Zionismus in Nazi-Deutschland Tanzen statt Strammstehen

Als HJ-Pimpfe schon in Reih und Glied marschierten, pflegten Jacob Rosenthal und seine Freunde noch zwangloses Jugendleben in Nazi-Deutschland. Die Nürnberger Gruppe der "Habonim" blieb eine Insel freier Meinungsäußerung - nur die gleichgeschalteten Köpfe der nichtjüdischen Jugend durften davon nichts erfahren.

Jacob Rosenthal

Aus dem Fotoalbum klingt - mit etwas Fantasie - das über sieben Jahrzehnte konservierte Lachen und Schäkern von Teenagern. Auf den Bildern tanzen sie oder treiben Sport, schälen Kartoffeln und verspeisen gemeinsam die Resultate ihrer Kochkünste. Die Aufnahmen stammen aus dem Nazi-Deutschland der späten dreißiger Jahre - doch es fehlen die sonst üblichen Motive dieser Epoche: Hakenkreuzfahnen, Uniformen, Antreten in Reih und Glied und Gretelfrisuren.

Kein Wunder: Es ist eine Gruppe zionistischer Kinder und Jugendlicher, die hier ein scheinbar unbeschwertes Pfadfinderleben führen - in einer Zeit, in der der Antismeitismus offizielle deutsche Politik ist und die Mehrheit ihrer "arischen" Altersgenossen zu unbedingtem Gehorsam abgericht werden.

"Habonim", Hebräisch für "die Bauleute", nannte sich die Organisation, der die NS-Behörden ironischerweise das Tragen von Uniformen verboten hatte. Die Mitglieder und ihr Zusammenhalt litten nicht darunter. Ihr erklärtes Ziel war eine pluralistische Gesellschaft, in der die Menschen ohne Rücksicht auf Herkunft oder Geschlecht gleichberechtigt sein sollte. "Habonim" bereitete die Jugendlichen auf ihre Auswanderung nach "Erez Israel" vor, der künftigen Heimstatt aller Juden im britischen Mandatsgebiet Palästina. Aus dem geistigen und sozialen Ghetto, in das die NS-Machthaber die deutsch-jüdische Jugend abdrängten, wurde einer der letzten Horte von Aufklärung und Humanität in einem Staat, der im Takt der Trommeln blonder HJ-Pimpfe unaufhaltsam aus der Zivilisation in seinen Untergang marschierte.

Die "Judenzählung"

Dass es in dem von mehr oder weniger offenem Antisemitismus zerfressenen Deutschland für Juden keine Zukunft gab, war einer hellsichtigen Minderheit bereits lange vor der "Machtergreifung" klar geworden. Als einzige der kriegführenden Nationen ließ das Deutsche Reich 1916 seine jüdischen Soldaten zählen - Angeblich, um dem Vorwurf zu begegnen, sie drückten sich vor dem Dienst an der Front. Die Ergebnisse wurden nie Veröffentlicht, doch in der Weimarer Republik diente die "Judenzählung" und ihre angeblichen Ergebnisse als propagandistische Munition für die Judenhasser. Eine von jüdischer Seite geführte Statistik ergab, dass im Ersten Weltkrieg rund 12.000 deutsche Juden gefallen waren - ein Anteil, der dem anderer sozialer Gruppen entsprach. Von offizieller Seite wurde diese Zahl allerdings erst 1961 durch den damaligen Bundesverteidigungsminister Franz Josef Strauß anerkannt.

Im Leben des 1922 in Nürnberg geborenen Jacob Rosenthal hinterließen diese Ereignisse deutliche Spuren. Sein Vater, ein ehemaliger Frontoffizier, starb 1924 an den Spätfolgen des Krieges. Der Veteranenverein nahm die kritische Grabrede des Rabbiners zum Anlass, jüdische Kameraden fortan auszugrenzen. In der Familie setzte sich die bittere Erkenntnis durch, dass es in diesem Land trotz Emanzipation keine Integration geben würde. Juden bräuchten eine Heimat - dafür wollte sich Jacob bei der bis zu 150 Mitglieder zählenden Nürnberger Ortsgruppe der "Habonim" engagieren. Bald war er Leiter einer Jugendgruppe und emigirierte 1939, im Jahr der Auflösung des Vereins, nach Palästina.

Sechzig Jahre später und nach einer Karriere als Ingenieursoffizier bei der israelischen Handelsmarine nahm Jacob Rosenthal den Faden seiner mit der deutschen Geschichte verwobenen Biografie wieder auf. Im Seniorenstudium an der Hebrew University in Jerusalem verfasst er eine Dissertation. Das Thema: Die "Judenzählung". Die von ihm selbst übersetzte, 2007 erschienene deutsche Fassung ist bezeichnenderweise die erste deutschsprachige Monografie, das dieses Thema auch wissenschaftlich aufarbeitet.

Auftritt der "Palestine Veitsdancergirls"

Die Erinnerungen an das Gemeinschaftsleben seiner Generation in Deutschland sind rar und wie ihre Träger über die ganze Welt verstreut. Jacob Rosenthal hat eine Broschüre aufbewahrt, die im Sommerlager des Nürnberger "Habonim" 1937 auf einem Gutshof in der Nähe von Augsburg entstand. Teilnehmerinnen und Teilnehmern schreiben darin von ihren Idealen und Hoffnungen.

Satirisch nimmt Rosenthal darin die "ultramaximalhyperbräisch gehaltene Politik" des Leiters der Ortsgruppe aufs Korn, den er in seinem Beitrag als "Seine Majestät ... mit Lieblingsfrauen, Leibaffen und Hofnarren" in das Lager einziehen lässt. Bei einer zum Abschluss des Landaufenthaltes veranstalteten Zirkusvorstellung traten die "Palestine Veitsdancergirls" auf. Es klang nicht nach "Unsere Fahne flattert uns voran", mehr schon nach gesunder Selbstironie. Eine vergleichbare Publikation einer NS-Jugendorganisation wäre undenkbar gewesen.

Andereseits wird die große Ernsthaftigkeit deutlich, mit welcher sich die Jugendlichen in einer zunehmend feindseligen Umwelt mit ihrer Zukunft auseinandersetzten. Die damals 15-jährige Bella notierte nach Ende des Sommerlagers: "Wir konnten, wenn wir den Willen hatten, sehr viel von diesem Lager mitnehmen. Ich habe folgendes erkannt, nach dem ich jetzt leben werde:

1) Ich habe gemerkt, dass unser Leben auf ein Ziel gerichtet ist, ein hohes, weithin leuchtendes Ziel: Menschlichkeit und Gerechtigkeit.

2) Dass wir in unserem künftigen Leben keine Egoisten sein dürfen, aber dass wir trotzdem frei sein können und frei entscheiden können.

3) Dass wir uns in einer Gemeinschaft unsere Stellung erst durch unsere Haltung erringen müssen."

Kein Wunder, dass die Gestapo eine Verbreitung solch defätistischer Gedanken außerhalb der "Habonim" nicht wünschte, wo sie in den gleichgeschalteten Köpfen der nichtjüdischen Jugend Schaden anrichten konnten. Die Verantwortlichen des Heftes mussten daher versichern, dass sie dieses nur Mitgliedern zugänglich machen würden. Das Mädchen, das 1937 noch von einer Zukunft in Freiheit und Gerechtigkeit geträumt hatte, wurde vier Jahre später von den Nazis ins KZ deportiert. Im Gegensatz zu ihren Eltern und mehreren anderen Mitgliedern der Nürnberger "Habonim"-Gruppe überlebte sie die Shoa.

Zum Weiterlesen:

Jugenderinnerungen Jacob Rosenthal auf www.testimon.de (PDF).

Jacob Rosenthal: "Die Ehre des jüdischen Soldaten". Die Judenzählung im Ersten Weltkrieg und ihre Folgen. Campus, Frankfurt / New York, 2007.



zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.