Zehn Jahre Dosenpfand Blech gehabt

Zehn Jahre Dosenpfand: Blech gehabt Fotos
Jens Schröder www.dosensammlung.com

Total tote Dose? Neujahr 2003 wurde das Einwegpfand eingeführt. Doch manche Menschen besitzen Tausende Dosen von Cola, Pepsi und Co. und würden sie für kein Geld der Welt hergeben. einestages sprach mit Sammlern, die das Ende ihres Hobbys befürchteten - und zeigt ihre liebsten Stücke. Von

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Und dann ist Jens Schröder beim Gassigehen mit seinem Hund plötzlich über Jule Neigel gestolpert. Ja, Jule Neigel, diese heute fast vergessene Pop-Röhre der achtziger und neunziger Jahre. Sie lag da mitten in Berlin im Gras, gleich neben einem kleinen Trampelpfad für Jogger und Spaziergänger, und als Schröder sie langsam aus dem Gras hob und näher betrachtete, war es um ihn geschehen.

Eine Jule Neigel aus Blech! 11,5 Zentimeter groß, schlankes Äußeres, nur 16 Gramm schwer, ziemlich roter Teint.

Jens Schröder war damals, 1995, 14 Jahre alt und hatte eine dieser Coca-Cola-Dosen mit Sonderaufdruck gefunden. Fasziniert starrte er auf das Konterfei der dunkelgelockten Sängerin. Daneben stand, dass dies nur eines von zwölf Motiven einer Serie zum Sammeln war. Coca-Colas Marketing-Strategen hätten wohl laut losgejubelt, wenn sie den Teenager in diesem Augenblick gesehen hätten: Wieder hatte es einen erwischt.

"Nie wieder Dosen!"

Und wie! "Schon am nächsten Tag bin ich losgezogen und habe alle Geschäfte abgeklappert", erinnert sich der Berliner. "Bis zum Wochenende hatte ich die Serie zusammen." Es war der Anfang einer großen Leidenschaft. Zwei Jahre später fuhr der junge Dosennarr sogar mit seinem Motorrad extra 200 Kilometer nach Polen, um an neue, ausgefallene Motive zu kommen. Die Eltern wussten nichts von der Spritztour. Als er spätabends wiederkam, seien sie "vor Sorge irre" gewesen, erzählt Schröder.

So ging es Jahre weiter, schließlich lockten auch andere Hersteller mit originellen Schriftzügen und Serien. Schröder blieb im Jagdfieber: Er fand alte Fanta-Dosen mit Goofy. Dosen in Flaschenform. Dosen, die transparent waren. Er besitzt sogar eine Cola-Dose, in der ein kleiner Elch steckte - ein Präsent für die deutschen Truppen im Kosovo.

Die bunten Blechkannen stapelten sich in den Regalen seiner Wohnung, immer sorgfältiger und professioneller sortiert. Seine Dosenliebe sorgte zwar mitunter für hochgezogene Augenbrauen, vielleicht verschreckte sie auch die eine oder andere Frau, aber Jens Schröder war glücklich mit seinem Hobby. Doch dann kam der 1. Januar 2003, und der inzwischen 21-Jährige war sich sicher: Das war's! "Ich hatte Angst um mein Hobby und gedacht: Es gibt nie wieder Dosen", erinnert er sich an den Tag, an dem in Deutschland das Dosenpfand in Kraft trat.

Chaotischer Start

In Wahrheit war das Dosenpfand ein Pfand auf ganz unterschiedliche Einwegverpackungen. Doch irgendwie wurde die Dose auch sprachlich zum Synonym einer Verordnung, die von Anfang an die Gemüter erhitzte.

Dabei klang die Neuregelung unbestreitbar sinnvoll: Der Anteil an Mehrwegflaschen war seit Mitte der neunziger Jahre gesunken; der Pfand auf Einwegverpackungen sollte diesen Trend wieder umkehren und die Wegwerfmentalität stoppen. Nur: Lange gab es zahlreiche Ausnahmen, es fehlte ein einheitliches Pfandsystem, die Geschäfte hatten keine Automaten und mussten nur jene Getränke zurücknehmen, die sie auch selbst verkauft hatten.

Wer sich damals nicht mit den Einzelheiten der deutschen Verpackungsverordnung auskannte, spürte vor allen Dingen eines: In Deutschland verschwanden langsam die Dosen aus den Geschäften.

Ein versteckter Dosengeist

Auch dem Sammler Sven Riemer, ebenfalls aus Berlin, machte das Sorgen. Nicht nur, weil sein Hobby etwas teurer wurde und er schwört, dass Getränke aus der Dose angenehmer schmecken und besser zu kühlen sind als dickwandige PET-Flaschen. Sondern auch, weil mit den Dosen vielleicht ein Stück Kunst- und Technikgeschichte zu verloren gehen drohte.

1992 hatte Riemer angefangen zu sammeln und sich bald auf die Marken von Coca-Cola spezialisiert. Er besitzt eine der ersten deutschen Coca-Cola-Dosen aus dem Jahr 1963, als die Blechbehälter noch an der Seite sichtbar zusammengelötet waren und ein Vielfaches der heutigen 16 Gramm wogen. Er hat seltene Dosen, die nicht mit dem klassischen Verschlussring zu öffnen waren, sondern nur durch das Eindrücken zweier kleiner Knöpfe - ein Mechanismus, der sich nicht durchsetzte. Und er besitzt Dutzende Sonderausgaben mit Fußballstars und Comic-Helden, darunter sogar eine Cola-Dose, die nie mit Cola befüllt wurde - weil sich in ihr angeblich ein Geist aus dem Film "Ghostbusters II" versteckte.

Und das sollte nun alles vorbei sein, wegen einer schnöden Verordnung? "Bis auf Edeka hat anfangs in Berlin keine Supermarktkette mehr Dosen geführt", erinnert sich der 34-Jährige heute. Viel schlimmer für ihn: "Die Sammelserien und Sondereditionen sind seitdem in Deutschland viel seltener geworden."

"Auch die Hirsche lieben Kirsche"

Bedroht schien irgendwie auch das Lebensgefühl ganzer Generationen. Fragt man etwa Sammler Jens Schröder, was er an einer banalen Blechverpackung so toll findet, fällt ihm sofort ein liebgewonnenes Geräusch ein: Pffffffff! Dieses Zischen beim Öffnen! Einfach toll sei das, damit steige die Vorfreude - es klingt fast, als rede er über seine Lieblingsmusik.

Noch mehr fasziniert ihn aber bis heute, "dass an all diesen Dosen so viele Erinnerungen und Gefühle hängen". Wenn er Fremde durch sein kleines Museum in seiner Wohnung führt (nur das Schlafzimmer ist dosenfreie Zone), erlebt er immer wieder dasselbe. Erst schauen die Besucher etwas irritiert auf die bunten, zugestellten Regale, dann beginnen sie auf einmal, in der Vergangenheit zu schwelgen: Diese dämlichen Sprüche von Cherry Coke ("Auch die Hirsche lieben Kirsche"), die sind ja so was von typisch Achtziger!

Genau so ergeht es ihm selber: Sieht er Fanta-Dosen mit Szenen aus "König der Löwen", denkt er an seine verstorbene Oma, die mit ihm einmal in das gleichnamige Musical gefahren ist. Betrachtet er seine erste Dose mit chinesischen Schriftzeichen, fällt ihm sofort seine erste Freundin ein, die völlig erschrocken war, als er am Alexanderplatz plötzlich aufgeregt in ein Beet sprang - nur, um ein Stück Blech aufzuheben. Er weiß heute noch genau, wo sie lag: zwischen Alexanderhaus und S-Bahn, etwa hundert Meter neben der Weltzeituhr.

Unverkäuflich!

Hat er nie daran gedacht, seine rund 3500 Dosen einfach in Pfand umzumünzen und davon schön in den Urlaub zu fahren? Jens Schröder lacht. Nein, sagt er, das komme überhaupt nicht in Frage. Obwohl er die Pfandregelung prinzipiell für sinnvoll hält. Für den täglichen Gebrauch kaufe er ja auch nur Mehrwegverpackungen. Und eigentlich würden ihm Getränke aus Flaschen sogar besser schmecken als aus Dosen.

Doch dann geht manchmal eben die Leidenschaft mit ihm durch. Als Filialleiter in einem Geschäft für Motorradzubehör gönnt sich der 31-Jährige einen kleinen Luxus: Überall in der Firma gibt es Getränke aus Flaschen. Nur vor seinem Büro steht ein Dosenautomat. Pffffft!

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insgesamt 8 Beiträge
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1.
Joachim Holstein 01.01.2013
Bei Bild 11 (»Eine Fanta-Limon-Dose aus Deutschland von 1987«) würde ich vermuten, dass die Dose in Wirklichkeit aus Spanien stammt, wo Fanta Limón in diesen Zeiten mein Lieblingsgetränk war. Erstens steht »Marca reg.« und nicht »Schutzmarke« auf der Dose, zweitens wurde in Deutschland ein Getränk mit ungefähr dieser Geschmacksrichtung zeitweise als »Lift«, zeitweise als »Fanta Lemon« vermarktet. Oder hat da ein findiger Betrieb spanische Dosen nach Deutschland verbracht? Bei Bild 25 ist von einer »Firma Mirinda« die Rede. Mirinda ist eine Marke der Firma PepsiCo.
2.
Constance Andrzejczak 02.01.2013
Wie man auf der Homepage von FANTA nachlesen kann, gab es "FANTA klare Zitrone" bereits zu Anfang der 60er, welches erst später in Sprite umbenannt wurde. Somit stimmt die Beschreibung zur Sprite-Dose nicht ganz. Es entstammt, ebenso wie Fanta, von CocoCola-Deutschland.
3.
Georg Michel 02.01.2013
Ich besitze auch so eine Büchsen-Sammlung, allerdings ausschließlich Coca-Cola von Mitte 80er bis Anfang 90er. So an die 200 verschiedene Dosen. Darunter alle 12 Cherry-Coke Sonderedition von 87-89 (siehe Bild 1). Wo finde ich Sammler, die dafür gutes Geld bezahlen? :-)
4.
Guido Hauer 03.01.2013
Zum Thema Dosenpfand fällt mir immer das hier ein, göttlich: http://www.klaus-lohmar.de%2Flnk%2Fw-lnk-pps%2Fwie-werde-ich-reich-oder-dosenwelt.pps
5.
Sven Riemer 04.01.2013
@ Joachim Da stimme ich dir zu. Die "Limon" ist eine spanische und "Mirinda" eine Pepsi-Marke. @ bug Ist zwar so richtig (dass es so da steht), wurde nur leider etwas einfach und somit missverständlich auf der Fanta Seite formuliert. Es wurde nicht einfach nur umbenannt, sondern Fanta Zitrone wurde vielmehr von Sprite ersetzt. Sprite wurde bereits 1961 in den USA eingeführt. Es war ein sehr ähnliches aber nicht identisches Produkt.
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