen.

einestages: Weltberühmt wurden Sie beide aber als Studiomusiker. Letzten Oktober warben Sie damit, in Berlin die ersten Live-Konzerte Ihrer Karriere zu geben. Tatsächlich wissen nur wenige, dass Sie schon 1983 gemeinsam auf der Bühne standen.

Meier: Das war ein kleiner Promotion-Auftritt im New Yorker Club Roxy, den unsere Plattenfirma organisiert hatte, um zu zeigen, dass es uns gibt. Der Club war im Besitz der New Yorker Mafia, es verkehrten dort überwiegend Afroamerikaner und Latinos. An diesem Abend waren rund 500 Gäste da. Die dachten, wir seien eine schwarze Avantgarde-Rap-Band von der Westküste.

einestages: Wieso das?

Meier: Wohl, weil unser Hit "Bostich" damals beim schwarzen Radiosender WBLS rauf und runter lief. Die Verwunderung war jedenfalls groß, als auf der Bühne plötzlich Weißköpfe aus der Schweiz auftauchten (lacht). Während des Gigs lief viel schief - zwischendurch fiel sogar der Strom aus. Aber am zweiten Abend haben wir den Laden gerockt.

Yello - Bostich

einestages: Hat Ihre Musik etwas besonders Amerikanisches?

Meier: Die Figuren, die ich für Songs erfinde, sind wie Charaktere aus einem Film Noir. Es geht um Bar- und Nachtstimmungen, um Einsamkeit, verführerische Frauen und anfällige Männer. Ich habe dabei Typen wie Humphrey Bogart vor Augen oder Romanfiguren von Raymond Chandler.

einestages: Dabei hatten Sie Ihre Band Yello 1978 fern von Hollywood in Zürich gegründet. Gab es von Beginn an eine Rollenverteilung?

Blank: Ja, bis heute. Dieter ist Frontmann, ich bleibe im Hintergrund und sorge für den Sound. Ich bin ein Mensch, der gerne in der Abgeschiedenheit des Studios experimentiert. Wie ein Maler, der Klangfarben produziert und kombiniert. Die Musik entsteht wie ein Patchwork aus Versatzstücken. Erst anschließend kommt Dieters Gesang dazu.

einestages: Apropos Maler - Sie verglichen das Schaffen von Yello mal mit dem Expressionisten Jackson Pollock. Wie darf man das verstehen?

Meier: Von der Herangehensweise her. Ich komme als Sänger nicht mit fertigen Lyrics ins Studio, sondern tauche in die Klangbilder von Boris ein. Dazu haue ich stakkatoartig Wortfetzen raus - so, wie Pollock Farbe auf die Leinwand geschmissen hat.

einestages: Sie sind selbst als bildender Künstler aktiv. Sogar Lady Gaga gehört zu den Besitzern Ihrer Werke.

Meier: Sie hat bei einer Benefiz-Auktion eines Freundes in New York eine meiner Knetfiguren erstanden - für 20.000 Dollar! Das war für einen guten Zweck.

einestages: Was sind das für Figuren?

Meier: Kleine Knetköpfe, die innen hohl sind. Ich leuchte sie mit zwei Taschenlampen aus, fotografiere sie schwarz-weiß und schreibe eine Kurzgeschichte dazu. Lady Gaga wusste nicht, dass der Künstler, dessen Werk sie ersteigerte, Dieter Meier von Yello ist - und war umso erstaunter, als ich beim Dinner neben ihr saß. Wir hatten ein sehr nettes Gespräch.

einestages: "Toy" ist der Titel Ihres aktuellen Albums. Was war das Lieblingsspielzeug Ihrer Kindheit?

Blank: Lego, Fischertechnik und meine TRIX-Express-Eisenbahn. Ich habe als Knirps die Lokomotive umgebaut und Gummibänder um die Räder gezogen, damit sie bergauf fahren konnte. Ich war schon immer ein Tüftler.

Meier: Ich konnte nie was mit Spielzeug anfangen. Im Kindergarten wurde ich auffällig, weil mich Bauklötze und ähnliches kalt ließen. Man hat mich früher als üblich in die Schule versetzt, weil man sich nicht anders zu helfen wusste. Später wurde ich dem Schularzt vorgeführt. Sein Befund: nicht ausbildungsfähig!

einestages: Hatten Sie keine Hobbys?

Meier: Doch, Schuheputzen! Ich war ein kleiner Angeber, der zeigen wollte, dass er Dinge tun kann, die sonst nur Erwachsene machen. Unglaublich profiliert habe ich mich beim Abspülen. Schon mit fünf Jahren war ich der perfekte Abwäscher. Als ich etwa sechs war, lag meine Mutter krank im Spital. Da musste ich lernen, die ganze Familie zu bekochen. Das Größte war aber Schuheputzen. Ich war oft bei meinen Großeltern auf dem Land. Auf dem Traktor zu sitzen mit einem Jauchewagen hintendran, das war ein großer Spaß. Ich habe mich immer gefreut, wenn es geregnet hat und die Schuhe schön voller Matsch waren. Ich habe dann dem Großvater die total verdreckten Stiefel geputzt. Der Vorher/Nachher-Effekt war sehr befriedigend.

einestages: Haben Sie sich diese Leidenschaft bis heute bewahrt?

Blank: Dieter kommt jeden Abend zu mir zum Abwaschen und am Sonntag stelle ich immer meine Schuhe raus (beide lachen).

Meier: Im Ernst, das mache ich heute noch gern.

einestages: Gibt es spielerische, gar kindische Seiten an Ihnen?

Meier: Es gab mal eine Zeit, da habe ich Boris jeden Morgen mit einem Gedicht beglückt, das auf ihn gemünzt war (grinst).

Blank: Keine Beispiele, bitte!

einestages: Doch, bitte!

Meier: "Boris Blank und Freundin Frauke hauen tierisch auf die Pauke. Boris Blank greift in die Tasche, schon wieder eine leere Flasche". So in etwa, Blödelgedichte (beide kichern).

einestages: Sie gelten als die "Godfathers of Electropop". War es von Anfang an elektronische Musik, die Sie reizte?

Blank: Ich habe mich früh für Rock begeistert. Als Kind habe ich mich beim Spielen mit Schießpulver und Munition verletzt und musste ins Krankenhaus. Mir wurden Metallsplitter aus dem Auge entfernt. Exakt da kam die Beatles-Single "She loves you" raus. Ich eilte im Bademantel vom Kantonsspital zum Plattenladen, um mir die Scheibe für 2,50 Franken zu kaufen und wurde ein Riesen-Beatles-Fan.

Meier: Bei mir war es Jazz. Mein bester Freund hat mich für John Coltrane begeistert, Thelonius Monk, Miles Davis. Jeden Abend saß ich in meinem Zimmer, habe Musik gehört und die ersten Zigaretten geraucht, dazu trank ich Schnaps, den ich im Regal hinter meinen Büchern versteckt hatte. Für mich war Jazz mit 17 die erste Form von Freiheit.

einestages: Einer Ihrer bekanntesten Songs heißt "You Gotta Say Yes to Another Excess". Wie sieht es denn bei Yello aus mit Exzessen?

Meier: Der Exzess, den Boris täglich lebt, ist das Zurückfinden in die eigene Kindheit - totale Freiheit des Spiels und des Spielzeugs, ohne Regeln, sodass man sich selbst entdecken kann. Daher heißt unser neues Album eben auch "Toy".

einestages: Von der "Sex, Drugs & Rock'n'Roll"-Abteilung waren Sie nie?

Meier: Nein. Sicher haben wir früher mehr getrunken und sicher war auch mal die übliche Beigarnitur dabei.

einestages: Beigarnitur?

Meier: Naja, in den Achtzigerjahren war Koks eben sowas wie eine "normale" Nachspeise. Wir haben da aber nur sporadisch mitgemacht. Ein echter Exzess, den ich heute noch betreibe, ist das Golfspielen.

einestages: Sie schafften es immerhin in die Schweizer Junioren-Nationalmannschaft.

Meier: Golf ist ein ewiger Kampf, eine Auseinandersetzung mit der absichtslosen Absicht. Es ist ja ein Widerspruch in sich, dass man total locker schwingen soll, aber dann ein Ziel in 200 Meter Entfernung treffen muss. Golf ist für mich eine zenbuddhistische Disziplin und verlangt viel Übung. Ein Journalist warf Tiger Woods mal vor, dass er oft Glück gehabt habe. Daraufhin sagte Woods: "Ja, es ist seltsam: je mehr ich trainiere, desto mehr Glück habe ich!".




Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 10 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Mediendienst Mediendienst, 01.02.2017
1. In den Achtzigern wie eine Nachspeise
Keine Angst, meine Herren. Jedes Jahrzehnt bekommt sein Revival. Ind diesem Sinn: und zieeehhh. :-)
Solnzevo Wolkow, 01.02.2017
2. WTF is
Bostich. Sind da etwa die Elektrotacker gemeint?
bewarzer-fan, 02.02.2017
3. Aaaah Yello !
Einfach Klasse. Vielen Dank für das Interview und die Erinnerungen.
Antonio Angona, 02.02.2017
4. Duo Fantastico
Irre das Werk der Beiden. Aber auch die ersten Platten mit Carlos Perron sind Meilensteine des Elektro-Pop-Jazz. Die aktuellen Soloalben machen auch viel Freude. Meier wie Paolo Conte auf LSD, Blanks Werkstatt-Sammlung auf electrified, bestätigt ihn als den Elektromeister. Supercool!
Stefan Bürvenich, 02.02.2017
5. Cool ???
Yello waren (in meiner Jugend - Ruhrgebiet der 80er Jahre) nie cool. Ihre Musik, ja, die war Disco- und Charttauglich, aber nur so lange man die Personen dazu nicht sah. Insbesondere Dieter Meier galt - rein optisch - als Ausbund der Spießigkeit. An dem war gar nichts cool.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.