Zugunglück in Eschede Der Journalist, der das Fotografieren vergaß

Zugunglück in Eschede: Der Journalist, der das Fotografieren vergaß Fotos
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Der Lärm war beängstigend, der Anblick unfassbar: Am 3. Juni 1998 entgleiste der ICE "Wilhelm Conrad Röntgen" - nur wenige Hundert Meter entfernt vom Haus des Lokal-Redakteurs Joachim Gries. Der Escheder war einer der ersten an der Unglücksstelle. Auf einestages erzählt er seine Geschichte. Von

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Der 3. Juni 1998 war ein ausgesprochen schöner Sommertag, warm und sonnig. Ich hatte eine Woche Urlaub, war trotzdem früh auf und stand ab neun im Garten meines Hauses, um Pflastersteine für eine Sitzecke in den Boden einzulassen.

Nach zwei Stunden legte ich eine Pause ein, sah mir an, was ich bis jetzt geschafft hatte, genoss die Sonne, beobachtete die Vögel im Garten.

Aus der Ferne hörte ich einen Zug kommen - die Bahnlinie, die Hannover und Hamburg verbindet und durch Eschede führt, ist von meinem Grundstück etwa 500 Metern entfernt. Das Geräusch der Züge kenne ich seit Jahrzehnten, ich nehme es wahr, ohne darüber nachzudenken. Bei Westwind oder Windstille ist im Dorf jeder Zug zu hören.

An diesem Morgen gegen elf nahm ich den herannahenden Zug ganz bewusst wahr, es kamen Geräusche dazu, die nicht dazu gehörten. Ein ferner Krach drang an mein Ohr, als würde ein Lastwagen in einiger Entfernung Steine abkippen, es war ein Rutschen und Poltern.

Gleichzeitig war da noch das Zuggeräusch, nur klang es dünner, schwächer. Mein Eindruck war: Es fährt weniger Zug weiter. Dann war Ruhe.

Was war passiert?

Mir war sofort klar, dass etwas passiert sein musste.

Ich rannte ins Haus, schnappte mir meine Kamera und das Handy, setzte mich in meinen kleinen Fiat, fuhr los in Richtung Bahndamm. Auf den ersten Metern war ich noch recht ruhig, als Lokalredakteur gehören auch Unfälle hin und wieder zu meiner Arbeit. Vielleicht ist ein Güterzug entgleist, dachte ich.

Ans Fotografieren habe ich dann aber den ganzen Tag nicht mehr gedacht.

Was ich zuerst sah, noch aus dem Auto, war eine gigantische Staubwolke, so hoch wie ein Kirchturm, mindestens achtzig Meter. Ich parkte meinen Wagen, ging los. Ich war sehr aufgeregt, als ich den riesigen Trümmerberg sah.

Zur gleichen Zeit heulten im Dorf die Sirenen. Ich sah einige Escheder aus der Nachbarschaft, wie sie versuchten, an die aufgetürmten ICE-Waggons heranzukommen, um Menschen zu befreien.

Direkt an der Unglücksstelle rief ich den Herbeigeeilten zu, ihre Autos von der Straße zu fahren. In der Sackgasse würden gleich Feuerwehr und Notärzte Platz brauchen, das ahnte ich sofort.

Ich kletterte die Böschung hoch, an den Rand der eingestürzten Brücke, und verschaffte mir einen Überblick. Was ich sah, habe ich nicht mehr vergessen. Das Bild, das sich mir auftat, hat mich verwirrt, verstört.


Zugunglück bei Eschede 1998

Video 1: Die Nachricht von der Katastrophe

Video 2: Chronologie einer Katastrophe

Video 3: Unfassbares Leid

Video 4: Retter, Opfer und Hinterbliebene berichten

Video 5: Was bleibt


"Unfassbar, was ich sah"

Ich blickte auf ein Chaos aus Brücke, Zugtrümmern und Gepäck. Dazwischen lagen Menschen. Einen Moment lang zögerte ich, eigentlich war unfassbar, was ich sah. Unten hockte ein einzelner Helfer bei einem Opfer. Er rief uns zu: "Kommt hier runter." Zusammen mit einem Mann aus der Nachbarschaft stieg ich dann in dieses Chaos.

Zugtrümmer lagen herum, Gepäck versperrte mir den Weg, Betonstücke der Brücke und auf allem lag eine Staubschicht, auch auf den Menschen.

Bei der Bundeswehr war ich Sanitäter, und trotzdem bin ich zu keinem Zeitpunkt auf die Idee gekommen, aus meinem Auto den Verbandskasten zu holen. Inmitten dieses Chaos kam mir das so lächerlich vor. Was sollte ich mit drei Mullbinden und fünf Pflastern bewerkstelligen?

Mit Tempo 200 gegen eine Wand

Nach einigen Metern stieß ich auf eine Frau. Sie musste aus dem Zug herausgeschleudert worden sein, lag neben einem Bordstein, ihr Gesicht war völlig mit Glassplittern bedeckt, die von den goldbedampften Scheiben des ICE stammten. Die Frau konnte mit mir reden, ich hielt ihre Hand, nahm ihre Halskette ab, da sie sehr schwer atmete, und redete beruhigend auf sie ein. Dann musste ich mit ansehen, wie sie immer schwächer wurde und schließlich wegsackte, bewusstlos wurde. Sie war später eines der ersten Opfer, die geborgen wurden. Während ich bei ihr kniete, konnte ich in den aufgerissenen Waggon rechts von mir sehen. Ein Arm ragte heraus, vom dem Blut tropfte. Wenig später tropfte er nicht mehr.

Ich habe mich bewusst nie darum gekümmert, herauszufinden, wer von den Menschen, die ich gesehen habe, überlebt hat und wer nicht. Äußerlich sahen einige Opfer wie unverletzt aus, obwohl sie mit Tempo 200 gegen eine Wand gefahren waren. Aber die inneren Verletzungen konnte man ja nicht sehen.

Die Ankunft der professionellen Helfer war eine riesige Erleichterung. Die ersten Feuerwehrleute, die oben an der Brückenkante auftauchten, schauten genauso fassungslos auf die Szene wie ich wenige Momente zuvor. Ich habe dann einfach mit angepackt, Verletzte auf Tragen abtransportiert, Infusionsflaschen gehalten, und dabei versucht, die Bilder zu verstehen.

Gegen eins verließ ich den Unglücksort, die Ärzte, Sanitäter und Feuerwehrleute hatten übernommen. Als ich mit dem Wagen wegfuhr, passierte ich eine Kolonne aus Leichenwagen, die am Straßenrand warteten. Das hat mir die Dimension des Unglücks erst richtig bewusst gemacht.

Die ganze Welt schaut auf Eschede

Als ich nach Hause kam, waren meine Jeans und der Pullover blutig, staubig und voller Glassplitter. Den Nachmittag habe ich damit verbracht, als Augenzeuge Interviews zu geben, allein aus den USA riefen drei Fernsehstationen an, später befragte mich Radio Neuseeland live in seiner Nachrichtensendung.

In der Nacht war an Schlaf nicht zu denken. Auf der Bahnhofstraße, wo ich wohne, war viel Verkehr. Übertragungs-Wagen dutzender Sender und Medienvertreter aus der ganzen Welt kamen in Eschede an. Aus der Ferne waren die Geräusche von der hell erleuchteten Unglücksstelle zu hören. Rettungsmannschaften versuchten, mit einem Presselufthammer die Brückenteile zu durchbohren, um sie anzuheben.

Als Journalist habe ich in den Monaten und Jahren danach oft über das Unglück in meinem Dorf geschrieben - das war wohl meine Art von Therapie.

Inzwischen mehren sich in Eschede die Stimmen, die den Namen des Dorfes gerne von seinem dramatischen Beiklang befreien würden. Gerade jetzt zum zehnten Jahrestag ist die Aufmerksamkeit wieder groß. "Können wir den Fernsehteams das Filmen nicht verbieten?", fragte ein Escheder Ratsherr jüngst. "Es ist doch alles gesagt."

Aufgezeichnet von Jochen Brenner.

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