Zoo-Spektakel im Kaiserreich Menschen im Wildgehege

Zoo-Spektakel im Kaiserreich: Menschen im Wildgehege Fotos
Sammlung Peter Weiss

Cowboys und Indianer, Samen und Nubier: Zu Kaisers Zeiten zeigten deutsche Zoos nicht nur wilde Tiere. Sondern Männer, Frauen, Kinder aus exotischen Ländern - ausgestellt wie Vieh. Die Leute kamen in Scharen zu den streitbaren Spektakeln. Von

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"Schön konnte man unsere Gäste nicht gerade nennen", mokierte sich der Tierhändler Carl Hagenbeck im Sommer 1874 über die Beigabe zur neuesten Lieferung aus Lappland. "Ihre Hautfarbe ist ein schmutziges Gelb, der runde Schädel ist mit straffem schwarzem Haar bewachsen, die Augen stehen ein wenig schief, die Nase ist klein und platt." Dennoch bereiteten die Neuankömmlinge Hagenbeck einige Freude: Von einem norwegischen Agent hatte der Hamburger Kaufmann eine Herde Rentiere aus dem hohen Norden geliefert bekommen - und die dazugehörigen Rentierhirten gleich mit. Dem Hamburger Publikum sollten die samischen Nomaden mit den großen Hirschtieren ein noch nie gesehenes Bild darbieten.

Also schlugen die Rentierhirten ihre Zelte auf dem Gelände der Hagenbeck'schen Tierausstellung am Neuen Pferdemarkt, mitten im Hamburger Stadtteil St. Pauli, auf. Tausende Schaulustige kamen in den nächsten Wochen, um sie zu bestaunen. Zur Gaudi der Schaulustigen bauten die Samen ihre Zelte ab, luden sie auf ihre Schlitten, zogen damit ein paar Mal im Kreis herum und bauten sie wieder auf. Zwischendurch zeigten sie dem zahlenden Publikum ihre Kunstfertigkeit beim Einfangen der Tiere mit dem Lasso, nähten Kleidungsstücke, schnitzten Schlitten und Schneeschuhe. Besonderes Aufsehen erregte "die kleine Lappländerfrau", notierte Veranstalter Hagenbeck, "wenn sie ihrem Säugling die Brust reichte". Für so unbeschwert natürliche Exotik standen die Menschen vor Hagenbecks Kasse Schlange.

Die Idee wurde ein voller Erfolg, und Hagenbeck war voller Stolz auf seinen Menschenzoo: "Es war mir vergönnt, die Völkerausstellungen als erster in die zivilisierte Welt einzuführen", lobte sich der Unternehmer in seinen Memoiren selbst. Auf Jahrmärkten und an Fürstenhöfen waren zwar schon seit dem Mittelalter Menschen aus anderen Erdteilen vorgeführt worden, die sich neben Zwergen oder Frauen ohne Unterleib den neugierigen Blicken der Europäer aussetzen mussten. Doch der Tierhändler und spätere Zoogründer aus Hamburg war tatsächlich der erste - und wirtschaftlich erfolgreichste - Organisator groß angelegter "anthropologisch-zoologischer Schauen", wie er selbst seine Spektakel nannte.

"Hottentotten" für die Wissenschaft

Das Konzept von Hagenbecks Ethno-Events war ganz neu: Gezeigt wurde eine komplette Gruppe mitsamt Tieren, Behausungen und Gerätschaften. Den europäischen Betrachtern sollte die Show ein realitätsnahes Bild des täglichen Lebens der jeweiligen Volksgruppe zeigen. Nach dem Sensationserfolg mit den Samen warben Hagenbecks Agenten in aller Welt weitere exotische "Gäste" an: Nubier aus dem Sudan, Inuit aus Grönland und Kanada, Somalier, Inder und Singhalesen, sogar "Hottentotten" aus der deutschen Kolonie Südwestafrika konnte das weiße Publikum bei Hagenbeck in Hamburg und bald auch auf Tourneen in ganz Europa mit wohligem Schauder vor den "Wilden" bewundern.

Der berühmte Berliner Arzt Rudolf Virchow gab den kommerziellen Darbietungen durch seine ethnologischen Untersuchungen einen wissenschaftlichen Anstrich. Virchow, heute als einer der Gründungsväter der modernen Medizin bekannt, war auch Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte. Er untersuchte viele Teilnehmer der Völkerschauen, vermaß ihre Körper- und Kopfformen und stellte Vermutungen über die Intelligenz der verschiedenen exotischen Menschenexemplare an.

Damit befand er sich im Einklang mit der Wissenschaft seiner Zeit, die die menschlichen "Rassen" zu definieren und in eine hierarchische Reihenfolge zu bringen suchte. In einem Artikel lobt Virchow die wissenschaftliche Bedeutung der Hagenbeck'schen Ausstellungen: "Diese Menschenvorstellungen sind sehr interessant für jeden, der sich einigermaßen klar werden will über die Stellung, welche der Mensch überhaupt in der Natur einnimmt, und über die Entwicklung, welche das Menschengeschlecht durchmessen hat."

Wilder Westen in Hamburg-Stellingen

Hagenbeck fand in dem bekannten Wissenschaftler einen wichtigen Fürsprecher. Denn Zeit seines Lebens bemühte sich der Laie, von Zoologen und Anthropologen anerkannt zu werden. Die betrachteten den einfallsreichen Unternehmer, der in wenigen Jahren vom Sohn eines Fischhändlers zu einem der wichtigsten und zuverlässigsten europäischen Tiergroßhändler aufgestiegen war, mit Argwohn. Der hatte im Jahr 1907 im Hamburger Vorort Stellingen eine ganz neue Art von Zoo eröffnet, die die etablierten Zoos als Frontalangriff empfinden mussten: Die Tiere wurden nicht mehr in engen Käfigen hinter Gitterstäben präsentiert, stattdessen konnte der Zoobesucher sie in künstlich angelegten Landschaftspanoramen, von Felsen und Wassergräben begrenzt, scheinbar in ihrem natürlichen Lebensraum betrachten. Das Publikum liebte "Hagenbecks Thierpark", die alteingesessenen Zoodirektoren rümpften die Nase.

Auch auf dem Gelände seines neuen Zoos fand Hagenbeck einen Platz für seine Völkerschauen, die nach und nach zu aufwändigen Spektakeln anwuchsen. Besonderen Erfolg hatte 1910 Hagenbecks Wild-West-Show: 42 Sioux-Indianer und zehn Cowboys boten dem Publikum ein Spektakel, das ihm aus den Romanen Karls Mays bekannt war: Kriegsgeschrei und Friedenspfeife, Überfälle auf Postkutschen und wirbelnde Tomahawks bescherten dem Tierpark einen neuen Besucherrekord. Dabei hatte der Impressario selbst zunächst Bedenken gehabt: Die Sioux waren erfahren im Völkerschaugeschäft und verlangten hohe Gagen. Außerdem sprachen sie Englisch und konnten sich mit dem Publikum verständigen. Tatsächlich mussten nachts wiederholt Völkerschaudarsteller aus den Hamburger Kneipen geholt oder indianisch-deutsche Liebespaare getrennt werden.

Die erfolgreichen Menschenschauen fielen in die Hochphase des europäischen Kolonialismus vor dem Ersten Weltkrieg, eine Epoche, in der Kaiser Wilhelm II. für Deutschland einen "Platz an der Sonne" forderte. Die meisten Zeitgenossen, wie auch Hagenbeck selbst, empfanden die Ausstellung von exotischen Menschen neben exotischen Tieren nicht als anstößig - schließlich waren sie fest von der Überlegenheit des "weißen Mannes" überzeugt. Noch bis 1931 führten Carl Hagenbecks Söhne die Völkerschauen fort, erst in den dreißiger Jahren löste das Kino als Ort für Exotik die Inszenierungen ab.


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1.
Priska Schmückle von Minckwitz 04.02.2009
Im 1860 in Paris eröffneten "Jardin d'acclimatation" - so wie der Name schon sagt diente dieser Park als Eingewöhnungsort für importierte, exotische Tiere bevor sie in den Zoo kamen - wurden auch exotische Männer und Frauen hinter Gitter zur Schau gestellt. Zwei Mal, 1882 und 1892 wurden karibische Familien aus Französisch Guyana nach Paris geholt. Man findet dazu einiges bei Wikipedia unter "Jardin d'acclimatation" und "Kali'na". Anders als in Hamburg, waren diese Veranstaltungen von der öffentlichen Hand getragen.
2.
gerhart wiesend 05.02.2009
Aufschlussreich, dieser Artikel. Aber was ist, bitteschön, ein "streibares Spektakel"?
3.
Jörg Lüschow 06.02.2009
Hat sich da tatsächlich so viel geändert? Heute fahren die Europäer nach Afrika oder Asien in Urlaub und buchen dann in ihrem Hotel eine Tour zu den Eingeborenen, die dann in ihrer Festtagskleidung im Dorf warten und für jedes Foto kassieren. Wenn die Touris weg sind wird T-Shirt und Shorts rausgeholt und die Segnungen der westlichen Kultur genossen.
4.
Gerhard Fuhrmann 06.02.2009
Vor ein paar Jahren gab es im Augsburger Tierpark eine "Veranstaltung", bei der die "Lebensweise" und die Kultur "fremder Länder", nicht zuletzt durch die Anwesenheit von Bewohnern dieser Länder einem breiteren "Publikum" vorgestellt wurde. Ich kann mich erinnern, dass zu jenem Zeitpunkt auch in der örtlichen Presse von einer "Völkerschau" gesprochen wurde und dieser Vergleich von den Veranstaltern natürlich vehement angegriffen wurde. Ich finde diesen Artikel auch sehr aufschlussreich.
5.
Alexander Vollmer 24.11.2011
In Museumsdörfern kann man an Aktionstagen genauso "authentisch" die Lebensweise deutscher Stämme in früheren Jahrhunderten bestaunen. Wirklich authentisch kann man dagegen nur noch die sozialen Riten des 20. Jahrhunderts der mitteleuropäischen Eingeborenen bestaunen, diese werden bei so genannten Volksfesten vorgeführt, wo man sie sicher nur noch ein paar Jahre bestaunen kann.
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