Zugunglück in Eschede "Sie sah aus, als ob sie schlafen würde"

Die Katastrophe geschah auf dem Weg in den Nordsee-Urlaub: Bei Eschede verunglückte im Juni 1998 der ICE "Wilhelm Conrad Röntgen" - an Bord waren der Lehrer Harald Korb und seine Frau Gabriele. Zehn Jahre später erinnert sich der Münchner an die schlimmsten Stunden seines Lebens.

dpa

Allzu früh wollten wir nicht aufbrechen an diesem Mittwoch nach Pfingsten. Zwei Wochen Sylt lagen vor uns und nichts sollte uns hetzen.

In dem etwas späteren Zug, den wir uns ausgesucht hatten, waren jedoch nur noch Plätze im Raucherabteil frei. Nein, dachten wir uns, dann nehmen wir lieber einen Zug früher und haben dafür unsere Ruhe. Der frühere Zug war der ICE "Wilhelm Conrad Röntgen", der Unglückszug.

Der 3. Juni 1998 war ein herrlicher Tag, ich erzählte meiner Frau während der Fahrt viel, über die Stimmung, über die Natur, die Wolkenschiffe am Himmel. Das war eine Angewohnheit zwischen uns und ich war besonders redselig an diesem Tag. Ich erzählte auch sehr viel von mir, was nicht so oft vorkommt. "Schau mal raus, sieh dir diese schöne Allee an, dieses Dörfchen, diese Stimmung", sagte ich zu ihr. Das mochte sie gerne. Sie war ein sehr empfindsamer Mensch und sehr belesen und beschlagen in Meditation.

Mitte der Neunziger hatte ich meiner Frau eine Ferienwohnung auf Sylt geschenkt, sie liebte die Insel. Die Berge, die ich früher lieber mochte als das Meer, empfand sie als erdrückend. Die Weite des Meeres gab ihr Kraft.

"Ich setzte mich um - wahrscheinlich mein Glück"

Im Zug verstaute ich unser Gepäck und wir setzten uns nebeneinander hin, ich am Gang, sie am Fenster. Irgendwann übermannte uns die Müdigkeit. Der Tag hatte früh für uns begonnen. Wir versanken in einen leichten Schlaf, dösten vor uns hin. Ab Hannover war der Zug leerer und ich setzte mich um, eineinhalb Meter diagonal hinter meine Frau, damit ich mich breitmachen konnte und sie nicht stören würde.

Das war mein Glück, wahrscheinlich. Hätte ich auf der anderen Seite gesessen, mich hätte das gleiche Schicksal getroffen.

20 Minuten später hörte ich ein Poltern. Ich dachte zunächst an einen Selbstmörder, der überfahren worden war. Dann fragte ich mich allerdings: wie lange soll denn dieses Poltern noch dauern? Dann herrschte eine beängstigende Ruhe.

Grelles Kindergeschrei durchbrach die Stille. Das muss der Moment des Aufpralls gewesen sein. Ich habe an ihn keine Erinnerung. Wie ein Tennisball flog ich durch den Waggon. Der Zug hatte sich vom Gleisbett abgehoben, eine Drehung vollführt und sich dann in einem Baum verfangen. Das Dach lag auf der Erde, die Räder ragten in die Luft.

Ich war völlig benommen, aber die ganze Zeit bei Bewusstsein. Der umgestürzte Waggon bildete eine schiefe Ebene, die von Glassplittern übersät war. Ich schlitterte diese Ebene hinunter und fand ein zerborstenes Fenster, durch das ich hinausklettern konnte. Wie ich das Fenster gefunden hatte? Ich weiß es nicht mehr. Dann kletterte ich einen steilen Hang hoch und konnte so die ganze Szenerie überschauen. Langsam ahnte ich die Tragweite des Unglücks.

Dann suchte ich meine Frau.

"Unsere Zeit ist begrenzt"

Ich kletterte durch das zerborstene Fenster zurück in unseren Wagen und fand sie an der Stelle, an der ich vorher gesessen hatte.

Gabriele sah aus, als würde sie schlafen. Doch ihre Brust war aufgeschnitten, ihr Körper blutüberströmt. Mir war klar, dass sie sofort tot war.

Es beruhigte mich, dass ich dabei war, als sie starb.

Ich setzte mich neben sie und nahm Abschied. Uns blieb eine halbe Stunde. Dann kamen die ersten Helfer, führten mich ins Freie. Heute, zehn Jahre später, bin ich sehr froh über diese Minuten.

Ich brauchte nach dem Unfall keine Hilfe, schleppte mich über das Trümmerfeld in eine nahe gelegene Turnhalle, in der Verletzte versorgt wurden und ruhte mich aus. Dort traf ich Rosa, eine Krankenschwester, die einfach nur meine Hand hielt. Das war so beruhigend. Sie sagte nichts, sie hielt einfach meine Hand.

Ich habe mit meiner Frau früher oft über den Tod gesprochen. Er gehörte für uns zum Leben dazu. Er war kein Tabu.

"Unsere Zeit ist begrenzt", hatte sie dann immer gesagt. Das machte mich fuchsteufelswild. Natürlich ist unsere Zeit begrenzt, habe ich ihr geantwortet, also nutzen wir sie. Heute sage ich mir: Mein Leben ist noch nicht zu Ende.

Bevor wir damals losfuhren, hat sich meine Frau von vielen Freunden verabschiedet, inniger als sonst. Das kann ein Zufall sein, vielleicht auch nicht.

Der Psychologe schlief bei meinen Erzählungen ein

Wenn es mir heute nicht gut geht, setze ich mich an die Kirchenorgel und musiziere. Ich habe spät mit der Musik angefangen, da war ich schon 45. Gelegentlich spiele ich in der Gautinger Kirche, meist für mich allein und ab und an bei einer Taufe. Die Musik gibt mir sehr viel zurück. Im Präludium in C-Dur Nr. 1 von Johann Sebastian Bach gibt es einen Takt, der klingt, als würde meine Frau zu mir sprechen.

Ich wohne alleine, fühle mich aber nicht einsam. Ich habe mich in unserer Wohnung ausgebreitet, pflege seit dem Zugunglück viele Hobbys. Meine Modelleisenbahn verschlingt unheimlich viel Zeit.

Freunde und Bekannte rieten mir damals, psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Ich ging also zu einem Psychologen und fing an, zu reden. Der Psychologe schlief bei meinen Erzählungen ein.

Bei einer Psychologin war ich dann noch. Es brachte mir nichts, ich bin ein Autodidakt. Die beste Behandlung für mich ist, am Meer spazieren zu gehen und eine Aussprache mit dem Wasser zu halten. Fremde Worte helfen nicht viel.

Eine Fügung Gottes

Heute nehme ich jeden Tag als Geschenk, ich bin ein zufriedener Mensch, kein glücklicher. Das muss man ja auch nicht unbedingt sein. Glück empfinde ich nicht mehr. Ich freue mich punktuell.

Mit Eschede habe ich keine Schwierigkeiten. Das Unglück war eine Fügung Gottes. Der Oberste hat noch etwas mit mir vor. Schicksal, Zufall - das sind nicht meine Worte. Fügung trifft es sehr gut.

Auch der Jahrestag ist mir ziemlich egal, ich fahre auch nicht nach Eschede. Es ist ein Tag wie jeder andere. Seit dem Unfall bin ich sicherlich 50-mal auf dem Weg nach Sylt mit dem Zug durch Eschede gefahren, ich habe damit kein Problem. Jetzt fliege ich, aber nur weil es praktischer ist.

Zum Jahrestag gebe ich eine Anzeige für meine Frau in der "Süddeutschen" auf und lasse auch eine Messe für sie lesen, mit Musik. Sie liebte die Musik. "Heilig, Heilig" und "Ehre sei Gott in der Höhe" von Schubert, "Jesu bleibe meine Freude" von Bach und das Trompetenkonzert von Albinoni habe ich für sie ausgesucht.

Für die Zeitungsanzeige habe ich ein Foto von Sylt ausgewählt, auf dem auch ein Boot zu sehen ist, das auf dem Meer schwimmt. Darunter werden ein paar Worte stehen, die ich für Gabriele aufgeschrieben habe. "Verschwindet ein Boot hinter dem Horizont, so ist es nicht einfach weg, aber wir sehen es nicht mehr. Wenn wir ausatmen, dann atmet Gott uns ein."

Aufgezeichnet von Jochen Brenner



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Seite 1
Jürgen Wild, 03.06.2008
1.
Vielen Dank Herr Korb, für diesen Bericht. Er hat mir geholfen, ein persönliches Unglück aus einer Perspektive zu betrachten, zu der ich noch nicht in der Lage war. Es tut mir sehr Leid um Ihre Frau. Sie war für sie gewiß ein ganz besonderer Mensch.
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