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Zarenmord 1918 Die Blutnacht von Jekaterinburg

Zarenmord 1918: Die Blutnacht von Jekaterinburg Fotos
AP

Es war ein Jahrhundertmord: 1918 massakrierte ein Exekutionskommando den abgedankten Zaren Nikolai II. und seine Familie. Bis heute beschäftigt die Bluttat Historiker und Ermittler - nachdem die Identität der Leichen geklärt ist, fahnden sie nun nach dem Juwelenschatz der Romanows. Von Carmen Eller und

Schüsse peitschen durch den Keller, Schreckensschreie hallen von den Wänden des Verlieses wider. Staub wirbelt hoch, Federn aus einem von Kugeln zerfetzten Kissen fliegen umher; eine Frau hat es sich wie zum Schutz vor die Brust gehalten. Nach wenigen Augenblicken dann gespenstische Ruhe, die Opfer liegen in ihrem Blut. Doch von zwei jungen Mädchen sind die Kugeln wie durch ein Wunder abgeprallt - Entsetzen packt die Soldaten des Exekutionskommandos.

Mit Bajonetten stechen die Häscher schließlich auf die 19-jährige Maria Romanowa und ihre 17-jährige Schwester Anastassija ein, bis sich die Mädchen nicht mehr rühren. Als man sie entkleidet, entdecken die Mörder das Geheimnis der abgelenkten Kugeln: Die Töchter des russischen Zaren Nikolai II. hatten Juwelen in ihre Korsetts eingenäht, als Notgroschen für die Zeit nach der Deportation. Preziosen von ungeheurem Wert liegen im Blut der Zarenfamilie, die hier soeben ausgelöscht worden ist. Er werde jeden Soldaten, der auch nur ein einziges Schmuckstück an sich nehme, "innerhalb einer Minute" selbst liquidieren, droht der Kommandeur des Exekutionskommandos.

Die Bolschewiken haben in der Nacht vom 16. auf den 17. Juli 1918 in Jekaterinburg, 1500 Kilometer östlich von Moskau, den gestürzten russischen Zaren Nikolai II. und seine gesamte Familie ermordet: Nikolais deutschstämmige Gattin Alexandra ebenso wie den halbwüchsigen Thronfolger Alexej und die vier gemeinsamen Töchter. Auch vier Bedienstete der Zarenfamilie wurden Opfer des Massakers. Die Blutnacht von Jekaterinburg besiegelte endgültig das Ende von neun Jahrhunderten Zarenherrschaft im russischen Reich, die formal schon mit der Abdankung Nikolais II. im Februar 1917 zu Ende gegangen war.

Auf den Spuren des Raubschmucks

Der Mord an der russischen Zarenfamilie beschäftigt bis heute Kriminalisten wie Historiker. Auf die Suche nach den genauen Umständen des Untergangs der Romanow-Dynastie hat sich auch Nadeschda Daniljewitsch gemacht. Die Kunsthistorikerin ist Mitglied der staatlichen Kommission, die Details des Zarenmordes erforscht. Tausende von Dokumenten hat sie eingesehen, mehrere hundert Fotos zusammengetragen und auf Auktionen nach geraubtem Schmuck und Juwelen aus dem Eigentum der Romanows gefahndet.

Während nämlich die Bolschewisten den Mord an der früheren Herrscherfamilie offiziell leugneten, machten sie sich daran, die Wertsachen ihrer Opfer zu Geld zu machen - und am leichtesten ging das mit den Juwelen. "Sie brachten den Schmuck nach Moskau und haben ihn dann unkenntlich gemacht, indem sie ihn in seine Bestandteile zerlegten", erzählt Expertin Daniljewitsch im Interview mit einestages. Über sowjetische Handelsdelegationen und Mittelsmänner in London, Paris, Brüssel, Amsterdam und New York gelangten die Juwelen auf den Weltmarkt. Die Devisen aus dem Verschachern der Staatsjuwelen wie auch der in den Zarenpalästen zurückgebliebenen Kunstgegenstände benutzten Lenin und seine Bolschwiken, um ihre wackelige Einparteiendiktatur zu finanzieren. Auch die Weltrevolution sollte mit den Hehlergeschäften vorangetrieben werden - die deutsche KPD erhielt Schmuck und Devisen im Gegenwert von über 60 Millionen Mark.

Juwelen für die Revolution

Spuren von mehr als dreißig Schmuckstücken aus dem Kronschatz hat die Kunsthistorikerin inzwischen entdeckt. Immer wieder tauchten Preziosen der Zarenfamilie auf internationalen Aktionen auf. Und belgische Zollbeamte fanden in den zwanziger Jahren einen Smaragd sowie einen Anhänger mit zwanzig großen Brillianten, deren Wert Fachleute auf mehrere Millionen Belgische Francs taxierten. In seiner aktuellen Ausgabe zeigt der SPIEGEL erstmals exklusiv Aufnahmen, welche die bolschewistische Geheimpolizei von den Zarenjuwelen machte. Zu sehen sind Teile des Schatzes, den die Familie während ihrer Gefangenschaft aus der sibirischen Stadt Tobolsk herausgeschmuggelt hatte.

Die 154 Schmuckstücke waren damals rund drei Millionen Goldrubel wert, das entspricht heute rund 6, 3 Millionen Euro. Darunter befinden sich ein Diamant von einhundert Karat, fünf prachtvolle Diademe der Zarentöchter und der Zarengattin wie auch eine atemberaubende Halbmondbrosche, ein Geschenk des türkischen Sultans. Bis heute verschollen sind die Schmuckstücke, die 1933 von der Geheimpolizei OGPU, einer Vorläuferorganisation des KGB, aufgefunden worden waren.

Auch von den "Blutdiamanten von Jekaterinburg", wie Daniljewitsch die von den Zarentöchtern in ihre Kleidung eingenähten und bei ihrer Ermordung blutbesudelten Schmuckstücke nennt, fehlt jede Spur.

Nostalgie für Nikolai

Doch die Suche nach den Resten des sagenhaften Schatz der Romanows läuft weiter. Auch das Schicksal der Zarenfamilie beschäftigt die Russen bis heute - Bücher und Ausstellungen widmen sich diesem während der Sowjetzeit jahrzehntelang verdrängten Teil der russischen Geschichte. Nikolai II., der letzte Zar gilt den Russen, gar als Gesicht ihres Landes: Beim Internetwettbewerb "Der Name Russlands", den der Staatskanal Rossija ausschreibt, liegt der Ex-Monarch aktuell auf dem ersten Platz, an zweiter und dritter Stelle folgen Stalin und Lenin - ein Lehrstück über den Symbolwert von Staatsführern, aber auch über die Verklärung der eigenen Geschichte.

Den Jahrestag der Ermordung begehen die Russen dennoch mit zahlreichen Veranstaltungen. Rechtzeitig zum Gedenktag wurde auch - zum wiederholten Mal - vermeldet, dass es sich bei den Überresten der im vergangenen Sommer in einem Birkenwald bei Jekaterinburg gefundenen Leichen tatsächlich um die sterblichen Überreste des Thronfolgers Alexej und seiner älteren Schwester Marija handelt.

Der als "Zarenermittler" bekannt gewordnene Staatsanwalt Wladimir Solowjow, der die in den neunziger Jahren gefundenen Knochen der Zarenfamilie mit seiner Expertengruppe sowie internationalen Genetikern und Forschern erstmals identifiziert hat, ist nicht eingeladen. Die Orthodoxe Kirche bezweifelt seine Ergebnisse. Bei der Beerdigung der Überreste des Zarenehepaares und der Töchter Olga, Tatjana und Anastassija in Sankt Petersburg 1998 war ihr Oberhaupt Patriarch Alexej II. demonstrativ ferngeblieben - die Kirche meint, bereits vorher die echten Knochen gefunden zu haben und verehrt diese als Reliquie.

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1.
Wulf-Dieter Lipinski, 06.02.2012
Die Töchter des Zarenpaares mit "Großherzoginnen" zu titulieren ist falsch. Sie waren Großfürstinen.
2.
Redaktion einestages, 06.02.2012
Sehr geehrter Herr Lipinski, vielen Dank für Ihren Hinweis. Sie haben recht - da war uns ein Fehler unterlaufen, den wir dank Ihrer Hilfe inzwischen korrigieren konnten. Freundliche Grüße Redaktion einestages
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