Zehn Jahre Wikipedia Der kurze Sommer der Anarchie

Die wichtigste Regel: Es gibt keine Regel! Vor zehn Jahren wurde Wikipedia gegründet. Kurt Jansson war von Anfang an dabei. Auf einestages erinnert er sich an die Pioniertage der eingeschworenen Wikipedianer - und die Probleme, die der Ruhm mit sich brachte.

CC-by-sa Andrew Lih

Ein "Wiki-basiertes Spaßprojekt", was sollte das sein? Das fragte ich mich im Sommer 2001, als ich mich auf den Seiten von Nupedia umsah. Ich schrieb mich in die Mailingliste des Projekts ein, um fortan das Geschehen zu verfolgen und diskutierte mit den Aktiven.

Nupedia war gewissermaßen der Vorläufer von Wikipedia - oder der Gegenentwurf, je nach Sichtweise. Es war wie Wikipedia ein Projekt zum Aufbau einer Enzyklopädie, doch die Arbeitsabläufe orientierten sich an jenen eines klassischen gedruckten Werkes. Wieder und wieder mussten Texte Korrektur- und Kontrollzyklen durchlaufen, bis nach vielen Monaten, vielen E-Mails und manchmal auch viel Frustration bei den Beteiligten ein hoffentlich perfekter Artikel das Licht der Welt erblickte.

Der Prozess war am Reißbrett entworfen worden, sauber und in sich schlüssig. Mit ihm hätte man Tausende, vielleicht Zehntausende Artikel produzieren können. Doch nach drei Jahren waren es gerade mal 24, trotz einiger wohlwollender Presseberichte und vieler Fachleute, die als Autoren gewonnen werden konnten. Das Problem: Die Arbeit an Nupedia machte keinen Spaß. Die endlosen Korrekturläufe machten das Projekt behäbig, es dauerte zu lange, bis man die Früchte seiner Arbeit tatsächlich sehen konnte.

Eine zerbrechlich wirkende Plattform

So, und was hatte es nun mit diesem neuen "Spaßprojekt" auf sich, das auf Nupedia angekündigt wurde? Neugierig klickte ich auf den Link. Ich war 24, hatte mich als Jugendlicher in der Mailbox-Szene herumgetrieben und war später fasziniert von der Freie-Software-Bewegung. Damals war ich wohl, soziologisch betrachtet, ein ziemlich typischer Wikipedianer, auch wenn mir das noch nicht so klar war.

Wikipedia war ganz anders als Nupedia, auch wenn man das damals nicht auf den ersten Blick sehen konnte. Die Benutzeroberfläche wirkte auch für das Jahr 2001 äußerst schlicht. Artikel gab es nur wenige, aber immerhin ein paar waren darunter, die interessant klangen. Ein Benutzer namens SoniC hatte etwas zur Frühgeschichte des Hollywood-Kinos geschrieben. StefanRybo schien von der Systemtheorie Niklas Luhmanns angetan und hatte Artikel zu ihr verfasst. Und dann gab es eine Reihe von Artikeln, die nur aus einem Satz bestanden - oder nur aus Links zu anderen, meist noch zu schreibenden Artikeln. "Die Nordsee ist Teil des Atlantiks und somit ein Meer. Sie liegt zwischen Grossbritannien, Skandinavien, und Friesland." Loriot wurde beschrieben als "Berühmter komischer Kommunikationskünstler. Seine bekanntesten Sketche sind: das schiefe Bild, die Weihnachtssendung, das Jodeldiplom." Nicht gerade erschöpfend auch die Filmografie von Martin Scorsese: "Taxi Driver".

Die englischsprachige Wikipedia enthielt damals schon 3500 Artikel - oder was man halt so Artikel nannte. Nicht wenige Autoren aus der englischen Nupedia-Community waren zur Wikipedia abgewandert oder zumindest in beiden Projekten aktiv. Die Mund-zu-Mund-Propaganda schien zu wirken, immer neue Aktive konnten rekrutiert werden. Bei uns sah es hingegen ganz anders aus. Die deutsche Nupedia-Gemeinschaft war schwer für die Arbeit an einer Plattform zu motivieren, die so völlig anders funktionierte, so fragil und experimentell erschien.

Die wichtigste Regel: Es gibt keine Regeln!"

Für mich aber war es eine Initialzündung: Als ich den Ankündigungslink auf Nupedia sah, klickte ich drauf - und war damit Wikipedianer der ersten Stunde. Was das bedeutet? Vor allem erst mal Fragen. Wie schreibt man eine Enzyklopädie, gemeinsam mit Tausenden anderen, die man erst einmal nicht kennt und mit denen man fast ausschließlich über das Internet kommuniziert? Wie findet man einen gemeinsamen Stil? Was macht man, wenn es zu Konflikten kommt?

In den ersten Monaten machten wir es uns leicht und orientierten uns an der englischen Wikipedia. Hier waren einige Kämpfe schon ausgefochten und man hatte sich auf erste Regeln geeinigt. Später fassten wir sie zu unseren Grundsätzen zusammen:

1. Wikipedia ist eine Enzyklopädie, also kein Wörterbuch, kein Ratgeber und auch kein Ort für persönliche Essays.

2. Wikipedia-Artikel sind von einem neutralen Standpunkt aus geschrieben; tendenziöse Berichte haben hier nichts zu suchen, im Zweifel sollte für jede Behauptung eine seriöse Quelle angegeben werden.

3. Alle Texte sollen auch von anderen genutzt werden dürfen, so lange die Autoren genannt werden und man dies wiederum den eigenen Nutzern gestattet. Gleiches gilt für Fotos, Videos und sonstige Medien.

4. Persönliche Angriffe werden nicht toleriert, der Grundton in Diskussionen soll freundlich und konstruktiv sein.

Und dann gab es da noch eine fünfte Regel, sozusagen das anarchische Wiki-Erbe, früher stark umstritten, heute fast in Vergessenheit geraten - sie lautete: "Ignoriere alle Regeln!" Das klingt nach einem klassischen Aufruf zur Revolution gegen überbordende Bürokratie, und genau so war sie damals auch gemeint.

Die Bürokratie lieben lernen

Mittlerweile hat man die Vorzüge der Bürokratie schätzen gelernt: Sie schafft Verlässlichkeit und Berechenbarkeit, weil man sich an Regeln orientieren und sich im Zweifel auf sie berufen kann. Doch manche Regeln haben die Tendenz, unkontrolliert zu wuchern, weil auch der speziellste Spezialfall noch geklärt sein soll. Sich dann auf den Grundsatz "Ignoriere alle Regeln!" zu berufen, führt bei den übrigen Diskussionsteilnehmern heute nur zu einem mitleidigen Lächeln.

Am Anfang sah die Wikipedia aus, als wäre sie ein Überbleibsel aus den allerersten Tagen des Webs. Nur Text, Text und nochmals Text, unterbrochen von einzelnen blauen Links und vielen Fragezeichen. Fragezeichen? Die signalisierten damals, dass es einen verlinkten Artikel noch gar nicht gibt. Heute sind dies einfach rot gefärbte Links, nur sieht man sie kaum noch, weil zu den meisten wichtigen Personen und Themen schon Artikel existieren.

Magnus Manske war einer der aktivsten Nupedianer. Er ist promovierter Biologe und hatte maßgeblich den Artikel zur Polymerase-Kettenreaktion verfasst, einer der wichtigsten Methoden der modernen Molekularbiologie. Magnus störten die Unzulänglichkeiten der Wiki-Software so sehr, dass er sich hinsetzte und eine neue schrieb. Im August 2002 wurde sie in der deutschen Wikipedia installiert. Endlich konnten Fotos auf einfache Weise in Artikeln angezeigt werden, und plötzlich gab es auch einige Wikipedia-Autoren, die etwas weniger gleich waren als die anderen: die Administratoren.

Mit der Bekanntheit begannen auch die Probleme

Damals wurde ich der erste einfache Administrator der deutschen Wikipedia. Auf Zuruf. Heute werden Administratoren gewählt. Eine Zweidrittelmehrheit ist notwendig, regelmäßig fallen Kandidaten durch. Administratoren sind die dienstbaren Geister der Community, eine Mischung aus Sheriff und Hausmeister. Sie entsorgen nicht mehr benötigte Seiten, setzen Randalierer fest und sorgen für eine konstruktive Arbeitsatmosphäre. Sitzt bei einem Administrator der Colt zu locker, kann sein Sheriff-Stern von der Community auch wieder einkassiert werden.

Doch weshalb sollten Administratoren überhaupt Artikel löschen? In den ersten Monaten war jeder neue Beitrag zur Wikipedia tatsächlich ein schützenswertes Kleinod, das gehegt und gepflegt werden wollte. Das änderte sich spätestens im Februar 2004: Nach einem Artikel auf SPIEGEL ONLINE brach die geballte bundesdeutsche Medienaufmerksamkeit über uns herein; noch verstärkt durch einen Beitrag in den Tagesthemen, einen zweiseitigen SPIEGEL-Artikel und diverse Texte in Tageszeitungen. Seither nahm die Anzahl der Artikel enorm zu - und damit auch die Probleme.

Ein Hobbymathematiker forderte einen Artikel ein, in dem seine - wenig überzeugende - Lösung des Vier-Farben-Problems dargelegt wird; verkannte Schriftsteller ohne Verlag und Leserschaft sahen die Chance, sich selbst mit einem Wikipedia-Artikel endlich angemessen zu würdigen. Und Schüler legten Artikel über ihre Klassenkameraden an, nur um ihnen auf diesem Weg mitzuteilen: "Thorsten, Du stinkst!” Solche Schmähungen, Eigenwerbungen und Hobbytheorien mussten natürlich schnellstens entfernt werden. Mit der Zeit bildeten sich Richtlinien heraus, die Anhaltspunkte liefern konnten, ob es sich lohnt, über etwas einen Artikel anzulegen: die berühmt-berüchtigten "Relevanzkriterien”.

Das echte Leben!

Das erste Treffen von Wikipedia-Autoren im physischen Leben fand vermutlich Ende 2002 beim 19. Kongress des Chaos Computer Clubs statt. Ich hatte einen Vortrag eingereicht, mit dem ich etwas Werbung für das Projekt machen wollte, und eine Autorin mit dem Benutzernamen "Elian” gebeten, mir beizustehen. Wir fürchteten, die versammelte Hackerschaft könnte sich auf die Suche nach Schwachstellen der Wiki-Software und des Konzepts machen - doch nichts dergleichen geschah. Neue Autoren konnten wir trotzdem kaum rekrutieren, aber nach vielen E-Mails, Chats und unzähligen Diskussionen in der Wikipedia wusste ich nun, wer Elian im Leben außerhalb des Netzes war. Ein überraschend seltsames Gefühl. Später wurde Elian mehrere Jahre lang "die Mutter von’s Janze”, was natürlich kein offizieller Titel ist, aber ihre Rolle in der Community wohl am treffendsten beschreibt. Auch Wikipedia-Urgestein Jakob Voß stieß zu uns, ein Bibliothekswissenschaftler mit dem notwendigem Sinn fürs Praktische.

Das Wort von der "Schwarmintelligenz” hatte damals noch nicht seinen Gang durch Social-Media-Konferenzen und Feuilletons angetreten. Bis heute halte ich es für Unsinn, niemand von uns empfindet sich wohl als Teil eines Schwarms. Die sozialen Beziehungen innerhalb der Community sind zu vielschichtig, um sie auf diesen einen Nenner zu bringen. Auch deswegen sind die Treffen im physischen Leben so beliebt, kaum eine deutsche Großstadt, in der es nicht mittlerweile einen regelmäßigen Wikipedia-Stammtisch gibt. Auch die jährliche Wikimania, das internationale Treffen der Autorengemeinschaft, zieht ihren Reiz vor allem aus der physischen Präsenz der Teilnehmer. Hier werden Freundschaften geschlossen, Feindschaften begraben oder erneuert - und Liebespaare sollen sich auch schon gefunden haben.

An über 400 Orten auf der Erde wird am Wochenende der zehnte Wikipedia-Geburtstag gefeiert. Das Spaßprojekt wird langsam erwachsen. Trotzdem steckt Wikipedia nach enzyklopädischen Maßstäben immer noch in den Kinderschuhen. Der erste Band von Heinrich Zedlers "Grossem vollständigem Universal-Lexicon Aller Wissenschafften und Künste”, das der Wikipedia in manchem durchaus ähnlich ist, erschien 1731, der 64. und letzte 1750. Das befriedigende Gefühl, zu einem Abschluss gekommen zu sein, das gesamte Wissen der Zeit in einem Werk gebündelt zu haben, ist Wikipedia-Autoren wohl nicht vergönnt. Irgendetwas ist immer noch zu ergänzen und zu korrigieren. Ganz zu schweigen von den unzählbaren Wissensobjekten, die täglich in Artikel verwandelt werden wollen.

Zum Autor:

Kurt Jansson ist Wikipedianer der ersten Stunde. Zum Geburtstag schenkt er der Wiki-Community eine Kopie der Wikipedia vom 16. August 2001.



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insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
Stefan Matthäus, 14.01.2011
1.
Eines wird in dem Artikel bewusst verschwiegen: Die Wikipedia wurde in ihren Anfängen deutlich als ein Mitmach-Projekt angepriesen, wo jeder sein Wissen einbringen kann. Im Prinzip ist dies auch heute noch so, aber nur wenn man bereits in der Wikipedia anerkannt ist, und jede der bürokratischen Regeln kennt und durchschaut. Artikel zu korrigieren macht heutzutage keinen Sinn mehr, da selbst berechtigte Korrekturen von den übereifrigen Admins oft sofort reverted werden. Selbst Korrekturhinweise auf Diskussionsseiten werden wieder weggelöscht. An dem Projekt mitmachen zu wollen, ist reine Zeitverschwendung. Admins müssen übrigens nicht mal Sachkenntnis für den Artikel haben, den sie reverten.
Ernst Viehweger, 14.01.2011
2.
Wikipedia ist schon eine gute Hilfe im Alltag. Unverständlich leider die vielen Löschandrohungen. Wenn diese realisiert würden, würde die Wikipedia stark an Wert verlieren. Perfekt ist sie ohnehin nicht. Beispiel: Albert Einstein. Der Link zu seiner US-Universität funktioniert natürlich. Aber ist er dort auch als bedeutende Persönlichkeit der Uni aufgeführt? Immerhin wurde er von dieser Seite herausragend geehrt! Natürlich kann man mir jetzt vorwerfen: das hättest Du ja gleich verbessern können. Sorry, nein! Versucht habe ich es (früher schon in einem anderen Fall), aber: Ich habe sehr wenig Zeit und das Anmeldeverfahren bei Wikipedia war doch so umständlich und unklar (.m.E. auch mit fehlerhaften Links gespickt) ... daß ich es aufgab. Es gibt also auch bei der Wikipedia einiges zu verbessern. Und das sind mitnichten die am häufigsten genannten "fehlenden Einzelnachweise und Quellen" Nebenbei finde ich derartige Monierungen praktisch nur in der deutschen Wiki. Komisch oder bezeichnend?
Thomas Munske, 15.01.2011
3.
Ich weiß nicht, ob es überhaupt noch einer ausprobiert oder ob nur munter weitergegeben wird, ?was man so hört?: Dass Wikipedia so funktioniert wie von S. Matthäus dargestellt, ist gewiss nicht richtig. Ich habe schon oft (ohne Anmeldung) kleine Sachen korrigiert oder Ergänzungen vorgenommen. Dass da irgendwas gleich zurückgesetzt wurde (das machen übrigens meistens ganz normale Benutzer, keine Administratoren) ist mir nie aufgefallen. Man sollte sich natürlich schon ein wenig Mühe geben und nichts reinschreiben, was schon drinsteht oder kaum verständlich ist. Dafür, dass immer behauptet wird, wie schlimm bei Wikipedia alles sei, funktioniert es beeindruckend gut. Schlechte Erfahrung habe ich nur mit dem Unsinn gemacht, den andere in Artikel geschrieben haben ...
Thomas Munske, 15.01.2011
4.
>Es gibt also auch bei der Wikipedia einiges zu verbessern. >Und das sind mitnichten die am häufigsten genannten "fehlenden Einzelnachweise und Quellen" > >Nebenbei finde ich derartige Monierungen praktisch nur in der deutschen Wiki. Komisch oder bezeichnend? Das stimmt nicht. Das "citation needed" der englischsprachigen Wikipedia hat es selbst in ein populäres Comic geschafft (http://xkcd.com/285/) und ist nur einer von vielen Bausteinen, mit denen auch dort auf Mängel hingewiesen wird. Bei Wikipedia muss man sich auch nicht anmelden, ich klicke auch immer nur auf "Seite bearbeiten".
Michael Moll, 15.01.2011
5.
Herr Viehweger, Ihre Anmeldeprobleme kann ich nicht ganz nachvollziehen. Erstens müssen Sie sich in der Wikipedia gar nicht anmelden, Sie können jede einzelne Seite unangemeldet bearbeiten, indem Sie im jeweiligen Artikel auf "Bearbeiten" klicken. Und zweitens dauert die Anmeldung/Registrierung keine 20 Sekunden. Oben rechts auf "Anmelden / Benutzerkonto erstellen" klicken, dann auf den fettgedruckten Link "Hier legst Du ein Konto an". Jetzt einfach die Sicherheitsfrage beantworten, einen Benutzernamen und ein Paßwort wählen, schon ist man angemeldet. Und das geht praktisch schon seit Jahren so, es war sogar einfacher, weil es die Sicherheitsfrage noch nicht gab. ABer die dürfte kein Hindernis darstellen, Sie müssen nur eine Buchstabenfolge abtippen.
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