Zeitzeugin des Novemberpogroms 1938 "Es gab kein Entkommen"

In der Nacht des 9. November 1938 brannten in Deutschland die Synagogen. Ruth Winkelmann erlebte den Morgen danach in der jüdischen Mädchenschule in Berlin-Mitte - und wie SA-Leute deren Eingang verbarrikadierten. Auf einestages berichtet die Berlinerin von dem Tag, an dem ihre Kindheit endete.

Ruth Winkelmann

Nebelschwaden lagen über dem frostigen Novembermorgen, als ich den Lkw bestieg, um mit Vater und Großvater in die Stadt zu fahren. In der Morgendämmerung gegen 7 Uhr starteten wir von unserem Haus in Hohen Neuendorf am nördlichen Stadtrand Berlins Richtung Zentrum. Die beiden brachten mich wie an jedem Tag zu meiner Schule in der Auguststraße, bevor sie weiter zur Arbeit in unseren Familienbetrieb, einem Abrissunternehmen und Schrotthandel auf der Fischerinsel, fuhren.

Während mein Vater den Wagen steuerte, saß ich vorne neben Großvater, der auf der gut 30-minütigen Fahrt meist ein Nickerchen machte. Wenn er erwachte, musste ich ihm erzählen, was ich auf den Straßen der erwachenden Stadt sah, denn mein Großvater war im Ersten Weltkrieg als deutscher Soldat Opfer eines Gasangriffs geworden und seitdem erblindet. Was ich an diesem Morgen sehen und beschreiben sollte, habe ich nie wieder vergessen. Es war das verstörende Bild einer Stadt im Ausnahmezustand.

Brüllende Meute

Unser Weg führte uns über die noch dunklen Straßen der Berliner Außenbezirke Hermsdorf und Waidmannlust. Als wir Wittenau erreichten, sah ich die erste zerbrochene Schaufensterscheibe. Ich hielt sie für das Werk nächtlicher Einbrecher. Doch die Schmierereien an den Hauswänden, "Jude" und Davidstern, ließen Schlimmeres erahnen. Je näher wir an Berlins Mitte mit seinen vielen jüdischen Läden kamen, desto mehr verwüstete Geschäfte entdeckte ich. Überall lagen die Scherben und die Auslagen der Schaufenster auf den Gehwegen herum. Ich kann mich an einen SA-Mann erinnern, der zwei elegant gekleidete Schaufensterpuppen in die Gosse warf.

Nun hörte ich auch das Gebrüll der Nazi-Meute: "Judenschwein!", hallte es durch die Straßen. Ich selbst fühlte mich noch relativ sicher. Im Fahrzeug waren wir als Juden nicht zu erkennen. Mein Vater sagte an diesem Morgen fast nichts. Mein Großvater fragt mich die ganze Zeit, was ich sehe. In der Gartenstraße beobachtete ich entsetzt, wie Braunhemden einem orthodoxen Juden, den ich an seinen Schläfenlocken und dem schwarzen Rock erkannte, mit weißer Farbe einen Davidstern auf Brust und Rücken pinselten. Nie werde ich das leere Gesicht dieses Mannes im Augenblick seiner Demütigung vergessen.

Als ich gegen 7.30 Uhr meine Schule an der Auguststraße erreichte, war alles wie gewohnt. Großvater gab mir einen Groschen, und wie jeden Morgen kaufte ich beim Obsthändler einen Apfel, bevor ich die Schule betrat. An Unterricht war an diesem Morgen jedoch nicht zu denken. Eine Lehrerin empfing mich gleich am Eingang und schickte mich in die Aula. Dort waren alle Schülerinnen und Lehrer versammelt, als der Schulleiter etwas ganz und gar Ungewöhnliches tat: Er stimmte ein Gebet an. Ich weiß noch, wie feierlich und angsterfüllt zugleich die Stimmung war. Alle fassten sich an den Händen, um sich gegenseitig zu beruhigen und zu stärken. Nie zuvor hatten wir in der eigentlich säkularen Schule gebetet.

In der Falle

Eine gute halbe Stunde später hatten SA-Leute den Schuleingang besetzt und mit einem Berg aus Gerümpel verbarrikadiert. Wir saßen in der Falle. Von drinnen hörten wir ihr Gebrüll. Später sahen wir ihre hasserfüllten Schmierereien an der Schulfassade. Wir klemmten uns an die Fensterscheiben und sahen, wie immer mehr Kisten und Bretter, ja sogar Schlitten und Kochtöpfe auf den Haufen vor der Schule flogen. Von der anderen Seite der Schule sahen wir, wie dichter Qualm aus der Kuppel der Synagoge in der Oranienburger Straße stieg. Jeden Augenblick musste damit gerechnet werden, dass die Braunhemden den Holzhaufen vor dem Schuleingang in Brand setzten.

In der Aula wurde es sehr still. Es gab kein Entkommen. Der Vorderausgang war von brüllenden SA-Leuten besetzt. Der Hinterausgang führte in die Oranienburger Straße, in der die qualmende Synagoge ebenfalls auf SA-Präsenz schließen ließ. Direktor und Lehrer entwickelten in aller Eile einen Evakuierungsplan. Über eine Tür im Dachboden der Schule erreichten wir über mehrere andere Dachböden schließlich eines der Nachbarhäuser. Wir waren nun in einem Mietshaus angelangt, in dem Juden wohnten. Wir stiegen das Treppenhaus hinab zur Eingangstür.

Ein Lehrer schärfte uns ein, immer nur zu zweit zu gehen, nicht zu rennen und uns direkt auf den Weg nach Hause zu machen. Ich nahm meine beste Freundin Lilly bei der Hand. Noch waren wir in der Auguststraße, und die SA konnte uns sehen. Mein Herz klopfte bis zum Hals. Als wir das Schwimmbad in der Gartenstraße passierten, begannen wir vor Erleichterung zu singen. Lilly wohnte gleich um die Ecke. Ich stieg in die S-Bahn und fuhr zurück nach Hause.

Schule geschlossen

In Hohen Neuendorf selbst kam es in der Nacht und am folgenden Tag nicht zu Ausschreitungen. Der Ort hatte keine Synagoge und nur wenige jüdische Bewohner. Das nächste jüdische Gotteshaus lag in Hermsdorf, gut sieben Kilometer entfernt. Wie ich hörte, hatten die Nazis auch dort im Inneren gewütet und die Synagoge entweiht und zerstört. Damit verlor ich einen Ort meiner Kindheit, da ich sie mit meiner Familie an den jüdischen Feiertagen stets aufgesucht hatte.

Die Geschäftsräume des Fuhrhandels meiner Großmutter waren ebenfalls zerstört und geplündert. Doch davon erfuhr ich erst später. Unmittelbar nach dem Pogrom verschwieg man uns Kindern Details der Geschehnisse, um uns nicht noch weiter zu beunruhigen. Als mein Vater am Abend nach Hause kam, nahm er meine kleine Schwester und mich in den Arm. "Jetzt beginnt eine schwere Zeit für uns", sagte er bedeutungsschwer, so dass ich es nie vergessen habe. Er sollte recht behalten.

Heute begreife ich den 9. November 1938 als Zäsur in meinem Leben: Meine unbeschwerte Kindheit war mit einem Mal zu Ende. Zum ersten Mal erlebte ich Bedrohung und Angst aufgrund meiner Herkunft. 1928 wurde ich als Ruth Jacks, Kind eines jüdischen Vaters und einen christlichen Mutter, in Berlin geboren. Nach den Nürnberger Gesetzen aus dem Jahr 1935 wurde ich als sogenannte Geltungsjüdin definiert, da ich zwei jüdische Großeltern hatte und zum Stichtag einer jüdischen Gemeinde angehörte. Ich musste erwachsen werden, um der von nun an wachsenden Gefahr zu begegnen. Der bittere Ernst des Lebens sollte beginnen.

Bald wurde meine Schule geschlossen, und ich musste Zwangsarbeit leisten. In einer Berliner Fabrik besserte ich die zerschlissenen Uniformen von Wehrmachtssoldaten aus. Da war ich gerade 14 Jahre alt. Ab September 1941 trug ich den Judenstern und entging mehrmals nur knapp der Deportation. Meine Eltern wurden zur Scheidung gezwungen. Wir lebten versteckt in einer Gartenlaube. Als ich mit meiner Mutter das Kriegsende in Berlin erlebte, hatten wir die Hälfte unserer kleinen Familie verloren: Mein Vater wurde in Auschwitz ermordet, meine kleine Schwester starb im Jüdischen Krankenhaus Berlin Anfang März 1945. Sie war gerade acht Jahre alt geworden.

Mehr zum Thema Novemberpogrome 1938 lesen Sie hier im SPIEGEL 45/2013.

Zum Weiterlesen:

Ruth Winkelmann: "Plötzlich hieß ich Sara - Erinnerungen einer jüdischen Berlinerin 1933-1945". Jaron Verlag, März 2011, 144 Seiten

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Aufgezeichnet von René Schlott



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insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
Ansgar Schmersal, 05.11.2013
1.
Interessant und schön geschrieben. Zweifellos. Ich stelle aber trotzdem die Frage nach der publizistischen Relevanz dieses Artikels. Diese Beschreibungen gibt es zu hunderten, wahrscheinlich sogar zu tausenden. So schrecklich es auch im Einzelfall ist. Man muss aber auch sehen: Das Ganze ist nun ein dreiviertel Jahrhundert her. Das sind historische Ereignisse. Ich würde mir wünschen, wenn "Eines Tages" nicht nur auf einzelne Punkte eines -historisch gesehen- sehr kurzen Zeitraumes eingeht, sondern (Zeit-) Geschichte in ihrer ganzen Vielfalt darstellt.
Ulrich Link, 05.11.2013
2.
ein sehr wertvoller Artikel und Hinweis auf ein Buch, dass jeder Deutsche lesen sollte. der Inhalt ist so aktuell, wie im Jahre 1938. Ich schaeme mich fuer die Deutschen, die damals so unmenschlich gehandelt haben. Dies ist unsere juengste vergangenheit und wir sollten jeden Zeitzeugenbericht in Gold aufwiegen. Ich wuensche allen Menschen nie derart geprueft zu werden.
Florian Stimberg, 05.11.2013
3.
Der Artikel liest sich für mich besonders bedrückend, da ich im Berliner Norden aufgewachsen bin und in Hermsdorf zur Schule ging. Wenn man weiß, dass dies alles nicht abstrakt "in Deutschland" sondern an genau den Orten in denen man eine unbeschwerte Kindheit verbrachte passiert, berühren solche Berichte noch viel mehr.
Johannes Orphal, 05.11.2013
4.
Mir geht es sehr ähnlich: ich bin selbst in dem besagten Viertel in Berlin-Mitte aufgewachsen, war Schüler in jener Schule in der Auguststraße, von der aus man die Synagoge in der Oranienburger Straße sehen konnte, habe in der Gartenstraße Schwimmen gelernt ... das war alles viel später, in den 70er und 80er Jahren, und da war niemand mehr, der uns eine so persönliche Schilderung der Ereignisse mitteilen konnte. Ich finde diesen Text daher sehr beeindruckend: es wird ja nur ein einziger Tag aus dieser schlimmen Zeit erzählt, und dennoch wird deutlich, wie nah uns das alles noch ist.
Yael Schlichting, 06.11.2013
5.
Für mich sind solche Erinnerungen beklemmend. Viel schlimmer als diese Erinnerungen sind allerdings Zusammenhänge wie diese: Das Haus in dem die Jüdische Mädchenschule untergebracht war, wurde erst im Jahr 2009 an die Jüdische Gemeinde zurückgegeben. Und nicht nur das. Es gibt viele Fälle von zwangsarisiertem Jüdischem Eigentum, das bis heute in Deutschem Besitz ist und bei dem sich Deutsche Behörden zieren sie zurückzugeben. Und dann die Sache mit den Bildern in München..... Eine Endlose Geschichte. Auf der anderen Seite gibt es ein riesen Geschrei, wenn Deutschland U-Boote an Israel liefert und keine große Aufregung, wenn Deutschland Grundstoffe für die Chemiewaffenproduktion an Syrien liefert. Die allermeisten Deutschen, die heute leben tragen keine Schuld an dem, was von 1933-45 geschehen ist. Aber wer der Verantwortung, die daraus erwächst nicht gerecht wird, erzeugt neue Schuld. Diese Verantwortung lastet freilich auch auf den Medien. Es reicht eben nicht, wenn pflichtbewußt an Tagen, zu denen sich die Reichskristallnacht jährt berichtet wird. Ich würde viel lieber eine deutliche ausgewogenere Berichterstattung zum Thema Israel und und Palästinaflüchtlinge entdecken. Es ist nicht gerade ein Ruhmesblatt, wie unreflektiert und unausgewogen da berichtet wird!
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