Zirkus-Altmeister Gerd Siemoneit-Barum Aus den Trümmern in die Manege

Eine Zeitungsanzeige veränderte sein Leben: Mit 15 büxte Gerd Siemoneit-Barum von daheim aus und heuerte beim Zirkus an. Für den Flüchtling aus Ostpreußen ging ein Traum in Erfüllung.

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Der Teenager traut seinen Augen nicht. Da ist sie, die Chance, auf die er so lange gewartet hat. Schwarz auf weiß. "Täglich: The Great Williams Circus Show. Hamburg am Dammtor-Bahnhof" - ein Inserat in der Tageszeitung, wie für ihn gemacht.

Für Gerd Siemoneit-Barum, 15, steht fest: Da muss er hin. An einem Morgen im Mai 1946 stopft er seine Siebensachen in einen Seesack und verlässt klammheimlich das Haus seiner Tante, bei der er gerade wohnt. Fährt zum Zirkus, stellt sich vor.

Doch der Personalchef wimmelt ihn ab. Er solle es lieber bei einem Bauern probieren, der habe mehr zu essen für ihn. Keine Option für den Jungen: Er kauft sich eine Eintrittskarte für die Vorstellung, schleicht sich ins Stallzelt, setzt sich vor den Pferden auf seinen Seesack und wartet einfach ab. Felsenfest davon überzeugt, seinen Traum in die Tat umzusetzen und beim Zirkus anzuheuern. Er hat Glück - und darf bei Williams als Küchenjunge anfangen.

"Wie der erste Kuss"

"Ich konnte nicht mal einen Handstand. Aber der Direktorin blieb gar nichts anderes übrig, als mich aufzunehmen", erzählt Siemoneit-Barum und lacht. Der 87-Jährige, rotes Halstuch, rosa Hemd, gehörte zu den berühmtesten Tierbändigern Europas. Knapp 40 Jahre lang leitete er den Circus Barum, sein eigenes Unternehmen. Von seinem rechten Zeigefinger fehlen zwei Glieder, die hat ihm Löwe Darius 1958 abgebissen.

In die Manege drängte es Siemoneit-Barum, als Deutschland in Schutt und Asche lag. Inmitten der Trümmer erschien ihm der Zirkus wie eine glitzernde Traumwelt, in der alles möglich schien. Lichtjahre entfernt von Tod und Trauer, Flucht und Hunger.

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Gerd Simoneit-Barum und der Zirkus: "Das ist meine Welt, da muss ich hin"

Schon als kleiner Junge schwärmte Simoneit-Barum für Akrobatik, Shows und Tiere, vor allem Pferde. Geboren wurde er 1931 im ostpreußischen Gumbinnen und wuchs als Kind eines Zeitsoldaten die ersten Lebensjahre in einer Kaserne auf, jede freie Minute verbrachte er in den Ställen. Bis ihn ein Pferd trat.

1943 gastierte ein Zirkus in seiner Stadt. Fasziniert von dem fröhlich-exotischen Treiben, ließ der Zwölfjährige die Schule sausen und rannte zum Festplatz. Fürs Schwänzen setzte es Hiebe mit dem Rohrstock. Egal. "Die Anziehungskraft war von erotischer Wirkung wie der erste Kuss", schrieb Siemoneit-Barum 2012 in seinen Memoiren "Viel riskiert für einen Traum".

Flucht per Feuerwehrauto

Als der Zirkus weiterzog, brach es ihm schier das Herz. Verzweifelt ließ er die Sägespäne der verlassenen Manege durch die Finger rieseln und schwor sich: "Wenn es mir mal schlecht geht, schließe ich mich einem Zirkus an." In seinen Träumen schlüpfte Siemoneit-Barum in die Rolle seines großen Idols, des Raubtierdompteurs Peter, im Zirkusfilm "Die große Nummer" (1943) verkörpert von Rudolf Prack.

Doch bald holte ihn die tödliche Realität ein: Im Sommer 1943 fiel sein Vater, Stabsfeldwebel Franz Siemoneit, an der Ostfront. Ein Jahr später rissen Soldaten den Jungen am 21. Oktober 1944 aus dem Tiefschlaf, alle Glocken läuteten Sturm.

Der Krieg hatte Siemoneit-Barums Heimat erreicht, Hals über Kopf musste die Familie fliehen. Was er trotz der Eile mitnahm: die "Meister der Manege" von Franz Xaver Dworschak. "Meine Fibel", sagt Siemoneit-Barum, er besitzt das Buch noch heute.

Mit seinem kleinen Bruder Ernst klammerte er sich auf dem Dach eines Opel-Blitz-Kastenwagens der Feuerwehr fest und rollte Richtung Westen, in Panik, wie viele Tausend andere Flüchtlinge auch. Was er auf der Flucht erlebt hat, spart Siemoneit-Barum aus und sagt nur knapp: "Furchtbar war es." Und dass der Mensch sich an den Anblick von Leichen gewöhnen könne wie an schlechtes Wetter.

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Sprengbombe nach der Abendvorstellung

Die Familie Siemoneit - Mutter, Großmutter, zwei Söhne - durfte nicht zu Verwandten nach Hamburg ziehen, sondern bekam eine Gartenlaube in Dresden zugewiesen. Noch am Bahnhof erspähte Gerd ein Werbeplakat des Zirkus Sarrasani: "Plötzlich konnte ich wieder durchatmen, das Chaos war wie weggewischt."

Jede freie Minute verbrachte er auf dem Carolaplatz, wo Sarrasani in einem prachtvollen Theater untergebracht war, dem ersten festen Zirkusbau Europas. Eine Sensation mitten im Krieg. Und eine Ersatzfamilie für den Jungen aus Gumbinnen.

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Deutschland nach '45: Trümmerfrauen, Schwarzmarkt, Flüchtlinge - eine Zeitreise

Am 13. Februar 1945, kurz nach der Abendvorstellung, traf eine Sprengbombe das Gebäude. Als Siemoneit-Barum am nächsten Tag durch das brennende Dresden rannte und tote Pferde am Elbufer liegen sah, wusste er: Seine heile Welt war ausgelöscht, ein weiteres Mal.

Mit der Ankunft der Russen begann für Siemoneit-Barum die entbehrungsreichste Zeit seines Lebens. Morgens um drei stellte er sich beim Bäcker in die Schlange, kurz vor Schulbeginn löste ihn die Mutter ab. Der schmale Junge robbte im zerbombten Dresden durch Kellerfenster, um halb verkohlte Kartoffeln rauszuholen.

"Wir fantasierten von Braten und Torte, es ging nur noch ums Essen", sagt er. Im Winter 1945/46 vegetierten die Siemoneits mehr dahin, als dass sie lebten, dicht aneinandergedrängt im Doppelbett, bibbernd vor Kälte und Unterernährung. Der Familie war klar: Sie muss in die Westzone.

Um ein Haar von Susi zerfleischt

Als Tante Luise aus Wesermünde, dem heutigen Bremerhaven, ein Telegramm schickte mit einer geschwindelten Botschaft ("Könnt kommen, Zuzug gesichert"), erhielten die Siemoneits den ersehnten Passagierschein. Mit dem Handwagen tippelten sie im April 1946 über die Zonengrenze.

Mutter und Sohn Ernst gingen nach Marburg, der 15-jährige Gerd kam bei Tante Minna in Hamburg unter. Wo er die Zirkus-Annonce in der Zeitung entdeckte - sie sollte sein Leben verändern. "Wer will, den führt das Schicksal", zitiert Siemoneit-Barum den römischen Philosophen Seneca.

Vier Tage nach seiner Ankunft beim Zirkus Williams spürte Mutter Emmy den Ausreißer auf. Entsetzt sah Siemoneit-Barum seine Artistenkarriere vor dem Aus, bevor sie überhaupt begonnen hatte. "Doch die Zirkusdirektorin versicherte meiner Mutter, dass aus mir noch was werden könne", erzählt er.

Sie behielt recht: Vom Laufburschen arbeitete Siemoneit-Barum sich hoch bis zum Pferdeakrobaten, später wurde er Raubtierdompteur. Eine lebensgefährliche Passion. In Ankara wäre Siemoneit-Barum 1954 während einer Vorstellung um ein Haar vom eigenen Löwen zerfleischt worden. Er überlebte nur, weil der Bärendompteur Susi einen Schlag versetzte - worauf die Raubkatze von Siemoneit-Barum abließ.

Die Queen ein Löwe, Merkel ein Elefant

"Die Tiere riechen, ob du Angst hast", sagt der international ausgezeichnete Artist. Statt auf Zwang und Unterdrückung setzte er auf Respekt bei der Dressur. 2007 hat Siemoneit-Barum ein Buch geschrieben über die "Kunst, mit dem Tier im Menschen umzugehen". Ex-Kanzler Gerhard Schröder und Queen Elizabeth II. sind für ihn typische Löwen, Angela Merkel ist ein Elefant (und die Interviewerin ein Eichhörnchen).

Und er selbst? Sieht sich als "Adler, der über sein Revier streicht und wacht, mit konstanter Energie seinen Besitz unter Kontrolle hält". Auch jetzt noch, wo der Circus Barum längst Geschichte ist. Denn 2008 endete die Ära des großen deutschen Wanderzirkus: Weder Tochter Rebecca - bekannt als Lindenstraßen-Serienstar Iffi Zenker - noch Sohn Maximilian führten das Familienunternehmen weiter.

Siemoneit-Barum erinnert sich noch genau, wie sich am 26. Oktober 2008, einem Sonntagabend, zum letzten Mal der Vorhang für ihn öffnete. Die schmissige Musik, in seinen Ohren erklang sie damals wie ein Trauermarsch.

"Abschied von der Manege zu nehmen schmerzt", sagt der Zirkus-Altmeister, "weil es zugleich ein Abschied von meinen Jugendträumen bedeutet." Ohne seine Tiere seien die Tage nüchterner, "ohne Schmuck und Glanz, ohne Freud, aber auch ohne Leid". Seine geliebten Raubkatzen, er hat sie einem Tierpark in Norddeutschland vermacht.


Zum Weiterlesen: Gerd Siemoneit-Barum: Viel riskiert für einen Traum, Wagner Verlag 2012

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Bruno Helfer-Schillinger, 14.06.2018
1. Danke für die schönen Stunden
Hier in Freiburg war Siemoneit-Barum der einzige Zirkus zu dem wir als Erwachsene immer gingen. Das Zusammenspiel mit den Tieren war immer bombastisch. (einmal fremdgehen gab es noch, doch da wurden die Bärenam Nasenring durch die Manege gezerrt und wir haben auf die zweite Hälfte verzichtet) .
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