Zirkus Millionär aus der Manege

Zirkus: Millionär aus der Manege Fotos

Von wegen romantisch: Der Zirkus war zu seiner Glanzzeit ein knallhartes Geschäft, mit dem man steinreich werden konnte - wie John Ringling, der als Clown begann und als Konzernlenker starb. Um Zuschauer kämpften die Veranstalter mit immer grelleren Plakaten.Von Christoph Gunkel

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Jedes Kind hat es mal gemacht: Aus alten Stofflaken ein Zelt gebaut, sich verkleidet, Eltern und Freunde eingeladen. Dann ein nervöser Auftritt mit schlichten Sketchen, ungelenken Akrobatikeinlagen, schief tönenden Liedchen. Schließlich: Wohlwollender Applaus der Eltern, übertriebenes Lob, vielleicht Süßigkeiten als Lohn für die Mühe - und zurück ging es in die Behaglichkeit eines geregelten Familiendaseins.

An genau diesem Punkt trennt sich die Biografie von John Ringling aus McGregor im US-Bundesstaat Iowa von der Tausender anderer Kinder. Einen Cent Eintritt nahmen er und seine vier Brüder im Jahr 1870 von einer Handvoll Freunde und Bekannte, als sie, um der Langweile in ihrer amerikanischen Heimatstadt am Mississippi zu entkommen, ihre erste Zirkusshow veranstalteten. Der vierjährige John warf sich in ein Clownskostüm, seine älteren Brüder ritten auf einem Pony oder präsentierten stolz eine Ziege, die sie sich eigens für den Auftritt geliehen hatten. Doch die kindliche Show wurde zum Ausgangspunkt einer beispiellosen Karriere.

Nicht einmal vier Jahrzehnte später war der Name Ringling das Synonym für spektakuläre Zirkusunterhaltung. Der einstige Kinderclown John war zu einem mächtigen Mann in der Unterhaltungsindustrie geworden, der die besten Artisten der Welt in seine Shows holte. Aus der Ein-Cent-Show der kleinen Ringling-Bande war ein Millionen-Unternehmen herangewachsen, das im New Yorker Madison Square Garden die "Größte Show der Welt" präsentierte. John Ringlings Erfolgsgeschichte wurde die Verwirklichung des amerikanischen Traums.

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Lukratives Geschäft mit Feuerspuckern

Heute präsentieren YouTube oder das Fernsehen in immer kürzeren Frequenzen das Sensationelle, Unvorstellbare und Abnorme - früher gab es solche Sachen nur an einem Ort: im Zirkus, dem "Theater des Volkes". Während heute viele Zirkusunternehmen um ihr Überleben kämpfen, in unattraktive Kleinstädte abgedrängt werden oder sogar, wie in Frankreich, mit staatlichen Subventionen am Leben gehalten werden, konkurrierten vor hundert Jahren etliche Zirkus-Großkonzerne ohne Zuschüsse um ein äußerst lukratives Geschäft. Es war eine Zeit, in der man mit Trapezkünstlern, Feuerspuckern und Bärenbändigern reich werden konnte - steinreich sogar. So wie John Ringling.

John Ringling und seine Brüder - deren deutschstämmiger Vater den Familiennamen Rüngeling anglisiert hatte - machten sich Ende der 1880er Jahre auch in Großstädten wie Chicago einen Namen. Ihre Zelte waren da schon lange nicht mehr aus ausgedienten Armeedecken zusammengeflickt, sondern boten inzwischen 4000 Zuschauern Platz - und auch der Eintrittspreis war auf 50 Cent gestiegen. Aus unbeholfenen Amateuren waren in wenigen Jahren findige Unternehmer geworden. Ihr Geschäftsmodell passte perfekt in eine Zeit, als die Industrialisierung den Menschen Arbeit und bescheidenen Wohlstand sicherte, ihnen aber noch kaum professionelles Entertainment bot.

Überall stießen Zirkusunternehmen nun in diese Lücke und begründeten die goldene Ära des Zirkus, die bis Ende der zwanziger Jahre dauern sollte. Im deutschen Kaiserreich entstand 1905 "Circus Charles", aus dem einmal Europas größter "Circus Krone" werden sollte. In der Zirkusstadt Hamburg konkurrierten mit den Familien Hagenbeck, Renz und Busch gleich drei bekannte Familienbetriebe miteinander. Überall in Frankreich, Deutschland, Russland und natürlich in Amerika kündigten bunte Plakate Sensationen und Superlative an: Furcht erregende Tiger zeigten darauf fauchend ihre Krallen, knapp bekleidete Akrobatinnen schwebten graziös durch die Lüfte, oder exotische Kängurus hüpften durch Manegen.

Eine Kleinstadt unterwegs per Zug

Das Konzept ging auf: Neugier, Sensationslust und ein Hauch von Gefahr und Abenteuer lockte die Massen an. Die größten Zirkusse gingen gar auf Welttournee. Im Jahr 1900 etwa verzauberte der US-Zirkus Barnum & Bailey die Hamburger mit einem gigantischen Massenspektakel: Vier Wochen standen in der Elbmetropole zwölf riesige Zeltpavillons, von denen allein der größte 12.000 Zuschauer fasste. Frenetisch feierten die Besucher Zirkus-Weltstar Flavio Togni und seine indischen Elefanten.

Doch die Konkurrenz schlief nicht, und die meisten Zirkus-Superlative waren nicht von Dauer. 1907 wurde Barnum & Bailey nach einem Jahr zäher Verhandlungen vom Konkurrenzunternehmen Ringling geschluckt - der wichtigste Coup der Ringling-Brüder, die damit zum bedeutendsten Zirkusunternehmen der Welt wurden. Für Akrobaten und Clowns, Tiger und Löwen des neuen Riesenzirkus' (der noch bis 1919 getrennt auftrat) wurde ein Zug mit bis zu hundert Eisenbahnwaggons benötigt. Für jeden Auftritt ging fast schon eine Kleinstadt von an die 1200 Angestellten auf Reisen, jährlich legten sie dabei bis zu 40.000 Kilometer zurück.

Nicht nur der gigantische Logistikaufwand brach etliche Rekorde, sondern auch die Auftritte selbst. 1920 schrieb der Deutsche Hugo Schmitt Zirkusgeschichte, als er während einer Show mit sage und schreibe 55 Elefanten auftrat und es mit dieser Darbietung ins "Guinness Buch der Rekorde" schaffte. Zu Weltruhm brachte es in den zwanziger Jahren auch die Tigerdompteuse Mabel Stark, die sich mit ihrem 250 Kilogramm schweren Lieblingstiger Rajah sogar das Bett geteilt haben soll. Ihre Aufführungen waren so spektakulär, dass manch ein Zuschauer vor Schreck in Ohnmacht fiel - etwa, wenn Stark sich scheinbar leichtsinnig zum Publikum drehte und hinter ihrem Rücken ein Tiger zum Sprung ansetzte und ihr in den Rücken fiel.

"Husch, husch zu Busch"

Die ganze Welt befand sich um die Jahrhundertwende für mehrere Jahrzehnte im Zirkusfieber. "Husch, husch zu Busch" wurde zum geflügelten Wort. Das Maß aller Dinge blieb aber John Ringlings Unternehmen. Als 1929 die Weltwirtschaftskrise auch die Zirkusbranche erschütterte, hatte er noch genügend Kleingeld, um seinem Imperium gleich sechs bankrotte Großzirkusse einzuverleiben. Dabei hatte er eigentlich schon längst aufgehört, sich allein auf dieses Geschäft zu verlassen. Längst investierte er in Eisenbahnlinien, gründete eine eigene Bank und beteiligte sich bei etlichen Firmen. Unermüdlich bastelte er auch an einem Projekt, das ihn berühmter machen sollte, als es jede noch so raffinierte Artistennummer konnte: Seine im toskanischen Stil in Sarasota in Florida errichtete Riesenvilla füllte er mit den wertvollsten Kunstwerken der alten Welt, darunter Gemälde von Peter Paul Rubens, Anthonis van Dyck oder Nicolas Poussin.

Vielleicht ahnte Ringling, dass Kunst weniger vergänglicher sein würde als die Industrie, die ihn reich gemachte hatte. Nach seinem Tod 1936 wurde sein Anwesen in ein Museum umgewandelt, das bis heute Tausende von Besuchern anzieht. Die Zirkusbranche hingegen geriet bald in eine Existenzkrise. Ringlings Nachfolger an der Unternehmensspitze nannte 1956 den "Zeltzirkus, wie es ihn heute gibt, eine Sache der Vergangenheit", das US-Magazin "Life" besang das Ende "einer magischen Ära". Irgendwie dümpelt die Zirkusbranche bis heute vor sich hin. Von dem einstigen Glanz, dem Einfluss und dem Reichtum ist nicht viel geblieben. Bei dem Wort Zirkus bekommt kaum ein Kind rote Wangen und kein Erwachsener assoziiert damit wohlgenährte Unternehmer, sondern eher prekäre Existenzen. Tiere, Clownereien und Sensationen lieben die Menschen nicht weniger als vor hundert oder hundertfünfzig Jahren - doch heute werden sie frei Haus geliefert, und nicht mehr in die Manege.

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