Zeppelinexpeditionen Himmelfahrtskommando zum Nordpol

Zeppelinexpeditionen: Himmelfahrtskommando zum Nordpol Fotos
Getty Images

Stürze ins Eismeer und Notlandungen im Nirgendwo: Anfang des 20. Jahrhunderts versuchten Abenteurer und Forscher, den Nordpol per Luftschiff zu erobern. Doch fast alle Expeditionen endeten im Desaster. Eine Ausstellung widmet sich nun den kühnen Helden in kalter Luft - und deren tragischen Schicksalen. Von Frank Thadeusz

  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 3 Kommentare
  • Zur Startseite
    4.3 (30 Bewertungen)

Ein Hasenfuß war Salomon August Andrée nie. Kaum ein anderer Zeitgenosse vermochte einen Ballon mit vergleichbarer Könnerschaft zu lenken wie der Schwede. Doch vor seiner heikelsten Mission ergriff den Luftfahrtpionier Panik: "Ich ahne, dass diese fürchterliche Reise für mich das Tor zum Tod darstellt."

Am 11. Juli 1897 startete der Abenteurer gemeinsam mit zwei Begleitern von der Däneninsel vor Spitzbergen zu einer bis dahin beispiellosen Tour. Als erste Besatzung eines Luftschiffs wollten die Männer den Nordpol erreichen. Doch schon nach wenigen Minuten geriet die Expedition zum Himmelfahrtskommando.

Durch den Verlust von mehreren hundert Kilo Schleppseil manövrierunfähig geworden, irrlichterte das Gefährt durch die unwirtliche Witterung. Wegen eines Lecks in der Hülle verlor der Ballon zudem rapide Wasserstoff. Verschlimmert wurde die ohnehin vertrackte Lage noch durch gefrierenden Nebel und Regen, der auf die Ballonhülle drückte. Immer wieder schlug die Gondel mit Andrée und seinen Kumpanen hart auf das Packeis. Der erste Flug zum Nordpol drohte in einem Fiasko zu enden.

Nach einer mehrstündigen Irrfahrt entschieden sich Andrée und seine Begleiter, ihr Fluggerät zu verlassen und zu Fuß zum Ausgangspunkt zurückzukehren. 83 Tage lang marschierten sie durch die Eiswüste, schwer bepackt und völlig unzureichend gekleidet.

Am 5. Oktober erreichte der ausgelaugte Trupp die Weiße Insel - ihr Basislager lag jedoch 400 Kilometer weiter westlich. Überrascht vom jähen Wintereinbruch, starben die Kundschafter auf einem Flecken Erde, den vor ihnen noch kein Mensch betreten hatte. Erst 33 Jahre später wurden die drei Leichen nebst den letzten Aufzeichnungen Andrées gefunden.

Das Schicksal der Ballon-Crew bildet den Auftakt einer Ausstellung ("66 Grad 30' Nord - Luftschiffe über der Arktis"), die am kommenden Freitag im Zeppelin Museum in Friedrichshafen eröffnet wird. Nur etwas über 30 Jahre liegen zwischen Andrées lebensmüder Pioniertat und der erfolgreichen Erkundungsfahrt des deutschen Luftschiffs LZ 127 "Graf Zeppelin" zum Nordpol - zwischen diesen beiden Expeditionen entfaltet sich der wahnwitzige Wettlauf diverser Abenteurer und Forscher zu dem nur unter größtem Risiko zu erreichenden Ende der Welt.

Rechtzeitig zur aktuellen Schau hat sich Museumschefin Ursula Zeller auf eine bewährte Tugend besonnen. "Der Besucher will Spaß haben, deshalb müssen wir ihm Geschichten erzählen", verspricht die Direktorin. Der gewählte Ausstellungsstoff eignet sich dafür bestens, wie das Beispiel der schwedischen Abenteurer zeigt.

Weit besser schienen die Chancen für jenes zeppelinartige Luftschiff zu sein, das der US-Journalist Walter Wellmann hatte zimmern lassen. Nach mehreren gescheiterten Versuchen brach die "America" am 15. August 1909 von Spitzbergen aus auf. An Bord befanden sich eine vierköpfige Besatzung, Schlittenhunde und reichlich Speck, Schinken, Brot und Butter. Im Falle einer Notlandung wollte die Besatzung auf dem Eis campieren und mit Schlitten zum Ausgangspunkt zurückkehren.

Zunächst gondelte das Gefährt zur Freude seiner Piloten in 75 Meter Höhe sanft über das Eismeer hinweg. Eher zufällig bemerkte Expeditionsleiter Wellmann, dass bei ruhiger Fahrt plötzlich eine größere Gerätschaft ins Wasser plumpste - der "America" war unerwartet ein wichtiges Teil ihrer Steuerung abhandengekommen.

Mit fatalen Folgen: Der Kapitän eines in der Nähe gelegenen norwegischen Schiffs beobachtete, wie Wellmanns Flugobjekt erst steil nach oben in die Wolken brauste und dann unkontrolliert nach unten auf die Wasseroberfläche zusteuerte. Rasch kamen die Seeleute der kenternden Nordpolmission zu Hilfe. Während des Versuchs, das defekte Luftschiff abzuschleppen, wäre Wellmanns Crew - eingeschlossen in der Gondel - beinahe ertrunken.

Auch sonst blieb kaum ein Versuch, die Arktis über die Luft zu erreichen, von Rückschlägen der unangenehmsten Art verschont. Roald Amundsen etwa wollte sich dem Nordpol mit zwei Flugbooten der Dornier-Werft nähern. Im Mai 1925 kamen er und fünf Begleiter fast bis auf 200 Kilometer heran; doch dann mussten beide Maschinen wegen Motorschaden auf einer Eisscholle notlanden.

Mit Mühe gelang es den Gestrandeten, eines der beiden Flugzeuge wieder startklar zu bekommen. Um aber wieder abheben zu können, mussten die Männer in vierwöchiger Plackerei zunächst eine 600 Meter lange und 12 Meter breite Startbahn ins Packeis stampfen.

Amundsen blieb unbeeindruckt. Im Mai 1926 gelang es ihm an Bord des Luftschiffs "Norge" schließlich tatsächlich, den Nordpol als Erster zu erreichen. Die Ausbeute an wissenschaftlichen Erkenntnissen blieb gleichwohl dürftig. Unter ernsthaften Forschern war Amundsen nach dieser Fahrt umstrittener denn je - zumal sich der egozentrische Norweger noch mit dem begnadeten Konstrukteur seines Luftschiffs, dem Italiener Umberto Nobile, angelegt hatte.

Amundsen konnte einfach keinen anderen fähigen Kopf neben sich ertragen. Auch Nobiles Angewohnheit, auf sämtliche Reisen seinen Foxterrier "Titina" mitzunehmen, ärgerte Amundsen. Der sah selbst in Schlittenhunden nur potentiellen Proviant für Krisensituationen. Titina erreichte dennoch als besondere Reliquie der Fluggeschichte Starruhm: Nobile ließ sie nach ihrem Tod ausstopfen. Als Leihgabe ist Titina nun in Friedrichshafen zu besichtigen.

Amundsens und Nobiles Wege kreuzten sich 1928 auf fatale Weise ein weiteres Mal. Nobile war mit dem Luftschiff "Italia" erneut zum Nordpol aufgebrochen, diesmal ohne Amundsen. Auf dem Rückweg stürzte der Zeppelin ab. Sechs Besatzungsmitglieder verschwanden während der Bruchlandung auf mysteriöse Weise.

An der Rettungsaktion für die neun Überlebenden der Mannschaft beteiligten sich rund 1500 Helfer - darunter auch Amundsen, der die auf einer Eisscholle auf Hilfe wartenden Italiener mit einem Flugboot bergen wollte. Auf dem Weg von Norwegen nach Spitzbergen stürzte der Abenteurer jedoch samt seiner fünfköpfigen Besatzung in die Barentssee. Sein Leichnam wurde nie gefunden.

Seriöse Gelehrte wie der norwegische Zoologe Fridtjof Nansen oder der schwedische Geograf Sven Hedin lehnten die Abenteuerfahrten der Hasardeure ohnehin ab, da diese kaum wissenschaftliche Erkenntnisse einbrachten. Stattdessen organisierten sie eine gemeinsame Expedition der führenden Polarforscher.

Mit dem deutschen Luftschiff "Graf Zeppelin" gelang ihnen im Juli 1931 schließlich eine einwöchige Forschungsfahrt, die alles Vorangegangene in den Schatten stellte. Am Ende hatten die Experten an Bord den Nordpol und die umliegende Arktis so gründlich vermessen, dass erstmals ein komplettes Bild der Region entstanden war: Endlich kannte man die wahre Länge vieler Küsten; und wo vormals Inseln vermutet wurden, waren gar keine.

Eine weitere Errungenschaft der Expedition hingegen hatte gar nichts mit der Erforschung der Arktis zu tun. Ende der zwanziger Jahre waren die Vorbereitungen in Gefahr geraten - die Weltwirtschaftskrise ließ sämtliche Geldquellen versiegen.

Expeditionschef Hugo Eckener rettete die Unternehmung mit einem genialen Marketingeinfall: Er ließ Tausende Leichtpostbriefe fertigen, die mit einem Sonderstempel versehen wurden. Die Sammlerstücke zum Preis von vier Reichsmark fanden bei Philatelisten reißenden Absatz.


Wir Krisenkinder - Wie junge Deutsche ihre Zukunft sehen

Mehr zum Thema im aktuellen SPIEGEL:

Inhalt

Vorabmeldungen

Abo-Angebote

E-Paper

Heft kaufen


Artikel bewerten
4.3 (30 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Albrecht Giese 18.06.2009
Nobile kommt bei Ihnen sehr gut davon. Ich kenne die Geschichte aus norwegischer Darstellung anders. Danach war Nobile der eigensüchtige Selbstdarsteller. Folgender Bericht von der Rettung Nobiles nach dessen Bruchlandung: Nachdem die Retter das Wrack erreicht haben, hat sich zunächst Nobile selbst gerettet. Er hat dann dafür gesorgt, dass als nächstes sein Hund gerettet wurde. Erst dann durften die übrigen Mitglieder der Expedition auf das Rettungsschiff.
2.
Frank Jellinek 18.06.2009
Handelt es sich bei Bild 7 (abgestuerztes Flugzeug) nicht um ein Flugzeug der schwedischen Luftwaffe? Ich beziehe mich hier auf das Insignia mit den drei Kronen. Zur Referenz: http://en.wikipedia.org/wiki/Swedish_Air_Force
3.
Markus Nobile 15.07.2009
Gottlob sind die norwegischen Beiträge nicht ganz richtig. Laut Zeitzeugen und Beteiligten war die Rettung Nobiles zum Besten der Beteiligten, sprich, für die Koordination späterer Rettungsaktivitäten gedacht. Das "Rettungsschiff" welches Sie beschreiben war ein Eisbrecher welcher nichts mit der Eigentlichen Rettungsaktion Nobiles zu tun hatte. Von welchem Wrack ist da ausserdem die Rede? Es gab nur ein Zelt und eine beim zweiten Anflug verunglückte Fokker. Bitte Rektifizieren >Nobile kommt bei Ihnen sehr gut davon. Ich kenne die Geschichte aus norwegischer Darstellung anders. Danach war Nobile der eigensüchtige Selbstdarsteller. >Folgender Bericht von der Rettung Nobiles nach dessen Bruchlandung: Nachdem die Retter das Wrack erreicht haben, hat sich zunächst Nobile selbst gerettet. Er hat dann dafür gesorgt, dass als nächstes sein Hund gerettet wurde. Erst dann durften die übrigen Mitglieder der Expedition auf das Rettungsschiff.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen