Franz Josef Strauß "Dieser Mann darf niemals Kanzler werden"

Affären pflastern seinen Weg: CSU-Legende Franz Josef Strauß regierte Bayern wie ein barocker König, aber beim Griff nach dem Kanzleramt stellte er sich selbst ein Bein - mit etwas Nachhilfe von SPIEGEL-Verleger Rudolf Augstein. Am 3. Oktober 1988 starb "FJS".

DER SPIEGEL

Von Wolfram Bickerich


Immer wollte er der Beste sein; und in der ersten Hälfte seines Lebens schaffte er das auch - zielstrebig, ehrgeizig, hochgebildet. Franz Josef Strauß, gestorben am 3. Oktober vor 20 Jahren, geboren am 6. September 1915, war zweifelsfrei einer der wichtigsten Politiker der Bundesrepublik, und zugleich einer der umstrittensten.

Mit seiner rhetorischen Brillanz scharte Strauß glühende Anhänger um sich. Mit rüpelhaftem Betragen schürte er Misstrauen bei Widersachern und sogar Parteifreunden. Sein Hauptfeind erwuchs ihm in einem schmächtigen, nur sieben Jahre jüngeren Journalisten, der in Hamburg ein in der deutschen Presse neuartiges, autoritätskritisches Magazin herausgab (und meist selber vollschrieb) - Rudolf Augstein.

Über "die Nacht, in der SPIEGEL und Strauß über Kreuz gerieten", hat Augstein später oft berichtet. Der frischernannte Bundesverteidigungsminister Strauß, den das Blatt bis dahin äußerst wohlwollend begleitet hatte, war in jener Nacht vom 9. zum 10. März 1957 zu Besuch im Hamburger Haus des Journalisten. Zuerst beschrieb Strauß, ein guter Erzähler, wie sein tapferer Pilot vor kurzem einen Triebwerksbrand gelöscht hatte - im Sturzflug nach unten, und der überlebende Passagier Strauß applaudierte ihm so wortreich wie heldenhaft.

Dieser Mann darf niemals Kanzler werden

Danach aber floss im Hause Augstein der Alkohol, und dort verglich der Bundesminister der Verteidigung Strauß, damals ein überzeugter Antikommunist, alle Kommunisten der Sowjetunion mit Sittlichkeitsverbrechern, die man schließlich auch nicht frei herumlaufen lasse.

In jenen langen Stunden beschloss der kleine Augstein, ein solcher Mann mit solchen Ansichten dürfe niemals Kanzler werden. Schon in jenem Jahr war klar, dass der greise Kanzler Adenauer irgendwann abgelöst werden müsste.

Von nun an verfolgte der SPIEGEL (und ein eigens zu diesem Zweck eingestellter Redakteur) jeden Schritt und jede dienstliche, auch mal private Aktivität des Bayern.

Da kam einiges an Affären zusammen, weil der Metzgerssohn aus München zwar viele Begabungen mitbrachte, aber auf jene der Menschenkenntnis ein Leben lang verzichten musste: In diesen Aufbaujahren wie später als bayerischer Herrscher war Strauß umzingelt von Höflingen, Schranzen, Aufschneidern, die alle auf die schnelle Mark fixiert oder an Aufträgen für Waffensysteme, Flugzeuge, Panzer oder Kasernenbauten interessiert waren. Hinzu kam, dass sich Strauß' Temperament oft nur schwer zügeln ließ: Als einmal ein aufmerksamer Polizist den Fahrer des Dienstwagens an der Einfahrt zum Kanzleramt stoppen wollte, wurde er von Strauß monatelang bedroht und verfolgt.

Strippenzieher Strauß

In Augsteins Worten: "Der Minister war höchst eilfertig, seinen Ruf zu ruinieren; man konnte kaum folgen." Affärenresistent war er nun wirklich nicht. Der Zweikampf der beiden fügte sich zum Drama, als Strauß 1962 gerichtlich gegen einen Augstein-Kommentar und wenig später politisch-massiv gegen eine Titelgeschichte über die Verteidigungsanstrengungen und den Zustand der Bundeswehr ("Bedingt abwehrbereit") vorging. Nach den vielen Affären um Strauß entwickelt sich nun die SPIEGEL-Affäre, und vor dem Bundestag stellt sich in denkwürdigen, die deutsche Demokratie belebenden Debatten heraus, dass auch bei jener Affäre nicht ein vermeintlicher Landesverrat, sondern der Strippenzieher Franz Josef Strauß im Zentrum stand.

Es hat dem SPIEGEL nicht geschadet, im Gegenteil. Die Affäre verdreifachte innerhalb einer Woche die Auflage, die bis dahin bei 200.000 Exemplaren gedümpelt hatte. Strauß konnte zwar nicht, obwohl er es 1980 versuchte, Kanzler werden; aber als Kurfürst von Bayern, gar als "Titan" - so die Münchner "Abendzeitung" - war ihm außerhalb der Bundespolitik in und bei seinen Bayern Erfolg beschieden.

Die persönliche Distanz zwischen Strauß und Augstein aber blieb. Man sah sich vor Gericht oder bei unumgänglichen Pflichtterminen; aber man mochte sich nicht. Die nötigen Kontakte zwischen dem späten Strauß - seine Interviews hatten immer höchsten Unterhaltungswert - und dem SPIEGEL liefen komplizierte Umwege. Entweder über Monica Böhme, die Ehefrau des damaligen Chefredakteurs, die mit Strauß' Gattin Marianne weitläufig verwandt war. Oder über den Strauß-Freund Walter Schöll, mit dem gemeinsam (wie sich später herausstellte) Strauß widerrechtlich eine Werbeagentur betrieb, die für die bayerische Staatsregierung - also auch für den Ministerpräsidenten Strauß - Aufträge ausführte.

Der Geruch der Korruption

Aber das ist (schon wieder) eine andere Affäre. Der deutschen Politik hinterließ Strauß als Erbteil den, übrigens recht erfolglosen, Vermögensverwalter seiner Immobilien in Kanada, einen gewissen Karlheinz Schreiber, der noch Jahre später mit einer Spende half, die Schwesterpartei CDU in eine kaum zu entwirrende Affäre zu treiben.

FJS war der Poltergeist der deutschen Politik - hochbegabt, eloquent wie kein anderer. Mit seinem Ungestüm, seiner Neigung zu seltsamen Diktatoren und falschen Freunden war er nicht gerade ein vorbildlicher Demokrat; ein Politiker, dem allzu oft "der Geruch der Korruption" anhaftete, wie das Landgericht München in einem Urteil feststellte. Dies aber auf äußerst liebenswürdige, seltsam sympathische Art.

Er hat schließlich, auch mit seinen Geschäften, niemandem geschadet - außer sich selbst.



insgesamt 3 Beiträge
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Ralf Bornat, 02.10.2008
1.
>>niemandem geschadet Das sehen die Starfighter-Witwen vermutlich anders....
Wolfgang Meier, 02.10.2008
2.
Ich kann hier meinen Vorredner nur zustimmen und muß ergänzen: Die Starfighter-Affäge hat nicht nur über 100 Todeopfer gefordert und etliche schwerbehinderte Opfer hinterlassen - sie hat auch den Steuerzahler etliche Milliarden DM gekostet. Aber damit nicht genug: Strauß hat auch vielen anderen Menschen geschadet - wie in jeder halbwegs objektiven Strauss-Biographie nachzulesen ist. In dieser Hinsicht scheint mir der Atikel der Einestages-Redaktion ziemlich schlecht recherchiert. Schade!
Manfred W. Nautor France, 02.10.2008
3.
Ich finde es unerträglich, im Fernsehen bei Reinhold Beckmann den Strauss-Clan vorgestellt zu bekommen und ihn enen ganzen Abend beweihräuchert zu sehen. Kein einziges Wort zu den endlosen Korruptionsvorwürfen, die den Vater und diesen unseligen Clan immer begleitet haben, nur ein zager Hinweis, sicherlich unvermeidlich, auf die Spiegel-Affaire. Wenn dieses die Geschichtsaufarbeitung des ARD und seiner Talkshow-hosts darstellt, dann gute Nacht, aber besser nicht bei touchy-feely Beckmann!
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