Zeitenwende "Endlich angekommen!"

Er hatte sich kein Stück bewegt - und wurde doch vom Ossi zum Wessi: Sein Leben lang wohnte Marko Schubert im Osten Berlins. Zu seinem 37. Geburtstag erlebte er seine persönliche Wende - 19 Jahre nach dem Mauerfall.

Marko Schubert/K. Schubert

Mein 37. Geburtstag stand vor der Tür. Kein besonderes Ereignis - weder ein rundes Jahr, noch war gerade irgendetwas Außergewöhnliches passiert. Trotzdem hatte ich Lust, eine richtig große Party zu geben. Was mir fehlte, war ein pfiffiges Motto. Es sollte mit mir zu tun haben. Aber wer bin ich?

1971 im Ostberliner Stadtteil Friedrichshain geboren, habe ich dort mein komplettes Leben lang gewohnt. In meiner Stammkneipe in der Wühlischstraße werde ich von den vielen Zugezogenen bestaunt: ein gebürtiger Berliner, Ostberliner und dann auch noch Friedrichshainer! Wahrscheinlich bin ich einer der letzten meiner Art. Mein Wohnort blieb gleich, doch mein Heimatland wurde ein anderes. Die Zeitenwende erlebte ich an meinem 37. Geburtstag. Fast 19 Jahre nach der politischen Wende in Deutschland folgte meine persönliche.

Die Wundertüte des Westens

Der Mauerfall 1989 war für mich das schönste und wichtigste Ereignis meines Lebens. Von da an verlief es völlig anders als gedacht: keine Nationale Volksarmee, keine "freiwillige" SED-Mitgliedschaft, keine Bude mit Ofenheizung und Außenklo, kein Trabi mit 30, keine dreiwöchigen Zelturlaube am Ostseestrand, keine Sauregurkenzeit in Konsumläden und so weiter und so fort. Luxus spielt für mich keine große Rolle, aber daran gibt es nichts zu rütteln: Der Westen öffnete mir eine prall gefüllte Wundertüte.

Ich konnte die Welt sehen. Meine Weltkarte an der Wand ist voll mit roten Punkten. Ich machte eine einjährige Weltreise, und meine Freunde und Bekannten leben weit verstreut; viele auch in Westdeutschland. Bis zum Mauerfall kannte ich ausschließlich Ostdeutsche. Heute zähle ich Hamburger, Mannheimer, Pfälzer und sogar Schwaben zu meinen Freunden. Meine Arbeitgeber waren meistens Wessis. Und auch mein Mädel ist Wessi durch und durch. Ich bin ein Ossi auf Tour.

Verloren habe ich durch die Wende - nichts. Alte Freunde aus der DDR und meine Familie sind mir weiterhin nah. Ein Jammerossi bin ich deshalb nie geworden; Ich denke nicht nostalgisch oder gar "ostalgisch" an mein früheres Leben. Aber ich erinnere mich. An meinen Kindergarten, wo ich wie jeder einen Platz bekam. Im Westen gibt es so etwas bis heute nicht. Ich betrachte mich im FDJ- oder Pionierausweis, denke an unsere "Go-Trabi-Go-Aktion" nach Budapest, an mein erstes Bier im Lager für Arbeit und Erholung und an meine DDR-Jugendweihe, betrachte meine Auszeichnungen und Urkunden aus vergangenen Tagen. Ich lache bei der Erinnerung an Zigaretten-Diebstähle in diversen Kaufhallen, sinnlose Gruppenratswahlen und einseitige Diskussionen im Staatsbürgerkunde-Unterricht.

Das Party-Motto

Ich habe auch nicht vergessen, dass ich meinen Abiturplatz nur bekam, weil ich mich drei Jahre für die NVA verpflichtet hatte, dass im Wehrerziehungslager bereits die ersten Jungoffiziere und Stasimitarbeiter in spe geschnüffelt haben und vor allem, dass ich keine Hoffnung hatte, jemals nach New York, Sydney und Barcelona zu kommen. Meine Kindheit und Jugend in der DDR war okay, aber ich bin unglaublich glücklich, dass solche Hohlköpfe wie Honecker und Krenz von der Bildfläche verschwunden sind. Es ist ein Glück, dass das unwirkliche Land, in dem ich meine ersten 18,5 Jahre verbrachte, nur noch in der Erinnerung existiert.

Mittlerweile wohne ich länger in der Bundesrepublik Deutschland als in der Deutschen Demokratischen Republik. Ich bin mehr Wessi als Ossi. Das wollte ich feiern! Die Gäste auf der Party zu meinem 37. Geburtstag in einer Kleingartenkolonie in Ostberlin: 50 Prozent Ost-, 50 Prozent Westdeutsche. Als Motto der Party schrieb ich auf die Einladungen: "Endlich angekommen". Nicht als Frage sondern mit Ausrufezeichen.



insgesamt 5 Beiträge
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Frank Lehmann, 21.08.2008
1.
Der Beitrag trifft den Nagel so ziemlich auf den Kopf! Keine Trauer um 'gute alte Zeiten', kein beharren auf Unterschieden (lang lebe der Wossi!), aber trotzdem nicht vergessen, dass die Mauer ein ziemliches Reisehindernis darstellte. Wie Marko fuehre ich Buch wie/wo ich meine Lebenszeit verbringe. Zur Zeit 2/3 Ost und 1/3 USA. Nach 15 Jahren ist es hier immer noch so aufregend wie ich es mir vorgestellt habe als ich im Pionierferienlager 'Thomas Muentzer' Jack London's Abenteuerbuecher gelesen habe. Reisen wurde noch interessanter, als ich vor ein paar Jahren herausfand, dass es lediglich 9 Stunden dauert, mit dem Flieger von Los Angeles in die Suedsee zu fliegen. Das ist weniger Zeit als ich in den 80er Jahren gebraucht habe um per Anhalter von Dresden an die Ostsee zu fahren. Beste Wuensche und viel Energie fuer weitere Erkundungsreisen in den naechsten 18.5 Jahren!
Lars Schmidt, 21.08.2008
2.
Freiwillig drei Jahre zur Armee gemeldet, um einen Abiturplatz zu bekommen? Mich würde brennend interessieren, was Sie gemacht hätten wenn die Mauer nicht gefallen wäre und man Sie einberufen hätte.
katrin enders, 22.08.2008
3.
Klasse Beitrag dem ich nur Zustimmer kann. Keine Trauer aber Erinnerungen an eine wunderschoene Kindheit und Dankbarkeit dass ich die Freihat habe zu reisen im Ausland zu studieren und zu arbeiten. Dinge die meinen Eltern leider 40 Jahre lang versperrt waren.
Heinz Eggert, 23.09.2008
4.
Diese Art erlebte Geschichte dringt leider in ihrer Differenziertheit in der Öffentlichkeit kaum durch.. Gruss aus Dresden HE
Bettina Horn, 07.04.2009
5.
Hallo, ich bin schon seit 10 Jahren überzeugter Wossi. Lebe seit 1993 in Schleswig-Holstein, komme aber aus Meckl.-Vorpommern. Ich bin jedesmal erschüttert, wie fremd doch immer noch die meisten Menschen aus den neuen und alten Bundesländern miteinander umgehen. Ich sollte auch mal so eine Motto-Party anstreben, das ist eine absolut tolle Idee. LG
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