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Zeitgeschichte Ehemaliger DDR-Unterhändler Wolfgang Vogel gestorben

Zeitgeschichte: Ehemaliger DDR-Unterhändler Wolfgang Vogel gestorben Fotos
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Agentenaustausch und Gefangenenfreikauf waren sein Geschäft: Der ehemalige Ost-Berliner Rechtsanwalt und DDR-Unterhändler Wolfgang Vogel ist am 21. August 2008 im Alter von 82 Jahren bei Schliersee in Oberbayern gestorben. Von Norbert F. Pötzl

In der Eiszeit des Kalten Krieges zwischen Ost und West, in den späten fünfziger und frühen sechziger Jahren, als die Regierungen der beiden deutschen Staaten noch jeden offiziellen Kontakt mieden, war der Ost-Berliner Rechtsanwalt Wolfgang Vogel für den Westen die einzige Anlaufstelle, wenn es um die Lösung menschlicher Schicksale im geteilten Deutschland ging.

Auf Initiative der Bonner Bundesregierung, vor allem des damaligen Ministers für gesamtdeutsche Fragen, Rainer Barzel (CDU), sowie des Verlegers Axel Springer und der beiden christlichen Kirchen begann Vogel 1962, die Freilassung einzelner politischer Häftlinge zu vermitteln; die DDR forderte dafür Geld. Von 1964 an wurde der Freikauf institutionalisiert; bis zum Mauerfall 1989 wurden auf diese Weise insgesamt 33.755 Gefangene, die wegen politischer Delikte in der DDR inhaftiert waren, in den Westen entlassen. Meist begleitete Vogel die Freigekauften in den Bussen bis an die Grenzübergangsstelle.

Agentenaustausch auf der Glienicker Brücke

Vogel, 1925 in Schlesien geboren, war für diese Aufgabe prädestiniert, weil er als Rechtsanwalt seit 1958 auch in West-Berlin zugelassen war und auf Betreiben der DDR-Staatssicherheit auch Kontakte zu dortigen Anwälten und Justizstellen unterhielt. Nachdem er in einigen Fällen erfolgreich über die Entlassung politischer Häftlinge verhandelt hatte, wurde er 1961 vom damaligen DDR-Generalstaatsanwalt Josef Streit - wie sich später herausstellte: im Auftrag des sowjetischen Geheimdienstes KGB - damit betraut, den ersten Austausch hochkarätiger Agenten zu bewerkstelligen.

Mit dem amerikanischen Anwalt James Donovan, der für die US-Regierung tätig war, verhandelte Vogel über den Austausch des in New York inhaftierten russischen KGB-Spions Rudolf Abel und des über Sibirien abgeschossenen US-Spionagefliegers Francis Gary Powers; die beiden Männer wurden am 10. Februar 1962 unter strengster Abschirmung auf der Glienicker Brücke zwischen Potsdam und West-Berlin ausgetauscht.

Im Laufe der Jahre vermittelte Wolfgang Vogel durch sein diplomatisches Geschick und durch das Vertrauen, das er sich auf beiden Seiten erwarb, den Austausch von rund 150 in Gefangenschaft geratenen Spionen aus 23 Ländern in Ost und West. Während die meisten Austauschaktionen im Stillen abliefen, gerieten zwei derartige Vorgänge zu öffentlichen Spektakeln: Am 11. Juni 1985 wurden auf der Glienicker Brücke 25 im Osten verurteilte Agenten gegen vier im Westen inhaftierte Spione unterschiedlicher Nationalitäten ausgetauscht; am 11. Februar 1986 gingen vier Gefangene aus dem Osten, darunter der russisch-jüdische Dissident Anatolij Schtscharanski, über die Brücke in die Freiheit, während der Westen im Gegenzug fünf Agenten freigab.

"Unser Briefträger"

Seit der SPD-Politiker Herbert Wehner im Dezember 1966 Gesamtdeutscher Minister in der Großen Koalition unter CDU-Kanzler Kurt Georg Kiesinger geworden war, unterhielt Wolfgang Vogel ein enges persönliches Verhältnis zu dem sozialdemokratischen Politiker. Auch den Besuch Wehners, der inzwischen SPD-Fraktionsvorsitzender im Bundestag war, bei SED-Generalsekretär Erich Honecker am 31. Mai 1973 in der DDR hatte Vogel eingefädelt. Im Anschluss daran berief Honecker den Anwalt zu seinem "persönlichen Beauftragten in humanitären Fragen". Im Rahmen der Familienzusammenführung vermittelte Wolfgang Vogel die Ausreise von 215.019 Menschen aus der DDR.

Auf dem stillen Kanal zwischen Wolfgang Vogel und Herbert Wehner lief auch der Austausch vertraulicher Botschaften zwischen den Regierungen in Bonn und Ost-Berlin. Bundeskanzler Helmut Schmidt, der selbst oft persönlich mit Vogel sprach, nannte den Anwalt "unseren Briefträger". Vogel bereitete auch den Kanzler-Besuch in der DDR im Dezember 1981 vor und war bei den Gesprächen, die Honecker und Schmidt im Jagdschloss Hubertusstock führten, als einziger DDR-Vertreter zugegen. Auch mit Bundeskanzler Helmut Kohl setzte Wolfgang Vogel seine politischen Vermittlungen fort.

Nach dem Ende der DDR erhoben einzelne, die mit Vogels Hilfe aus der DDR ausgereist waren, Vorwürfe gegen den Anwalt, weil sie nach damaliger Vorschrift Immobilien im Osten zu niedrigen Preisen hatten veräußern müssen. Von der Anklage der Erpressung wurde Wolfgang Vogel jedoch in letzter Instanz vom Bundesgerichtshof freigesprochen.

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