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Yeti-Forschung Jagd auf den haarigen Hünen

Yeti-Hysterie: Zotteliger Superstar Fotos
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Ist er Vegetarier oder frisst er Bären das Futter weg? Lebt er in Tibet oder Sibirien? Seit Jahrzehnten streiten Yeti-Forscher um Skalps, Videos und Fußabdrücke, die die Existenz des kamerascheuen Schneemenschen beweisen sollen. Von

Der Anblick war kurios: Hoch oben, auf einem entlegenen Himalaja-Pass, hockten Ende 1960 Wissenschaftler neben bergkundigen Sherpas in kargen Sperrholzhütten. Stundenlang starrten sie mit ihren Ferngläsern in die verschneiten Weiten. Zuvor hatten die Truppe automatische Kameras in Felsnischen und Gletscherwinkeln angebracht: Diese schalteten sich ein, sobald jemand die dort gespannten Drähte berührte.

Chef der merkwürdig anmutenden Mission war der Neuseeländer Edmund Hillary, der sieben Jahre zuvor mit der Erstbesteigung des Mount Everest zur lebenden Ikone aufgestiegen war. Nun ging es dem Bergsteiger nicht mehr um Gipfel, als er bei Minusgraden mit renommierten Forschern wie dem Direktor des Chicagoer Lincoln-Park-Zoos, Marlin Perkins, in der verschneiten Einsamkeit ausharrte. Was die Wissenschaftler dort trieben? Sie suchten.

Und zwar den Yeti.

Denn der Neuseeländer hatten nicht weniger vor, als eine der merkwürdigsten Frage der Nachkriegszeit zu beantworten: Existiert jener haarige Riese, der in den USA und Kanada "Bigfoot" oder "Sasquatch" genannt wird - und dem seit Jahrzehnten Forscher und Hobbywissenschaftler auf der Spur sind? Mal sollen Fußabdrücke oder Haare als Beweis herhalten, mal tauchen pixelige Fotos des angeblichen Schneemenschen in Boulevardblättern auf. Sicher ist jedes Mal nur eines: Die Suche geht immer weiter.

Antilopenfelle als Yeti-Pelze

Der Hype um den haarigen Hünen entstand 1951, irgendwo in den einsamen Weiten des Himalaja-Gebirges. Der erfahrene Bergsteiger Eric Shipton war in 6000 Metern Höhe auf den Abdruck eines Fußes mit offenbar riesigen Zehen gestoßen. Der Brite legte seinen Pickel zum Größenvergleich neben den Abdruck, machte ein Beweisfoto - und eröffnete damit die Jagd auf den mysteriösen Bewohner des tibetischen Hochlandes, der amerikanischen Rocky Mountains oder der sibirischen Einöde.

So gingen Yeti-Expeditionen in entlegenen Bergregionen in Serie. Den Auftakt machten 1953 Hillary und sein Sherpa Tenzing Norgay, die als erste Menschen den Mount Everest erklommen - und nebenbei angebliche Fußabdrücke des Yetis entdeckten.

Hillary widmete sich daraufhin intensiv der Suche nach dem mystischen Wesen, investierte Tausende Dollar und präsentierte gewöhnliche Antilopenfelle als angebliche Yeti-Pelze. Bis zu seinem Tod im Jahr 2008 gelang dem berühmten Bergsteiger kein Beweis, dass der Schneemensch existiert. Doch andere Yeti-Fans eiferten Hillarys Idee nach.

Tricks mit Affenkostüm und Fußschablone

So brachten Roger Patterson und Robert Grimlin 1967 von einer Expedition Filmaufnahmen eines haarigen Riesen mit. Raymond Wallace präsentierte 1958 rund 40 Zentimeter große Fußspuren aus Hochgebirgslagen. Und zwei Jäger im US-Bundesstaat Georgia erschossen 2008 ein 2,31 Meter großes angebliches Yeti-Männchen, das sie in einer Kühltruhe aufbewahrten.

Bewiesen war dadurch allerdings nichts, im Gegenteil: Durch den 16-Millimeter-Film von Patterson und Grimlin stapfte damals in Wahrheit ein Mensch im Affenkostüm. Wallaces Sohn Michael wiederum gab 2002 zu, dass sein Vater hölzerne Yeti-Fußschablonen benutzt hatte. Und die Jäger aus Georgia hatten 2008 eigens für die Presse ein haariges Affenkostüm in den Gefrierschrank gelegt. Trotzdem blieb der Glaube an die Existenz des Yeti unerschütterlich - und trieb mitunter bizarre Blüten.

So stellte Künstler Stanislaw Szukalski eine Theorie mit dem ehrwürdig klingenden Namen "Zermatismus" auf, bevor er 1987 starb. Demnach stammt die gesamte Menschheit von den Osterinseln ab. Und, als wäre das noch nicht bizarr genug: Seit jener Urzeit befindet sich der moderne Mensch laut Szukalski im ewigen Kampf mit den "Söhnen des Yeti". Diese rüden Wesen würden eines Tages das Ende der Welt einläuten - erste Anzeichen dafür könne man bereits in Russland sehen.

Truthahnbraten als Beweis

Selbst unter Wissenschaftlern herrscht ein hartnäckiger Yeti-Hype: Seit Jahrzehnten treffen sich Yeti-Gläubige mit akademischer Bildung regelmäßig, um die Erforschung des Schneemenschen voranzutreiben. Mal in Kanada, mal in den USA, mal in Russland. Dort, im sibirischen Taschtagol, feierte die Yeti-Forschung im Oktober 2011 ihre jüngste Sternstunde: Dutzende Wissenschaftler aus sieben Ländern kamen zusammen - keiner von ihnen zweifelte an der Existenz des Schneemenschen.

Das lag wohl auch an so bemerkenswert plumpen Beweisführungen wie der von Robin Linn: Die US-Wissenschaftlerin berichtete, dass sie jedes Jahr an Weihnachten einen gebratenen Truthahn vor die Haustür stelle. Den schmackhaften Köder filme sie zwar nie, da der Yeti Kameras "erfühlen" könne. Aber: "Am anderen Morgen ist der Braten weg", sagte sie. Ein unanfechtbarer Beweis für die Existenz des Schneemenschen! Jedenfalls für die "Experten" in Taschtagol.

Und so ging die Konferenz von 2011 weiter: Der US-amerikanische Anthropologe Jeff Meldrum dozierte vor den in Sibirien versammelten Kollegen über Yeti-Fußabdrücke im Yellowstone-Nationalpark. Und der kanadische Wildtierbiologe John Bindernagel verkündete: "Bei uns heißt der Yeti Bigfoot und jagt Hirsche". In Russland ist das Wesen hingegen Vegetarier, wie der Moskauer Yeti-Experte Anatoli Fokin erklärte: "Er liebt Hafer." Selbst den Umstand, dass dieses getreideverliebte Exemplar noch nie gesichtet wurde, wussten die Wissenschaftler zu erklären: "Russische Yetis sind eben scheuer als etwa der Bigfoot in Amerika", sagte Konferenzleiter Igor Burzew.

Yeti-Warnung in Russland

Wenig später gab die Verwaltung der russischen Region Kemerowo eine "Yeti-Warnung" aus und teilte offiziell mit, dass die Existenz der haarigen Riesenwesen "unwiderlegbar" bewiesen sei. "Sie stehlen sogar Haustiere und machen auch nicht davor Halt, Bären das Futter wegzufressen", teilte die Behörde mit. Die Gefahr war also groß: Immerhin hatte Yeti-Forscher Burzew zuvor beteuert, dass allein in der Region Kemerowo "mindestens 30" Exemplare leben.

Burzew präsentierte auch eine Theorie für die Herkunft dieser Hünenhorde inmitten der russischen Weiten: Der Yeti sei womöglich ein menschenähnliches Wesen, allerdings stehengeblieben auf der Entwicklungsstufe eines Neandertalers - ganz sicher war sich Burzew jedoch nicht. Entsprechend fiel der Leitantrag aus, mit dem die Wissenschaftler ihr illustres Treffen schließlich beendeten. Ihre zentrale Forderung: ein Lehrstuhl für die Yeti-Forschung.

Weniger witzig, dafür aber deutlich glaubwürdiger kommt das wissenschaftliche Projekt der britischen Forscher Bryan Sykes und Michel Sartori daher: Das Duo rief im Mai 2012 Institutionen und Privatpersonen in aller Welt auf, rätselhafte Haarproben und Zähne von mutmaßlich unbekannten Lebewesen einzuschicken. Ihre Mission: In einem großangelegten Forschungsprojekt wollten sie dem Yeti mit moderner Wissenschaft auf die Schliche kommen.

Der Yeti: Eisbär, Kuh und Tapir

Grundlage ihrer Arbeit bildete die wohl weltgrößte Yeti-Sammlung Bernhard Heuvelmans: Der Zoologe gilt als Erfinder der Kryptozoologie - der wissenschaftlichen Erforschung mythischer Wesen und solchen Spezies, die dem Mainstream der Wissenschaft als ausgestorben gelten. Bis zu seinem Tod im Jahr 2001 hatte Heuvelmanns 25.000 Exponate und Dokumente rund um das Thema Yeti angesammelt.

Dutzende Haar- und Zahnproben trudelten nach dem Aufruf von Sykes und Sartori 2012 im Zoologischen Museum von Lausanne ein - allesamt angebliche Yeti-Präparate aus Russland, Bhutan, Sumatra, den USA, Indien und Nepal.

Mit mikroskopischen Untersuchungen und DNA-Tests nahmen sich die beiden Forscher der vermeintlichen Beweisstücke an. Sie verglichen jede einzelne Probe mit Präparaten bekannter Lebewesen und veröffentlichten schließlich in der Fachzeitschrift "Proceedings B" das bemerkenswerte Ergebnis ihrer Großstudie: Sykes und Sartori waren auf Genmaterial von Eis-, Braun- oder Schwarzbären, von Pferden, Kühen, Schafen und Waschbären, von Wölfen, Hirschen, Tapiren und Menschen gestoßen. Rätsel also gelöst, Yeti-Existenz widerlegt? Mitnichten!

Denn zwei Haarproben konnten Sykes und Sartori keinem Lebewesen zuordnen. In der eingeschickten DNA aus Indien und Bhutan hatten sie zwar eine Übereinstimmung mit dem Erbgut einer Eisbärenart gefunden - doch die war bereits im Pleistozän ausgestorben, vor etwa 40.000 Jahren.

Womöglich handele es sich um eine noch unbekannte Bärenart, erklärten die Wissenschaftler. Oder aber das Material stamme von den Nachkommen einer Mischung aus Braun- und Eisbär. Die Yeti-Gläubigen überzeugten die Wissenschaftler damit allerdings nicht. Und sollten sie doch noch beweisen, dass der Yeti bloß ein Mythos ist - dann wäre er wohl ohnehin ein unsterblicher.

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1. Leider
Tobias Schloter, 31.12.2014
So traurig es ist - wir müssen uns so langsam damit abfinden, dass die Welt zu erforscht für Monster ist - ob in der Tiefsee, Loch Ness oder Dem Himalaya... Wer eines möchte, muss es wohl zuerst klonen bevor er es entdecken kann...
2. CIA fragen
Dieter Willibald, 31.12.2014
Schaltet den CIA ein. Der weiß alles ganz genau und wird zur Abwehr der Yetigefahr unter Protest von Greenpeace als erstes den Himalaja bombardieren.
3. Treffen sich 2 Yetis:
Hans Goedeking, 31.12.2014
"Du, Ich habe Reinhold Messner gesehen!" "Was, den gibt´s wirklich?"
4. von Wegen
Frank Shechinah, 31.12.2014
"Durch den 16-Millimeter-Film von Patterson und Grimlin stapfte damals in Wahrheit ein Mensch im Affenkostüm." Von wegen, das wurde längst widerlegt.
5. Baerenart
Tom Freyer, 31.12.2014
Naja, es ist durchaus moeglich, dass es sich im Himalaja um eine unbekannte Baerenart handelt. Ansonsten ist das meiste Lug und Trug.
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