Zehn Prozent und mehr Tarifabschlüsse, die Geschichte machten

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Die Lokführer-Gewerkschaft GDL forderte im Bahnstreik 2007 mindestens 31 Prozent mehr Lohn - viele Kunden empfanden das als utopisch. Doch was ist überhaupt möglich, wenn es um Lohnerhöhungen geht? Drei bemerkenswerte Beispiele aus der Tarifgeschichte der Bundesrepublik.

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Die Forderung klingt für viele abenteuerlich: Mindestens 31 Prozent mehr Lohn wollte die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) im Arbeitskampf mit der Deutschen Bahn herausschlagen. Bahnchef Hartmut Mehdorn und seine Gefolgsleute versuchten dagegen, die Lokführer mit den 4,5 Prozent plus einmal 600 Euro ruhig zu stellen, die zuvor schon die Gewerkschaften Transnet und GDBA erstritten haben.

Wer bei Lohnverhandlungen einen Coup landen will, der in Erinnerung bleibt, muss Steigerungen von mindestens zehn Prozent durchsetzen. Solche Abschlüsse hat es in der Geschichte der Bundesrepublik selten gegeben. Ausnahme: Die siebziger Jahre, als die kräftige Inflation die Abschlüsse fast wie von selbst in die Höhe trieb. Im Schnitt lagen sie bei fast zwölf Prozent.

Anders heute: "Ich halte es für kaum möglich, dass eine der großen Gewerkschaften noch einen zweistelligen Abschluss erzielt", sagt der Politikwissenschaftler Professor Ulrich von Alemann. Bei Ver.di etwa habe er Zweifel, ob die Streikkasse für einen großen, flächendeckenden Streik ausreichen würde. "Bei einer kleinen Gewerkschaft mit gut gefüllter Kasse sieht das anders aus", sagt von Alemann.

So boxen heute vor allem kleine, berufspezialisierte Gewerkschaften bedeutende Lohnerhöhungen im Tarifpoker durch: Besonders Piloten und Ärzte erzielten rekordverdächtige Ergebnisse - und könnten Vorbild für die Lokführer der GDL sein.

Öffentlicher Dienst, 1974: Elf Prozent markieren Willy Brandts Niederlage

Im Februar 1974 streikten zum ersten Mal bundesweit etwa 200.000 Beschäftigte des gesamten Öffentlichen Dienstes. Vor allem in Großstädten legten sie Busse und Bahnen, Müllabfuhr und Postzustellung lahm. Mancherorts drehten sie zeitweise sogar Strom und Gas ab. Zuvor hatten die Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV) und die Deutsche Postgewerkschaft (DPG) 15 Prozent mehr Lohn und Gehalt gefordert, die Deutsche Angestelltengewerkschaft (DAG) 14 Prozent.

Während die Arbeitnehmer unbedingt einen zweistelligen Abschluss erreichen wollten, versuchten die Arbeitgeber, genau das zu verhindern. Bundeskanzler Willy Brandt (SPD) hatte stets verkündet, die Zugeständnisse dürften nicht zweistellig ausfallen. Innenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP), der in Brandts Auftrag verhandelte, bot 9,5 Prozent. Die Antwort der Gewerkschaften war deutlich: "Wir sind doch keine impotenten Freier", sagte DAG-Tarifpolitiker Heinz Groteguth und schlug die Offerte aus.

So traten die Beschäftigten des Öffentlichen Dienstes in den Ausstand. In Nürnberg malten Müllarbeiter Transparente mit der Aufschrift: "Gibt Genscher keinen Pfennig her, macht keiner mehr die Tonnen leer." In der Nähe von Augsburg blockierten die Streikenden Müllkippen mit Planierraupen, in Mainz drehten sie der Staatskanzlei den Strom ab.

Zwar hatten viele Deutsche Verständnis für den Streik, doch die Meinungen waren geteilt: "Wenn man im Fernsehen den dicken ÖTV-Chef Kluncker in der Pose 'ich bin der Größte', 'alle Räder stehen still, wenn mein starker Arm es will' sieht, kann man kein friedlicher Mensch bleiben", schrieb ein Leser im Februar 1974 dem SPIEGEL.

Nach drei Streiktagen einigten sich Genscher und die Gewerkschaftsführer auf elf Prozent mehr Lohn und Gehalt, mindestens jedoch 170 Mark. Für Bundeskanzler Willy Brandt war es eine schwere Niederlage - mancher glaubt sogar, sie habe zu seinem Rücktritt wenige Monate später beigetragen.

Pilotenvereinigung Cockpit, 2001: 30 Prozent sind machbar

2001 machte die Pilotenvereinigung Cockpit vor, wie eine kleine Berufsgruppe 30-Prozent-Forderungen durchsetzen kann. Die Piloten der Lufthansa sagten, sie hätten jahrelang zu Gunsten ihres Not leidenden Unternehmens auf gerechte Bezahlung verzichtet. Kollegen vergleichbarer Airlines würden erheblich mehr verdienen.

Damit führte erstmals eine kleine, exklusive Berufsgruppe selber Tarifverhandlungen - für die traditionellen Gewerkschaften eine besorgniserregende Konkurrenz. Neben mehr Lohn verlangte Cockpit für seine 4200 Piloten Sonderzahlungen von bis zu drei Monatsgehältern.

Als die Lufthansa die Forderungen zurückwies, streikten sie an mehreren Tagen und ließen damit Hunderte Flüge ausfallen. Schließlich schaltete sich Schlichtungsveteran Hans-Dietrich Genscher ein und vermittelte. Als Ergebnis bekamen die Piloten für das laufende Jahr, inklusive Gewinnbeteiligung, etwa 30 Prozent mehr Gehalt. Dazu wurden geringere Erhöhungen für die beiden kommenden Jahre ausgehandelt.

Marburger Bund, 2006: Bis zu 15 Prozent Lohnerhöhung für Ärzte

2005 beendete die Ärztegewerkschaft Marburger Bund die traditionelle Tarifpartnerschaft mit Ver.di und erreichte im folgenden Jahr gleich zwei wegweisende Abschlüsse im Alleingang: Im längsten Medizinerstreik in der Geschichte der Bundesrepublik setzte der Marburger Bund nach drei Monaten Lohnerhöhungen von durchschnittlich rund 15 Prozent für die Ärzte an Unikliniken durch.

Mit Demonstrationen und Arbeitsniederlegungen erstritten die Mediziner danach einen Tarifvertrag speziell für die rund 70.000 Ärzte an den städtischen Kliniken und Kreiskrankenhäusern - mit Lohnerhöhungen - laut Arbeitgeberangaben - zwischen 10 bis 13 Prozent.

Der Weg zu diesen Abschlüssen war nicht einfach: Alleine die letzte Sitzung im Tarifkonflikt der kommunal angestellten Ärzte wuchs sich zu einem 30-stündigen Verhandlungsmarathon aus. Für den Fall, dass die Verhandlungen scheitern würden, drohte der Marburger Bund, Einzelverträge mit den Krankenhäusern abzuschließen.

Zuvor hatte der Arbeitgeberverband VKA schon einen Vertrag mit Ver.di ausgehandelt: Demnach sollte die Ärzte an städtischen Kliniken im Durchschnitt zehn bis elf Prozent mehr Geld erhalten. Der Marburger Bund war nicht an den Gesprächen beteiligt und lehnte die Ergebnisse ab, da bei Ver.di kaum Ärzte organisiert seien.

Timo Nowack

Erschienen auf SPIEGEL ONLINE am 02.08.2007

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