"Yps"-Jubiläum "Auf einmal sah der Pilot diese Ufo-Wurst"

"Yps"-Jubiläum: "Auf einmal sah der Pilot diese Ufo-Wurst" Fotos

Viereckige Eier, Pupskissen und Mars-Spring-Flöhe: Vor 35 Jahren revolutionierte "Yps" den deutschen Comic-Markt mit schrägen Gimmicks. Tüftler und Cheflogistiker Reinhard Haas verrät im einestages-Interview, wie er mexikanische Springbohnen durch den Zoll schleuste - und warum seine Ware einen Flughafen in Alarm versetzte.

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Am 13. Oktober 1975 erschien nach fünf Testausgaben das erste "Yps"-Heft, das schon bald zu einem Verkaufsschlager wurde. Es unterschied sich von anderen Comics durch das Gimmick, eine lustige Beilage. Die Idee dazu stammte vom französischen Vorbild "Pif". Reinhard Haas war von der ersten Stunde als Tüftler und Logistiker verantwortlich für die bald schon kultigen Gimmicks.

einestages: Herr Haas, wann haben Sie in letzter Zeit mal wieder die "Yps"-Zaubermaschine zum Gelddrucken angeworfen?

Haas: Gar nicht mehr. Das wäre ja auch zu schön, um wahr zu sein, wenn man damit wirklich echtes Geld drucken könnte.

einestages: Aber Sie haben doch sicher einmal in den letzten Jahren ein gasbetriebenes Mini-U-Boot in die Badewanne gelassen?

Haas: Nein. Rumwerkeln und Basteln ist zwar immer noch eine Passion von mir, aber das Bedürfnis hatte ich nicht mehr.

einestages: Sie haben also keinen einzigen Ostereierbaum gepflanzt?

Haas: Wirklich nicht.

einestages: Vor 35 Jahren erschien das erste "Yps"-Heft mit einem Schleuderkatapult als Gimmick. Schlug es ein?

Haas: Die erste Auflage hat gleich 600.000 gehabt. Damit war klar, dass "Yps" ein großer Erfolg sein wird.

einestages: Wie erklären Sie sich diese hohe Nachfrage? Das Katapult konnte nur Papierkügelchen verschießen.

Haas: Wir wollten Kinder an Natur und Technik heranführen und zeigen, wie das Leben funktioniert. Die Idee war: Wir müssen nicht nur die Kinder überzeugen, sondern auch die Eltern und Großeltern. Wenn wir die ganze Familie ins Boot holen, dann läuft's. Und das ist uns auch gut gelungen.

einestages: Im Jahr landeten bei Ihnen Hunderte von Ideen und Prototypen auf dem Schreibtisch. Haben Sie dann das Um-die-Ecke-Blasrohr und andere Gimmicks selber getestet?

Haas: Sicher. Wir sind außer Haus gegangen und haben einen ganzen Tag nur ausgesucht und ausprobiert. Da war schon viel Spaß, Begeisterung, ja Fanatismus dabei. Das Wichtigste war, dass man sofort kapiert, worum es geht. Und dann gab es oft noch Dinge wie etwa eine Riesen-Kneifzange, die hätte nie in unser Heft gepasst. Durch einen ganz raffinierten Trick haben wir dann ein Verbindungsstück konstruiert und die Zange in der Mitte geteilt. Ich war stolz darauf, dass wir etwas so Großes so klein gekriegt haben.

einestages: Sie waren ja neben der Auswahl auch für die Logistik zuständig. Ein Fehler, und Tausende Kinder wären mit leeren Händen von den Kiosken zurückgekommen.

Haas: Ich habe schon ein paar schlaflose Nächte gehabt. Das ist das Handicap mit den Gimmicks, man benötigt einen Vorlauf von bis zu einem halben Jahr. Und dann so Geschichten wie mit den mexikanischen Springbohnen. Wie wollen Sie da den Zoll überzeugen? Die Bohnen kamen in Hamburg an, und in dem Moment, wo sie Licht und Wärme ausgesetzt waren, raschelte alles. Die Zöllner haben sich erschrocken und gesagt: Das ist kein Spielzeug, das sind lebende Tiere. Und die sollen hier eingeführt werden?

einestages: Wie haben Sie das Problem dann gelöst?

Haas: Wir mussten extra Expertisen von Insektenexperten heranziehen, um den Zoll zu überzeugen. Die hatten Angst, dass wir Motten oder Ähnliches ins Land bringen.

einestages: Bei den ausgefallenen Spielzeugen sicher nicht die einzige Beinahe-Katastrophe.

Haas: Ein Sonderheft kam eine Woche zu spät, weil der Frachter mit den Gimmicks in Frankreich mit Motorschaden festlag. Einmal ist auch ein Zug in Hannover entgleist. Und aus Kanada hatten wir als Prototypen ein Feuerlöschboot, das kaum Wasser verspritzen konnte. Das war nicht die Perfektion, die wir uns vorgestellt haben. Wir haben nachgebessert und dafür extra einen Diplom-Ingenieur aus Nürnberg beauftragt. In Nürnberg haben wir übrigens auch unsere Solar-Zeppeline herstellen lassen. Die Folie musste hauchdünn sein. Das war eine irrsinnig exakte Fertigung, Hightech aus Deutschland.

einestages: Doch diese Zeppeline lösten 1980 sogar einen Ufo-Alarm aus, als Kinder die Spielzeuge am Hamburger Flughafen fliegen ließen. Da sind bei Ihnen vermutlich die Telefone heißgelaufen.

Haas: Unser Verlag saß ja in Hamburg, wir waren in München. Und die Kollegen haben gesagt: Seid ihr verrückt, was ist denn da los? Dabei stand in der Beschreibung drin: Nicht in der Nähe des Flughafen steigen lassen! Doch leider hat es doch jemand gemacht und der Pilot sah auf einmal diese Ufo-Wurst von drei Metern Länge. Aber das blieb ein Einzelfall und hatte keine Konsequenzen. Im Endeffekt war es die beste PR. Jeder wollte nun dieses Ding haben.

einestages: Manche Pädagogen hielten solche Gimmicks hingegen für völlig überflüssig.

Haas: Genauso könnte man sagen: Lego ist überflüssig. Wenn Kinder sich mit Saatgut beschäftigen, ist das doch toll. Oder unser Feuerlöschboot, das bestand aus 30 Teilen. Da haben sich die Kinder erst mal mit einem Motor beschäftigt. Das motiviert und fördert Begabungen und motorische Fähigkeiten. Ich selber habe ständig von den Gimmicks gelernt.

einestages: Aber weil sie so billig waren, funktionierten sie nicht immer. Noch heute beklagen "Yps"-Fans in Internetforen, dass beispielsweise die Seifenblasenmaschine nie Seifenblasen produzierte. Mussten Sie viele Beschwerden ertragen?

Haas: Ich habe die Leserbriefe gesehen, ich habe die Leute am Telefon gehabt. Dann habe ich gedacht: Wir sind schon sehr verwöhnt. Anfangs hat unser Heft 2,50 Mark gekostet, mit Gimmick. Das war doch unglaublich günstig.

einestages: Hat die Seifenblasenmaschine nun funktioniert?

Haas: Na ja, das waren teilweise auch Bedienungsfehler. Die Leute haben halt zu viel oder zu wenig Wasser genommen. Ich habe auch hundert unserer Mini-Mittelwellenradios eingeschickt bekommen, die ich dann selbst repariert habe. Dabei hat sich gezeigt: Meist waren die Drähte nicht sauber isoliert, dabei stand das in der Anleitung.

einestages: Doch hat man die Kinder mit phantasievollen Namen nicht hinters Licht geführt? Die Urzeitkrebse, das erfolgreichste "Yps"-Gimmick, konnte in Wahrheit jeder als Lebend-Fischfutter in Zoofachgeschäften kaufen.

Haas: Vorsicht. Die Krebse kamen aus dem Salzsee in Utah, nur dort gibt es das Zeug. Wenn die Mischung, das sind Salz und die Krebse, nicht stimmt, dann würde es nicht funktionieren. Es ist also schwierig, sich die Krebse woanders zu besorgen. Das Futter für die Krebse, das wir auch verkauft haben, das ist Aquarienfutter. Es gab ein anderes Problem: In der Hochphase der grünen Bewegung sind manche Mütter durchgedreht. Die haben gesagt: Das ist ein lebendiges Tier! Aber wir haben doch nicht der Natur ins Handwerk gepfuscht, wie sie uns vorgeworfen haben.

einestages: Irgendwann interessierte sich auch kaum noch jemand für Urzeitkrebse und "Yps" musste vor zehn Jahren schließen. Woran lag es?

Haas: Andere Hefte, darunter "Micky Maus", haben uns imitiert, das Geschäft wurde härter. Heute gibt es 30, 40 Angebote mit Gimmicks. Es gab noch einen Grund. In den ersten 15 Jahren haben die Kinder gerne gebastelt und getüftelt, doch dann kamen die Computerspiele.

einestages: Sie haben sich genau ein Vierteljahrhundert mit schrägem Kinderspielzeug beschäftigt. Ist Ihnen die Rückkehr in die Welt der Erwachsenen schwergefallen?

Haas: Nein. Ich habe danach Gimmicks für andere Firmen gemacht. Für "Bravo", "Micky Maus", für Hipp. Dabei sind auch tolle Ideen entstanden.

einestages: Sind Sie zufrieden mit Ihrer ungewöhnlichen Berufskarriere bei "Yps"?

Haas: Ich erfahre heute sogar von Fremden noch viel Begeisterung, wenn ich von meiner Arbeit erzähle. Eigentlich habe ich immer erwartet, dass ich irgendwann mal einen draufkriege für Gimmicks, die nicht funktionierten. Das ist nie passiert.

Das Interview führte Christoph Gunkel

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1.
Tobias Mandelartz 14.10.2010
Oh mein Gott, YPS!!! Da kommen auf einen Schlag unfassbar viele - wundervolle und deprimierende - Erinnerungen hoch. Ich bin Jahrgang 68 und gewissermaßen mit YPS groß geworden. Jede Woche fieberte ich, was wohl das nächste Gimmick sein würde. und immer mal wieder konnte ich meine Eltern nur dadurch überzeugen, mir die neue Ausgabe zu kaufen, dass der "Lerneffekt" doch im Vordergrund stände. Meine Elteren haben milde lächelnd genickt und brav bezahlt. Die legendären Urzeitkrebse! In einem ausrangierten kleinen Aquarium dümpelte die grünbraune Brühe wochenlang auf meiner Fensterbank, und alle verzweifelten Versuche meiner Mutter, das Zeug zu entsorgen, wurden mit empörten Widerworten meinerseits blockiert: "Aber das sind doch lebende Tiere!" Irgendwann stank das Zeug aber dermassen, dass die possierlichen Tierchen ihr weiteres Dasein in der Kloake fristen mussten... NATÜRLICH hatte ich auch den Zeppelin, und saß an so manchem grau-verregneten Nachmittag traurig vor der schrumpeligen Plastikhülle, weil leider nur bei sehr prallem Sonnenschein das Ding auch wirklich flog. Besonders fasziniert haben mich als Kind die vielen Gimmicks zum Thema "Spion und Agent", viele unnütze und nützliche tolle Sachen, die einem das Gefühl gaben, ein kleiner 007 zu sein, und natürlich die Zaubertricks, die wahrscheinlich meine gesamte Umwelt nahezu in den Wahnsinn getrieben haben. Fazit: Danke, danke, danke für viele Jahre des Staunens, Spielens, Experimentierens und immer mal wieder auch Fluchens...
2.
Jens Haetty 14.10.2010
Vielen Dank, dass Sie Yps mit diesem Artikel endlich auch YPS verewigt haben. Fuer unsere Generation gilt......vor "Bravo" war YPS! Waehrend ich mich ueberhaupt nicht an einzelne "Micky Maus" Ausgaben erinnern kann, kann ich sogar noch einzelne Heftnummers den Gimmicks zuordnen (Nr. 120....TaSchen-Fussballspiel.....Nr. 138, das schiessende Woerterbuch......). Einige der Beigaben wie die "Giganten der Urzeit" , oder das Astronomie-Booklet habe ich allen Ernstes heute noch. YPS war meiner Ansicht nach mehr als ein Comic.....eher eine Illustrierte die verschiedene Themen abdeckte, harmlos natuerlich (wie gesagt, Bravo kam etwas spaeter), aber durchaus mit Anspruch. Herr Haas, nach der Ausgabe mit dem "Wunderpulver" aus dem Kristalle wuchsen (Aluminium-Alaun, wenn ich mich recht erinnere) wurde ich Stammkunde in unserer Apotheke, wo ich mich mit allen Salzen eingedeckt habe, um dieses Gimmick weiterzuentwickeln....Danke ! (auch im Namen des Apothekers ob seines ungewoehnlichen Nebenverdienstes).
3.
Achim Bülthuis 10.10.2011
Mein Lieblingsgimmick damals stammte nicht aus einem YPS-Heft, sondern war selbstgebastelt. Eine kleine Kanone aus einem ca. 10cm langen Stahlrohr. Hinten kam ein kleiner Silvesterböller rein und vorne eine Kugellagerkugel. Die flog dann gut 10m weit. Als ich das Ding bei meiner Oma zuhause in Stellung gebracht und abgefeuert hatte, gab´s ein Donnerwetter: "Das hört mir auf, oder ich sage deinem Vater Bescheid!" Die hatte sonst alles geduldet, aber Artillerie in der Wohnung, das ging zu weit.
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