Zum Tode Margaret Thatchers Die mächtigste Handtasche der Welt

Zum Tode Margaret Thatchers: Die mächtigste Handtasche der Welt Fotos
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Heißblütig, aggressiv, gnadenlos: Diskussionen mit Margaret Thatcher konnten gefährlich werden. Um ihren Argumenten Nachdruck zu verleihen, fuchtelte die Eiserne Lady gern so wild mit ihrer Handtasche herum, dass sich alle Umsitzenden instinktiv duckten. Meist hatte sie damit durchschlagenden Erfolg. Von Johanna Lutteroth

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"No", kritzelte Margaret Thatcher 1980, gerade mal ein knappes Jahr im Amt, auf ein Memo zur Fischereiwirtschaft. "No, no, no". Und als wäre das noch nicht deutlich genug, fügte sie mit schwarzem Filzstift in Versalien noch einmal hinzu: "NO!" Agrarminister Peter Walker sollte auf keinen Fall irgendwelche Zugeständnisse an Brüssel machen. "Es ist unser Wasser und unser Fisch. Gib sie nicht her", befahl sie Walker, der einen versöhnlichen Kurs gegenüber der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft einschlagen wollte. Doch davon wollte die britische Premierministerin nichts wissen. Kompromisse waren eben nicht ihre Sache.

Zeit ihres Lebens war die ehemalige britische Premierministerin berühmt und gefürchtet als die Eiserne Lady. Am Montag starb Margaret Thatcher im Alter von 87 Jahren nach schwerer Krankheit in London.

Gefürchtete Diskussionsgegnerin

Heißblütig, fast aggressiv hatte Thatcher vom ersten Regierungstag an ihren Willen durchgesetzt. Nicht nur schriftlich holte sie dabei oft kräftig aus. Vor allem ihre engsten Mitarbeiter bekamen das immer wieder schmerzhaft zu spüren. "Alle, die mit Gefühlen argumentierten oder schlecht vorbereitet waren, stampfte sie in den Boden", erinnert sich Kenneth Baker, langjähriger Bildungsminister im Kabinett Thatcher. "You are utterly wrong", war da noch die mildeste verbale Züchtigung. Oft fuhr sie deutlich stärkeres Geschütz auf. Etwa als sie Peter Carrington, von 1979 bis 1982 Außenminister, vor der versammelten Mannschaft an den Kopf warf: "Das ist kein einfacher Fehler. Das ist Inkompetenz, die von ganz oben kommt."

Eine Schlüsselrolle spielte dabei ihre Handtasche. Anfangs zollte ihr niemand viel Beachtung. Schließlich war es nur das Accessoire einer Lady, egal wie eisern sie sich gerierte. Doch irgendwann begannen Thatchers Mitarbeiter, die schwarze Tasche - meist ein Krokostück aus dem Hause Salvatore Ferragamo mit zwei großen Henkeln - zu fürchten. Denn wenn sie richtig in Fahrt war, drosch sie gern mit der Tasche auf den Tisch ein oder fuchtelte damit in der Luft herum - ganz so, als wolle sie damit ihren Argumenten mehr Gewicht verleihen.

Angst vor dem grimmigen Griff zur Handtasche

Ihr "grimmiger Griff" zur Handtasche, wie es die "Zeit" einmal formulierte, ließ das gesamte Kabinett erstarren. Alle zogen den Kopf ein und warteten, bis das Unwetter vorbeigezogen war. Obwohl Thatcher immer nur fuchtelte und nie wirklich zuschlug, fühlten sich ihre Mitarbeiter nach solchen Ausbrüchen auch körperlich gezüchtigt. "Bestellt einen Krankenwagen, gegen drei Uhr", rief beispielsweise Industrieminister Keith Joseph seinen Kollegen kurz vor einer Besprechung mit der Premierministerin zu. Offensichtlich fürchtete er, dass Thatcher nicht gefallen würde, was er ihr zu sagen hatte.

Doch nicht nur ihre Kollegen bekamen ihre Handtasche zu spüren. Auch außerhalb von Whitehall schlug sie kräftig um sich. Sie düpierte regelmäßig die Europäische Gemeinschaft, weil sie fand, dass Englands Beitragszahlungen zu hoch seien. Sie legte sich mit dem Chef der Bank of England an, weil er die Geldmenge nicht in ihrem Sinne steuerte. Sie warf der BBC tendenziöse Berichterstattung vor und lästerte über das Auswärtige Amt. "Sie drischt auf jede Institution mit ihrer Handtasche ein", resümierte Thatchers harschester Kritiker aus den eigenen Reihen, Julian Critchley, 1982 in der "Times".

Mit dieser Formulierung hatte er einen Mythos geboren: "Swinging Maggie". Dankbar nahmen die britischen Medien es auf und stilisierten die Handtasche zu Thatchers Markenzeichen. Es passte einfach zu perfekt zu dem Image der Eisernen Lady und der "Gouvernante der Nation". Die Tasche erinnerte jeden Tag aufs Neue daran, dass dieser knallharte Boss in Wirklichkeit eine Frau war - und die erste demokratisch gewählte Regierungschefin Europas. Es dauerte nicht lange, bis die Medien dazu passend ein neues Wort kreierten: handbagging. Es bedeutet so viel wie: seine Interessen mit brachialer Gewalt durchsetzen.

"Diese schwarze Handtasche tötet"

Als Thatcher 1984, nach fünfjährigem Gezeter und Gemaule, auf dem EU-Gipfel in Fontainebleau schließlich einen satten Rabatt auf die britischen Beitragszahlungen aushandelte, erreichte die Handtasche sogar internationalen Bekanntheitsgrad. Denn auch in Fontainebleau hatte sie sie, wie Beobachter berichteten, wieder geschwungen. Ihr Auftritt war so legendär, dass in EU-Fragen immer wieder darauf Bezug genommen wird. Als der deutsche Bundeskanzler Helmut Kohl 1998 einen EU-Rabatt für Deutschland aushandeln wollte, hieß es in der "Sunday Times": "Kohl schwingt Maggies Handtasche". Und selbst heute noch muss sich der aktuelle britische Premierminister David Cameron im Unterhaus fragen lassen, welche Waffe er in Brüssel einzusetzen gedenke - da er doch keine Handtasche habe.

Thatchers schwarze Tasche wurde bald zum Symbol ihrer scheinbar unendlichen Durchsetzungskraft. Als die Eiserne Lady die britischen Gewerkschaften 1985 endgültig in die politische Bedeutungslosigkeit verbannte, bestätigte sich das, was die Boulevardzeitung "Sun" schon längst geahnt und sogar auf der Titelseite verbreitet hatte: "Diese schwarze Handtasche tötet". Wie sehr Thatcher dieses Bild gefiel, offenbarte sie noch einmal im Herbst 1991, als sie schon längst zurückgetreten war und den Weg für John Major freigemacht hatte. "Manchmal muss man eben seine Handtasche schwingen", trompetete sie während einer Unterhausdebatte von ihrem neuen Platz auf der Hinterbank und brachte damit ihren Unmut über Majors EU-Politik zum Ausdruck.

Je bekannter das kleine Täschchen wurde, desto öfter fragten sich die Medien, was sie darin eigentlich aufbewahre. Ihr Kabinett indes fürchtete nicht nur den Griff nach der, sondern auch jenen in die Handtasche. Gern zauberte sie nämlich aus deren Untiefen mitten in einer Sitzung einen kleinen bekritzelten Zettel heraus, auf dem sie sich etwas notiert hatte. "Manchmal waren diese Bemerkungen treffend, manchmal komplett verrückt", sagt der ehemalige Bildungsminister Baker. Fast immer heizten diese kleinen schmuddeligen Zettel aber die Diskussion aufs Neue an oder gaben ihr eine unerwartete Wendung - was dem Kabinett nicht immer gefiel. Der Macht der Tasche ergeben sagte Staatssekretär Nicholas Ridley deshalb einmal, als Thatcher im Kabinett auf sich warten ließ: "Warum fangen wir nicht an. Ihre Handtasche ist doch hier."

Der einzig sichere Ort in der Downing Street

Auch im Parlament griff sie gelegentlich zu. Als sie beispielsweise 1984 wegen ihrer Arbeitsmarktpolitik angegriffen wurde, zauberte sie das Beschäftigungsweißbuch von Keynes aus dem Jahre 1944 aus ihrer Tasche - auf dem ihre Arbeitsmarktpolitik basierte - zitierte daraus und machte ihre Kritiker mit Keynes' Argumenten mundtot. Und der französische Staatschef François Mitterand wird seinen Augen kaum getraut haben, als Thatcher 1989 zwei zerknitterte Deutschland-Karten aus ihrer Tasche holte, um ihm klar zu machen, warum sie so strikt gegen die deutsche Wiedervereinigung sei.

Im Sommer 1990 offenbarte Thatcher schließlich der Öffentlichkeit ihr Geheimnis. In einem Fernsehinterview mit Channel 4 bekannte sie, dass ihre Handtasche der einzig wirklich sichere Ort in Downing Street No. 10 sei und dass sie dort alles aufbewahre, was wichtig sei und unter Verschluss bleiben müsse. Es schien, als hatte mit dieser Offenbarung Maggies Tasche ihre Zauberkraft eingebüßt. "Verliert die Handtasche ihre Durchsetzungskraft?", fragte der "Independent" angesichts Thatchers erodierender Machtbasis kurz danach spöttisch und sollte Recht behalten. Am 22. November 1990 trat Margaret Thatcher zurück.

Kultstatus hat ihre Handtasche trotzdem noch heute. 2000 reichte sie eines ihrer berühmten Ferragamo-Exemplare bei einer Handtaschenauktion zugunsten einer Stiftung zum Kampf gegen Brustkrebs ein. Für 101.000 Pfund wurde die Tasche schließlich versteigert. Zum Vergleich: Die Tasche von Cherie Blair, der Ehefrau des damals amtierenden Premierminister Tony Blair, brachte gerade mal schlappe 205 Pfund.

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    Seite 1    
1.
Adelina Santander 09.04.2013
Diese arrogante, kalte Lady war und ist die Verkörperung einer Finanzwelt, die -dank Menschen wie ihr- sich die Unverschämtheit erlaubt, hart, skrupellos und korrupt zu sein.
2.
Hector Melchor Casal 09.04.2013
Eine Frau und Mutter (!), die als erste Amtshandlung, die Abschaffung der kostenslosen Milch in Grundschulen festlegt und durchführt, ist ein seelisches Monster. Ihre ganze Politik war rein kapitalistisch, herzenskalt und unsozial. Sie wurde dennoch mehrmals gewählt und wird heute als Ikone gefeiert.
3.
Tobias Wallat 09.04.2013
Die Beiträge von Frau Santander und Herrn Casal triefen ja nur so vor Stereotypen. Ich vermisse noch den "menschenverachtenden Zynismus" den die Gutmenschen in ihrem Furor doch so gerne anderen an den Kopf werfen. Man kann über Frau Thatchers Politik viel Schlechtes sagen - aber sie war eine der wenigen mit Mumm. Ich finde es auch gelinde gesagt etwas absurd, sie als Monster zu bezeichnen, weil sie die kostenlose Milch in Grundschulen abgeschafft hat. Monster sind wohl eher die Eltern, die den Kindern nichts in die Schule mitgeben und sich nicht um deren Gesundheit sorgen...
4.
Ingo Röllig 10.04.2013
>Die Beiträge von Frau Santander und Herrn Casal triefen ja nur so vor Stereotypen. Ich vermisse noch den "menschenverachtenden Zynismus" den die Gutmenschen in ihrem Furor doch so gerne anderen an den Kopf werfen. Man kann über Frau Thatchers Politik viel Schlechtes sagen - aber sie war eine der wenigen mit Mumm. Ich finde es auch gelinde gesagt etwas absurd, sie als Monster zu bezeichnen, weil sie die kostenlose Milch in Grundschulen abgeschafft hat. Monster sind wohl eher die Eltern, die den Kindern nichts in die Schule mitgeben und sich nicht um deren Gesundheit sorgen... Ihr Beitrag, Herr Wallat, strotzt nur so von Stereotypen. Maggie Thatcher hat diese Eltern erst arbeitslos gemacht, so dass diese ihre Kinder nicht mehr mit den nötigen Grundnahrungsmitteln (expliziet Milch), in die Schule schicken konnten! Ich trauer Thatcher keine Träne nach. Ebensowenig wie Richard Nixon oder Ronald Reagan...
5.
Michael Haenni 10.04.2013
Das Ferragamo-Exemplar von Frau Thatcher ist leider nur Nummer zwei auf der Liste gefährlicher Preministerinnen-Handtaschen. Auf Platz 1 steht seit 1969 die Handtasche von Golda Meir, Premierministerin von Israel bis 1974. Sogar der legendäre Mosche Daian hat sich davor gefürchtet! Ephraim Kishon schrieb 1972 zu dieser Tasche den ultimativen Text "Großmutter, warum hast du eine so große Handtasche?"
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