Zeuge einer Flucht Nervöse Bahnreisende

Zeuge einer Flucht: Nervöse Bahnreisende Fotos
AP

Er geriet mitten in ein Jahrhundertereignis - zufällig: Als Andreas Haiduk im Oktober 1989 von einer Tour durch Ungarn mit dem Zug zurück in die Bundesrepublik fuhr, waren seine Mitreisenden seltsam nervös. Es dauert eine Weile, bis ihm klar wurde, wer da mit ihm im Abteil saß. Von

  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren
  • Zur Startseite
    2.8 (6 Bewertungen)

Als ich im Oktober 1989 nach Ungarn fuhr, um nach Spuren meiner Vorfahren zu suchen, wackelte der Eiserne Vorhang schon gewaltig. Der ungarische Außenminister Gyula Horn hatte im Juni mit seinem österreichischen Amtskollegen Alois Mock den Stacheldraht des österreich-ungarischen Grenzzauns durchtrennt. Symbolträchtig leiteten sie damit den Rückbau der ungarischen elektronischen Grenzüberwachungsanlagen ein. Beim Paneuropäischen Picknick nahe Sopron zwei Monate später konnten bei der temporären Grenzöffnung mehrere Hundert DDR-Bürger in den Westen fliehen.

Von Hegyeshalom aus, wo ich mein 30-Tage-Visum erhalten hatte, fuhr ich in den Osten des Landes, nach Hajdukspor, wo angeblich der Ursprung meines Nachnamens liegen sollte. Unglücklicherweise schaffte ich es nicht soweit, da mein altersschwaches Motorrad irgendwo in Ungarn liegengeblieben war. Nicht einmal die ungarischen Mechaniker konnten mir helfen.

Glücklicherweise hatte ich vor der Reise einen ADAC-Schutzbrief erworben, so dass ich die Rückreise samt Motorrad per Zug unternehmen konnte. Das war am 19. Oktober 1989, nach nur fünf Tagen in Ungarn. Nichts von der historischen Bedeutung meiner Zugreise ahnend, setzte ich mich in eines der vielen Abteile, in denen sich ausschließlich deutschsprachige Fahrgäste zu befinden schienen.

Die Situation war angespannt. Ich wurde gefragt, ob wir schon in Österreich seien, und wann wir nach Deutschland kämen. Erst jetzt wurde mir klar, dass ich Zeuge eines großen historischen Ereignisses deutscher Geschichte wurde: DDR-Bürger wagten die Ausreise via Ungarn und Österreich in die BRD. Dieser Fluchtkorridor hatte sich in den letzten Monaten geöffnet. Formal handelte es sich aber noch immer um Republikflucht, und so war die Nervosität groß.

Als wir am Grenzübergang Passau endlich die Grenze nach Deutschland passierten, war der Jubel groß. Menschen lagen sich weinend in den Armen. Getränke wurden umhergereicht, und man stieß auf die gelungene Reise an. Nach Jahren der Unmöglichkeit, die DDR gen Westen zu verlassen, muss den DDR-Bürgern diese vergleichsweise komfortable Flucht per Zug geradezu fantastisch erschienen sein. Sie waren nicht im Geringsten behelligt worden.

Ein Bild ist mir besonders gut in Erinnerung geblieben: Mehrere Reisende zerrissen ein offiziell aussehendes Dokument und warfen es aus dem Fenster. Ich vermutete damals, dass es sich um SED-Parteibücher handelte, aber vielleicht war es auch andere Dokumente.

In Passau verließen die meisten Reisenden den Zug, um sich dort als Flüchtlinge registrieren zu lassen. Andere setzten ihre Reise fort, um sich in anderen Städten von westdeutschen Verwandten in Empfang nehmen zu lassen.

Nach dem denkwürdigen Erlebnis bin ich nicht noch einmal nach Ungarn zurückgekehrt. Die Spuren meiner Vorfahren konnte ich nur bis ins polnische Katowice zurückverfolgen. Danach verlieren sie sich.

Artikel bewerten
2.8 (6 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen