Zeitgeschichte Großer Lauschangriff im Kalten Krieg

90.000 belauschte Telefone und Brieföffnungsmaschinen in Postämtern: In bislang unbekanntem Ausmaß schnüffelten die West-Alliierten zwischen 1949 und 1968 die Bundesbürger aus - mit Hilfe deutscher Stellen.

Von Axel Frohn und


Der Reporter der "Frankenpost" klopfte gegen 16 Uhr 45 an die Tür des Büros 310 im Hauptpostamt der bayerischen Stadt Hof. Es dauerte einen Augenblick, dann öffnete ein hagerer Mann mit Brille die Tür und drängte den neugierigen Zeitungsmann auf den Flur ab. Er habe einen Tipp bekommen, erklärte der Journalist, dass hier Telefonate abgehört würden. Ob das stimme. Der Hagere verweigerte die Auskunft: "Geben Sie sich keine Mühe, ich sage Ihnen nicht das geringste." Dementis klingen anders.

Kaum war der Reporter gegangen, lief denn auch das Krisenmanagement an, denn tatsächlich war der Journalist einem großen Lauschangriff auf der Spur. In großem Umfang hörten deutsche Experten im September 1954 vom Hauptpostamt in Hof Telefonate ab. Nun informierten die Observierer eiligst die Oberpostdirektion in Nürnberg und vor allem Aaron Kianofsky, den Chef der lokalen Abhörabteilung der US-Armee. Schließlich erfolgte die Lauschaktion in amerikanischem Auftrag.

Die Vernebelungsstrategie war schnell beschlossen. Er habe gute Kontakte zu örtlichen Journalisten, erklärte der Vize-Präsident der Oberpostdirektion Nürnberg den Amerikanern. Nachfragenden Journalisten müsse man nur sagen, es würde in Büro 310 überprüft, ob die Leitungen funktionierten und die Abrechnungen korrekt erfolgten. Vergleichbare Operationen würde die Deutsche Post "in ihrem ganzen Bereich" vornehmen.

Recht zum Abhören vorbehalten

Das immerhin stimmte. Denn wie in Hof hörten in den Gründerjahrzehnten überall im Bundesgebiet die Besatzungsmächte und deutsche Stellen Telefonate mit und öffneten Postsendungen - ein Recht, das sich die Alliierten ganz offiziell bei der Gründung der Bundesrepublik 1949 vorbehalten hatten und das sie sich bei deren Entlassung in die Souveränität 1955 bestätigen ließen.

Recherchen des SPIEGEL in US-Regierungsakten werfen nun erstmals Licht auf Ausmaß und Hintergründe der deutsch-alliierten Schnüffelpraxis. Danach haben allein fünf US-Geheimdienste monatlich mehr als 90 000 Telefonate belauscht. Über 8000 Mann waren dafür an mehr als 15 verschiedenen Orten im Einsatz.

In zahlreichen Post- und Fernmeldeämtern nisteten sich Briten, Amerikaner und Franzosen mit großer Besatzung ein. So überwachten in Düsseldorf 90 Mitarbeiter der Briten dort anfallende Telefonate, Fernschreiben, Pakete und Briefe.

Handlangerdienste bei der Zensur

Deutsche Behörden leisteten bei der Zensur Handlangerdienste. Nach Angaben der Oberpostdirektion Regensburg wurde beinahe der gesamte Briefverkehr in ihrem Bezirk kontrolliert. Insgesamt händigten die Deutschen zwischen 1960 und 1967 nachweislich über 40 Millionen Postsendungen dem großen Bruder USA aus, so der Freiburger Historiker Josef Foschepoth in der aktuellen Ausgabe der "Zeitschrift für Geschichtswissenschaft"

Auch in der französischen Zone wurde flächendeckend geschnüffelt. Es werde "die gesamte Post grundsätzlich den französischen Behörden zur Zensur zugeleitet", schrieb 1951 Heinrich von Brentano, Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion an Kanzler Konrad Adenauer. Auch wisse er, "dass beispielsweise in Mainz die Landesregierung, der Landtag, die Gerichtsbehörden, die politischen Parteien, die konfessionellen Verbände, der Bauernverband, das Regierungspräsidium, die Verlage, die Bischöfliche Kanzlei, der Bischof selbst, eine Anzahl von Anwälten, Landtags- und Bundestagsabgeordneten, bestimmte Firmen und Zeitungen usw. dieser ständigen Kontrolle unterliegen".

Gelegentlich flogen Abhörexperten auf, etwa als ein Sprecher der SPD während eines Telefonats auf einmal eine fremde Stimme aus der Muschel vernahm, die erklärte, "dieses Gespräch brauchen wir nicht mitzuschneiden". Oder als ein Lobbyist, der nach dem Wählen einer Nummer nicht den erwünschten Gesprächspartner an der Strippe hatte, sondern die eigene Stimme vernahm - ein alliierter Lauscher hatte beim Tonbandgerät den falschen Knopf gedrückt: Wiedergabe statt Aufnahme.

"Politisch sensible Personen"

Zwischen den Siegern über das "Dritte Reich" herrschte Kalter Krieg in jener Zeit, und die Front verlief mitten durch das geteilte Deutschland. Die drei Westalliierten fanden, dass sie durch die Überwachung "extrem wertvolle Informationen" erhielten, um die Gefahr eines sowjetischen Angriffs einzuschätzen, wie ein Berater des US-Hochkommissars am 13. März 1952 festhielt. Zudem gewinne man auf diesem Wege "die meisten wertvollen Informationen" über Rechtsradikale, für die sich die Alliierten sieben Jahre nach dem Tod Hitlers ebenfalls besonders interessierten.

In welchem Ausmaß dabei auch Mitglieder der Bundesregierung ins Visier gerieten, ist nicht geklärt. Die Genehmigung für das Abhören von Telefonaten und die Kontrolle der Post "politisch sensibler Personen" behielt sich US-Hochkommissar James B. Conant persönlich vor.

Dabei hatten die Väter und Mütter des Grundgesetzes das Brief- sowie das Post- und Fernmeldegeheimnis in der Verfassung ausdrücklich festgeschrieben - und die Alliierten hatten den entsprechenden Artikel genehmigt. Beschränkungen durften nur auf Grund eines Gesetzes erfolgen. Doch dafür fand sich im Bundestag lange keine Mehrheit.

"Freundschaftliche Beziehungen" zur Post

Als DDR-Stellen Anfang der fünfziger Jahre die Bundesrepublik auf dem Postweg mit Propagandaschriften überschwemmten und die Alliierten um die Stabilität des neuen Staates fürchteten, wandte sich der britische Hochkommissar Sir Ivone Kirkpatrick an Kanzler Adenauer. Der Bundesregierung sei es ja "leider verwehrt, eine Zensur auszuüben", schrieb er ihm. Eine wirksame Abwehr der östlichen Propaganda könne daher "nur durch die Zensurstellen der Besatzungsmacht sichergestellt" werden. Adenauer stimmte zu.

In den Unterlagen der US-Armee ist penibel vermerkt, in welchem Umfang Mitarbeiter deutscher Zoll- und Polizeidienststellen, der Bundesbahn und insbesondere der Post DDR-Flugblätter, Poster oder auch Filme für die US-Dienste abfingen. Allein im Kreis Coburg wog das innerhalb eines Monats beschlagnahmte Material Hunderte von Kilogramm.

Den nun vom SPIEGEL ausgewerteten US-Akten zufolge hing viel von der Chemie zwischen alliierten Geheimdienstlern und deutschen Postlern ab. Am 19. Januar 1954 schrieb Hauptmann Frederick H. Williams an den US-Ortskommandanten in Nürnberg, er möge den dortigen amerikanischen Chefzensor mit einer komfortablen Privatwohnung ausstatten. Für den Erfolg der Mission komme es maßgeblich darauf an, "freundschaftliche Beziehungen zu den örtlichen Führungskräften der Deutschen Post" aufzubauen - und dafür müsse man die Beschäftigten auch nach Hause einladen können.

Nach Recherchen von Historiker Foschepoth konfiszierten deutsche Stellen freilich auch aus eigenem Antrieb in großem Umfang Post. Als Rechtsgrundlage musste ein entsprechender Artikel im Strafgesetzbuch herhalten, der inzwischen das Verbreiten von Schriften verbot, "die darauf gerichtet sind, den Bestand der Bundesrepublik Deutschland zu beeinträchtigen". Dokumente des Verfassungsschutzes belegen, dass zwischen 1955 und 1968 ungefähr 100 Millionen Sendungen aus dem Verkehr gezogen wurden.

Brieföffnungsmaschinen schlitzen Umschläge auf

Postschaffner und Postassistenten in den großen deutschen Verteilerstellen hatten die Aufgabe, verdächtige Sendungen auszusortieren und dem Zoll zuzuleiten. Brieföffnungsmaschinen schlitzen dort die Umschläge auf. Erwies sich der Inhalt als verdächtig, wurde die Staatsanwaltschaft eingeschaltet. In Hannover mussten Strafgefangene schließlich in den Kellern von Haftanstalten die Ausbeute an SED-Broschüren, Ausgaben des "Neuen Deutschland" oder Massendrucksachen aus der DDR in den Reißwolf stopfen.

Selbst Protokolle der Volkskammer, dem Pseudoparlament der DDR, fielen der Zensur zum Opfer. Verärgert klagte der Rechtsexperte der SPD im Bundestag Adolf Arndt, offenbar sitze "irgendwo ein Postsekretär oder der Assessor einer Staatsanwaltschaft, die mit gottbegnadetem Unverstand darüber entscheiden, ob ein Bundestagsabgeordneter durch den Empfang dieser Drucksachen Schaden an seiner demokratischen Seele nehmen kann".

Erst 1968, mit den Notstandgesetzen, änderte sich alles. Der Bundestag verabschiedete eine Regelung, die den deutschen Diensten das Lauschen erlaubte. Und da die Bundesregierung versprach, die Verbündeten über für sie wichtige Sachverhalte zu informieren, gaben die Alliierten ihre Vorbehaltsrechte auf. Seither ist Briten, Amerikanern und Franzosen das Abhören in der Bundesrepublik verboten - jedenfalls offiziell.



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 4 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Johann Moser, 15.05.2009
1.
GERMANY IS AND WAS BUILD ON SEVERAL BIG LIES All survailance of german citizens is still going on as to date. Most of these lies have their origin before the end of WWII because we the allies had to find an excuse for the destruction, killings and deportaqtion of millions of Germans from their homeland. Germany, to this date does not have an independent government, as we can see. The British and American still determine the existance nof a german government. Why, after 60 years does any german think that there is a need for British and American forces to be stationed in Germany? Why do you think that there are more CIA and other intelligent offices, including Wiesbaden, still in full operation in Germany? Does any German really believe in the therm Rechtsstaat?? No German is permitted to discus the truth, or don't you know this??? !!! I have served in Germany for over 18 years with the U.S forces, so I have first hand knowledge of allied policies
Pe Be, 17.05.2009
2.
Mr. Moser, First of all, yes I believe in Germany being a RECHTSSTAAT. I also believe in German's right of Meinungsfreiheit. We are well know for speeking straight up. Your statements are very offending and it would be greatly appreciated you rephrase and RETHINK them. You may have first hand knowledge of allied policies, but it seems you have spent 18 years within a U.S. environment in Germany without being in Germany. What do you thing where your home country is right now? You just barely overcome the whole black and white segregation - welcome President Obama, now he is struggling with bloody leftovers from the Bush administration. Back to the States being stationed in Germany, I am counting Britain just as an ally of yours and does whatever you need him to do. You have your army all over the WORLD, weather appreciated or not. Bottom line, after 18 years either somebody forgot to carry you all the way up on the carreer ladder and you are all frustated that you waste 18 YEARS in Germany or you just have too much information that you shouldn't speak up at all at this forum which is open to public!
Uwe K, 17.05.2009
3.
Dear Mr. Moser to the majority of the germans you're not telling any news. Any german who questions this terms has come to the same results. The problem is, as you noted correctly: It is not allowed for us to ask any questions or tell another story then that what has been fixed as "history" during the Nuernberg processes. Any german Chanceler has to sign a paper where he declares that with all his actions he stands behind the allies - namely the USA. Any Journalist who works in one of the bigger houses has to sign a paper that he will not behave "unamerikan" in any way or he will be subject to fine, or imprisonment. From our early childhood on we learn in shool the history as it was written by the winners of WWII. The story goes that there is a paper wich says that the allies rule germany to the year 2099, I don't know if that is the truth, but if it is'nt then why aren't we independent? PS: Your name sounds very german, are you born german?
Pe Be, 18.05.2009
4.
To all of you, guess I really missed out on any news as well as the majority of the germans!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.