Zum Tode Horst Tapperts Leidenschaft für das Mittelmaß

Er war am Set der letzten Folge und kennt den Kommissar wie kaum ein Anderer: Patrick Heisch ist Vorsitzender des deutschen "Derrick"-Fanclubs. Im Interview spricht er über die Startschwierigkeiten der Serie - und verrät, dass Derricks berühmtestes Zitat so nie gesagt wurde.

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Ein Interview von


einestages: Herr Heisch, Was bedeutet die Figur Derrick für Deutschland?

Heisch: Derrick ist ein Stück deutscher Fernsehgeschichte, vergleichbar mit "Wetten, dass...?". Es ist bis heute die erfolgreichste Krimiserie der Bundesrepublik und der erfolgreichste deutsche Serienexport überhaupt. Ich glaube kaum, das Serien wie "Alarm für Cobra 11", Bella Block" oder "Der Ermittler" jemals in 102 Länder verkauft werden. Der Erfolg von "Derrick" lässt sich höchstens noch mit dem des "Tatort" vergleichen. Aber da gibt es nicht nur einen Kommissar, sondern gleich ein ganzes Dutzend.

einestages: Warum hat "Derrick" die Menschen so berührt?

Heisch: Es gibt ein Buch von Umberto Eco, das heißt "Derrick oder Die Leidenschaft für das Mittelmaß". Klingt erst mal sehr hart und sehr kritisch - wer das Buch aber liest, merkt schnell, dass Eco es eigentlich ganz anders meint. Als eine Hommage an "Derrick". Mittelmaß kann ja auch eine Tugend sein. Die Tatsache, dass sich der Schauplatz nie veränderte, dass man die Charaktere von der ersten Folge an kennt - in kaum einer anderen Fernserie gab es über einen so langen Zeitraum eine so große Kontinuität. Als Zuschauer fühlte man sich wie zu Hause, wie ein Teil der Familie. Hinzu kommt die Aura von Tappert, der immer eine gewisse Ruhe, eine gewisse Souveränität ausstrahlt. Man ist sich einfach immer sicher, dass er den Fall lösen wird. Von den 281 Fällen blieben ja auch nur zwei ungelöst. Man vertraut ihm.

einestages: Aber sind das auch die Tugenden, wegen denen die Serie im Ausland so erfolgreich war?

Heisch: Ich denke schon. Vermutlich spielt aber auch das deutsche oder Münchner Lokalkolorit eine Rolle. Diese typische, deutsche Amtsstube, mit ihrem hässlichen Hellgrün. "Derrick" verkörperte im Ausland ein deutsches Klischee und war damit unglaublich erfolgreich. Man muss sich das mal vorstellen: Als Horst Tappert einmal mit einer deutschen Delegation in China war, wurde er am Flughafen von chinesischen Reisenden sofort erkannt. Ich weiß nicht, ob das irgendeinem anderen deutschen Fernsehschauspieler passieren könnte.

einestages: Dabei war der Start der Serie, zumindest in Deutschland, nicht frei von Schwierigkeiten. Viele Fans fanden die Serie zu hart.

Heisch: Das stimmt. Anfangs flog schon mal eine Billardkugel durch den Raum an die Schläfe eines Tatverdächtigen. Oder in Folge 19, "Tote Vögel singen nicht" von 1976: Da nimmt Derrick einem Gangster seine Waffe ab. Der Ganove murmelt ein "Arschloch" durch die Zähne und Derrick hört das. Er dreht sich um, verpasst ihm einen Kinnhaken und sagt: "Das war für das Arschloch. Wenn Sie einen Zeugen brauchen, ich stehe ihnen gern' zur Verfügung." Das ging manchen Zuschauern offenbar zu weit.

einestages: Gibt es eigentlich so etwas wie eine größte Sünde, die Derrick begangen hat? Eine Sache, wo wirklich alle Fans gesagt haben "Das geht ja gar nicht"?

Heisch: Nein, nicht wirklich. Was aber viele Fans vermisst haben, war eine Liaison mit einer Frau. Es gab zwar zwei Begebenheiten mit Frauen, aber nur ganz am Rande. Alle fragten sich: Ist der Mann überzeugter Single? Oder geschieden? Das wurde nie richtig klargestellt, beim Fritz Wepper übrigens auch nicht. Es gab immer nur diese Männercharaktere, und für Privatleben war kein Platz.

einestages: Die Serie "Derrick" ist ja vor allem auch für einen Ausspruch des Kommissars Stefan Derrick bekannt: "Harry, hol schon mal den Wagen".

Heisch: Dieser Satz wurde so nie gesagt. Er ist mal sinngemäß so ähnlich gefallen in einer der frühen Folgen. Es gibt eine Szene, wo Derrick, Harry und eine Zeugin in einer Gaststätte sitzen. Dann geht ein Anruf für den Kommissar ein, er muss sofort los. Und dann sagt Derrick zu Klein: "Harry, wir brauchen den Wagen. Sofort." Aber "Harry, hol schon mal den Wagen", das entstammt, so zumindest ist mein Kenntnisstand, Harald Schmidts Feder. Der hat das einmal in einer "Derrick"-Parodie verwendet.

einestages: Sind Sie Horst Tappert eigentlich einmal persönlich begegnet?

Heisch: In den letzten Jahren ließ er niemanden mehr an sich ran. Sogar mit seinem langjährigen Freund Fritz Wepper sprach er hauptsächlich telefonisch. Ich bin ihm aber zehn Jahre zuvor begegnet. Ich war damals am allerletzten Drehtag der Serie vor Ort. Da herrschte eine ganz seltsame Stimmung. Es war der letzte Arbeitstag, der letzte Drehtag nach 24 Jahren.

einestages: Haben Sie mit Tappert gesprochen?

Heisch: Das war nur ein ganz kurzer Wortwechsel. Natürlich hat er sich gefreut, junge Menschen anzutreffen, die seine Arbeit zu würdigen wissen. Er wusste gar nicht, dass es so einen Fankreis gibt. An diesem Tag waren sogar Leute von einem holländischen und einem französischen Fanclub da. Diese Begeisterung für die Serie hält bei vielen Leuten bis heute an. Auf der Internet-Seite unseres Fanclubs tummeln sich immer noch mehr als 300 Leute, obwohl die Serie schon vor zehn Jahren eingestellt wurde.

einestages: Wie wird ihr Fanclub um seinen größten Helden trauern?

Heisch: Vermutlich werde ich zur Beerdigung fahren. Ich habe Kontakt mit Ursula Tappert, seiner Frau. Der Fanclub wird sich wahrscheinlich im Januar in München treffen und noch einmal ein paar der wichtigsten Drehorte besuchen.

Patrick Heisch ist Vorsitzender des "Derrick"-Fanclubs Deutschland



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ralf heiss, 16.12.2008
1.
"(...) Oder in Folge 19, "Tote Vögel singen nicht" von 1976: Da nimmt Derrick einem Gangster seine Waffe ab. Der Ganove murmelt ein "Arschloch" durch die Zähne und Derrick hört das. Er dreht sich um, verpasst ihm einen Kinnhaken und sagt: "Das war für das Arschloch. Wenn Sie einen Zeugen brauchen, ich stehe ihnen gern zur Verfügung." Das ging manchen Zuschauern offenbar zu weit." Naja beinahe: Das A-Wort wäre wohl nicht ganz Horst-Tappert-gerecht gewesen: So hatte die Regie ihm (und auch dem Ganoven) statt des A-Worts den Begriff "Sch...-Bulle" in den Mund gelegt (so zu bewundern unter http://de.youtube.com/watch?v=1KdD6Nx4KU8 ). Dass auch das "manchen Zuschauern offenbar zu weit" ging, verwundert nicht. Schimanski kam ja erst später aus Duisburg in die bundesdeutschen Wohnzimmer... Der Güte des schönen Beitrags tut die kleine Ungenauigkeit allerdings keinen Abbruch...
Klaus Schmid, 16.12.2008
2.
Eines der letzten Rätsel dieser Welt ... Im SPIEGEL Online-Artikel "LEGENDÄRER "DERRICK"-DARSTELLER Horst Tappert ist tot" vom 15.12.2008 wurde noch geschrieben: (Zitat) "Am Ende war es Tappert selbst, der das Gerücht in einem Interview aufklärte: Sogar er selbst habe immer gedacht, diesen Satz nie wirklich ausgesprochen zu haben, bis er eines Tages die Wiederholung einer Episode sah, in der er tatsächlich sagt: "Harry, hol schon mal den Wagen." Demgegenüber sagt Patrick Heisch als Vorsitzender des Derrick-Fanclubs in seinem ZEITZEUGEN-Artikel "Leidenschaft für das Mittelmaß": (Zitat) "Dieser Satz wurde so nie gesagt. Er ist mal sinngemäß so ähnlich gefallen in einer der frühen Folgen." Ja was denn nun meine Herren. In Zeiten von YOUTUBE & Co kann es für einen Fanclub mit seinen Heerscharen von engagierten Mitgliedern doch nicht so schwierig sein, die 281 Folgen mal gründlich zu analysieren und - wie es mir scheint - eines der letzten Rätsel dieser Erde ein und für alle Mal beweiskräftig zu lösen: Wurde dieser Satz jetzt so gesagt oder nicht? An die Arbeit, meine Damen und Herren!
Sven Kamerar, 17.12.2008
3.
Das berühmte Zitat "Harry, hol' schon mal den Wagen!" stammt keinesfalls von Harald Schmidt. Hier irrt Patrick Heisch. Vielmehr erinnere ich mich an einen genialen Beitrag über Derrick aus dem - man höre und staune - SPIEGEL aus den 80er Jahren. In seiner Skizzierung typischer Handlungsmuster schrieb der Redakteur damals sinngemäß, Fritz Weppers Rolle als Harry Klein beschränke sich im Wesentlichen darauf, das Auto für seinen Chef zu holen. In diesem Zusammenhang dichtete (?) der Autor das berühmte Zitat. Erhebliche Zeit später staunte ich dann vor dem Fernseher sitzend, als ich Harald Schmidt mit diesem Zitat aufwarten sah, der daraus noch gleich eine ganze Sketchreihe schuf. Leider habe ich den SPIEGEL-Beitrag nicht im Archiv gefunden. Aber vielleicht liest der damalige Autor ja meinen Hinweis und stellt ihn uns zur Verfügung.
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