"Yoganastik" in der DDR "Absonderliche Stellungen"

Als Okkultismus verfemt, als denkfeindlich verfolgt: Wer in der DDR Yoga praktizierte, geriet schnell ins Visier der Stasi. Daran konnte selbst ein fliegender Yogi aus Kanada nichts ändern.

Archiv Mathias Tietke

Von


Über dem Ost-Berliner Bezirk Weißensee lag am Morgen des 15. September 1983 dicker Nebel. Der Bauer Albert Kotschote fuhr gerade Traktor, als ein merkwürdiges Flugobjekt vom Himmel einschwebte und in wenigen Metern Entfernung auf seinem Acker aufsetzte. Auch mehrere Jugendliche, die auf dem Weg zur Polytechnischen Oberschule Erwin Nöldner waren, trauten ihren Augen kaum. Das Ding habe geknattert "wie eine Motorsäge", sagten sie später der Polizei.

In dem von einem Rasenmähermotor angetriebenen Drachengleiter saß der Yogameister Swami Vishnudevananda, dem es erbärmlich kalt war. In aller Frühe hatte der aus Indien stammende Kanadier Blumen in seine Taschen gestopft, bevor er vom Flugplatz Gatow in West-Berlin startete. Mit seiner riskanten Mission verfolgte er ein einziges Ziel: den Weltfrieden zu retten.

Kopfstand vor den Vopos

Rasch kletterte der ungewöhnliche Pilot zwischen dem Gestänge unter den mit rotem Nylon bespannten Flügeln hervor. Dem verblüfften Kotschote drückte er ein paar Chrysanthemen in die Hand. "Der Yogi war ganz steifgefroren", erklärte der Bauer viele Jahre später im Interview mit dem Berliner "Tagesspiegel". Offensichtlich wusste Vishnudevananda in dem Moment selbst nicht genau, wo er denn gelandet war. Den Umstehenden habe er pausenlos das Wort "Police" zugerufen, so Mathias Tietke in seinem 2014 erschienenen Buch "Yoga in der DDR". Doch außer ihm verstand niemand Englisch.

Yogi Swami Vishnudevananda flog im September 1983 über die Mauer in die DDR.
Archiv Mathias Tietke

Yogi Swami Vishnudevananda flog im September 1983 über die Mauer in die DDR.

Schon nach kurzer Zeit rückten Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit an. Drei Stunden lang musste der Yogi eine sogenannte informatorische Befragung über sich ergehen lassen. Immerhin sei die Atmosphäre "freundlich" gewesen. Eigentlich hatte er ja auf dem Alexanderplatz landen wollen. Wegen des Nebels war die Sicht jedoch so schlecht, dass er sein Ziel verfehlte. Als er südlich vom Brandenburger Tor in den Luftraum der DDR eindrang, fiel sein Fluggerät selbst den Grenzsoldaten nicht auf.

Um den Volkspolizisten seine friedlichen Absichten und die Vorzüge des Yoga zu demonstrieren, ging Vishnudevananda während der Vernehmung kurzerhand in den Kopfstand. Damit hatte er 1965 schon die Beatles in Los Angeles beeindruckt. Wie die Vopos reagierten, ist leider nicht bekannt. Immerhin ging der Flug über die Mauer für ihn letztlich glimpflich aus: Nach einer Verwarnung bekam er ein Käsebrot als Wegzehrung und wurde mit der Bahn zum Grenzübergang Checkpoint Charlie geschickt.

Für Yoga-Übungen verhaftet

Laut einem in Tietkes Buch veröffentlichten Protokoll der Volkspolizei wurde das Leichtflugzeug "entschädigungslos eingezogen". Schließlich sei der "Einflug" vorsätzlich erfolgt. Am Nachmittag war Vishnudevananda schon wieder im Westen. Beim Yoga-Friedensfestival auf dem Gelände des heutigen Tempodroms berichtete er Journalisten über seine Erlebnisse.

Kurioserweise hätte der Flug über die Mauer für niemanden eine Überraschung sein müssen. Nicht nur, weil der Yogi bereits mit ähnlichen Friedensaktionen weltweit für Aufsehen gesorgt hatte. 1971 war er zusammen mit dem Schauspieler Peter Sellers in einem zweimotorigen Kleinflugzeug nach Nordirland geflogen und hatte Blumen und Flugblätter über Belfast abgeworfen. Noch im selben Jahr hatte er während der Sinai-Krise gegen den Widerstand des israelischen Militärs auf dem Luftweg den Suez-Kanal überquert.

Auch über seinen geplanten Drachensegler-Flug nach Ost-Berlin hatten schon Wochen vor der Durchführung mehrere Zeitungen berichtet, darunter die "Frankfurter Rundschau". Damit ihm dennoch keiner in die Quere kommen konnte, hatte der Yogi die ursprünglich für den 18. September geplante Aktion ein paar Tage vorgezogen.

Motiv aus dem Band "Gesundheitskur für die Figur mit Yoga".
DDR Museum Berlin 2016

Motiv aus dem Band "Gesundheitskur für die Figur mit Yoga".

Die meisten Ostdeutschen dürften zu dem Zeitpunkt noch nie von Vishnudevananda gehört haben. Zwar verbreitete er die Lehren seines Meisters Swami Sivananda schon seit Ende der Fünfzigerjahre auf der ganzen Welt. In der DDR, deren Führung eine materialistische Weltanschauung zum Leitbild erhoben hatte, war Yoga jedoch weitgehend tabu. Die Körper- und Atemübungen wurden mit Religiosität und Mystizismus in Verbindung gemacht und bis in die Achtzigerjahre hinein geächtet.

"Für die absonderlichen Stellungen der Yogi trifft das zu, was auch für absonderliche Litaneien der christlichen Religionen gilt: Dinge des Glaubens dulden kein Denken", hieß es in dem Buch "Okkultismus in der Medizin". In Yogaschulen werde gelehrt, wie man "Zitronen auf den Körper nagelt", zitiert Tietke aus dem Band.

Auch die große Beliebtheit von Yoga im kapitalistischen Westen erregte Misstrauen. Wer sich in der DDR einer privaten Yoga-Gruppe anschloss, musste damit rechnen, von der Stasi observiert zu werden. Die Konsequenzen bekam etwa der Musiker Gerd Scheithauer in Cottbus zu spüren, als er sich durch Yoga-Übungen auf den Pfad der Erleuchtung begeben wollte. Scheithauer stellte einen Ausreiseantrag, um seine Studien in Indien fortsetzen zu können. 1983 kam er in Untersuchungshaft, wo ihm ein striktes Yoga-Verbot auferlegt wurde. Danach saß er anderthalb Jahre im Gefängnis, bevor er schließlich von der Bundesrepublik freigekauft wurde.

Volkssport "Yoganastik"

Die DDR-Führung befürchtete offensichtlich schon in den Siebzigerjahren, dass sich Yoga im Untergrund weiterverbreiten könnte. Um dies zu verhindern, wurde mit offizieller Unterstützung der Gesundheitssport "Yoganastik" propagiert. 1978 gab die Magdeburger Zeitung "Volksstimme" die vom Sportlehrer und Tennisspieler Horst Stahlberg verfasste Broschüre "Yoganastik für jedermann" heraus. Vor allem Frauen reagierten begeistert. Auch die Zeitschrift "Magazin", die wegen regelmäßiger Aktfoto-Veröffentlichungen populär war, druckte Anleitungen für Streckübungen oder Kopfstände ab. In einem Beitrag unter dem Titel "Igel, Fisch und Käferrolle" lobte der Autor Axel Frank Yoganastik als "zielgerichtete Gymnastik im Zeitlupentempo", die Alterungsprozesse verzögern könne.

Erst zehn Jahre später sollte Yoga ganz allmählich auch in der DDR geduldet werden. Schließlich führte auch die Frauenillustrierte "Guter Rat" ihre Leserinnen 1988 in die "Vollständige Yoga-Atmung" im Vierfüßlerstand ein. Dann fiel im November 1989 die Mauer - und mit ihr auch die Trennung in eine Yoga-Republik und eine Yoganastik-Republik.

Nur wenige Tage später unternahm übrigens Swami Vishnudevananda noch einen Versuch, sein Leichtflugzeug "Quick Silver MX" wiederzubekommen. Auf einem Foto von 1989 ist zu sehen, wie er dem damaligen Staatsratsvorsitzenden Egon Krenz in Berlin die Hand schüttelte. Bei dieser Gelegenheit besuchte der Yogi auch noch einmal Albert Kotschote in Weißensee. Seinen Drachensegler sah er jedoch nie wieder - wie ihm die DDR-Behörden mitteilten, sei das Fluggerät längst vernichtet worden.

Anzeige
  • Mathias Tietke:
    Yoga in der DDR

    Geächtet, Geduldet, Gefördert: Inklusive: Die Rezeption des Yoga im Ostblock und in der sowjetischen Raumfahrt.

    Verlag Steve-Holger Ludwig; 178 Seiten; 19,90 Euro.

  • Bei Amazon bestellen.
  • Bei Thalia bestellen.
insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Victor Knox, 15.09.2016
1.
Sonderbar, was den greisen Herren der Einparteiendiktatur alles fremd und gefährlich war. Vermutlich fürchteten sie den Kopfstand als Gefahr für ihre despotischen Herrschaft über das größte Freiluftgefängnis der Welt...
Klaus-Jürgen Wolf, 16.09.2016
2. In Deutschland denken alle beim Wort Yoga an Hatha-Yoga
Yoga umfasst allerdings wesentlich mehr, nämlich eine Weltanschauung, eine Kosmologie, quasi eine eigenständige Religion. Wer Yoga als eine Form von Gymnastik begreift, schlägt sich da womöglich vor den Kopf.
Rolf Piper, 19.09.2016
3.
Siegfriede Weber-Dempe, Hürdenläuferin und Spitzensportlerin in der DDR, außerdem Olympiateilnehmerin 1936, hat nach ihrer aktiven Laufbahn in Jena wiederum vielen jungen Menschen Freude bereitet. Sie hat in Weimar in den 60er Jahren einen Yogakurs gestartet und bis in die 70ger Jahre geleitet,. Ich frage mich, woher hat die Autorin ihre Informationen, die sie hier als DDR-typisch verbreitet? Sie widersprichen den Erfahrungen vieler DDR-Bürger.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.