Zu Besuch bei Walter Kempowski "Junger Mann, fangen Sie einfach an!"

Zu Besuch bei Walter Kempowski: "Junger Mann, fangen Sie einfach an!" Fotos
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Wie kein zweiter deutscher Autor widmete sich Walter Kempowski dem Sammeln von Lebenserinnerungen. Wenige Monate vor seinem Tod in der vergangenen Woche war die einestages-Redaktion zu Besuch bei dem Schriftsteller - und bekam einen bemerkenswerten Rat. Von Florian Harms

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Es war ein sonniger Apriltag, als die einestages-Entwicklungsredaktion vor einem knappen halben Jahr in Walter Kempowskis lichtdurchflutetem Wohnzimmer saß. Die Redakteure hatten den Autor in seinem Haus in Nartum bei Bremen um ein Gespräch gebeten, um seine Meinung zu einem neuen Projekt von SPIEGEL ONLINE zu hören, an dem sie seit einigen Monaten arbeiteten: einem Zeitgeschichte-Portal im Internet.

Dort sollten die Nutzer nicht nur lesen, sondern auch ihre eigenen Geschichten erzählen können - vom Zweiten Weltkrieg bis zum Tsunami, vom Rock 'n' Roll bis zu Tokio Hotel, von der ersten Urlaubsreise bis zum Mauerfall. Arbeitstitel: einestages. Niemand schien für ein sachkundiges Urteil über dieses Vorhaben besser geeigneter zu sein als Walter Kempowski.

Seit Jahrzehnten hatte sich der Schriftsteller einer akribischen Aufgabe gewidmet: dem Sammeln von Lebensgeschichten. 1980 gründete er das "Archiv für unpublizierte Autobiografien", in dem er unzählige Lebensläufe sammelte. Nicht von Prominenten, sondern von Menschen wie du und ich. In seinem nächsten Mammutprojekt "Echolot" stellte er Briefe, Notizen und Tagebuchaufzeichnungen aus verschiedenen Phasen des Zweiten Weltkriegs nebeneinander - von Politikern bis zu einfachen Frontsoldaten.

So schuf Kempowski faszinierende Collagen deutscher Zeitgeschichte: indem er scheinbar trivale, ja banale Erinnerungsbruchstücke in einen großen Kontext stellte und diese so mit ungeahnter Aussagekraft und Bedeutung auflud, sie als Steinchen im Mosaik der Geschichte zum Glänzen brachte. Diese Philosophie ist auch einer der Grundgedanken von einestages - übertragen auf das Internet, in dem der Kontext von Erinnerungssplittern dynamisch wachsen kann. Wer anders als Kempowski also wäre besser geeignet, das Zeitgeschichte-Projekt von SPIEGEL ONLINE kritisch unter die Lupe zu nehmen.

"Demokratischer Ansatz"

Obwohl er bereits sichtbar von seiner Krankheit gezeichnet war, ließ es sich Kempowski nicht nehmen, die Besucher mit Tee und Keksen zu bewirten und das Projekt einestages mit ihnen zu diskutieren. Schnell stand sein Urteil fest: "Ich finde das großartig, meine Herrschaften! Damit rennen Sie offene Türen ein!" Das Interesse an Zeitgeschichte sei ungebrochen - ebenso wie der Antrieb, von eigenen Erlebnissen zu berichten und mit anderen darüber in einen Dialog zu treten.

Dafür sei das World Wide Web hervorragend geeignet, meinte Kempowski, nicht nur für junge, sondern auch für ältere Menschen: "Es gibt Achtzigjährige, die sich im Internet wie Skifahrer bewegen." Hyperlinks, mit denen man sich von einer Seite zur nächsten klicken kann, nannte Kempowski "das Adventskalenderprinzip: Man klickt irgendwo - und wird mit einer neuen Information überrascht."

Der Schriftsteller lobte den "demokratischen Ansatz" von einestages, warnte aber vor dem Arbeitsaufwand, der entsteht, wenn alle Beiträge vor dem Veröffentlichen durch die Redaktion geprüft werden: "Dafür brauchen Sie ja mindestens 25 Leute!"

"Der Reichtum schlummert in der Bevölkerung"

Tatsächlich hat sich einestages viel vorgenommen: Das gemeinsame Ziel von Redaktion und Lesern ist der Aufbau eines kollektiven Gedächtnisses unserer Geschichte. Zu hoch gegriffen, unrealistisch, vermessen?

Kempowski fand das nicht: "Sie haben eine gewaltige Aufgabe vor sich, aber schauen Sie nicht auf das Ende. Junger Mann, fangen Sie einfach an!" Spannende Zeitgeschichten lauerten quasi an jeder Ecke. "Das Entscheidende an einer Geschichte ist immer das Persönliche, sie muss beim Menschen beginnen." Dazu gab Kempowski den Redakteuren eine Ermahnung mit auf den Weg: "Die Themen dürfen nicht zu schwer sein, vergessen Sie das Unterhaltende nicht! Auch eine Tapete aus den fünfziger Jahren kann interessant sein, wenn man eine spannende Geschichte mit ihr verbindet."

Und so entstehe nach und nach etwas Neues: "Wenn viele Menschen ihre Geschichten zusammentragen, blüht die Erinnerung auf wie eine Lotusblume. So können Sie mit Ihrem Projekt aufdecken, welch unglaublicher Reichtum in der deutschen Bevölkerung schlummert."

Florian Harms, Hans Michael Kloth

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Ronald Stephan 09.10.2007
Sehr sympatischer Artikel, vielen Dank. Hoffentlich konnte er seine tadellose Haltung bis zum Schluß bewahren; es hätte seinem Vater sicher imponiert. Mein Interesse an Kempowski beginnt im Jahr 1978, und zwar ausgerechnet während des Wehrdienstes. Eine ziemlich gelangweilte Zivilangestellte las praktisch den ganzen lieben langen Tag "Im Block" und schimpfte dabei abwechselnd auf den Autor und auf die DDR. Alles, was der Autor beschrieb, schien der Leserin "typisch DDR" (in Anführungstrichen natürlich!), aber wie Kempowski das beschrieb, wollte sie in den Wahnsinn treiben. Dieses Buch musste ich lesen. Die Dame gab kurz vor Schluß endlich auf, weil "...ja eh klar ist, wie das ausgeht..." und ich las das Buch an einem Wachdienst-Wochenende durch. Wäre mir damals bewußt gewesen, wie selten die Ausgabe von '69 inzwischen war, ich hätte sie wahrscheinlich nicht mehr zurückgegeben. Jedenfalls konnte ich mich bis zum Ende meiner 15 Monate zügig auf den damaligen Stand der Arbeiten Kempowskis bringen (insofern war "der Bund" unterm Strich keine allzu große Verschwendung von Lebenszeit). Ich wollte dem Verfasser immer gern (und bislang zum einzigen Mal) einen Brief schreiben, aber so ganz war mir nie klar, WAS GENAU mich denn trieb. So hab ich es gelassen, und nun geht es ja auch nicht mehr. Schade. Denn HEUTE könnte ich recht gut sagen, was Kempowskis besondere Darstellungsweise deutscher Zeitgeschichte bei mir ausgelöst hat. Leider zu spät. Deshalb hoffe ich, dass Ihr Projekt "einestages" wächst und gedeiht. Ich drücke uns die Daumen.
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