Zum Tod von Max Mannheimer Rastloser Mahner

Wie viel kann ein Mensch aushalten? Wie durch ein Wunder überlebte Max Mannheimer den Holocaust. Bis zuletzt kämpfte er unermüdlich gegen das Vergessen. Jetzt ist er mit 96 Jahren gestorben.

Max Mannheimer
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Max Mannheimer

Ein Nachruf von


Gott? Nein, den Glauben an Gott, den habe er längst verloren. "Aber vielleicht, ganz vielleicht gibt's ja doch einen da oben. Einen, der auf mich aufpasst. Denn ich bin ja immer noch da", sagt der Mann mit dem schlohweißen, ein wenig wirren Haar, zeigt in Richtung Decke und lächelt verschmitzt.

Das war Ende Januar 2015, als ich Max Mannheimer in seinem Bungalow in München-Haar besucht habe. Jetzt ist Mannheimer, einer der prominentesten Holocaust-Überlebenden und Repräsentant der Juden in Deutschland, im Alter von 96 Jahren verstorben. Dass er so alt werden durfte, grenzt an ein Wunder.

Theresienstadt, Auschwitz, Warschau, Dachau, die Außenlager Karlsfeld und Mühldorf: Über Jahre wurde Mannheimer von den Nationalsozialisten gequält, erniedrigt, ausgebeutet - und entrann immer wieder dem Tod.

Häftling mit der Nummer 99728

1920 in Neutischein, Nordmähren geboren, erlebte der Älteste von fünf Geschwistern schon als Kind am eigenen Leib, wie schmerzhaft Worte sich in die Seele einbrennen können. "Du Saujude", brüllte ein Mitschüler Max mal hinterher, da stopfte sein Bruder Erich dem Jungen entschlossen einen Pferdeapfel in den Mund.

Doch die antisemitische Hetze nahm zu, die Familie floh nach Südmähren. Vergeblich. Im Januar 1943 wurde sie zunächst nach Theresienstadt und dann nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Dort, an der Rampe, sah Mannheimer seine Eltern, seine junge Ehefrau Eva und seine Schwester Käte am 2. Februar 1943 das letzte Mal: Sie wurden noch in der gleichen Nacht vergast.

Auch den Rest seiner Familie ermordeten die Nationalsozialisten. Übrig blieben Max, dem man die Nummer 99728 auf den linken Unterarm eingebrannt hatte, und sein Bruder Edgar. Als US-Soldaten den an Fleckfieber erkrankten Max am 30. April 1945 befreiten, wog er noch 47 Kilogramm.

Das Gleichnis vom Pferd in der Grube

Wer einmal das Glück hatte, Max Mannheimer kennenzulernen, der staunte, mit welcher Ruhe, mit welcher Präzision er von all den Stationen seines unfassbaren Martyriums erzählte. Wie die SS-Männer mit Schuhleisten auf ihn eingeprügelt hatten. Wie sie ihn gezwungen hatten, zur Marschmusik an den aufgeschlitzten Leibern der Mithäftlinge vorbeizugehen, die zur Warnung auf schräg gestellte Holzleisten gelegt worden waren.

Wie ein Kapo zum Spaß seinen Hund auf ihn gehetzt hatte. Und ein anderer versuchte, ihn in einem Bottich mit brauner Brühe zu ertränken, in dem Häute gegerbt wurden. Wieder und wieder trat der Sadist mit dem Stiefel auf den Kopf Mannheimers. Doch der junge Jude überlebte: Folter um Folter, Selektion um Selektion, Demütigung um Demütigung.

Wie schafft man das?

Wie kann ein einzelner Mensch so viel aushalten, fragte ich ihn in einem der Briefe, die wir seit unserer Begegnung austauschten. Folgende Geschichte hat er mir geschickt, damit ich sie meinen Kindern vorlesen soll:

Ein Bauer besaß ein Pferd, das in eine sehr tiefe Grube stürzte. Es war unmöglich, das Pferd zu retten. Der Bauer war verzweifelt, denn es gab nur die Möglichkeit, das Pferd lebendig zu begraben. Damit das Pferd nicht zu lange leidet, erklärten sich die Nachbarn bereit, die Erde in die Grube zu schaufeln.

Inzwischen war es Nacht geworden. Es war still. Um Mitternacht, unter starkem Gewieher, sprang das Pferd aus der Grube. Wie war dies möglich? Das Pferd hatte die Erde jeweils abgeschüttelt - und die Grube unter ihm hatte sich gefüllt.

Genau wie dem Pferd sei es ihm damals auch ergangen, "dies ist das Gleichnis meines Überlebens", schrieb Mannheimer.

Erinnern als Lebenselixier

Eigentlich wollte er nie wieder das Land seiner einstigen Peiniger betreten. Und zog 1946 dennoch nach Deutschland, der Liebe zu seiner zweiten Frau Elfriede wegen. Nachdem Mannheimer in den ersten Jahrzehnten niemandem von seinem Schicksal erzählt hatte, schrieb er 1964 in einer tiefen Lebenskrise seine bewegende Geschichte auf, die er "Spätes Tagebuch" nennt. Noch einmal 20 Jahre dauerte es, bis das Tagebuch erstmals in den "Dachauer Heften" publiziert wurde. Und Mannheimer begann, öffentlich über sein Martyrium zu sprechen.

Bis zuletzt sollte er nicht damit aufhören: Unermüdlich kämpfte Mannheimer, seit 1990 Vorsitzender der von ehemaligen Häftlingen gegründeten Lagergemeinschaft Dachau und seit 1995 Vizepräsident des Internationalen Dachau-Komitees, gegen das Vergessen. Rastlos zog er von Schule zu Schule, sprach an Universitäten, auf Kirchentagen, Kongressen, Seminaren. Der Drang, an den millionenfachen Judenmord zu erinnern und gegen das Vergessen zu kämpfen, geriet zu Mannheimers Lebensaufgabe, zu seinem Lebenselixier.

Ebenso gab ihm die Malerei Kraft: Seit den Fünfzigerjahren war Mannheimer künstlerisch tätig, seine Werke signierte er mit "ben jakov" (Hebräisch für Sohn des Jakob") - zu Ehren seines in Auschwitz ermordeten Vaters. Zudem liebte es der hochbetagte, humorvolle Charmeur zu flirten, Komplimente zu verteilen, Pralinen in die Post zu legen. Er war mein ältester Verehrer - und der, den ich am meisten bewundert habe.

Auch im hohen Alter quoll Mannheimers Kalender über vor Terminen. Nicht uneitel, genoss er die eigene Popularität und klagte doch darüber: "Eines steht fest: Nie wieder 95!", schrieb der vierfache Urgroßvater im März 2015 in einem Brief. Und entschuldigte sich, ganz Kavalier, dass er ihn nicht von Hand geschrieben habe.

Max Mannheimer, unter anderem Träger des Bundesverdienstkreuzes sowie des Großen Verdienstkreuzes mit Stern der Bundesrepublik Deutschland, starb am Freitagnachmittag in München nach einer Operation am Bein. Wie sein Sohn Ernst Mannheimer berichtet, hatte er einen leichten, schnellen Tod.

"Wir schulden ihm Dank", twitterte Regierungssprecher Steffen Seibert. "Die Gedenkstätte und ihre Mitarbeiter trauern um einen guten Freund", sagte die Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau, Gabriele Hammermann. "Der Tod Max Mannheimers ist ein schmerzlicher Verlust. Er wird uns allen fehlen", teilte Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer am Sonnabend in einer schriftlichen Erklärung mit. Und zitiert eine der zentralen Botschaften Mannheimers:

"Ihr seid nicht verantwortlich für das, was geschah. Aber dass es nicht wieder geschieht, dafür schon."



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