Zum Tod von Jeff Buckley Abgetaucht in der Nacht

Seine Bewunderer sahen ihn in einer Reihe mit Bob Dylan und Bruce Springsteen, dabei hatte er nur ein einziges Album vollendet: 1997 starb der Musiker Jeff Buckley. Der Sänger und Songwriter galt als rätselhaft - im Schaffen wie im Tod.

Corbis

Von Andreas Joos


Tour-Manager Gene Bowen wartete vor dem Haus noch auf eine Matratzen-Lieferung, als Jeff Buckley in T-Shirt, Jeans und Boots vor die Tür trat und verkündete, dass er mit Roadie Keith Foti nochmals losziehen wolle. In dem bislang noch spärlich eingerichteten Haus an der Rembert Street in Memphis, Tennessee wurden für den späteren Abend auch noch Schlagzeuger Parker Kindred, Gitarrist Michael Tighe und Bassist Mick Grondahl erwartet. Es war ein frühsommerlicher 29. Mai im Jahre 1997 und die Band wollte das neue Album einspielen.

Hinter Buckley, dem Sänger und Songwriter, lag bis dahin bereits eine anstrengende Zeit. Drei Session zur Aufnahme seines neuen Albums My Sweetheart The Drunk hatte es bereits gegeben, erst Mitte 1996 in New York und dann noch einmal Anfang des Folgejahres, doch das Ergebnis hatte ihn nicht zufrieden gestellt - und die Plattenfirma machte Druck: Das Major-Label Columbia Records, das auch Stars wie Bob Dylan und Bruce Springsteen unter Vertrag hatte, setzte große Hoffnung in den eigenwilligen Künstler, Sohn des Folk-Sängers Tim Buckley. Columbia hatte sich die Rechte an drei Studioalben gesichert. Grace, das erste, war 1994 erschienen.

Keinesfalls, so hatte sich Buckley vorgenommen, sollte My Sweetheart The Drunk genauso klingen wie Grace. Der 30-Jährige hatte sich neue Impulse erhofft, als er im Februar 1997 nach Memphis gezogen war, an die Wiege des Blues. Die erste Session in den dortigen Easley Studios war zu früh. Buckley hatte seine Bandmitglieder frustriert zurück nach New York geschickt, um seine Kompositionen noch einmal zu überarbeiten. Das hatte er nun getan, er hatte neue Demo-Tapes aufgenommen und sein Material vor kleinem Live-Publikum in Barristers' Bar, einer winzigen Pinte in Downtown Memphis, erprobt. Nun waren die Songs zur Aufnahme bereit.

Runter zum Fluss

Roadie Foti, ein kräftiger, bleicher Punk-Rocker, sollte an diesem Abend noch die Instrumente mit dem Van zum Aufnahmestudio bringen. Buckley wollte mit ihm fahren, und Tourmanager Bowen wies die beiden an, bis 21 Uhr zurück zu sein, um die Band in Empfang zu nehmen. Buckley nickte und lief die kurze Schottereinfahrt seitlich des verwilderten Vorgartens hinunter zum Tour-Bus.

Obwohl sie bereits am Vortag im Tonstudio gewesen waren, irrten sie nun mehr als eine Stunde durch die Straßen von Memphis und konnten das zweistöckige Backsteingebäude nicht finden. Zunächst wollte Buckley Bowen anrufen, um ihn nach dem Weg zu fragen, dann aber verwarf er den Gedanken wieder, da er annahm, Bowen war bereits auf dem Weg zum Flughafen. Nachdem sie mehrmals den Highway unterquert hatten, schlug Buckley vor, weiter zum Fluss zu fahren.

Der gelbe Van steuerte auf einen Parkplatz nördlich des Jefferson Davis Parks am Tennessee-Welcome-Center. Während Foti noch seine Gitarre und eine tragbare Stereoanlage aus dem Auto kramte, überquerte Buckley schon die Ufer-Promenade des Besucher-Zentrums. Zielstrebig schwang er sich über das Geländer hinab zur Uferböschung. Foti eilte hinterher und kämpfte sich durch den zugewachsenen, müllbeladenen Abhang. Buckleys Mantel verfing sich im Gestrüpp. Wortlos streifte er ihn ab und lief weiter hinab ans schmale Ufer.

"The first one being fun"

Es war bereits kurz nach 21 Uhr und die Dämmerung hatte eingesetzt, als sich Foti, wie er später berichtete, seine Gitarre umschnallte und Buckley einen seiner selbst geschriebenen Songs vorspielte. Buckley habe ihm zugehört und sei dabei einige Schritte rücklings gegangen. Als Foti aufblickte, stand Buckley knietief im Wolf River. Schon im nächsten Moment ließ er seinen Körper voll bekleidet ins Wasser gleiten. Foti war irritiert, doch Buckley blieb in Ufernähe und suchte in der Schwüle offenbar nur Abkühlung.

Gedankenversunken ruderte er im Kreis. Doch mit jedem Armschlag trieb er ein Stück weiter auf den Fluss hinaus. Foti zitierte den laut sinnierenden Buckley später mit den Worten: "the first one being fun, but the second one..."

Als Led Zeppelins "Whole Lotta Love" aus der Musikanlage erklang, sei Buckley aus seiner Melancholie erwacht. Er habe mit dem Echo der Uferböschung gespielt und herumgealbert, dass diese ihm die Stimme von Robert Plant verleihe. Foti gab später zu Protokoll, Buckley habe seine Umwelt in diesem Moment ausgeblendet.

Schlepper flussaufwärts

Eine viertel Stunde weilte er da bereits im Wasser. Seine Kleider und Schuhe waren vollgesogen und schwer. Dennoch schwamm er weiter in die Mitte des rund 100 Meter breiten Haffs und zog einsam seine Kreise.

Wenige Augenblicke später bemerkte Foti einen Schlepper, der sich rasch flussaufwärts bewegte. Er schrie Buckley an, aus dem Wasser zu kommen. Doch dieser blickte nur kurz auf und schwamm dem Boot aus dem Weg. Eine Minute später folgte ein rund dreißig Meter langer Frachter, der sich in Richtung der Industrieanlagen am oberen Ende des Wolf Rivers schob.

Am Ufer wurde Foti nervöser, doch Buckley gelang es erneut, dem Schiff auszuweichen. Der Kahn passierte und Buckleys junger Gefährte beruhigte sich, als er dessen Kopf auf der schimmernden Wasseroberfläche erkennen konnte.

Verschwunden in der Nacht

Das Schiff hatte jedoch die einst so stille Wasseroberfläche aufgeraut und die Wellen ans Ufer schwappen lassen. Foti sorgte sich um seine Musikanlage und holte sie aus der Gefahrenzone. Als er sich wieder umdrehte, hatte sich das Wasser beruhigt. Die Bugwellen plätscherten nun gleichmäßig vor sich hin, doch der Schatten in der Mitte des Flusses war nicht mehr zu sehen. Buckley war in der Dunkelheit verschwunden.

Die Band war gerade in Buckleys Haus eingetroffen, als Foti anrief und vom Verschwinden ihres Freundes berichtete. Bowen, Kindred, Tighe und Grondahl machten sich auf den Weg zum Wolf River. Als sie ankamen, war dieser von Hubschraubern und Suchbooten hell erleuchtet. Doch das einzige, was sie von Buckley fanden, war dessen Mantel in den Händen des Roadies. Ergebnislos stellte die Rettungskräfte die Suche um 1 Uhr in der Nacht ein.

Noch sechs Tage lang hielt sich die Hoffnung, Buckley könne wieder auftauchen, nachdem er sich in der Vergangenheit wiederholt eine Auszeit genommen hatte und für die Freunde spurlos verschwunden war. Doch am 4. Juni 1997 entdeckte ein Passagier des historischen Mississippi-Dampfers American Queen an der Mündung zum Mississippi eine Leiche: Buckley.

Ein Rätsel

Spekulationen wuchsen, es könnte sich um einen geplanten Suizid gehandelt haben.

Ein Abschiedsbrief fand sich jedoch nicht und der Obduktionsbericht bescheinigte weder Alkohol noch Drogen in seinem Körper. Die polizeiliche Akte des Jeffrey Scott Buckley schloss mit dem Vermerk: "tödlicher Unfall durch Ertrinken".

Der Musikjournalist David Browne, der intensiv zu Jeff Buckley recherchierte und dessen Biografie im Buch "Dream Brother" niederschrieb, sagte einmal, Buckley bliebe im Tode wie zu Lebzeiten ein Rätsel. Er starb, bevor die Zeit ihn hätte entzaubern können.

Über das unvollendete Album My Sweetheart The Drunk sagte Columbia-Manager Steve Berkowitz später, es hätte eine Platte im Ausmaß von Sgt. Pepper's werden können.



zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.