Schreibzirkel in der DDR "Greif zur Feder, Kumpel!"

Schreibzirkel in der DDR: "Greif zur Feder, Kumpel!" Fotos
Das Bundesarchiv/Helmut Schaar

Aus der Fabrik an die Schreibmaschine: Weil der SED viele Autoren des Landes verdächtig waren, sollte in "Zirkeln schreibender Arbeiter" das Volk fabulieren. Unter Anleitung bekannter Schriftsteller entstanden ideologisch geprägte Aufsätze, ganze Romane - und erotische Gedichte. Von

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Staubig und kalt ist es im Archiv, obwohl die Heizung läuft und die Sonne strahlt. Kein gemütlicher Ort, man möchte hier nicht viel Zeit verbringen. Doch die Manuskripte, die hier lagern, werden innig geliebt. Etwa von dem Rentner Jürgen Kögel. Fast 20 Jahre lang war Kögel in der DDR Mitglied des Zirkels schreibender Arbeiter am Berliner Haus der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft. Eine Art sozialistische Textwerkstatt für ambitionierte Hobbyschriftsteller, die es in vielen Betrieben und Kulturhäusern der DDR gab.

In den Zirkeln entstanden Gedichte wie dieses, verfasst von einem Mitarbeiter des Volkseigenen Betriebes (VEB) Berlin-Chemie:

"UNSERE Waffen nur verhindern KRIEG

wollen immer Unterdrücker hassen ewig

FRIEDEN lieben zutiefst alle Völker."

Manche fabulierten auch Unpolitisches, wie diese lyrischen Zeilen von einem Angestellten des VEB Gummiwerke Berlin:

"Ein Jahr lang hoffen und rackern

für diese Zeit: Urlaub.

Abschalten. Ausspannen.

Etwas ganz Anderes tun."

Der Verein SchreibArt hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Texte aus den letzten knapp 30 Jahren der DDR zusammenzutragen. Im "Archiv Schreibender ArbeiterInnen" in einem Dachgeschoss in Berlin lagert heute die versammelte proletarische Dichtkunst des Arbeiter- und Bauernstaates.

"Greif zur Feder, Kumpel!"

Rückblick: Am 28. April 1959 erscheint im SED-Zentralorgan "Neues Deutschland" eine bemerkenswerte Rede von Erwin Strittmatter. Der 1. Sekretär des Deutschen Schriftstellerverbandes wirft seinen Kollegen "Blasiertheit" vor. Fernab der sozialistischen Produktion würden sie lieber über historische Themen und Ereignisse in Westdeutschland schreiben. Wenn sich doch einmal ein Autor in einen volkseigenen Betrieb verirre, benehme er sich wie ein Naturforscher im Zoo. "Ein literarisch liebloses Herangehen an die Arbeit unserer Werktätigen", kritisiert Strittmatter, "sie fühlen sich unverstanden und sagen: So sind wir nicht."

Die Rede, die einer herben Kollegenschelte gleichkam, hatte Strittmatter kurz zuvor auf einer Konferenz in Bitterfeld gehalten. Kulturfunktionäre des Chemiekombinats und Autoren des Mitteldeutschen Verlages hatten sich dort getroffen, um auf Wunsch der SED-Führung eine neue Kulturstrategie auszurufen: den "Bitterfelder Weg".

Worin dieser Weg bestand, erklärte der Autor Werner Bräunig in einem Wortbeitrag, den das "Neue Deutschland" abdruckte: "Die Brigaden der sozialistischen Arbeit sind ein Geschenk für den Schriftsteller, dort kann er am leichtesten die Bewusstseinsbildung beobachten. Und umgekehrt: Dort entsteht am ehesten der schreibende Arbeiter."

Konkret hieß das: Die Schriftsteller sollten sich mehr mit dem Alltag der Werktätigen beschäftigen – oder mit dem, was die SED-Führung dafür hielt. Arbeiter sollten auch selbst Texte verfassen. Profi-Autoren sollten sie dabei in Zirkeln überall in der DDR anleiten. SED-Chef Walter Ulbricht benannte den Grund dafür: "So viele bedeutende Künstler, wie wir jetzt brauchen, haben wir ja gar nicht."

Auf der Konferenz hatte er deshalb die Losung ausgerufen: "Greif zur Feder, Kumpel! Die sozialistische Nationalkultur braucht dich!"

Brav brachen Schriftsteller wie Erik Neutsch und Christa Wolf danach auf, um das Leben der Werktätigen kennenzulernen.

"Schlechte Prosa, in kurze Zeilen zerhackt"

Die Texte, die danach in den sechziger und siebziger Jahren entstanden, waren stark ideologiegeprägt. Eine Mitarbeiterin des VEB Berlin-Chemie notierte anlässlich der Weltfestspiele der Jugend und Studenten 1973: "Ich denke an Morgen, an das neugeborene Kind, und schlafe mit dem Gedanken ein, dass es glücklich in eine geborgene Zukunft hineinwächst." Später hingegen - angesichts der sich zuspitzenden Widersprüchen des Sozialismus - flüchten die Autoren sich gern ins Private, wie dieser Angestellte desselben Betriebs:

"Suche

die Wärme deiner Hände

auf meinem Körper."

Die Schriftstellerin Brigitte Reimann arbeitete zu Beginn der sechziger Jahre mit einer Brigade des Gaskombinats "Schwarze Pumpe" in Hoyerswerda zusammen, deren Alltag sie studierte. In ihrem Tagebuch schilderte sie, wie sie einen Zirkel schreibender Arbeiter mit aufbaute: "Von 20 Eingeladenen waren vier erschienen; keine Potenzen, nehme ich an", klagte sie am 14. Februar 1960. Das Kombinat fange an, sie für 160 Mark im Monat "geistig auszuquetschen": "Wir lesen Manuskripte, empfangen schreibende Arbeiter, stundenlange Diskussionen ..."

Ein Jahr später erschien ein "Zirkelbändchen", wie Reimann es nannte. Es enthielt Texte der Teilnehmer. Brigitte Reimann schien froh über die Veröffentlichung an sich, monierte aber am 22. Februar 1961: "Mit der Lyrik bin ich … höchst unzufrieden …: schlechte Prosa, in kurze Zeilen zerhackt, Rhythmikerei ohne Rhythmus, – und das alles gibt sich anspruchsvoll."

Orden und Belobigungen

Wer darüber entschied, was von der Dichtkunst des Volkes etwa in einer Betriebszeitung oder einer Anthologie veröffentlicht wurde, ist nicht überliefert. Anzunehmen ist jedoch, dass die allgegenwärtige Parteiführung dabei mindestens ein Wort mitredete. Autoren, die sich in diesem Sinne bewährten, konnten zum Studium "delegiert" werden, meist in die Fächer Journalistik oder Germanistik.

Orden und Belobigungen gab es für Schreibende Arbeiter hingegen massenhaft. Verteilt wurden sie zum 1. Mai oder zum 7. Oktober, dem Nationalfeiertag der DDR. Gern ließen sich Parteifunktionäre mit den Schreibern fotografieren oder deren Werke öffentlich lesen. Buchverlage boten einzelnen Autoren Verträge an.

Große Schriftsteller gingen aus den Zirkeln zwar nicht hervor, wohl aber Autoren, deren Werke sich verkauften. Laut Jürgen Kögel waren das etwa der Kriminalschriftsteller Jan Eik und der Romancier Reinhard Kettner. Auch Kögel selbst bekam einen Vertrag. Der Leiter seines Zirkels, der Schriftsteller Walter Radetz, vermittelte den Kontakt zum Mitteldeutschen Verlag. Dort erschien ein Band mit Kurzgeschichten.

Offene Gespräche und Theorie

An die Zusammentreffen seines Zirkels alle 14 Tage erinnert sich Kögel noch heute positiv. Stets sei dabei offen geredet worden. Die Teilnehmer hätten an Tischen gesessen, manche vor ihren ausgebreiteten Manuskripten. Dass sie in ihrer Freizeit schrieben, sei Bedingung gewesen.

Zirkelleiter Walter Radetz hätte ihnen jedoch nicht vorgeschrieben, wie oft und wann sie einen eigenen Text zur Diskussion stellten. Zu Beginn eines jeden Treffens hätte er einfach in die Runde gefragt, wer aus seinem Manuskript vorlesen wolle. Dann habe er das Gespräch moderiert und manchmal auch die Theorie erklärt: Wie baue ich einen Spannungsbogen auf? Was ist eine Novelle?

Gern spricht Jürgen Kögel bis heute über eine Kurzgeschichte, die er 1973 verfasste. Darin gehe es um einen Mann, den seine Arbeit und das Leben in der DDR anöden. Eines Tages rastet er aus, schießt mit einem Gewehr um sich. Die Wand seines Büros stürzt ein, und der Mann sitzt im Freien. Kögel will das als Anspielung auf die Berliner Mauer verstanden wissen. Veröffentlicht wurde die Geschichte nicht.

Bibliothekarinnen an die Stifte

Der "Bitterfelder Weg" produzierte also nicht nur Ideologiekitsch. Einige Bücher beschäftigten sich mit den Alltagsproblemen der DDR. Doch in den Zirkeln waren keine schreibenden Widerstandskämpfer am Werk.

Und eigentlich auch nicht allzu viele Arbeiter, wie das Archiv belegt. Laut einer undatierten Mitgliederliste gehörten dem Zirkel im VEB Berlin-Chemie zwölf Personen an, drei davon Arbeiter. Beim VEB Schiffselektronik Rostock waren 1988 von zehn Autoren zwei Proletarier. Ansonsten schwangen landauf, landab Bibliothekarinnen, Lehrer, Ingenieure, Krankenschwestern und Parteifunktionäre den Stift. Jürgen Kögel war Berufsmusiker.

1989 gab es nach Kögels Schätzung rund 300 Schreiber-Zirkel im ganzen Land. Nach der Wende interessierte sich für die Manuskripte und ihre Autoren allerdings fast niemand mehr, ausgenommen zwei Frauen.

Eine Lektorin und eine Archivarin machten sich 1992 daran, die Texte zu sammeln. Das ABM-Projekt einer Beschäftigungsgesellschaft finanzierte ihnen die Jagd nach den Relikten. Die Frauen setzten Annoncen in Zeitungen, schrieben an Betriebe, besuchten Autoren. Mit schwer bepackten Rucksäcken durchquerten sie halb Ostdeutschland, beseelt von dem Gedanken, dass die Manuskripte ohne ihr Wirken verloren wären. Als das ABM-Projekt 1997 zu Ende ging, gründeten sie den Verein SchreibArt, der die Trägerschaft des Archivs übernahm.

Immer wieder trudeln laut Kögel seither Anfragen anderer Archive beim Verein ein, die das "Archiv Schreibender ArbeiterInnen" übernehmen wollen. Doch Kögel und seine Mitstreiter mögen sich nicht davon trennen. Sie fürchten, ihr Kulturgut könnte in einem anderen Archiv untergehen. Beharrlich erbetteln sie Gelder, um den Fortbestand zu sichern. "Wir sind gerade dabei, zwischen die Manuskripte Trennblätter aus säurefreiem Papier einzulegen", sagt Jürgen Kögel stolz.

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    Seite 1    
1.
Ralf Bülow, 29.03.2013
Zu Brigitte Reimann muss ergänzt werden, dass sie in ihrem Zirkel den jungen Volker Braun entdeckte, siehe zum Beispiel http://www.mz-web.de/kultur---medien/literatur-begegnungen-mit-brigitte-reimann,20642198,18374088.html
2.
Siegfried Wittenburg, 31.03.2013
Ich schließe mich Ralf Bülow an. Auch wenn diese Art der kulturellen Einrichtungen viel Belangloses und viele Stilblüten hervorbrachte (Wo ist es nicht so?), war es doch für die Menschen eine Möglichkeit, sich mit der Realität künstlerisch auseinanderzusetzen. Betriebliche Kulturhäuser in der DDR funktionierten ähnlich wie Bürgerhäuser in der BRD, natürlich mit ideologischen Vorgaben. Inwieweit sich die "Arbeiterklasse" systemkonform verhielt, war eine andere Frage. Ich habe ebenfalls auf dem Gebiet der Fotografie einen "Volkskunstzirkel" geleitet. Daraus sind Talente hervorgegangen, die es ohne diese Einrichtung, in Neubauwohnungen lebend, ungleich schwerer gehabt hätten. Nach der Maueröffnung stellten wir sogar fest, das die Ergebnisse der westlichen Bürgerhäuser nicht besser waren. Nur bunter.
3.
Uwe Wegener, 31.03.2013
Reimanns Franziska ist für mich der DDR Roman schlechthin, ich wundere mich bis heute, dass der Roman in der DDR überhaupt gedruckt werden durfte. Die Verfilmung " Unser kurzes Leben " in der Titelrolle Simone Frost" ist bis heute leider nicht zu bekommen. Wie so manch anderes Kleinod der DEFA Filmkunst z.B. die Sabine Wulff oder Lachtauben weinen nicht, auch.
4.
Heinz Schramm, 31.03.2013
Vieles, was in der DDR von oben aus politischen Gründen angestoßen wurde, hat nachher ein völlig ungeplantes Eigenleben entwickelt. Ich denke da an die Förderung der Sportvereine bis ins letzte Dorf, die den Nachwuchs sicherte. Die großen Sporterfolge über Jahrzehnte waren nämlich nicht nur Dopingergebnisse. Die Landwirtschaft hat den Übergang in die freie Marktwirtschaft besser überstanden als alle VEB zusammen. Auch das hätte zur Zeit der Kollektivierung in den Sechzigern niemand gedacht. Aus den Reihen der schreibenden Arbeiter ist so manches Talent hervor gegangen. Arbeiter sind eben nun mal nicht nur sture Knöpfchendrücker und Schaufelschwinger. Eine nachträgliche Herabwürdigung derselben ist unappetitlich dünkelhaft, aber offensichtlich zeitgemäß. Auch heute erreichen viele "Künstler" nicht den großen Erfolg, andere aber mit einer einzigen Arbeit. Das war schon eh und je so. Deshalb sollte diese Thema unvoreingenommen erforscht werden, und vor allem ohne den Besserwessitouch.
5.
Hans-Gerd Wendt, 31.03.2013
Es ist wohl leicht, die Bemühungen engagierter DDR-Bürger zu Zeiten der SED-Regierungen abzutun als ideologische Kanalisation interessierter Hilfsschriftsteller. Aber gab es Ähnliches im Westen? Die Arbeiterbewegung - und als Teil solcher muss man auch die Privat-Literaten der DDR sehen - litt doch immer darunter, dass viel zu wenig aufgeschrieben und für die nächste Generation bewahrt wurde, das eben nicht das große Geschehen in Politik und Auseinandersetzung bewahrfte, sondern die örtlichen, kleinen und privaten Vorgänge im Leben der Menschen. Literarisches Schaffen schlichter Proleten wurde doch geradezu unterdrückt mit vielfältigen Mitteln. Gerade auch deshalb wissen wir so wenig über die Zeiten vor und während des zweiten WK, über die Ängste und Nöte der einfachen Arbeiter dieser Zeiten und selbst aus den Betrieben Westdeutschlands kam nur wenig an niedergeschriebenen Darstellungen des Alltags. Ich - als Wessi -kann mir schon vorstellen, dass irgendwann die Sammlung dieser Arbeiterschriftsteller einen hohen Stellenwert in der Dokumentation des Lebens in der DDR einnehmen wird.
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