Zeitzeugen der Nachkriegszeit Englisch für eine Flasche Milch

Ihre Schüler zahlten in Naturalien: Nach Kriegsende verschlug es Erna Elisabeth Nordmann aufs platte Land, wo sie Bauern die Sprache der Besatzer lehrte. Ihr Sohn Harald bekämpfte die Not mit Winnetou.

privat

Mit seiner Mutter und zwei jüngeren Brüdern floh Harald Nordmann (Jahrgang 1937) im April 1945 aus dem zerbombten Berlin nach Schleswig-Holstein. Der Vater war drei Jahre zuvor als Wehrmachtssoldat in Russland gefallen. In den kleinen Ort Hademarschen, wo die Familie unterkam, rückten bei Kriegsende britische Besatzungstruppen ein.

Die Zukunft war ungewiss, es fehlte an allem. Unsere Mutter besaß nicht einmal mehr ein Küchenmesser, aber sie hatte einen entscheidenden Trumpf in der Hand: ihren Beruf als Englischlehrerin. In der Nazizeit war es verdächtig gewesen, sich für die Sprache des Feindes zu interessieren. Nach Kriegsende erlebte die Sprache jedoch plötzlich eine Hochkonjunktur.

Schon wenige Tage, nachdem am 6. Mai 1945 die ersten britischen Panzerspähwagen durch das Dorf gefahren waren, gab meine Mutter im größten Krankenzimmer des örtlichen Lazaretts Unterricht. Um sie herum saßen verwundete deutsche Soldaten, andere lagen in ihren Betten.

Zum Glück wollten auch Bauernsöhne Englisch lernen. Eine Flasche Milch für eine Stunde Englisch: das war damals die Währung. Als Flüchtlinge verbesserten wir auf diese Weise unseren sozialen Status, und im Jahr darauf wurde unsere Mutter an der Mittelschule des Ortes angestellt.

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Deutschland nach '45: Trümmerfrauen, Schwarzmarkt, Flüchtlinge - eine Zeitreise

Mit den britischen Besatzern gab es in Hademarschen kaum Probleme. Bei einigen besser gestellten Hausbesitzern wurden Engländer einquartiert, was wir als ausgleichende Gerechtigkeit empfanden. Meine Mutter nutzte oft die Gelegenheit zum "small talk", um ihre Sprachkenntnisse aufzufrischen. Einmal reichte mir ein Soldat von einem Panzer herab statt der erhofften Schokolade Bier in einer halben Kastanienschale und lachte, als ich beim Probieren mein Gesicht verzog.

Vor Hunger in die Seife gebissen

In der Zeit hatte ich oft schlimmen Hunger. Vor Verzweiflung biss ich sogar in Seife, aß rohe Steckrübenschnitze mit Salz und musste mich danach übergeben. Überall bekam ich Eiterbeulen, weil der Körper wegen der Unterernährung keine Abwehrkraft mehr besaß. Eine große Beule am Kopf musste in der Krankenstation bei unzureichender Betäubung aufgeschnitten werden.

Von einigen Nachbarn erfuhren wir in dieser schwierigen Lage viel Menschlichkeit: Die Frau von Pastor Templin schräg gegenüber schob mir verstohlen eine Packung Kartoffelmehl zu. Die Verkäuferin rührte die Milch in der Kanne nicht um, sondern schöpfte abgesetzte Sahne von ganz oben - laut der Lebensmittelkarte hätte uns nur Milch zugestanden.

Als wir auf dem Stoppelfeld von Bauer Struve arbeiteten, kam der junge Sohn heraus und stopfte uns Ähren in die Tasche. Und zu Weihnachten 1945 schenkte uns der alte Herr Rohdewoldt einen selbstgedrechselten Kerzenständer aus Buchenholz, auf dem die Zahl "1945" eingeschnitzt war. Noch heute steht er auf meinem Schreibtisch.

Fünf Grad im Haus

Im Winter 1946/1947 litt ich nicht nur unter dem Hunger, sondern auch unter der eisigen Kälte. Die Temperatur in unserer Stube fiel auf fünf Grad, nachts bildete sich eine Eisschicht in der Waschschüssel. Mit dem Feuerhaken schmolz ich Gucklöcher in die dauerhaft dick vereiste Fensterscheibe.

In eine Decke eingewickelt, mit Handschuhen und einer Pudelmütze auf dem Kopf saß ich dann in der Sofaecke und verschlang 30 Karl-May-Bände, die uns die Nachbarin lieh. So träumte ich mich aus Hunger und Kälte mitten in Winnetous Welt hinein.

Durch eine glückliche Fügung kamen aus den weiten Prärien der USA bald Essenpakete zu uns. In der Not erinnerte sich meine Mutter an ein junges amerikanisches Ehepaar, die sie an der Universität in Berlin kennengelernt hatte.

Der angehende Theologe Paul Sheldon und seine Frau Emily waren damals spindeldürr und hungerten sich durch ihr Studium. Meine Großeltern luden sie oft nach Hause ein, um sie ein wenig aufzupäppeln. "Noch nie in meinem Leben habe ich einen Menschen so schnell so viel essen gesehen", meinte damals meine rundliche Großmutter.

Wir fragten uns nun, wo die Sheldons inzwischen wohnen könnten. Nach langem Grübeln sprang meine Mutter eines Tages wie elektrisiert auf und schrie: "Springfield, Illinois!" Auf der Stelle schrieb sie an "Reverend Sheldon".

Klebrige Köstlichkeit

Schon nach ein paar Wochen brachte uns der Postbote das erste Care-Paket, das wir mit großem Jubel begrüßten. Darin fanden wir nicht mehr benötigten amerikanischen Heeresproviant wie Kaffee, Kekse, Corned Beef, Zigaretten, Schokolade. Diese Kostbarkeiten tauschten wir bei den Bauern gegen Fleisch und andere Lebensmittel ein. Für ein Pfund Kaffee gab es immerhin eine fette Gans.

Am meisten faszinierte mich eine flache, messingfarbene Blechdose, die ebenfalls in dem Paket steckte. "Emergency Ration" stand in eingeprägten Buchstaben auf dem Deckel. Weiter war zu lesen, dass diese "Notfallration" nur mit Genehmigung eines Offiziers verzehrt werden dürfte.

In diesem Fall war unsere Mutter der Offizier und ordnete an, die Büchse zu öffnen. Sie enthielt eine dunkelbraune, klebrige, süße Masse, die herrlich schmeckte. Diesen Geschmack würde ich immer wiedererkennen. Eine solche Büchse habe ich bis heute aufbewahrt.

Hilfe von einem alten Verehrer

Meine Mutter konnte sogar noch weitere Unterstützung aus dem Ausland mobilisieren. Ihr fiel der Schulleiter Raymond King ein, der mit seiner Frau Mary in New Malden bei London lebte. Mehr als zehn Jahre vorher hatte sie ihn bei einem Studienaufenthalt in England kennengelernt. Damals wollte er Erna Elisabeth unbedingt heiraten - doch sie entschied sich für Dr. Claus Jürgen Nordmann, meinen Vater, der nun in Russland begraben lag.

Meine Mutter fasste sich ein Herz und schrieb an Raymond, der ihr nichts nachtrug und umgehend half. Da Lebensmittel auch in England knapp waren, schrieb er an eine gute Bekannte in Schweden. Nach einigen Wochen erhielten wir ein "Schwedenpaket" mit großen Blöcken Schmelzkäse, Büchsen voller Trockenmilch und drei Paar Kinderstiefeln, ein unvorstellbarer Luxus.

"Milch", so lernte ich damals, hieß auf Schwedisch "mjölk". Kichernd versuchten wir, die fremdartigen Namen auszusprechen. In einer leeren Trockenmilchdose, die ich immer noch besitze, bewahrten wir jahrzehntelang Backgewürze auf.

Spätes Lebenszeichen aus Schweden

In den Jahren danach ging es für uns allmählich aufwärts. 1948 kam ich auf das Gymnasium in der Kreisstadt Rendsburg und lernte Latein. Das war Ehrensache, denn unser Vater war schließlich Lateinlehrer gewesen. Wie man dank Bildung überleben kann, hatte ich in Hademarschen ja aus nächster Nähe miterlebt. Zu den Sheldons hielten wir jahrzehntelang Kontakt. Das Ehepaar King kam 1950 erstmals wieder nach Deutschland, und später besuchten wir sie in England.

Von unserer Helferin in Schweden, deren Namen ich nicht mehr wusste, erhielt ich 2005 ein unverhofftes Lebenszeichen. Elisa Steenberg aus Stockholm, inzwischen hoch in den Neunzigern, meldete sich auf einen Text hin, den ich in einem Internet-Forum veröffentlicht hatte. Endlich konnte ich mich für ihre großherzige Unterstützung bedanken.

Aus der deutschen Katastrophe habe ich Konsequenzen gezogen und mein Leben darauf verwendet, für eine demokratisch gewählte Regierung zu arbeiten: Nach einem Jurastudium war ich jahrzehntelang in Ministerien der Landesregierung von Nordrhein-Westfalen tätig.

Wenn ich heute, inzwischen 80, daran denke, welche Gestalten jetzt auf der rechten Seite des Deutschen Bundestags sitzen, dann steigt mein Blutdruck und ich muss an Hegel denken: Der Philosoph war der Ansicht, aus der Geschichte sei nur zu lernen, dass Völker und Staaten nichts aus ihr lernten. Auch die Bemerkung von Friedrich dem Großen nach dem Siebenjährigen Krieg kommt mir in den Sinn:

"Denn es ist eine Eigenschaft des menschlichen Geistes, dass Beispiele keinen bessern. Die Torheiten der Väter sind für ihre Kinder verloren; jede Generation muss durch eigenen Schaden klug werden."

Ich bleibe zuversichtlich, dass es uns Deutschen von heute gelingen wird, Friedrich II. zu widerlegen. Und Hegel auch.

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dc s, 25.02.2018
1.
Das Résumé ist leider nicht von der Hand zu weisen. Solche Erinnerungen sind wertvoll, dass sie verloren werden gehen dürfen. Jeder könnte ein Flüchtling sein. Not hat viele Gesichter und macht keinen Unterschied nach Bildung, Rasse oder Herkunft. Die Präsenz bestimmter politischer Kräfte im Bundestag schmerzt zwar, aber das Todschweigen dieser Gedanken ist auch nicht Hilfreich. Es gibt Menschen, die die Geschichte nicht kennen oder nicht kennen wollen, damit müssen wir leben. Die Aufgabe der sozialen, freiheitlichen und demokratischen Menschen ist es, geschichtliche, politische und philosophische Bildung auf breiter Front zu vermittelten und das Bewusstsein für die eigene Verantwortung immer wieder zu stärken. Wenn das in den Schulen nicht gelingt, ist kein Platzt für moderne Fächervorschläge wie 'Wirtschaft' oder sonstiges. Zur Allgemeinbildung gehören die Fähigkeiten unsere Demokratie zu erhalten noch vor den Wünschen der Wirtschaft und Industrie. Deren weitreichende Ideen gehören zur Berufsausbildung. Dabei haben sie über die Kammern auch genügend Einfluss. Dem humboldschen Bildungsideal, das uns über hundert Jahre gute Dienste geleistet hat, ist in den letzten Dekaden schon genug Gewalt angetan worden. Eine Rückbesinnung darauf wäre an der Zeit. Da wäre auch noch genug Raum für patriotischen Stolz., ohne dass es gleich nationalistisch wirkt.
Thomas Dunskus, 25.02.2018
2. Ja so war's etwa
Der Text von Herrn Nordmann schildert die Verhältnisse in den ersten Nachkriegsjahren sehr anschaulich und richtig, nur in einem Punkt muss ich ihm widersprechen. Herr Nordmann sagt: "In der Nazizeit war es verdächtig gewesen, sich für die Sprache des Feindes zu interessieren." Das kann ich in keiner Weise bestätigen. Ich bin einen Tag älter als das Dritte Reich, mithin auch ein paar Jahre älter als Herr Nordmann, 1942 sollte ich in Berlin in die höhere Schule kommen und, weil meine Eltern als alte SPD-Leute die Dinge nicht so sahen wie die Hitler-Regierung, hatten sie dafür das Französische Gymnasium ausgesucht, in der berechtigten Hoffnung, dass sich dort die NS-Politik weniger stark auswirken würde als an den normalen Oberschulen, die Englisch als erste Fremdsprache von der Sexta an lehrten. In meinem Fall ging es also mit Französisch los, acht Wochenstunden, und weil die Lehrer zumeist beim Militär waren, hatte das FG eine gebürtige Französin ausfindig gemacht, Mme. Berger-Gury, die sich dafür sehr gut eignete - mais qu'est-ce qu'elle nous a fait baver… So hatten wir am Ende der Sexta alle regelmäßigen Verben intus, und etliche unregelmäßige noch dazu. Vom Sommer 1941 an hatten die Bombenangriffe auf Deutschland erstaunlicherweise nachgelassen, sie setzten im Sommer 1943 aber wieder verstärkt ein und die Schulen wurden aus den Großstädten aufs Land verlegt, so auch das FG. Meine Eltern schickten mich jedoch nach Schlesien zu meiner Großmutter, die 50 km östlich von Breslau lebte und ich kam auf die nahegelegene Oberschule in Öls. Dort war aber Englisch die erste Fremdsprache und ich musste ein Jahr Englisch nachholen. Mit Unterstützung durch die Schule fanden wir auch eine Privatlehrerin, Frau Nietert, und ich konnte dann auch bald normal am Unterricht teilnehmen. So muss ich in diesem Punkt Herrn Nordmann entschieden widersprechen - der Schuldirektor war Mitglied der NSDAP, der Englischlehrer, Herr Kunze, auch, aber dass Englisch "die Sprache des Feindes war" war dabei nie ein Problem.
Carsten Schmitz, 26.02.2018
3. Falsche Beschreibungen - zweites Bild
Im zweiten Bilder Gallerie sind die Beschriftungen der beiden Bilder vertauscht. Die 'Emergence Ration ' stammt übrigens nicht von US-Truppen, sonden von der Britischen Armee - siehe https://www.youtube.com/watch?v=yEAwZ2uiq54
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